Der philosopische Mittwoch: Willard van Orman Quine und „Platons Bart“

Interessant am Problem der Ontologie ist seine Einfachheit. Es kann mit drei deutschen Wörtern beschrieben werden: „Was gibt es?“ Mehr noch, es kann mit einem einzigen Wort beantwortet werden: „alles“ – und jeder würde diese Antwort als wahr akzeptieren. Doch damit ist noch nicht mehr gesagt als daß es gibt, was es gibt. Die Möglichkeit verschiedener Auffassungen über einzelne Fälle bleibt bestehen und damit hat dann das Problem auch Jahrhunderte überlebt.

Nehmen wir an, zwei Philosophen, Ixhausen und ich, haben verschiedene Auffassungen zur Ontologie. Angenommen Ixhausen behauptet, es gebe etwas, wovon ich behaupte, daß es es nicht gibt. Ixhausen kann nun, ganz im Einklag mit seiner Auffassung, unsere Meinungsverschiedenheit dadurch beschreiben, daß er sagt, ich würde mich weigern, gewisse Entitäten anzuerkennen. Natürlich würde ich einwenden, er habe unsere Meinungsverschiedenheit falsch formuliert, da ich ja darauf bestehe, daß es überhaupt keine Entitäten der von ihm behaupteten Art gibt, die ich anerkennen oder nicht anerkennen könnte. Doch daß ich seine Formulierung falsch finde ist unwichtig, da ich ja seine Ontologie ohnehin als falsch ansehen muß.

Wenn ich hingegen versuche, unsere Meinungsverschiedenheit zu formulieren, scheine ich in Schwierigkeiten zu kommen. Ich kann nicht zugeben, daß es Dinge gibt, die Ixhausen anerkennt und ich nicht; indem ich dies zugeben würde, widerspräche ich ja gerade meiner Ablehnung jener Dinge.

Wenn diese Überlegungen stimmten, müßte es so scheinen, als habe in einer Kontroverse zur Ontologie der Vertreter der negativen Seite den Nachteil, nicht zugeben zu können, daß es zwischen ihm und seinem Gegner eine Meinungsverschiedenheit gibt.

Dies ist nun das alte platonische Rätsel des Nicht-Seins. In gewissem Sinne muß Nicht-sein sein; was andernfalls wäre das, was nicht ist? Man könnte dieser verwickelten Doktrin den Spitznamen „Platons Bart“ geben; in ihrer Geschichte hat sie sich als so hartnäckig erwiesen, daß Ockhams Rasiermesser oft stumpf an ihr wurde.

Willard van Orman Quine: Was es gibt (I, S. 9 ff., Ausgabe leider unbekannt, Philosophie-Reader)

>> Wie schön wäre es, wenn bei so mancher heiß geführten Online-Diskussion jemand auf dieses Grundproblem der Ontologie hinweisen würde, das meiner Meinung nach nicht gelöst werden kann. Wofür gibt es die meisten Argumente, dass etwas ist oder nicht ist? Aber geht es wirklich darum oder ist das rein ein Problem der Sprache und Bezeichnung von Dingen, die damit zu Meinungsverschiedenheiten führen können?

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Ein Gedanke zu “Der philosopische Mittwoch: Willard van Orman Quine und „Platons Bart“

  1. Liebe Katja, ich denke, die Sprache kann durchaus ein Problem werden, weil sie uns zu unvollkommen scheint, um eine bestimmte Ansicht o. ä. genau so zu beschreiben, wiederzugeben, wie wir sie sehen oder empfinden. Und natürlich hat man auch einfach mal eine andere Meinung. Wenn ich mit Freunden diskutiere und wir keinen Schritt weiterkommen, weil wir auf unserer jeweiligen Meinung beharren, kürze ich das ganz gern ab, bevor es ausufert: „Wir sind uns zwar nicht einig, aber wir können trotzdem Freunde bleiben“ ; ) Meist entspannt das die Situation, bevor man sich ernsthaft in die Haare gerät.

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