Jennifer Egan: „A Visit from the Goon Squad / Der größere Teil der Welt“, 2011 (Roman)

Time´s a goon, right? You gonna let that goon push you around?

Ich denke, das Leben istJennifer Egan_A Visit from the Goon Squad so wie in diesem Roman: Die Zeit vergeht, wir werden älter und währenddessen treffen wir Menschen, die uns zeitweise sehr wichtig sind, und irgendwann von uns vergessen werden, bis wir uns vielleicht eines Tages ihrer erinnern. Und während wir leben, spielt Musik.
Die (vergehende) Zeit, Erinnerungen, Vorausblenden in die Zukunft, Musik und ihre Bedeutung, die sie für manch einen haben kann… Das sind die zentralen „Bubbles“, um die sich in Egans aktuellem Roman alles dreht. Dieses Buch zu lesen ist wie eine Zeitreise, musikalisch untermalt.

She takes hold of his hands. As they move together, Rolph feels his self-consciousness miraculously fade, as if he is growing up right there on the dance floor, becoming a boy who dances with girls like his sister. Charlie feels it, too. In fact, this particular memory is one she`ll return to again and again, for the rest of her life, long after Rolph has shot himself in the head in their father´s house at twenty-eight.

Es begegnen einem die kleptomanische Sasha, der Musikproduzent Bennie Salazar, Alex, Teenager auf Safari in Afrika, Dolly, Ted, Sashas Kunsthistoriker-Onkel, der sie in Neapel sucht und dabei euphorische Begnungen mit Orpheus und Eurydike hat, („He seldom drank; booze the two precious hours he had each night (…) in which to think and write about art. Ideally, he should have been thinking and writing about art at all times, but a confluence of factors made such thinking and writing both unnecessary and impossible.“) Drew, der spätere Mann Sashas, dessen Kinder Lincoln und Ally, der alternde Musikstar Scotty… Man bewegt sich wie durch eine Mindmap der Zeit und Personen und ihrer Korrelationen untereinander durch die Seiten. Allen gemeinsam ist nur, dass sie Sasha kennen. Mit Sasha, der Assistentin Salazars beginnt und endet dieser Roman, ohne dass sie dessen Protagonistin wäre.

So vielseitig wie das Leben ist auch die Verwendung der Erzählformen (ich, sie, du) und der innovativen Einsprengsel wie bspw. einer 54seitigen Powerpoint-präsentation mit Tagebuchcharakter über die Pausen in Songs. Powerpoint in Jennifer Egans Goon Squad
Es werden Joints an großen New Yorker Fenstern geraucht, Sonnenuntergänge – als wären es Events – besucht, Wüstenkunst hergestellt und lange, gar nicht langweilige Gespräche geführt. Die Sprache ist dabei stellenweise schmerzlich poetisch, sodass es beinahe an Kitsch grenzt:

The sun rose, big and shiny and round, like an angel lifting her head. I´d never seen it so brilliant out there. Silver poured over the water. I wanted to jump in and swim.

Mehr kann man eigentlich zum Inhalt gar nicht sagen, ohne zu verwirren. Und das ist es, was Jennifer Egan mir auf jeden Fall voraus hat (und wofür sie mitunter den Pulitzer Preis bekam): ihr gelingt es, ganz verschiedene Personen und Erzählstränge und Szenen in unterschiedlichen Zeitebenen miteinander zu verweben, sodass man am Ende dieses Buches ganz berauscht ist von irgendetwas, was mit Lebenslust und Vergänglichkeit zu tun hat.

Egan greift in ihrem Roman soviele Saiten auf und bringt sie zum Klingen, dass man ganz viel aus diesem Buch mitnehmen kann, wenn man sich von ihm mitnehmen lässt; seien es die Pausen in Songs, die Sashas Sohn Lincoln systematisch sammelt und untersucht, die „golden flakes“, die der Musikproduzent zur Potenzsteigerung in seinen Kaffee gibt oder die Reflektionen über unseren Umgang mit dem Internet und unserer Privatheit:

Because he never could quite forget that every byte of information he´d posted online (favorite color, vegetable, sexual position) was stored in the databases of multinationals who swore they would never, ever use it – that he was owned, in other words, having sold himself unthinkingly at the very point in his life, when he´d felt most subversive? (…) Alex didn´t know. He didn´t need to know. What he needed was to find fifty more people like him, who had stopped being themselves without realizing it.

In allem verborgen liegt die Melancholie über die vergehende Zeit, der Schlägertrupp, der immer irgendwann zuschlägt, oft, wenn wir am wenigsten damit rechnen. Doch das ist gut so. So ist das Leben.

Some mornings, the sun looks wrong outside my window. I sit at the kitchen table shaking salt into the hairs on my arm, and a feeling shoves up in me: It´s finished. Everything went past, without me. Those days I know not to close my eyes for too long, or the fun will really start.

Ein beeindruckender, vielfältiger Roman, für alle, die gern anspruchsvoll unterhalten werden, Musik lieben und sich über das Vergehen der Zeit Gedanken machen wollen. Der Roman erschien auch in deutscher Übersetzung, ist aber auch in Originalsprache wundervoll zu verstehen.

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17 Gedanken zu “Jennifer Egan: „A Visit from the Goon Squad / Der größere Teil der Welt“, 2011 (Roman)

  1. Liebe Laura,
    das Buch steht hier noch ungelesen, irgendwie konnte es mich bisher noch nicht in Versuchung führen. Deine Besprechung rückt es mir aber wieder zurück in die Erinnerung und ich werde es demnächst in die Hand nehmen. Ich finde vor allem das Spiel mit unterschiedlichen Textsorten (Powerpoint-Präsentation) unheimlich spannend. Danke für die Erinnerungshilfe! 🙂

    1. Liebe Mara, ich kann es dir wirklich ans Herz legen. Den Einsatz von Folien wie bei einer Powerpointpräsentation ohne dabei den erzählerischen Inhalt zu kurz kommen zu lassen, finde ich bemerkenswert bei diesem Roman. Aber das ist durchaus nicht das einzige. Ich kann mir gut vorstellen, dass es dir gefallen könnte!

      1. Liebe Laura,
        im Moment befinde ich mich noch mittendrin auf einer sechshundert Seiten Reise nach Nordkorea, wenn ich diese abgeschlossen habe, werde ich wohl zu Jennifer Egans Roman greifen. Wie gesagt, die Verwendung unterschiedlicher Textsorten empfinde ich als sehr interessant – überhaupt lese ich gerne amerikanische Romane über unserer Zeit. Ich musste bei deiner Besprechung auch an Jonathan Franzen denken, den ich ja auch gerne mag. 🙂

  2. Ich erinnere mich noch gut an die damalige Lesung, die wir besuchten … Ich habe es auch noch nicht geschafft, das Buch zu lesen, aber kann es mir ja jetzt von dir leihen =) Ich möchte es, glaube ich, auch lieber im Original lesen und bin sehr gespannt, auf den Ausflug in die damalige Musikszene, die mich ja sehr interessiert.

    1. Die Lesung ist mir auch soo im Gedächtnis geblieben, unglaublich. Der Wunsch das Buch zu lesen, ließ mich seitdem einfach nicht mehr los. Und es hat sich gelohnt… Ich leihe es dir gerne! 🙂

      1. Übrigens: Die Musikszene spielt zwar schon eine Rolle, steht meiner Meinung nach aber nicht soo im Vordergrund, wie es oft (z.B. auf dem Titel der deutsch übersetzten Ausgabe) glaubhaft gemacht werden will. Die Zeit und ihr stetes Vergehen ist viel bedeutsamer.

  3. Dieses Buch war im letzten Jahr mein absoluter Favourite. Virtuos ihr Umgang mit den verschiedensten Erzählperspektiven und Erzählstilen, mit der sie in bester Tradition eines William Faulkner und anderer steht. Liebe, Freundschaft, Verrat, Verlust, Eitelkeit, unterdrückte Eifersucht: Ingredenzien der conditio humana. Die Zeit als eigentlicher Protagonist, als „größter Teil der Welt“. Und die Melancholie, die im Erzählen eingewoben ist, da dieses Erzählen immer schon weiß, wie die Zukunft des Erzählten und der geschilderten Personen ausschaut: unausweichlich auf etwas zutreibend, was man Schicksal nennen könnte oder die Art und Weise, wie es das Leben der Einzelnen schafft, sich nicht zu ändern, als es am nötigsten war.

    Liebe Grüße

    Achim

    1. Hallo Achim, lieben Dank für deine überaus zutreffenden Worte zu diesem Roman! Du formulierst das ganz fabelhaft: „wie es das Leben der Einzelnen schafft, sich nicht zu ändern, als es am nötigsten war“. Man kann gar nicht anders als an Schicksal denken, wenn sie diese Einblendungen aus der Zukunft einbaut. Ich fand das beim ersten Mal erschreckend, aber letztlich grandios… eben eine Zeitreise, die man da lesend unternimmt.
      William Faulkner habe ich bisher nicht gelesen, allerdings steht „Light in August“ in meinem Regal… Kannst du es empfehlen?

      1. Liebe Laura,

        „Licht im August“ ist und wird immer die Nummer EIns meiner Hitliste der großen Romane der Weltliteratur einnehmen. Großartiges episches Erzählen und Personen, die wie Marionetten vom Arm ihrer schicksalsmächtigen Existenz gelenkt werden, die andererseits aber auch mit destruierender Selbstbestimmtheit versuchen, gegen dieses Schicksal aufzubegehren. Rassisch und religiös dominierte und verblendete Lebensentwürfe prallen aufeinander und am Ende wird die Bilanz aus Schuld, Unschuld und Sühne gezogen. Der feuchte, dampfende Süden der USA bildet die Kulisse dieser epischen Tragödie. Psycholgisierender Erzählstil, der Einsatz des Bewußtseinsstroms als erzähltechnisches Mittel und der rhythmisch vorgenommene Perspektivenwechsel wirken auf mich wie ein Sog, der im stampfenden Voranschreiten der Geschichte alles verschlingt. Bitte lesen, weil phantastisch 🙂 Vor allem in der neuen Übersetzung von Helmut Frielinghaus.

        Liebe Grüße

        Achim

      2. Das klingt ja ganz toll, jetzt werd ich auch neugierig als Carson Mc Cullers-Begeisterte … „Bitte lesen, weil phantastisch.“ Toller Befehl, mag ich – Buch kommt auf Liste. Nacht!

      3. Prima, ich werde es dann auch lesen, sobald ich wieder den Kopf für englische Lektüre frei habe – ich bekam es nämlich in Originalsprache geschenkt 🙂 Das klingt wirklich gut, wie du deine Begeisterung darüber zusammenfasst! Lieben Dank.

  4. Guten Morgen Laura, da ich die Zeit sehr gerne mag, habe ich das Buch auf meine Wunschliste gesetzt. Es hört sich gut an.
    Wir sehen und heute am frühen Nachmittag, bis dahin einen schönen Tag Susanne

  5. Ein tolles Buch – und eine Besprechung, die wirklich auf den Punkt bringt, was daran warum so toll ist.
    Ich habe bisher selten ein Buch gelesen, dass so gekonnt mit verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven spielt. Dass es immer wieder um Sasha geht bzw. Sasha die anderen Personen verbindet, „ohne dass sie die Protagonistin wäre“, bringt das richtig gut zum Ausdruck. Das Buch kommt auf wundersame Weise, meiner Ansicht nach, ganz ohne ProtagonistIn oder Zentrum aus. Das ist erzählerisch eher so eine Art Netz, in dem alle Knotenpunkte gleich wichtig und wertvoll sind …
    Ich wäre daher etwas skeptisch, ob Franzen-LiebhaberInnen, liebe Mara, sooo begeistert von Jennifer Egan wären. Franzens Romane sind in der Regel ja sehr viel geradliniger und „klassicher“ erzählt, während Egan doch ziemlich „postmodern“ erzählt (eher wie David Foster Wallace, nur nicht ganz so irre ;-))

    Ich werd mich nun wohl auch nochmal an das Original machen, obwohl die Übersetzung von Heide Zeltmann auch ziemlich gut ist/war.

    1. Danke für die Blumen 🙂 Freut mich sehr, dass ich das Wichtigste tatsächlich auf den Punkt bringen konnte!
      Dein Bild des Netzes mit mehreren Knotenpunkten finde ich auch sehr passend. Das meinte ich auch damit, dass es mir vorkommt wie das Leben: klar gibt es da immer den einen Protagonisten (man selbst), aber darum herum entsteht ja so ein unheimlich großes Netz aus Kontakten und Verbindungen. Egan beschreibt das nicht aus Sicht derjenigen, um die sich alles entspinnt, sondern quasi von oben darauf blickend und zugleich sich inmitten all dessen befindend, als wäre sie das Netz selbst. Der Faden, der schreibend alles umwebt.
      Was die Parallele mit Franzen angeht, stimme ich auch eher dir zu; zwar spiegelt Egans Roman die aktuellen amerikanischen Lebensverhältnisse, Lifestyles und Themen wider, ähnlich wie bei Franzen. Doch besteht darin der gravierende Unterschied, dass bei Egan die Charaktere nicht so nahe herangerückt werden, dass sie einen noch lange begleiten, wie ich das bei Franzen empfand und schätzte.

      1. Stimmt, bei Egan hat man beim Lesen eine ganz andere Beziehung zu den Charakteren als bei Franzens sehr „psychologisierenden“ Charakterstudien (die ich allerdings auch sehr mag).
        Ich hab letztens auch einen interessanten Essay zur amerikanischen Schriftstellergeneration von Egan etc gelesen (http://nplusonemag.com/the-theory-generation)

        … und ich hab mir vorhin „goon squad“ im amerik Original gekauft – für eine zweite Lektürerunde 😉

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