XVII. Sonntag mit Proust

Es gibt nichts Angenehmeres, als sich für einen Menschen Ungelegenheiten zu machen, der es wirklich verdient. Für die Besten unter uns sind Beschäftigung mit Kunstdingen, Stöbern in Antiquitätengeschäften, Sammlungen, Gärten nichts als Ersatz, Notbehelf, eine Art Alibi. Im Faß sitzend wie Diogenes wollen wir einen Menschen sehen. Wir ziehen Begonien, schneiden Taxus, weil wir nichts besseres haben und der Taxus und die Begonien es sich gefallen lassen. Lieber aber würden wir unsere Zeit einem menschlichen Setzling widmen, wenn wir sicher wären, daß es sich um ihn lohnt. Das einzig ist die Frage; Sie müssen sich ja selbst einigermaßen kennen! Lohnt es sich um Sie, oder nicht?

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.1: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982.

Monsieur de Charlus spricht demgemäß zum Protagonisten, um diesen davon zu überzeugen, dass er sein „menschlicher Setzling“ werde. Mir fielen seine Worte gleich auf, vielleicht aufgrund ihrer Eindringlichkeit und gewollten Absolutheit. Doch ist das wirklich so: Wollen wir uns alle in ein Lehrer-Schüler-Verhältnis begeben, oder tun wir das die meiste Zeit in menschlichen Beziehungen? Wollen wir „menschliche Setzlinge“ sein? Oder solche, die sich welche (er)ziehen?

Advertisements

10 Gedanken zu “XVII. Sonntag mit Proust

  1. Ich würde es mal so sagen: man wächst in Beziehungen aneinander. Wieweit das zum Pygmalion-Effekt gerät, hängt am Ende von den Beteiligten ab.

    Ich für meinen Teil, um es mal von Proust ins Biographische zu führen, brauche den Streit. Polemos, der Vater aller Dinge, wie Heraklit wußte. Nun müssen wir nur noch herausbekommen, wer die Mutter aller Dinge, allen Seins ist.

    Mir selbst fällt bei diesem Zitat zudem meine Zeit an der Universität ein, als ich dort als Tutor und Wissenschaftliche Hilfskraft arbeitete. Die Rolle des Lehrers ist verantwortungsvoll und schwierig, da es um die Autonomie des Zöglings geht.

    Ja, Proust. Immer wieder schön zu lesen. Und was für ein dichter, fein gesponnener Text.

    1. Für wahr, wenn die Proustlektüre nicht so unglaublich bereichernd, angenehm und mitunter auch ermunternd wäre, würde ich mich nicht jeden Sonntag auf meine Begegnung mit Proust freuen. Ein Text, der mich begleitet und umwebt.
      Wie lang ist es her, dass du Proust gelesen hast?

      Was die Schwierigkeit der Lehrertätigkeit anbetrifft, so ist es genau das, was mir bei stark didaktischen Verhältnissen immer Stirnrunzeln bereitet: Dass manche Lehrende meinen, die Autonomie und das eigenständige Denken des Schülers untergraben oder gar unterdrücken zu können oder müssen…
      Und derartige Konstellationen gibt es ja sogar auch in Beziehungen, die gar nicht bewusst eine didaktische Zielsetzung haben, sondern sich eine solche erst mit der Zeit entwickelt. Immer wieder interessant, so etwas entweder zu beobachten, oder bei Proust davon zu lesen.

  2. Lange ist es her, daß ich Proust las. Es muß Anfang der 90er Jahre gewesen sein, als ich mich sehr intensiv mit französischer Philosophie und Literatur beschäftigte. Dieses Lesen war wie ein Rausch: Philosophie und Prosa-Lektüre in einem. Diese Durchdringung war es, die mich packte. Die äußerste Weise von Wahrnehmung und Sinnlichkeit, mit einer eigenwillen Art, über die Dinge nachzudenken. Insbesondere jene Literarisierung des Impressionismus und die der Momente, des zu bannenden einzigartigen Augenblicks fesselte mich: eine Philosophie der Zeit, die es gerade dadurch, daß es Literatur, mithin: Kunst war, auf den Punkt brachte.

    Nach Flaubert und nach Proust mußte die Literatur dieser Welt eine andere sein, ums mal großspurig zu sagen. Dieses Lesen von Proust war einer der schönsten Momente meines (Lese-)Lebens. nur Kafkas Prosa konnte diese Erfahrung noch übersteigern.

    In Beziehungen neigen insbesondere Männer sehr schnell zum Dozieren, zum Belehren und sie geben ausgesprochen gerne den Erklärbär. Ich selber schließe mich da nicht aus.

    Am schönsten freilich ist es, wenn man sich im Denken und im Ästhetisieren, in der Kunstbetrachtung und Philosophie gegenseitig aufsteigert, disputiert, um Begriffe und Positionen streitet. Und zwar auf Augenhöhe, ohne dem anderen nun den Lehrer zu machen („Das mußt du aber gelesen haben!“ „Was? Du kennst die El Grecos im Prado nicht?“)

    Eine solche (leider ansonsten schwierige) Beziehung als ästhetische Existenz hatte ich während des Studiums: Poststrukturalismus im Sinne Derridas vs Hegelscher Dialektik, so könnte man das stichwortartig überschreiben. Klingt unsinnlich, ging aber heiß und hoch her. Diese Nächte in Bars und Kneipen, in Wohnungen, ausgefüllt mit Gesprächen, waren solche besonderen, erfüllten Momente. Deshalb wohl auch, um diese Momente in irgend einer Weise niemals mehr verrinnen zu lassen, mein Faible für Proust: die ins Grenzenlose gesteigerte Erfahrung: ob das nun der erste Kuß, das erste Händehalten ist, das zwei Menschen sich geben oder eine Nacht in einer Bar: voll von Alkohol und Theorie. Bis man merkt: Oh, es ist fünf Uhr morgens, der Wirt stellt die Stühle hoch. Diese Augenblicke festzuhalten und ihnen eine nachträgliche Präsenz zu verleihen, ist mehr als schwierig.

    Was – zumindest im Feld des Literarischen – das Dozieren in Beziehungen betrifft, die sich zu einer Art Beziehungsdikatur steigert, so empfehle ich Thomas Bernhards „Das Kalkwerk“. Ein Mann versucht auf das Brutalste seiner Frau Novalis einzutrichtern.

  3. Der Erklärbär … schön … Ich lerne gern von anderen, und lasse mir etwas erzählen oder erklären, obwohl ich Schwierigkeiten mit dem Ausreden-lassen habe … wie man weiß, wenn man mich kennt 😉 Wichtig finde ich dabei vor allem, dass der Erklärende nicht arrogant wird und Klugscheißertum an den Tag legt oder seine Meinung absolut setzt … Auf Augenhöhe, das ist genau das Stichwort, das ist aber gar nicht so leicht, wenn man den anderen nicht kennt und nicht weiß, wie intensiv dieser sich schon mit bestimmten Thematiken beschäftigt hat – was vor allem bei jeder Unterhaltung wichtig ist: Respekt vor dem Anderen und ein grundsätzliches Interesse an fremden Meinungen. Denn wir alle geben „nur“ Meinungen wieder im Modus des Für-wahr-haltens, und Werturteile sollte man erst fällen, wenn man sich ganz sicher ist, eine Sache von vielen Seiten beleuchtet zu haben … oder man hält sich damit zurück, was so manchem Online-Diskutant gut stehen würde. Übrigens ist der Erklärbär nicht nur ein männliches Phänomen, das geht auch anders herum … Diskutierabende in Kneipen oder eher auf WG-Sofas kenne ich aus meiner Studienzeit auch sehr gut, die noch gar nicht so ewig her ist. Ob ein hoher Alkohol-pegel jedoch der Tiefe und Logik der Unterhaltung in philosophischen Gefilden zuträglich ist, wage ich noch zu bezweifeln … Wilde Theorien und was nicht alles idealisiert, revolutioniert werden wollte … Herrlich. Zumal in Jena auch noch die Wiege des Idealismus steht und jeder sich befleißigt fühlte, da etwas beitragen zu müssen…
    Übrigens habe ich es noch nicht geschafft mich Proust zu widmen – das steht auch noch auf meiner Liste und Laura erinnert mich immer wieder liebevoll daran. Gute Nacht …

  4. Oh ja, für mich sind diese von euch beschriebenen Abende und Nächte voller Diskussionen um alles oder nichts, voller philosophisch fundierter oder künstlerisch angehauchter, literarisch untermalter Gesprächsthemen einer der Inbegriffe für intensives Leben!
    Ob das nun mit existentialistischen Rauchschaden in der Luft und Wein in der Lunge sein muss, sei dahingestellt 😉

    Ich kann noch nicht recht einschätzen, wie sich meine Proustlektüre auf mein Leseleben an sich auswirkt, er begleitet mich jedenfalls schon eine Weile und ich nehme mir bewusst viel Zeit dafür. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist kein U-Bahnbuch. Es bedarf des Worte-Kostens. Vielleicht wird es auch für mich zu einem elementaren Leseerlebnis mit seiner ganz eigenen Zeitspanne – dessen bin ich mir sogar ziemlich sicher.

    „Erklärbären“ kenne ich auch sehr gut (aus Beziehungen) und weiß sie mal mehr, mal weniger zu schätzen 😉 Die Augenhöhe und das gegenseitige Respektieren – auch des Wissens- und Kenntnisstandes des Anderen – ist von elementarer Bedeutung. Und wenn mir jemand weismachen will, dass einzig seine Sicht der Dinge die richtige ist, kann es passieren, dass ich die Ohren verschließe und Proust lesen gehe.
    Schönen Abend und geruhsame Nacht!

  5. Zurückhaltung ist eine zweischneidige Sache: Wenn jemand schlicht und ergreifend Unsinn behauptet, halte ich mich natürlich nicht zurück. Das wäre ein großer Fehler. Und wenn jemand diesen Unsinn auch noch mit Vehemenz vertritt, dann halte ich – auch polemisch – dagegen. Allein schon, weil es Spaß macht. Leider habe ich das in meinem Blog sehr selten. Die Menschen dort sind zumeist gesittet. Aber Polemik im Schreiben: das übt ungemein.

    Wenn alles nur Meinung ist, dann gilt das eine wie das andere. Das erzeugt einen Relativismus, der im Grunde jede Diskussion unmöglich macht, weil alles und jedes gleich-gültig ist. Etwas überspitzt gesagt: dann hat selbst das Kunstwerk recht, das in seiner Konstruktion völlig gescheitert oder bloßer Kitsch ist. Allerdings: wenn jemand eine Sache kritisiert oder eben auch: lobt, so muß sie oder er Gründe angeben können, weshalb es sich so und so verhält. Diese Dinge erschöpfen sich eben nicht in bloßer Meinung. (Das schließt nicht aus, daß es Kunst gibt, wo es sich mit der Bestimmung schwierig verhält. Ist Neo Rauch nun große Kunst oder doch eher metaphysisches Geraune? Und auch in der Diskussion über Theorien gibt es Spielräume der Diskussion, wo die Bedingungen schwierig sind: eröffnet Kant mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ nun ein Tor zum reinen Konstruktivismus? Eine lange Debatte kann das geben, und zwar jenseits von Meinungen oder vom Für-wahr-halten.)

    1. Leider verhält es sich in den meisten Online-Diskussionen nur so, dass so mancher nicht die nötigen Begründungen für seine Meinung gibt und somit seine Ansicht ein Grundgerüst entbehrt … Man verliert sich dabei dann teilweise in Sophistereien oder redet völlig aneinander vorbei. Wie selten wird denn mal nachgefragt und der Meinende kommentiert und legt seinen Gedankengang dar … Das ist leider schwierig in diesem Medium der kurzfristigen fragmenthaften Aphorismen, die leider vielzuoft bei der bloßen Meinung bleiben und mich dadurch nicht weiter interessieren oder überhaupt tangieren. Ich schätze Personen, die Worte auseinander nehmen und ihren Gedankengang darlegen können, so dass sie deren Ideen vor dem geistigen Auge entfalten. Kreative Köpfe gib es viele, leider lernt man sie zu selten in diesem Medium kennen und tauscht sich intensiv aus … Was genau meinst du mit der Frage, Kant öffne das Tor zum reinen Konstruktivismus? Ich habe das Gefühl, nur ein Teil der Menschen ist sich bewusst, dass sie eine Vernunft haben und wann sie ihren Verstand gebrauchen, dabei wird soviel mehr klar, wenn man sich vergegenwärtigt, was Kant mit der sinnlichen Anschauung verdeutlichen wollte: dass die Dinge sich nach den Worten richtigen und nicht die Worte nach den Dingen – geht dein Gedanke in diese Richtung? Ich denke, er wolte damit verdeutlichen, dass es ein dynamischer Prozess ist, der im Verstande abläuft, wenn uns das Außen affiziert und unsere Sinne das Wahrgenommene im Verstande zusammenformen zu einer abstrakten Einheit, die man Tisch nennen kann oder Stuhl … Das ist so ein spannendes Thema und ich fühle mich gerade in meinen Kant-Lektürekurs zurückversetzt …
      Zum Thema Kunst noch und der ästhetischen Theorie: was ist denn „große“ Kunst? Welcher Teil unseres Verstandes beschreibt eine Entität als Kunst – was ist der Unterschied zwischen einem schwarzen Punkt und einem künstlerischen schwarzen Punkt? Wie setzt sich die Deutung von Artifiziellem und Schönem zusammen und auf welchen Bedingungen fusst sie – gerade angesichts der Dekonstruktion von Künstlichem und Künstlerischem? Alles DaDa?

  6. Liebe Katja, ich werde Dir morgen antworten, da ich heute ein wenig eingespannt bin. Viele Online-Diskussionen laufen aus dem Ruder. Wahrscheinlich weil die Gestik, die Mimik, das Moment nonverbaler Interaktion und Zeichen fehlt.

    1. Kein Problem. Es ist aber sehr freundlich von dir, dass du darauf hinweist. Das gefällt mir und zeugt von respektvoller Kommunikation und Grundinteresse. =) Ist ja nicht immer so der Fall aus eben den Gründen, die du schon beschriebst. Wünsche einen angenehmen Tag!

      1. Ach weh, ich habe es auch gestern nicht geschafft, zu antworten. Andere Männer brechen Herzen, ich breche Versprechen.

        Was Kant betrifft: sprachphilosophisch kann man das so ausdrücken, wie Du es machst. Kant spricht hier allerdings in der Vorrede zur zw. Auflage von Gegenstand und Erkenntnis: „Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten …“ Kant vergleicht diesen Gedanken mit dem des Kopernikus daß nicht die Sterne sich um die Zuschauer, sondern die Zuschauer sich um die Sterne drehen. Der radikale Konstruktivismus zieht, grob gesagt, jede objektive Außenwelt in den Zweifel, da sie lediglich als durch das Subjekt konstituierte besteht. Bekannte skeptische Frage in diese Richtung: Wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand bemerkt und sieht das und ist dabei: Fällt dann der Baum wirklich um? Ich selber hatte in Jugendjahren immer mir eingebildet, daß das Licht im Kühlschrank in Wahrheit gar nicht ausgeht, wenn ich die Tür des Kühlschrankes schließe. Das Dunkel inmitten der Nahrung sei bloß ein Gerücht.

        Kant, das war meine erste längere Lektüre in einer Lesegruppe, als ich mein Studium der Philosophie begann.

        Zur Kunst morgen oder ein andermal mehr, diese Frage ist nicht in zwei oder drei Sätzen zu beantworten. Ich selber bin in bezug auf diese Wahrheitsfragen innerhalb der Ästhetik, das will ich nicht verhehlen, sehr an Adorno orientiert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s