Aldous Huxley – „Schöne neue Welt“

O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt

Dieses Shakespeare-Zitat aus „Der Sturm“ gibt der Huxleyschen Utopie seinen Namen. Wer Dystopien liebt, dem wird Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ neben George Orwells „1984“ mehr als bekannt sein. Ich habe vor einigen Jahren „Brave New World“ im Original begonnen, bin aber damals wieder vom englischen Original abgekommen und habe es nicht zu Ende gelesen. Das habe ich immer bedauert und nun endlich habe ich es in der deutschen Übersetzung von Herbert E. Herlitschka vollständig gelesen.

„Schöne neue Welt“ gehört zu den Büchern, die ich jedem mit Interesse an der Entwicklung unserer modernen Gesellschaft als unbedingt zu lesen empfehlen würde. Dieser Roman erzählt weniger eine packende Geschichte oder führt uns hinein in eine schillernde berührende Figurenwelt. Er verstört, irritiert, verwundert, regt zum Nachdenken an, trägt aber auch viel Witz und feine Ironie in sich, die ihn meiner Meinung nach zu einem vergnügteren Leseerlebnis als das Orwellsche macht. Aldous Huxley präsentiert uns eine „schöne neue Welt“ d. h. einen utopischen Gesellschaftsentwurf, der in seiner Entmenschlichung, gesäuberten Reinheit und technisierten Grausamkeit nur ironisch als (moralisch, ästhetisch?) „schön“ beschrieben werden kann:

(…) Schöne neue Welt ist ein Buch über die Zukunft und ein solches Buch, was immer seine künstlerischen und philosophischen Qualitäten sein mögen, vermag uns nur zu interessieren, wenn seine Prophezeiungen so aussehen, als könnten sie Wirklichkeit werden.(…)

S. 12

Hierbei handelt es sich nicht um ein Buch, dass ich im klassischen Verständnis als poetisches Werk beschreiben würde und das sicherlich noch ausbaufähig gewesen wäre und künstlerische Defizite aufweist, wie der Autor selbst im Nachhinein zugibt. Doch zeigt es als experimentellen Entwurf beispielhaft wie eine totalitäre gleichgeschaltete und gesäuberte Gesellschaft wie sie von so manchen Chefideologen im Europa der Dreißiger und 40er Jahre herbeigesehnt und mit perverser Konsequenz angestrebt wurde, in der extremsten Form aussehen könnte – und das in so eindrucksvoller bildhafter Sprache, absurde Assoziationsketten und Vorstellungen auslösend …

Die Zeiger der viertausend elektrischen Uhren in den viertausend Räumen der Brut- udn Nornzentrale in Dahlem zeigen auf zwei Uhr siebenundzwanzig. „Dieser emsige Bienenstock“, wie der Direktor gern sagte, summte von höchster Betriebsamkeit. Alle waren an der Arbeit, alles ging seinen geordneten Gang. Unter den Mikroskopen stürzten sich die Spermatozoen, heftig mit ihren langen Schwänzen peitschend, kopfüber in die Eier; die befruchteten Eier dehnten und teilten sich, oder sie trieben, wenn sie bokanowskysiert waren, Knospen und brachen auf in ganze Gruppe von Embryonen. Aus dem Bestimmungssaal glitten die Rolltreppen hinab ins Tiefgeschoß, wo in purpurner Nacht, wohlig warm au fihren Bauchfellkissen, mit Blutsurrogat und Hormonen gefüttert, die Feten wuchsen und gediehen oder infolge Alkoholzusatzes zu armseligen Epsilontum verkümmerten. Begleitet von leisem Surren und Klirren wanderten die Flachen auf den Förderbändern durch die Wochen, die verkürzte Äonen waren, bis im Entkorkungszimmer die Neuentkorkten ihr erstes gellendes Geschrei des Schreckens und der Überraschung ausstießen.

S. 150

Der Schauplatz befindet sich in der deutschen Übersetzung im Berlin „der Jahre 632 nach Ford“. Der Übersetzer Herlitschka erklärt im Vorwort, weshalb er die von Huxley auf englischem Boden angelegte Handlung in die deutsche Metropole gelegt hat: „Denn es ist ganz einerlei ob einer seinen Somarausch in London oder Berlin mit einer in Dahlem oder Bloomsbury aufgenormten Beta erlebt.“ Soma ist die Droge, die alle Bewohner dieser Gesellschaft in einen kollektiven Rausch und Urlaubs-Zustand versetzt, wann immer sich allzu menschliche Emotionen in das möglichst entmenschlichte und frei von allem natürlich Trieb genormte Dasein schieben wollen. Da würde ich dem Übersetzer Recht geben, wobei der Leser vor allem durch die Kenntnis der Ereignisse im Berlin der 40er Jahre vor allem an die national-sozialistischen Ideologien und deren grausame Umsetzungen erinnert wird. Man kann also nicht umhin Auschwitz vor Augen zu haben und liest dies automatisch immer mit.

Wie sieht sie aus, diese Soma-Gesellschaft, die Huxley hier entwirft? Die schöne, neue Welt verdrängt das Natürliche, die Emotion und den Trieb zugunsten der kollektiven Freude und des Einheitserlebnisses. Der Mensch kennt keine Freiheit und wünscht sie sich auch nicht, er wird nicht alt, er bleibt immer jung und gesund – er ist der einer bestimmten Kaste zugehörigen genormte Alpha-, Beta- oder Gamm-Mensch, der in künstlichen Brutmaschinen gezüchtet d.h. „entkorkt“ wird im sogenannten Bokanowsky-Verfahren. Es gibt keine Mütter und Väter, wie es auch keine Schwangerschaften gibt. Der Mensch wird nach einem Ideal chemisch geformt und gezüchtet, Abnormitäten sind unerwünscht. Von klein auf wird er geprägt, genormt, nicht gebildet und erzogen, sondern ihm werden Losungen und Leitsätze im Schlaf eingebläut, die er sein ganzes Leben nicht mehr vergisst:

 Alphakinder tragen Grau. Sie arbeiten viel mehr als wir, weil sie so schrecklich klug sind. Oh, wie froh bin ich, daß ich ein Beta bin und nicht so viel arbeiten muß! Wir Betas sind etwas viel Besseres als Gammas und Deltas. Gammas sind dumm. (…)

S. 43

Moral, Kunst und Liebe sind in dieser Gesellschaft verpönt, ja verboten, Bücher werden versteckt, denn sie bedeuten Gefahr, der Mensch lebt eine aktive Sexualität mit wechselnden Partner, denn „jeder gehört jedem“. Die Ein-Ehe ist verpönt. Die Menschen werden geboren um  ihren Teil zur Produktion der idealen und genormten Gesellschaft beizutragen, zu konsumieren, am Wohlstand und Luxus teilzuhaben und dann irgendwann aufzuhören zu existieren, um neuen perfekten Menschen Platz zu machen. Die Individualität des Einzelnen zählt nichts… In diese Gesellschaft wird der Leser hineingeworfen und erlebt einige Tage mit Lenina Braun, einer Vorzeige-Alpha, die mit Sigmund Marx einem Alpha-plus einen Ausflug in die sogenannte „Wildreservation“ macht, in der einige Wilde außerhalb des Einflusses der Ford-Gesellschaft ein natürliches, spirituelles, religiöses und freies Leben führen. In Konfrontation mit dem rebellischen Außenseiter Michel, der mit seiner Mutter Filine im Wildreservat aufgewachsen ist, bemerken Lenina und Sigmund die tiefe Kluft und das fehlende Verständnis für ein natürliches Leben, so dass Michel für sie nur als „asozialer Wilder“ zum Beobachtungsobjekt wird, den sie mit zurück in die schöne neue Welt nehmen wollen – doch dies endet tragisch.

Der britische Gelehrte Huxley verfasst dieses Buch Anfang der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, ohne zu ahnen, wie sehr die grausame Wirklichkeit im Europa dieser Jahre bald in Teilen diesem technisierten dystopischen Gesellschaftsentwurf ähneln könnte. Beim Verfassen dieses Buches waren Huxleys entmenschlichte utopische Entwürfe noch Zukunftsmusik, einige Jahre später jedoch holte dieses Buch die Wirklichkeit ein und der „Roman der Zukunft“ schien für ihn mehr und mehr zu zeigen, wohin der reale technische Fortschritt und die verfeinerten Methoden der psychologischen Manipulation in den falschen Händen eine Gesellschaft beeinflussen könnten … Und auch wenn wir heute in einer modernen aufgeklärten Welt leben, die angesichts der Schrecken des 20. Jahrhunderts mehr als genau weiß, dass Menschlichkeit, Bildung und Begriffe von Menschenwürde, Freiheit und Moral für eine moderne Gesellschaft als schützenswerte Begriffe vonnöten sind, erscheinen mir so manche Ideen der „Brave New World“ gar nicht so weit weg … Huxley wirft hier vor allem sehr wichtige Fragen auf und zeigt, was passieren würde, wenn die Technisierung überhand nehmen würde:

Kann ein Mensch ohne Moral, ohne Begriffe von Freiheit oder Liebe leben? Was bedeutet ein menschliches Leben angesichts des industriellen Fortschritts? Kann es ein erstrebenswertes Leben sein, alles Sonderbare, Abnorme, Kranke und Alte künstlich zu verdrängen und nur gleichgeschaltete genormte und gesunde Einheitsmenschen zu produzieren? Wie weit ist der Mensch von der Natur entfernt? Wo kommen wir hin, wenn wir Bücher verbieten, Ideen ersticken und Anders-Denkenden einen Maulkorb anlegen? Wo liegen die Grenzen der Freiheit und was bedeutet Identität und Individualismus angesichts einer Gesellschaft, die den Wert des Einzelnen nur nach seinem Verbrauch und Konsum bemisst? Welchen Gesellschaftsentwurf bringt uns die Zukunft? Ist Utopie so weit entfernt …?

Sicherlich erscheint Huxley dem einen oder anderen begeisterten Science-Fiction-Leser altbacken und urzeitlich, wo es zahlreiche literarische und filmische Dystopien gibt, die uns heute in ihrer Grausamkeit und Ausgestaltung weitaus mehr aufwühlen können. Wenn man aber die Zeit und die Vorraussetzungen bedenkt, unter denen dieses Buch geschrieben wurde, erkennt man seinen wegweisenden, ernsten und prophetischen Charakter, der von einer großen Hingabe zur Menschlichkeit und sicherlich auch durch den Einfluss von spirituellen Lehren und Buddhismus geprägt ist.

Alles in allem sieht es ganz so aus, als wäre uns Utopia viel näher, als irgend jemand es sich vor nur fünfzehn Jahren hätte vorstellen können. Damals verlegte ich die Utopie sechshundert Jahre in die Zukunft. Heute scheint es durchaus möglich, daß uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt; das heißt, wenn wir in der Zwishenzeit davon absehen, einander zu Staub zu zersprengen.

*Aldous Huxley, 1946

>>> Aldous Huxley: Schöne neue Welt. Übersetzung v. H.E. Herlitschka. Fischer Verlag 2000 (58. Auflage) Erstauflage: 1932

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3 Gedanken zu “Aldous Huxley – „Schöne neue Welt“

  1. Liebe Katja,
    du erzähltest ja von der Lektüre des Buches als ihr bei mir wart.
    Beim Lesen deines Berichts darüber ist mir erst einmal aufgefallen, wieviel ich aus dem Buch schon wieder vergessen hatte.
    Unsere Lehrerin stellte uns damals die Frage, wo wir lieber leben würden, in Orwells 1984 oder in der schönen Neuen Welt Huxleys.
    Ich weiss noch, wie ich mich damals für die schöne neue Welt entschied.
    Heute sehe ich das anders. In der neuen Welt hat man sehr viel weniger Möglichkeiten zur Revolution als in 1984.
    Dann möchte ich lieber im klaren Leiden und versuchen, die Welt zu verbessern, als „zugedröhnt“ die Welt nicht erleben.
    Ich habe mir vorgenommen, beide Bücher nochmals zu lesen.
    Liebe Grüße und einen schönen Tag wünscht dir Susanne

  2. Sehr gelungene Rezension. Ähnliche Gedanken haben auch mich während dem Lesen beschäftigt. Als ebenfalls dystopische Erzählung dieser Zeit, kann ich dir Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ sehr ans Herz legen. Liebe Grüße

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