Der philosophische Mittwoch: Jean-Paul Sartre – „La Nausée“

Ich kaufe im Vorbeigehen eine Zeitung. Sensationell. Die Leiche der kleinen Lusienne ist gefunden worden! Geruch von Druckerschwärze, das Papier knittert zwischen meinen Fingern. Das niederträchtige Individuum hat die Flucht ergriffen. Das Kind ist vergewaltigt worden. Als man seine Leiche gefunden hat, waren seinen Finger in den Schlamm gekrallt. Ich knülle die Zeitung zu einer Kugel zusammen, meine Finger sind in die Zeitung gekrallt; Geruch von Druckerschwärze; mein Gott, wie stark die Dinge heute existieren. Die kleine Lusienne ist vergewaltigt worden. Erwürgt. Ihre Leiche existiert noch, ihr geschundenes Fleisch. Sie existiert nicht mehr. Ihre Hände. Sie existieren nicht mehr. Die Häuser. Ich gehe zwischen den Häusern, ich bin zwischen den Häusern, ganz aufrecht auf dem Pflaster, das Pflaster unter meinen Füßen existiert, die Häuser schlagen über mir zusammen, wie das Wasser über mir zusammenschlägt auf dem Schwanenbergpapier, ich bin. Ich bin, ich existiere, ich denke, also bin ich; ich bin, weil ich denke, warum denke ich? Ich will nicht mehr denken, ich bin, weil ich denke, daß ich nicht sein will, ich denke, daß ich… weil  … puh! Ich fliege, das niederträchtige Individuum hat die Flucht ergriffen, ihr Körper vergewaltigt. Sie hat dieses andere Fleisch gefühlt, das sich in sie hineinschob. Ich … es ist soweit, daß er … Vergewaltigt. (…)

Jean-Paul Sartre: Der Ekel. Gesammelte Werke in Einzelausgaben Bd. 1 Rowohlt Taschenbuch Verlag 50. Auflage 2006 S. 160f.

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3 Gedanken zu “Der philosophische Mittwoch: Jean-Paul Sartre – „La Nausée“

  1. Wow. Harter Stoff. Der Button „gefällt mir“ traf es nicht ganz. Aber ich finde, Sartre hat hier gut erfasst, was solche Menschen erleben, er hat diese Ungeheurlichkeit in Worte gehüllt. Darum ringen viele, denen es geschehen ist oft.
    Darüber hinaus macht er m. E. nach den Versuch, das Gelesen zu Kontextualisieren, sich selbst wieder in den Kontext der eigenen Welt zu bringen und verliert sich darin – ähnlich wie überlebende Opfer sich danach auch oft verlieren und Hilfe brauchen, um das Geschehen wieder in Kontext und Leben einzubetten.
    Ziemlich genial. Macht – wenn auch schaurig – Lust auf Satre…

    1. Du hast es richtig erfasst: Das unsagbar Besondere an Sartres literarischer Beschreibung ist diese Infragestellung unserer Existenz als solche unter den Bedingungen aller menschlichen Unzulänglichkeiten. Das Decartesche „Cogito ergo sum“ als pures vitalistisches Prinzip angesichts der Flüchtigkeit des Daseins erschüttert uns zutiefst … Man spürt den Ekel in seiner Beschreibung rein körperlich, er transportiert eine philosophische Einstellung, eine Meta-Kritik am Leben der Kreatur und verweist auf die Nichtigkeit unserer Existenz, ja auf die bloße Härte der Existenz, die wir als so selbstverständlich wahrnehmen und ver-führt uns nicht nur die moralisch einwandfreien Dinge wahrzunehmen sondern eben auch das Absonderliche regelrecht zu erkennen, zu spüren und konfrontiert uns damit mit unseren Ur-Ängsten, Sehnsüchten und den menschlichen Abartigkeiten. Schonungslos, direkt, schockierend, irritierend, aufwühlend … grandios erzählte philsophische Ver- und Vorführung: Was bedeutet Existenz? Wann hört etwas oder jemand auf zu existieren?

      1. Zu der Frage, wann jemand aufhört zu existieren kam mir gerade eine Erinnerung an einen Film…da wurde gesagt: „Aber es zählt doch nicht die echte Julia Child, sondern die Julia Child, die in dir wohnt und die dich aus dir heraus inspiriert hat.“ Ich fand den Satz damals total schön, weil er aufzeigt, wann und wie jemand existieren kann. Sogar mehrfach…real und imaginär.

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