René Magritte: „…und ich benutze die Malerei, um das Denken sichtbar zu machen“

René Magritte (1898 – 1967) gehört meiner Meinung nach neben Salvador Dali zu den interessantesten surrealistischen Malern des 20. Jahrhunderts, daher möchte ich euch hier diesen faszinierenden Künstler näher bringen. Sein Verständnis der Aufgabe von Kunst und sein Begriff der Malerei faszinieren mich zutiefst, weil sie weit über ein traditionelles und eindimensionales Verständnis von Kunst hinausgehen. Magrittes Kunst genügt nicht einfach nur bestimmten Begriffen von Ästhetik, sie schafft eine ganz eigene Beziehung zwischen Betrachter und Betrachtetem. Als solche ist sie surrealistisch und symbolistisch ohne sich jedoch einer politischen oder ideologischen Deutung verschreiben zu lassen. Mich sprechen seine Bilder an, weil sie sehr eng mit Philosophie und Denken zusammenhängen, was in dieser Art und Weise kein anderer Künstler vor ihm so mit der Malerei verknüpfte. Magritte selbst nennt es „das Denken sichtbar machen“. Das heißt, wer ein Bild von Magritte betrachtet, kann auf den ersten Blick ein bestimmtes Motiv benennen und Form wie Farbe sowie Beziehung der dargestellten Elemente beschreiben, jedoch wird er dieses Bild nicht mit einer bloßen gegenständlichen Beschreibung erfassen. Es geht um mehr als darum, ob mir sein Bild und die Art der Gestaltung gefällt oder nicht, Magritte macht das Mysterium der Welt und unseren Glauben an die Dinge sichtbar. Er ließ sich nicht vorschreiben, wie man die Welt zu sehen hatte.

Das Reich der Lichter
Das Reich der Lichter, 1954

Deutlich wird das an seinem bekannten Bild „Das Reich der Lichter“, welches einen nächtlichen Ort unter einem taghellen Himmel zeigt. Doch diesen Widerspruch erkennt man eigentlich erst auf den zweiten Blick, man fragt sich zunächst, was hier nicht stimmt. Magritte selbst sagt dazu: „Im Reich der Lichter habe ich verschiedenen Vorstellungen wiedergegeben, nämlich eine nächtliche Landschaft und einen Himmel, wie wir ihn am Tage sehen. Ich finde, diese Gleichzeitigkeit von Tag und Nacht hat die Kraft zu überraschen und zu bezaubern. Ich nenne diese Kraft Poesie.“ (Marcel Paquet: Magritte. S. 7, siehe unten) Ich finde diese Idee wunderbar und sehr originell, dass Magritte mit der Malerei im Stande ist scheinbar logische Paradoxa zu veranschaulichen.

Das Vergnügen
Das Vergnügen, 1927

Man könnte sagen, hinter jedem Bild Magrittes besteht eine Idee, oder besser: Die bloße Abbildung zeigt das Wesen einer Idee, eines abstrakten Gedankens, der sich erst beim Betrachten und In-Beziehung-Setzen der einzelnen Bildelemente ergibt und entwickelt. So manches Motiv ergibt auf den ersten Blick keinen Sinn, denn hier werden Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten sowie Konventionen des Alltags auf den Kopf und in Frage gestellt. Der Betrachter wird förmlich schockiert und findet sich in einem scheinbaren Paradoxon wieder, das seiner gesamten Welt- und Denksicht den Boden unter den Füßen raubt. Marcel Paquet beschreibt Magritte als „Ideenmaler“, der gern in Bildern dachte: „Unbestreitbar ist auch die Tatsache, daß Magritte sich eher dem Geist der Objekte eines Marcel Duchamp verpflichtet fühlte als zum Beispiel dem Geist der Wälder seines Freundes Max Ernst, für den er Die Nachtigall malte. Deutlich wird vor allem die starke Betonung des intellektuellen, verstandesorientierten, reflektierenden Ansatzes dieser Malerei. Sie ist ein Werk für Philosophen oder zumindest für Liebhaber philosophischen Denkens. Bei Magritte ist der poetische Schock bzw. die durch das gemalte Bild hervorgerufene ästhetische Erregung grundsätzlich nicht zu trennen von der Lust am Denken, der unbändigen Freude an der Reflexion und geistiger Beweglichkeit“ (S. 21).  An diesem Zitat wird wohl deutlich, warum mich dieser Maler so interessiert.

Ceci n'est pas une pipe
Ceci n’est pas une pipe, 1966

 Vor allem der Gegensatz von Sprache oder Schrift und der figurativen Abbildung, die eine gewisse Fremdheit in sich birgt, fasziniert mich bei seiner Kunst. Dies zeigt sich in der (scheinbaren) Nicht-Beziehung zwischen dem Gemälde und seinem Titel. Bei Magritte scheinen Bild und Titel zunächst nichts miteinander zu tun zu haben und sind dennoch für die Idee und den dargestellten Gedanken von großer Bedeutung. Magritte war die Vergabe des Bildtitels sehr wichtig und er ließ sich ungern dabei von anderen beeinflussen, daher kann man davon ausgehen, dass bei seiner Malerei nichts dem Zufall überlassen wird. Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang der Briefwechsel zwischen Magritte und dem Philosophen Michel Foucault: Magritte schrieb an Foucault einen Brief, dem er eine Skizze seines Pfeifenbildes beifügte, um ihn auf die Ähnlichkeiten zwischen seiner Malerei und Foucaults Ideen in seinem Buch „Die Ordnung der Dinge“ aufmerksam zu machen. Daraufhin verfasste Foucault den Essay „Dies ist keine Pfeife“, der eine Betrachtung dieser Skizze in Bezug zu Foucaults Theorie des Diskurses beinhaltet und sehr präzise die Ideen dieser Malerei beschreibt. Foucault erkennt 2 Prinzipien in der abendländischen Malerei: 1. Die Trennung zwischen figürlicher Darstellung (Ähnlichkeit einschließend) und sprachlicher Referenz (Ähnlichkeit ausschließend). 2. Die Behauptung der Äquivalenz zwischen der Tatsache der Ähnlichkeit und der Affirmation eines Repräsentationsbandes (d.h. den Verweis der Malerei auf das Sichtbare und gleichzeitig die Schaffung des Unsichtbaren, das ihr gleicht). Diese Prinzipien sieht er exemplarisch vor allem durch die Maler Paul Klee, Wassily Kandinsky und René Magritte durchbrochen. Deutlich wird dieser Gedanke in seiner Deutung des Pfeifenbildes, der auch nochmal die eigentliche Idee dieser Malerei wunderbar auf den Punkt bringt:

Magrittes Zeichnung (ich spreche zunächst von der ersten Version) ist so einfach wie eine Seite aus einem Botanikbuch: eine Abbildung und ein dazugehöriger Text. Nichts ist leichter zu erkennen als eine Pfeife, wie sie hier gezeichnet ist; nichts ist leichter auszusprechen als das Wort >>Pfeife<<. Das Befremdende an dieser Darstellung ist nun nicht der >>Widerspruch<< zwischen dem Bild und dem Text. Denn Widerspruch kann es nur zwischen zwei Aussagen oder innerhalb einer Aussage geben. Und hier liegt nur eine Aussage vor, die nicht widersprüchlich sein kann, da ihr Subjekt bloß ein Hinweis ist. Ist also die Aussage falsch, da ihr >>Referent<<  – offensichtlich eine Pfeife – sie nicht bestätigt? Wer aber wird ernsthaft behaupten, daß dieses Ensemble von Linien über dem Text eine Pfeife ist? Ist das nicht alles recht simpel, da die Darstellung einer Pfeife natürlich nicht selbst eine Pfeife sein kann? Und doch sagt man gewöhnlich: Was ist das, dieses Bild? – Das ist ein Kalb, das ist ein Quadrat, das ist eine Blume. Diese alte Gewohnheit entbehrt nicht jeder Grundlage, denn die Funktion einer so schematischen und schulmeisterlichen Zeichnung wie dieser ist nun einmal, das, was sie darstellt, unzweideutig und rasch erkennen zu lassen und zu zeigen. Auch wenn sie nur der Niederschlag von ein bißchen Blei oder Kreide auf einem Blatt oder auf einer Tafel ist, so >>verweist<< sie doch nicht wie ein Pfeil oder ein Zeigefinger auf eine Pfeife, die irgendwo liegt; sie ist eine Pfeife.

Das Verwirrende ist, daß es einerseits unvermeidlich ist, den Text auf die Zeichnung zu beziehen (wie es das Demonstrativpronomen, der Sinn des Wortes Pfeife, die Ähnlichkeit des Bildes nahelegen), und daß es andererseits unmöglich ist, die Ebene zu definieren, auf der der Satz für wahr, falsch oder widersprüchlich erklärt werden könnte. (…)

(S. 31 f.)

René Magritte
Duane Michals Doppeltes Porträt des Künstlers, 1965

Meine Faszination für diesen Maler wurde sicherlich deutlich, weil mich vor allem Kunst interessiert, die mehr will, als bloße Erscheinungen und Abbildungen zeigen. Wer jetzt glaubt, er müsse für Magritte ein dezidiertes Verständnis von Philosophie und Geistesgeschichte haben, der irrt allerdings ein wenig. Das ist auch die Tatsache, die mich am meisten beeindruckt und daher möchte ich euch Magritte empfehlen: Diese Bilder entziehen sich jeglicher politischen und ideologischen Vereinnahmung und ihr Geheimnis erschließt sich auch ohne dezidierte philosophische Kenntnis und birgt eine ganz eigene poetische Kraft. Wenngleich auch eine gewisse Zuneigung zu abstrakten Gedanken bei ihrer Betrachtung nicht von Nachteil ist J. Magritte ist ein Maler für den zweiten Blick und lädt durch die scheinbare Einfachheit seiner dargestellten Motive ein, das Mysterium hinter und zwischen den Dingen zu ergründen und unsere gewohnte Wahrnehmung in Frage zu stellen. Magritte schockiert, überrascht, macht auf teilweise morbide und absurde Weise Spaß.

Abbildungen:  Marcel Paquet: Magritte. Taschen Verlag Köln 2007

Literatur: Michel Foucault: Dies ist keine Pfeife. Edition Akzente Hanser Hrsg. Von Michael Krüger Hanser Verlag 1997

Linktipp:

>> Über Michel Foucault

>> Über René Magritte

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4 Gedanken zu “René Magritte: „…und ich benutze die Malerei, um das Denken sichtbar zu machen“

  1. Ganz kurz nur: bei Salvator Dali aber bitte nur der frühe Dali. Der Rest ins Kunstgewerbe.

    Foucault besitzt einen unglaublichen Blick für Kunstwerke, ich weiß nicht, ob Du seine Lektüre von Velázquez‘ „Las Meninas“ zum Anfang von „Die Ordnung der Dinge“ kennst. Falls nicht: unbedingt lesen! Sehr sinnlich erläutert Foucault da anhand eines Bildes, wie die Kategorie des Subjekts und der Begriff der Repräsentation aufkamen und eben: Diskurse strukturierten. Wie, so wäre weiterzufragen, sieht jenes Bild aus, das für jene Wendung am Ende von OdD stehen kann, wenn der Mensch wie ein Gesicht im Meeressand wieder verschwinden wird. Ja, vielleicht ein Bild von Magritte.

    1. Ganz kurz nur: Bitte „Salvador“ nicht „Salvator“ 😉

      Danke für den Tipp, ich würde so gern „Die Ordnung der Dinge“ lesen, mal sehen, wann ich dazu die nötige Ruhe, Zeit und Konzentration finde. Das liest sich ja nicht mal so einfach nebenbei…

  2. Sehr toll zusammengefasst und anschaulich gemacht, was du bei Magrittes Gemälden so magst und was auch den Kern seiner Kunst ausmacht. Großes Lob! Deinen Bezug zu Foucault finde ich ebenfalls sehr gelungen. Ich merke immer wieder, wie wichtig es ist, sich nicht im Elfenbeinturm der eigenen Disziplin zu verschanzen, sondern interdisziplinäre Blicke in die Wissenschaftswelt zu werfen. Obgleich mir die akademisch geschulte, philosophische Tiefe oft fehlt, liebe ich es, auch anhand der Philosophie Kunst zu ergründen… Toll, dass ich das mit dir teilen kann.
    Was ich anders sehe ist der Aspekt des Schockierens bei Magritte. Ich finde seine Bilder nicht schockierend, eher irritierend. Er spielt mit Seh- und Denkgewohnheiten, hebt durch Irritation das Bekannte aus dem tradierten Umfeld heraus. Das mag neue Gedanken und In-Frage-Stellungen hervorrufen, aber unter Schock verstehe ich eher eine fundamental erschütternde Wirkung, die ich so bei ihm nicht sehe. Auch zur Entstehungszeit seiner Werke wird er eher irritiert als schockiert haben, dafür war dann eher ein Marcel Duchamp mit seinen „objet trouvés“ zuständig.
    Das, wie Paquet schreibt, Magrittes Werke aber durchaus im Geist Duchamps zu sehen sind, finde ich nachvollziehbar, besonders an seiner grandiosen „Ceci n´est pas une pipe“.

    1. =) Danke, danke.
      Bezüglich des Begriffes des Schocks und Irritation müsste man sich zunächst verständlich, worin genau der Unterschied der Begriffe liegt … Die Forumlierung des Schockierens habe ich vielleicht so zu sehr von Marcel Paquet übernommen, Irritation trifft es auch gut. Wobei man darüber streiten kann, was genau schockierend sein mag …. Irritierend sind seine Bildmotive in jedem Fall, ob ein Schock ausgelöst wird, der fundamental ist, wie du es beschreibst, hängt dann auch vom Weltbild des Betrachters ab. Schock ist dafür vielleicht wirklich ein zu radikaler Begriff. Dennoch – was den einen „nur“ irritiert, kann den anderen schockieren … Magritte fasziniert mich so, weil er ein Stück weiter geht und nicht auf der ersten direkten Betrachtungsebene bleibt – er fordert mich als Betrachter heraus, er möchte eine Idee darstellen, mich irritieren, meine Wahrnehmung in Frage stellen lassen und mein Verständnis von der Welt durchrütteln; was im Alltag so vermeintlich eindeutig zu sein scheint, wird hier noch mal ganz neu betrachtet. Großartig, diese Denk- und Erkenntnisleistung in den Dienst der Kunst zu stellen und sich dabei nicht von ideologischen Zuschreibungen vereinnahmen zu lassen. Mit diesen Bildern könnte ich mich stundenlang beschäftigen, denn man kann durch sie auch ohne philosophisches Hintergrundfragen die Bedingungen der menschlichen Wahrnehmung und Erkenntnisfragen besprechen. Bei anderen aber sieht man vermutlich klarer, was Magritte meinte, wenn man den philosophischen Hintergrund kennt – ein gutes Beispiel dafür ist „Hegels Ferien“ =) Magrittes Bilder sind meiner Meinung nach auch humorvoll und ironisch wie z. Bsp. „Die kollektive Erfindung“ – darauf zu sehen eine an den Strand gespülte Meerjungfrau – jedoch anders als gewohnt: der Rumpf eine Fischgestalt und die Beine einer jungen Frau. 😉

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