Haruki Murakami: „Sputnik Sweetheart“, Roman (2004)

Ich verlasse das Bett. Ziehe den alten, verblichenen Vorhang zurück und öffne das Fenster. Als ich den Kopf aus dem Fenster stecke und in den Nachthimmel schaue, sehe ich ihn, den schimmligen Halbmond. So weit, so gut. Wir sind in derselben Welt und sehen denselben Mond. Wir sind durch eine Linie mit der Wirklichkeit verbunden. Ich brauche sie nur noch einzuholen, zu mir heranzuziehen.

Murakami_Sputnik SweetheartAls „Sputnik Sweetheart“ bezeichnet Sumire Miu, die siebzehn Jahre ältere, verheiratete Frau, in die sie sich verliebt, nachdem sie lange Zeit glaubte, sich nie verlieben zu können. Miu kleidet sich edel und reist als Weinhändlerin nach Griechenland, sie nimmt Sumire als Assistentin mit sich. Doch dann verschwindet Sumire auf der griechischen Insel, als hätte sie sich „in Rauch aufgelöst“. Miu kontaktiert den Erzähler der Geschichte, K., und er (als heimlicher Verehrer Sumires) kommt in seinen Schulferien aus Japan nach Griechenland. Dort trifft er Miu, die Frau, die seit eines traumatischen Erlebnisses in einem Riesenrad schneeweißes Haar hat. Jedoch Sumire bleibt verschwunden, ihre nächtlichen Anrufe bei K., dem Lehrer, bleiben aus…

In einer lernintensiven Zeit las ich diesen Roman Murakamis „so nebenbei“. Insofern gut, denn bei „Sputnik Sweetheart“ fiel es mir nicht schwer, das Buch beiseite zu legen oder es mal zwischendurch in der U-Bahn zu lesen. Möglicherweise ist meine Erwartungshaltung nach der Lektüre von „1Q84“, dem „Mister Aufziehvogel“ oder „Hardboiled Wonderland“ mittlerweile zu sehr angewachsen. Dieser Roman des Autors musste mich regelrecht enttäuschen.

Die Geschichte ist zu konstruiert, die Sprache um Längen zu oberflächlich und nuancenarm, die Figuren zu plakativ – ich kann mich für „Sputnik Sweetheart“ nicht erwärmen. Selbst die bekannten, und sonst geschätzten murakami-typischen Elemente wie der Mond, die Verschiebung der Wirklichkeit und der Brunnen forderten mir hier lediglich ein müdes Lächeln ab. Zu wenig passten sie in den Kontext, zu eingestreut erschienen sie mir hier. Sumires verwandelte Art während ihrer Verliebtheit, das unerfüllte Verlangen des Erzählers nach ihr, die kühle Miu – sie bleiben mir fern. Ihre Geschichten kommen mir belanglos vor. Lediglich ein paar von Murakami erzeugte Bilder bleiben. Leider hat dieser Roman jedoch nichts besonderes für mich. Oder ich las ihn zur falschen Zeit.

Haruki Murakami: Sputnik Sweetheart, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, erschienen bei btb, 2004

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8 Gedanken zu “Haruki Murakami: „Sputnik Sweetheart“, Roman (2004)

  1. Liebe Laura,
    ich fand es äußert spannend über deine Erfahrungen mit diesem Buch zu lesen. Murakami und ich sind bisher leider auch nicht wirklich warm geworden miteinander – trotz mehreren Versuchen. Das einzige, was ich wirklich gerne bisher von ihm gelesen habe, war eine art Sachbuch: „Untergrundkrieg. Der Anschlag von Tokyo“ – ein unheimlich spannend und eindrücklich zu lesendes Protokoll eines Anschlags von einer Sekte.
    Liebe Grüße
    Mara

    1. Liebe Mara,
      das von dir erwähnte Buch von ihm wiederum habe ich noch nicht gelesen. Aber das werde ich wohl früher oder später nachholen.
      Dass du ansonsten noch nichts mit ihm anfangen konntest, erstaunt mich fast. Doch möglicherweise ist der „Magische Realismus“ nicht so deins? Die oben erwähnten anderen Bücher von ihm liebe ich ja. Diesmal war ich allerdings enttäuscht. Ich bin gespannt, wie es das nächste Mal ausgeht.
      Allerdings sollte man vielleicht auch nicht den Anspruch haben, alle Bücher eines Autors unbedingt gut finden zu müssen! Man denkt das oft, aber es kommt doch letztlich auf jedes einzelne Buch drauf an, oder?
      Sag auf jeden Fall Bescheid, wenn du mal mehr von ihm liest 😉

      1. Liebe Laura,
        ich habe mich bisher schon an einigen Büchern von ihm versucht und diese auch durchgelesen, wirklich begeistern konnten sie mich jedoch nicht. Als nächstes wollte ich es mal mit „IQ84“ versuchen und bin schon gespannt.
        Vielleicht liegt meine Schwierigkeit mit Haruki Murakami in der Tat im „Magischen Realismus“ begründet – damit kann ich nämlich nicht viel anfangen. Es ist deshalb sicherlich auch nicht erstaunlich, dass es im „Untergrundkrieg“ nicht in der Tradition des „Magischen Realismus“ steht.
        Ich werde aber auf jeden Fall von meinen Lektüreerfahrungen mit „IQ84“ berichten, wenn ich es denn gelesen habe. 🙂

        Liebe Grüße
        Mara

  2. Guten Morgen, Laura,
    ich lese gerade die „Wilde Schafsjagd“ von Haruki Murakami.
    Es ist das erste Buch von ihm, das ich lese und es fasziniert mich schon. Auf meiner audible Hörbuchwunschliste steht auch IQ84 —- ich werde es mir irgendwann kaufen, über 30 Stunden Hörgenuß oder auch kein Genuß.
    Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

    1. Guten Morgen Susanne,
      also 1Q84 wird sicher toll, auch als Hörbuch! Als Roman gehört es zu meinen absoluten Favoriten und ich überlege sogar, es noch mal zu lesen (obwohl ich das eigentlich nie mache)…
      „Wilde Schafsjagd“ kenne ich noch nicht, ich glaube aber, Katja hat es gelesen. Enthält es auch einige „magische“ Elemente, über die man sich wundert?
      Beste Grüße an dich, Laura

      1. Naja, nicht ganz „Tanz mit dem Schafsmann“ habe ich gelesen und für gut befunden 😉 Mein nächster Murakami wird „Kafka am Strand“ werden, der schon hier auf mich wartet …

        Zum Thema „muss man alle Bücher eines Autors mögen“ – natürlich nicht, ein Autor ist ja ein Mensch, dieser entwickelt sich, verändert sich und lernt mit der Zeit oder hat eben auch schlicht mal nicht den zündenden Einfall. Schreiben ist ein Prozeß und man sollte einem Autor Phasen zugestehen, in denen er seine Profession vielleicht nicht mit voller Kraft ausüben kann oder einfach mal keine guten Ideen hatte oder fehlende Inspiration der Umsetzung … Dann schwächelt er eben auch mal und sein Stil leidet … Manch Autor wächst mit jedem Buch, bei anderen Autoren aber, die sehr früh schon mit hoher Qualität schreiben, nimmt diese dann manchmal ab mit den Jahren … Das sollte man als Leser nie vergessen, und daher nicht vorschnell harsch urteilen, aber natürlich kann man sagen diesen oder jenen Titel findet man schlecht oder weniger gelungen. Wie Laura schon sagt, jedes Buch steht für sich und eben auch für eine Phase in der ein Schreiber sich befindetl. ich selbst könnte keinen Autor nennen, dessen Werke ich ausnahmslos alle hervorragend gelungen finde und die mich gleichsam berühren, wer dies tut, ist meiner Meinung nach nicht kritisch und betrachtet die Dinge zu einseitig … Dass Murakami bei vielen nicht ankommt, kann ich nachvollziehen. Ich habe bisher erst 2 Bücher von ihm gelesen und bin dennoch auf weitere sehr gespannt, weil ich ergründen möchte, was sein Werk ausmacht und wie er sich entwickelt hat … Seine Bücher bleiben in jedem Fall im Gedächtnis, seine Figuren sind (meist) eindrücklich, die Szenarien und Erzählumgebung wunderbar magisch-surreal und sie durchzieht eine gewisse sensible Trauer und absurde zwielichtige Stimmung … Zumindest so in den Titeln, die ich bisher las und laut Aussagen anderer Leser.

        Murakami hat Kraft, in jedem Fall, ob man seine Art zu erzählen nun ansprechend oder ablehnend empfindet …

      2. Oh, ich hatte nur irgendwas mit „Schaf“ im Kopf, wovon du mal erzähltest, daher nahm ich an, es wäre das von Susanne erwähnte gewesen 🙂

        Ein Autor hat vermutlich schon einen ihm eigenen Stil, an dem man ihn gewissermaßen wieder erkennen kann. Bei Murakami mag ich diesen Stil sehr.
        Das heißt dann aber eben nicht, du hast das ja schon ausführlich dargelegt, dass man alle Bücher eines Autors toll finden muss. Klar, er entwickelt sich und das sollte man dem Schreibenden auch zugestehen. In der Musik ist es auch ganz ähnlich. Dieses Risiko muss jeder Künstler eingehen: dass er was Neues ausprobiert und dadurch vielleicht alte Fans verliert. Aber am Ehrlichsten ist es wahrscheinlich, wenn man einen Autor oder Künstler nicht komplett abschreibt für etwas, was man nicht mochte, sondern ihm später wieder eine Chance gibt… So bleiben die Künste lebendig!

      3. Hallo Laura, hallo Katja,
        auf meinem Schreibtisch türmen sich Berge und so komme ich erst jetzt dazu, euch zu antworten.
        Ich denke auch, dass ein Autor sich entwickelt, so wie wir bildenden Künstler es ja auch tun. Das Schaffen ist sehr abhängig vom Zeitgeist und der eigenen Situation, in der man sich als Schaffender befindet.
        Ich denke auch, dass das Risiko etwas neues einzugehen besser ist als zu stagnieren.
        Ich wünsche euch einen schönen Abend….
        LG Susanne

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