XXI. Sonntag mit Proust

– Ich habe nicht geschlafen, behauptete ich im Erwachen.
Ich sagte es, weil ich es glaubte. Die große Veränderung, die das Erwachen in uns bewirkt, besteht weniger darin, daß es uns in das helle Licht des Bewußtseins hinaufführt, als daß es uns das etwas gedämpftere vergessen macht, in dem unser Geist vorher ruhte wie auf dem opalenen Grund einer Flut. Die halb verschleierten Gedanken, auf denen wir noch eben einhergeschifft sind, haben in uns eine Bewegung erzeugt, die ausreichte, um sie uns als Wachsein erscheinen zu lassen. Aber das Erwachen trifft dann auf eine Interferenz des Gedächtnisses. Kurz darauf nennen wir diese Schlaf, weil wir uns nicht mehr erinnern. Solange aber das strahlende Gestirn, das im Augenblick des Erwachens dem Schläfer rückblickend seinen ganzen Schlaf mit seinem Schimmer erhellt, noch leuchtet, erweckt es in ihm den Glauben, es habe sich nicht um Schlaf, sondern um Wachsein gehandelt; doch in Wirklichkeit ist dieses Gestirn nur eine Sternschnuppe, die mit ihrem Erlöschen die trügerische Existenz, aber auch die Erscheinungen des Traumes entführt und nur dem, der wirklich erwacht, zu sagen gestattet: Ich habe geschlafen.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

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2 Gedanken zu “XXI. Sonntag mit Proust

    1. Vielen Dank und willkommen auf unserem Blog 😉
      Proust vermag manche Beschreibungen geistiger Zustände so treffend in Worte zu fassen, dass ich diese immer wieder gern nach meiner Lektüre teile.

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