Fee Kathrin Kanzler: „Die Schüchternheit der Pflaume“, Roman (2012)

Meine Geschichte, denke ich, spielt in einem Fee Kathrin Kanzler_Die Schüchernheit der PflaumeLand, wo Dämmerungen genauso lang wie Tag und Nacht dauern. Der Himmel dieser Geschichte ist rosa und ihr Horizont schwarz. Nach Zwielicht riecht sie, nach dem Moos auf Stadtdächern, nach Mandelseife und ein wenig nach Benzin. Nach den Stahlsaiten meiner Gitarren und nach Männerhemd. Was sie zusammenhält, ist letztlich nur ein Fädchen, das durch die Hände einer numinosen Spinnerin läuft. Wahrscheinlich hat sie blaue Finger wie ich, Sudelpfoten, und schmiert meinen Faden schon beim Spinnen voll. Die Götter sitzen in der Tinte.

Die namenlose Erzählerin tanzt sich durch ihr Leben, das voller kleiner Entdeckungen steckt, schläft mit Männern, deren Eigenarten sie geistig in ihren Erinnerungen versammelt, trinkt Tee und lauscht dem, was die Götter ihr einflüstern. Mit glänzenden Augen liest man ihr dabei zu, schüttelt den Kopf angesichts soviel Leicht(sinn)igkeit und will doch immer mehr davon. Mehr von diesen wunderschönen Wortbildern, die Fee Kathrin Kanzler aufs Papier gezaubert hat.

Es passiert nicht viel auf den 318 Seiten, man ist einfach beim Lesen lebendig. Wer sich beim Lesen jedoch eine geschickt konstruierte, handlungsreiche, mit verschiedenen, sich entwickelnden Charakteren eingefädelte Geschichte wünscht, der ist hier im falschen Zimmer. Goldglanzrichtig ist jeder, der Sprache vergöttert und ihr einen kleinen Nischenaltar errichten möchte. Des Weiteren, wer nach Leichtigkeit, Lebendigkeit und liebenswürdigen Lebewesen sucht.
„Mich begeistern Kleinigkeiten. Das Schöne ist überall, und wichtig. Wer es nicht sieht, geht unter. Zugegeben, wer es sieht, auch. Aber zusammen mit der Schönheit unterzugehen, das ist es, worauf es ankommt.“
Um Schönheit geht es, und darum, nicht irgendwer zu sein. Jemand zu sein, der etwas hinterlässt.

Ich bin nur ein Notizblock für die Götter, sie benutzen mich, kritzeln mich voll mit ihren Ideen. Irgendwann werfen sie mich weg.

Dabei immer präsent ist der drohende Verfall, der sich in der Phantasie der Erzählerin unablässig vollzieht. Dies macht den Roman zu einem melancholischen Buch:

Die Grenze zwischen Bestand und Verfall ist eine dünne Linie, brüchig wie der Lack alter Parkbänke. Die Fundamente der Häuser, denke ich, könnten nachgeben wie morsches Holz. Der Bordstein könnte unter meinen Schuhen wegbröckeln, unter meinem Absatz zerkrümeln wie alter Käse. Auf diesem Treibsandgefühl gehe ich nach Hause.

Die Beziehungen, die die Protagonistin unterhält, sind ebenso flüchtig wie das Licht. Man spürt zwischen den Zeilen ihre Angst, alles zu verlieren. Und doch ist es genau das, was auch ihre Leichtigkeit ausmacht. Nichts ist von Bestand, nichts, dessen man sich sicher sein kann. Das macht alles einzigartig und bezaubernd.

 So bleibt auch dieses und jenes offen in der Luft hängen. Dieser Erzählstrang um die Germanistikstudentin Saskia zum Beispiel versandet, für die die Erzählerin doch einen Song schrieb; wo ist sie auf dem Konzert am Ende? Und jene Nacht, in der die Protagonistin zusammen geschlagen wird, als sie von einem ihrer reicheren Liebhaber kommt, wer schickte den Schlägertrupp wirklich? Weshalb werden krasse Anschläge in den Städten erwähnt, soll der Eindruck einer Dystopie vermittelt werden? Stellenweise ist mir die sehr phantasievolle, synästhetisch veranlagte Protagonistin, die jeglichen Drogen fernbleibt, ein Rätsel: Mal ist sie euphorisch beglückt, mal zutiefst philosophisch grüblerisch.

Ich öffne ein Fenster und lehne mich hinaus. Trauer überfällt mich, dass ich meine eigene Geschichte, selbst wenn ich eines Tages an ihr Ende gelange, nicht begreifen werde. Am Ende wird sie mir entgleiten. Und jetzt, mittendrin, ist alles wirr. Nie, zu keinem Zeitpunkt, kann ich sie in die Hand nehmen, umfassen, eine feste Kugel, eine glatte Murmel. Nur die Götter können das.

So oder so: Ich halte das Buch für einen Debütroman, der ein kleines sprachliches Meisterwerk ist. Die Sätze sind in der Regel kurz, prägnant, aber von so poetischer Schönheit, dass ich mir seitenweise Zitate aufschrieb. Fee Kathrin Kanzler wirft mit Metaphern um sich, mit Wortkristallen, vielen Farben und Adjektiven, dass es nur so rauscht im Kopf.

Wer mit offenen Erzählsträngen Schwierigkeiten hat, Probleme mit detaillierten Schilderungen promiskuitiver Lebensstile hat oder ungern in Wortmalereien schwelgt, sollte dieses Buch nicht in die Hand nehmen. Für alle die Sprachspielereien und lockere Lebensarten lieben oder sich gern Träumereien und Gedankenschwelgereien hingeben, könnte ich noch viel mehr Zitate niederschreiben… doch dann lest lieber selbst 🙂

„Die Schüchternheit der Pflaume“ ist eine Ode an das verspielte, verantwortungslose Leben, fern jeglicher Verpflichtungen… Ein Lebensstil, den ich nicht teile, manchmal sicherlich neidisch beäuge, aber auf Dauer doch nicht für wünschenswert halte. Was bleibt ist ein eindrucksvolles Sammelsurium von Wortperlen, die ich mir in ein verschnörkeltes Holz-Kästchen lege, um sie dann und wann einmal zu betrachten und ihren farbig-schillernden Duft zu kosten.

Advertisements

16 Gedanken zu “Fee Kathrin Kanzler: „Die Schüchternheit der Pflaume“, Roman (2012)

  1. Liebe Laura, dir ist eine wunderbare Rezension zu einem Buch gelungen, das ich zu Beginn dieses Jahres auch mit sehr großer Begeisterung gelesen habe. Sprachgewaltig trifft es sehr genau und man muss diese Wortbilder mögen, um auch das Buch mögen zu können. Ich hoffe sehr, dass wir bald weiteres dieser spannenden Autorin zu lesen bekommen werden. 🙂

    1. Danke für das Lob, liebe Mara. Also ich mag ihren Umgang mit der Sprache wirklich sehr und sie hat mich ganz in ihren Bann gezogen, trotz der angesprochenen feinen Unstimmigkeiten. Das Thema hatten wir stellenweise schon öfters, dass eine beeindruckende Sprache viel wieder wett macht, was inhaltlich fehlen mag 🙂
      Genau wie du will ich auf jeden Fall noch mehr von ihr lesen!

      1. Ja, ich erinnere mich, dass dieses Thema schon öfter diskutiert wurde. Besonders beschäftigt hat es mich ja im Zusammenhang mit „Der Tigerfrau“, da hat auch die tolle Sprache nicht über den mauen Inhalt hinwegtäuschen können. 🙂

  2. Ich finde auch, Laura, dass du dich bei deiner Rezension sehr schön von Fee Kathrin Kanzler Sprache hast inspirieren lassen und dir eine bezaubernde, aber auch pointierte Buchkritik gelungen ist!

    1. Inspirierend ist das Buch absolut! Es freut mich, wenn ich diese Inspiration vermitteln konnte 🙂 Hast du es eigentlich auch gelesen, Karo?

      1. Nein, hab’s leider noch nicht gelesen. Aber habe ja jetzt einen schönen Einblick von dir erhalten 🙂

  3. Mich überzeugt ja das Buch nicht so wirklich. Ich hatte schon die Rezension der Klappentextertin gelesen und fand die Autorin recht sympathisch und interessant, und hab ein wenig darin umhergeblättert. Doch reizt mich der Inhalt nicht wirklich und die Sprache ist mir eindeutig zu lieblich, überbordend, zu zuckrig, zu schwer, zu gewollt poetisch metaphorisch und die Geschichte nicht wirklich so interessant oder neu. Und ich kann nicht sagen, dass ich Sprachspielereien nicht mag – ich mag ja auch Lyrik wie Rilke und der strotzt vor poetischen Sprachspielereien. Mir geht irgendwie der Inhalt ihrer Geschichte und die Antiquiertheit ihrer Sprache nicht zusammen … Da stört mich etwas … Was will die Autorin? Worum geht es ihr? Ich habe auch den Eindruck eines sehr antiquierten Weltbildes, da sie sich immer wieder auf „die Götter“ bezieht … Scheint mir sehr wirklichkeitsfern, aber nicht magisch, sondern antiquiert-verklärt …

    1. Wirklichkeitsfern, ja. Als magisch würde ich es auch weniger bezeichnen, das sind eher die Bücher Murakamis oder Yoshimotos.
      Gerade in dem zweifellos verklärten, wirklichkeitsfernen, rauschhaften Erleben liegt der Zauber dieses Romans und seiner Sprache für mich. Vielleicht kann man das besser nachvollziehen, wenn man nicht nur stückweise Zitate, sondern das ganze Buch liest 😉 Worum es der Autorin geht, kann ich natürlich nur für mich interpretieren: Ich denke, es geht vordergründig darum, diese Leichtigkeit eines Lebensstils auszudrücken, sicherlich einhergehend mit einer Naivität der Protagonistin, die einfach nur lebendig ist. Die Liebe zur Musik, zur Wahrnehmung und zum Leben stehen für mich im Vordergrund. Und das wird durch diese Sprache, die FKK verwendet, sehr eindrucksvoll untermalt. Zuckrig, klebrig, süß mag sie stellenweise sein, es passt aber. Das Lesen ist ein Eintauchen in eine leicht(fertig)e Wahrnehmungswelt.
      Womit ich gar nicht mitgehe, ist deine Verwendung des Begriffs „antiquiert“. Womöglich habe ich eine andere Begriffssemantik im Kopf als du, aber antiquiert finde ich die Sprachverwendung genauso wie das Weltbild hier gar nicht. Die Sätze sind kurz und knallig, inhaltsbunt – das empfinde ich eher als neusprachlich. Die zwischendurch (im Kopf der Protagonistin) auftauchenden Götter verstehe ich eher als Schicksalsmächte, Fadenspinner, kleine kichernde Wesen, die manchmal erscheinen und gucken, was sie da im Leben der Menschen angerichtet haben. Im Grunde gefällt mir gerade dieses Einbringen solcher Wesen in diese sinnliche Welt des Romans, weil alles rational-erklärte hier nicht passt.

      1. Sicherlich, umadäquat zu urteilen, kann man mir vorwerfen, es nicht ganz gelesen zu haben. Aber um es zu kaufen und zu lesen, muss ich überzeugt sein, dafür andere Bücher wegzulegen, das tut es einfach nicht … Mich spricht die Sprache hier nicht so an, es wirkt für mich zu stilisiert, fast schon „kitschig“, dazu muss ich nicht das ganze Buch gelesen haben. Über den Inhalt äußere ich mich nicht, da ich diesen ja im Einzelnen nicht kenne … Hier erlaube ich mir, ein Geschmacksurteil zu einem Stil zu fällen, den man auch an einzelnen Sätzen ablesen kann. Ich wünsche der Autorin viele Leser, aber meinen Geschmack trifft es nicht … Mal sehen, wie sie sich weiterentwickelt und was sie noch so schreibt.

      2. Ich finde es schwierig ein Buch anhand weniger Seiten zu beurteilen, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Sprachlich habe ich das Buch weder als zuckrig, noch als kitschig empfunden und bin erstaunt, wie du zu diesen Urteilen kommst. So unterschiedlich können scheinbar Wahrnehmung und Geschmack ausfallen. 🙂

  4. Ich beurteile lediglich den Stil und sage, dass es mich nicht reizt, es ganz zu lesen. An keiner Stelle sage ich, dass ich das Buch inhaltlich schlecht finde, das kann ich ja auch gar nicht. Die Stil-Frage ist eine Frage des Geschmacks und wir können uns jetzt lange darüber unterhalten, wann ein x schön ist, um es mit Kant zu sagen … Ich sage einfach, dass es mich nicht reizt, zu lesen, weil mir die Sprach- und Wortwahl zu nah am synästhetischen Kitsch ist und das empfinde ich so, und das beschriebene inhaltliche Konzept und die Hauptfigur überzeugt mich auch nicht wirklich oder um es eher zu sagen, interessiert mich nicht sonderlich … Wohl kann ich kein Buch beurteilen, aber doch den Stil einer Sprache, den ich ja auch bei einem Gedicht von wenigen Zeilen beurteilen kann. Und selbst wenn ich jetzt die einzige Frau auf diesem Planeten wäre, die das bei dieser Sprache so empfindet, dann ist das eben so. Die Zeit ist kostbar und die Lesezeit auch, also sucht man sich die Bücher, die man glaubt lesen zu müssen und für die man sich die Zeit nehmen will – manchmal geht das eben auch nach dem Sprachgefühl und das ist mir hier grad zuviel …

    1. Liebe Katja,
      ich wollte dir auch an keiner Stelle absprechen, dass du das Buch so beurteilst – deshalb schrieb ich ja auch, dass Geschmäcker nun mal einfach verschieden sind. Mich hat lediglich die Kategorie „Kitsch“ und „Schnulz“ erstaunt, da ich diese beiden Begriffe mit dem Buch eher nicht in Verbindung bringe und es schwierig finde, so etwas nach wenigen Seiten zu beurteilen. 🙂
      Ich wünsche dir einen schönen Start ins Wochenende!
      Mara

      1. Zum Begriff nochmal – „Kitsch“ muss übrigens nicht unbedingt „Schnulz“ sein a la Liebes-Frauenliteratur, Wortspielereien sind in der Lyrik wunderbar, in Romanen derart verdichtet, stören sie manchmal oder verwirken ihren Sinn, als sprachlich-modern empfinde ich das bei weitem nicht. Warum hat sie keine Lyrik verfasst, wenn Sprachspielereien ihr so wichtig sind und ihr liegen? Aber gut.
        Dir auch ein wunderbares Wochenende!

  5. … Nachtrag: Vielleicht ist es auch für mich einfach gerade nicht die richtige Zeit für dieses Buch, manchmal relativiert sich das ja. Es soll nicht so aussehen, daß verurteile ich ein Buch, das ich nicht in Gänze kenne. Es sind lediglich meine subjektiven kleinen Gefühle hinsichtlich der Begegnung mit diesem Titel in Blogs, Buchhandlung und Co. und der Überlegung, was ich als nächstes lese und wie ich Sprache empfinde. Aber genug von mir. Ich will euch keineswegs die Freude am Lesen dieses Buches vermiesen. Jeder hat seine Meinung zu jeder Zeit.

  6. Liebe Laura,

    für mich war es ein besonderes Leseerlebnis, weil es so anders ist, ein Buch zum Träumen, zum Dahinschweben – ohne feste Formeln, ohne einen lauten Knall. Genau darin liegt wohl auch der Knackpunkt. Die einen lieben es, die anderen vermissen etwas. Ich freue mich sehr, dass dich dieses Debüt trotzdem eingefangen hat und dich die Wortperlen verzaubern konnten.

    Herzlichst,

    Klappentexterin

    1. Liebe Klappentexterin,
      das stimmt, dieses Buch ist anders. Und für mich war es aufgrund seiner Unbeschwertheit genau das, was ich gerade brauchte. Vielleicht ist so etwas das Schönste: Wenn ein Buch genau im richtigen Moment gelesen wird 🙂
      Beste Grüße zum Wochenende,
      Laura

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s