XIX. Sonntag mit Proust: Über den herannahenden Tod

Mors certa, hora incerta

Wir sagen wohl, die Stunde des Todes sei ungewiß, aber wenn wir es sagen, stellen wir uns diese Stunde in weiter, vager Ferne vor, wir denken nicht daran, daß sie irgendeine Beziehung zu dem bereits begonnenen Tage haben und daß der Tod – oder sein erster partieller Zugriff, nachdem er uns nicht mehr loslassen wird – am gleichen Nachmittag noch erfolgen könne, der uns so gar nicht ungewiß schien, für den der Gebrauch der Stunden bereits im voraus festgelegt war. (…) Man wünschte, es wäre morgen schön, und man ahnt nicht, daß der Tod, der auf einer anderen Ebene schon selbst durch undurchdringliches Dunkel wandelnd, zu einem gelangt ist und gerade diesen Tag für seinen Auftritt gewählt hat, die nächsten Minuten schon, in denen der Wagen die Champs-Elysées erreicht haben wird. Vielleicht werden diejenigen, die von Grauen vor dem Sonderbaren am Tode heimgesucht sind, etwas Beruhigendes in dieser Art von Tod sehen – dieser Form des ersten Kontakts mit dem Tode – weil er dabei ein bekanntes, vertrautes, alltägliches Aussehen bekommt.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

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