XVI. Sonntag mit Proust: Über Selbst – und Fremdbilder

Unsere Handlungen, Worte und Verhaltensweisen sind von der Welt der anderen Menschen, die nicht unmittelbar Zeugen davon waren, durch ein Medium getrennt, dessen Durchlässigkeit unendlich variabel ist und uns ganz unbekannt bleibt. (…) Was wir von unserem Auftreten im Gedächtnis behalten, bleibt den Allernächsten verborgen; Worte aber, die wir lange vergessen oder überhaupt nicht gesagt haben, werden Heiterkeit noch auf fernen Planeten erwecken, und das Bild, das die anderen sich von unseren Taten und Gebärden machen, sieht dem, das wir selbst davon haben, nicht ähnlicher als einer Zeichnung ein mißratenes Abziehbild, auf dem an manchen Punkten an Stelle eines schwarzen Striches ein leerer Fleck und statt weißer Flächen ein unerklärlicher Schnörkel erscheint. Es kann übrigens vorkommen, daß das, was nicht aufgezeichnet wurde, irgendein irrealer Zug ist, welchen wir aus Eigenliebe uns selbst zuerkennen, während umgekehrt das, was nur hinzugedichtet scheint, uns tatsächlich eigen ist, jedoch so wesensmäßig zu uns gehört, daß es uns entgeht; der seltsame Abzug also, der uns so wenig getroffen scheint, kann zuweilen die – freilich wenig schmeichelhafte, aber tiefreichende und nützliche – Ähnlichkeit mit uns besitzen wie eine Röntgenaufnahme. Das aber ist kein Grund, uns darin nicht wiederzuerkennen. (…) Später sollte ich diesen Abstand zwischen unserem Bilde, wie wir selbst es uns malen und wie ein Mitmensch es sieht, bei anderen feststellen, die ahnungslos glücklich mit einer Sammlung von Photographien leben, welche sie sämtlich selbst von sich hergestellt haben, während ringsumher gräßliche Fratzen grinsen, die ihnen gewöhnlich unsichtbar bleiben, bei deren Anblick sie aber in tiefes Staunen versinken würden, wenn ein Zufall sie ihnen mit dem Bemerken vor Augen hielte: „Das bist du.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

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5 Gedanken zu “XVI. Sonntag mit Proust: Über Selbst – und Fremdbilder

  1. Das passt ja wunderbar zu unserem Auswärts-Dialog-Thema – Welche Identität gibst du von dir preis? Was spiegelst du von dir? Formen nicht eher die Betrachter deines „Bildes“, was du von dir gibst, deine Identität? Und ist dieser Unterschied vom Bilde, wie die anderen uns sehen und das Bild, was wir selber von uns haben wirklich so wichtig? Ich denke, vor allem ist wichtig, dass man sich darüber im Klaren ist, dass es diese Unterscheidung gibt und eine Identität immer gebildet wird aus mehreren Komponenten und Einflüssen … Dabei wirkt auch viel Unbewusstes. Sehr spannend ….

    1. Ja, das hab ich mir auch gedacht, als ich bei Proust darauf stieß 😉
      Ich finde das auch absolut spannend, egal, ob im Bezug auf das Internet und wie man sich dort nach außen hin präsentiert, oder im Allgemeinen. Man ist vielleicht sowas wie ein „multiple Persönlichkeit“, die sich aus all den Bildern zusammensetzt, die man von sich selbst hat – und in vergangenen Lebensphasen hatte – und den Bildern der anderen. Der Unterschied ist vielleicht nicht wirklich wichtig – sich dessen bewusst zu sein aber durchaus. Viel zu oft geht man davon aus, dass andere einen so sehen, wie man selbst sich sieht, in der Regel weicht das aber ab und die Persönlichkeit ist viel komplexer…

    1. Stimmt, man kann das auch auf Bilder generell beziehen, nicht nur die Selbstbilder… Bilder in der Kunst werden ja allzu häufig komplett anders wahrgenommen, diese Differenzen finde ich dann wirklich hochspannend… Die Wahrnehmung prägt schließlich unsere Weltsicht.

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