@bout David Wagner: Leben (Roman, 2013)

Über das Buch

Für diesen Dialog entschieden wir uns, dass wir das Buch  lesen, welches den Preis der Leipziger Literatur- Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewinnt. Der Preis ging glücklicherweise an David Wagner und sein Buch „Leben“, unsere geheime Hoffnung.

In „Leben“ beschreibt der Ich-Erzähler die Geschichte seiner Lebertransplantation. Der Leser erlebt die Krankenhausaufenthalte und gedanklichen Auseinandersetzungen des Erzählers mit, der seit seiner Pubertät an einer Autoimmunerkrankung leidet, die die Leber zerstört. Tag für Tag wartet er auf die erlösende Nachrichts und den Anruf des Arztes: Wir haben eine Leber für sie. Wie fühlt man sich, wenn man darauf hoffen muss, dass ein anderer Mensch stirbt, damit man selbst weiterleben darf? Was bedeutet Leben, wenn man nicht weiß, ob es weiter gehen wird, und welche Gedanken bewegen einen Menschen dabei? Davon erzählt David Wagner und wir sind ihm dabei gefolgt.

Zeus hat Prometheus dafür bestraft, daß er den Menschen das Feuer gebracht hat. Er kettet ihn auf einem Felsen an und läßt einen Adler jeden Tag ein Stück von seiner Leber fressen. Prometheus ist gefesselt, stirbt aber nicht, der Mythos weiß um die erstaunliche Regenerationsfähigkeit des Organs. Lebergewebe wächst nach, sieh an. Wachs doch nach, liebe Leber.

David Wagner_ LebenKatja: Als erstes muss ich sagen, dass ich froh war, dass David Wagner gewonnen hat, weil mich das Buch auch am ehesten interessiert hatte von den diesjährigen Nominierten. Ich bin ja eher nicht so, dass ich die Bücher lese, die einen Literaturpreis gewinnen, weil das nicht unbedingt was zu sagen hat hinsichtlich der Qualität des Textes, aber gut …

Ich hab mich zuerst gefragt, warum das Buch nicht „Leber“ heißt – sondern „Leben“ –  hätte ja zum humorvollen Grundton gepasst ….

Laura: Interessant, ich habe beim Lesen immer gedacht, das Buch könnte auch „Sterben“ heißen. Im Grunde befindet sich der Erzähler ja stets auf der Grenze zwischen Leben und Sterben, auch mental. Aber letztlich will er ja leben und es ist natürlich positiver ein Buch so zu nennen 😉
Und zum positiven Grundton passt natürlich auch der Umgang mit Humor. Ich finde auch, das Buch ist sehr authentisch und menschlich geschrieben.

Katja: Ja, menschlich berührend bei einer traurigen Thematik, aber ohne diese schwere Thematik von Krankheit und Sterblichkeit auch so schwer wiederzugeben. Der Autor beschreibt ja quasi schon autobiographisch durch den Ich-Erzähler die Gefühle während seines eigenen Krankseins und Leben mit einem kaputten Organ, das ihn seit seiner Jugendzeit völlig beeinflußt hat. Das aber auf sehr sensible, intelligente und humorvolle Art und Weise und ohne Selbstmitleid: „Leber habe ich noch nie gemocht. Vor ihrem Geruch und ihrer eigentümlichen Konsistenz habe ich mich immer ekelt. Wenn es, meine Großmutter hat das hin und wieder zubereitet, gebratene Leber mit Zwiebeln, Apfelringen und Kartoffelpüree gab, habe ich das Püree gegessen, die Leber aber nicht, die rührte ich genausowenig wie Leberwurst an …“

Laura: Wobei er dabei auch nicht unsensibel wird, sondern wirklich mit viel Feingefühl ausdrückt, was in jemandem vorgeht, der sterben muss. Welche Gedanken dann in einem herumgeistern, warum ausgerechnet man selbst weiterleben darf, andere aber nicht. Besonders berührend fand ich da diese Stelle: „Der Mann, seinen Namen habe ich nicht verstanden, wir haben uns bloß guten Tag gesagt, als ich ins Zimmer geschoben wurde, weiß jetzt, daß er bald, sehr bald, dieses Jahr noch, in zwei oder drei, vielleicht auch erst in vier Monaten, tot sein wird. (…) Als der Arzt  das Zimmer verlassen hat, fängt der Mann an zu weinen. Er fängt nicht bloß an zu weinen, er bricht in Tränen aus. (…) Ich weiß, warum, und kann nichts sagen. Sollte ich sagen: Tut mir leid, daß ich operiert werden konnte, Sie aber nicht?“

Katja: David Wagner findet Worte für Gedanken und Gefühle, die Menschen haben in einer ähnlichen Verfassung, und dies sehr berührend, klar und metaphorisch. Man merkt auch, dass er sich viel mit dem Körper, der Medizin und überhaupt seiner Krankheit beschäftigt hat, da er auch an manchen Stellen die Diagnosen, die ein Arzt bei der Anamnese stellt direkt beschreibt inklusive lateinischer Begriffe. Er bewegt sich also sowohl auf der abstrakten Ebene eines medizinisch-nüchternen Befunds einer Krankheit mit einigen lateinischen Begriffen und der Medikation und andererseits findet er eine bildhafte Sprache für das Gefühl mit einem kranken und versehrten Körper leben zu müssen. Das fand ich beeindruckend … Dennoch muss ich sagen, dass ich interessant finde, dass genau er den Preis gewonnen hat. Denn die Handlung trägt weniger den Roman, aber ist das überhaupt ein Roman, oder eher sehr autobiographisch? Ich kenne seine anderen Bücher nicht, ob sich diese autobiographischen Züge durchziehen, frage mich aber – was bleibt bei mir in einigen Jahren von dem Roman hängen? Mich beeindruckt eher seine Sprache und das Gefühl, die feine traurig-humorige Ernsthaftigkeit, ja ein Widerspruch, aber fein gelöst. Menschen, die selbst krank sind, finden sich sicherlich darin wieder. Was würdest du sagen? Wem würdest du das Buch empfehlen?

Laura: Also ich finde es auf jeden Fall total wertvoll, dass solch ein Buch, ob nun Roman oder autobiographische Schilderung, den Preis gewonnen hat. Die Auseinandersetzung innerhalb unserer Gesellschaft mit Krankheit und Sterben lässt ja nach wie vor zu wünschen übrig. Umso wichtiger, dass es Autoren wie Wagner gibt, die sich literarisch damit auseinandersetzen. Eine direkte Empfehlung gebe ich eher selten, in diesem Fall am ehesten jemandem, der sich ohnehin mit ernsthaften Themen befasst. Ich glaube, abgesehen vom Inhalt, dass es zumindest bei mir ein Buch ist, von dem nicht sooo viel bleiben wird.

Katja: Das sehe ich ähnlich. Interessant, dass wir das mal wieder ähnlich wahrnehmen ;). Aber ich empfinde das auch, dass ich es jetzt nicht als das unbedingt zu lesende Buch für heutige Gegenwartsliteratur empfehlen würde. Inhaltlich passiert nicht so viel, die Struktur und Handlungsebene ist recht einfach gehalten. Aber es ist wichtig für besonders jene Menschen, die vielleicht so ein bißchen den Zugang zum Körperlichen verloren haben und mal wieder erinnert werden sollten, dass wir alle sterblich sind und damit setzt sich der Autor in der Figur des Ich-Erzählers auf intelligente, sensible Weise wie in einer Art Monolog auseinander. Beim Lesen zurück bleibt eine feine Traurigkeit und das Gefühl Glück gehabt zu haben, nicht krank zu sein …

Laura: Richtig, in der Hinsicht ist das Buch auf jeden Fall lesenswert. Ich bereue es im Übrigen auch gar nicht, dass wir dieses Buch nun gelesen haben, ohne es aktiv ausgewählt zu haben.

David Wagner: Leben. Rowohlt Verlag Hamburg 2013

David Wagners Website

David Wagner im Interview kurz vor der Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse

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6 Gedanken zu “@bout David Wagner: Leben (Roman, 2013)

  1. Merci für diesen schönen Dialog, ihr beiden! Dieses Buch hatte ich bereits im Blick – der Autor kommt Ende des Monats nach Frankfurt, dann werde ich es mir sicher kaufen. Von Wagner habe ich bisher nur Vier Äpfel gelesen, eine kurzweilige Lektüre, viele amüsante, aber auch kluge Beobachtungen, aber nicht unbedingt etwas, das im Gedächtnis bleibt. Außerdem habe ich den Autor aus Welche Farbe hat Berlin? lesen gesehen – auch hier ist mir das aufgefallen: dass er eine unglaublich genaue Beobachtungsgabe hat.

    Von Leben glaube ich, dass es in meinem Gedächtnis bleiben wird – zumindest denke ich gerade an Arnos Geiger Der alte König in seinem Exil, worin sich Geiger mit der Demenzerkrankung seines Vaters beschäftigt. Inhaltlich also durchaus vergleichbar mit Wagners Buch. Sprachlich exzellent, es hat mich gleich auf mehreren Ebenen zutiefst beeindruckt. Vor allem Geigers Zugang zur Krankheit – die Tatsache, dass er sich nicht auf den Verfall konzentriert, auf den Verlust, sondern auf das, was durch die Krankheit gewonnen wird, nämlich eine erneuerte Nähe zwischen Vater und Sohn. Sehr bewegend, mitunter auch witzig, immer aber wahnsinnig klug. Ich bin gespannt, ob Wagners Buch dieselbe Wirkung auf mich hat.

    1. Liebe Caterina,

      von Geigers Buch hatte ich schon einiges gehört. Ich werde es mir mal merken, wenn du meinst, es sei ähnlich tiefgründig und gelungen.
      Es stimmt, David Wagner ist ein guter Beobachter und beim Lesen nimmt er einen so richtig mit in seine Gedanken und klugen Beobachtungen. Dennoch glaube ich, es wird bei mir auf lange Sicht nicht so viel bleiben. Es war keine erzählerische Wucht und auch vom Inhalt her nicht so aufwühlend und beeindruckend, wenn auch sprachlich gut erzählt. Ich hätte es vermutlich auch so nicht unbedingt gelesen. Ich bin ja sehr vorsichtig und wählerisch bei Neuerscheinungen und Preisträgern überhaupt, aber das ist eben eine persönliche Sache von mir und meinem Vorgehen Bücher auszuwählen, die ich lese. Dennoch – David Wagner kann seine Beobachtungen sehr sensibel und pointiert zusammenfassen, beschreiben und in Worte kleiden. – Lg

  2. Ihr Lieben, also mich hat euer Dialog jetzt endgültig überzeugt, das Buch NICHT zu lesen. Ist das jetzt Literatur? Ist das nur so beeindruckend, weil jemand niederschreibt, was er selbst erlebt hat? Darf man das dann überhaupt kritisieren und angreifen? Für mich klingen die Lesestellen eher banal bzw. naheliegend oder nachvollziehbar. Auch wer nicht sterbenskrank ist, macht sich solche Gedanken. Da ich mir also weder einen Erkenntnisgewinn noch ein literarisches Kunstwerk von dem Roman erhoffe, knick ich mir die Lektüre.

    1. Liebe Karo – das ist ja spannend, dass wir dich überzeugen konnten, einen Roman nicht zu lesen. Das hat ja auch was für sich. Daher ist so ein Dialog auch nicht schlecht. Laura und ich empfanden das Buch ziemlich gleich, interessant. Wir hatten vor dem Dialog noch nicht eine Silbe davon geredet und hatten dann dieselbe Empfindung, obwohl wir bei Büchern auch öfter auseinander gehen, wie man bei Fee Kathrin Kanzler sehen konnte … Nun ja, man muss nicht jedes Buch lesen. Dass mit dem Autobiographischen möchte ich nochmal relativieren. Wir kennen die Geschichte David Wagners nicht – er sagt selbst, es sei vieles so gewesen, aber die Figur sei nicht er … Daher möchte ich da nicht vorschnell urteilen. Sicherlich kommen auf solche Gedanken auch „gesunde“ Menschen. Dennoch hat er eine interessante Art gefunden solche Gedanken über das Sterben, den Körper und Organtransplantation spannend und berührend in literarische Worte zu kleiden. Aber sicher ist die Grenze zwischen Autobiographie und Fiktion fließend. Die Wahrheit kennt nur der Autor und er spielt mit seiner Freiheit, völlig legitim. Als literarisches Kunstwerk würde ich es auch nicht bezeichnen, von daher unter diesem Aspekt brauchst du es nicht zu lesen. Gute Nacht.

  3. Vielen Dank für die ungewöhnliche Besprechung als Diolog. Ich habe das Buch schon eine ganze Weile auf meinem Stapel liegen, es drängelt sich aber immer irgendwie ein anderes vor. Ich bin aber – auch nach Eurem Beitrag – sehr gespannt nach den doch unterschiedlichen Meinungen zum Buch, wie ich es finden werde, zumal ich ja ein bisschen traurig darüber bin, dass Anna Weidenholzer beim Literaturpreis leer ausgegangen ist. Bin schon gespannt, wann er sich seinerseits mal an den anderen Büchern vorbei drängelt. Viele Grüße, Claudia

    1. Hallo Claudia, schön, dass du hergefunden hast zu uns. Die Form des Dialogs wählen wir zwischendurch öfter mal, wenn wir ein Buch gemeinsam lesen und es dann besprechen wollen… Sobald sich Wagner mal bei deinen anderen Büchern durchsetzen konnte, gib uns gern Rückmeldung, wie du es fandst…
      Stimmt, Anna Weidenholzer wäre auch interessant gewesen, ich las bereits mehrere Rezensionen darüber… Dennoch bin ich froh, dass es Wagner war, der gewann, da ich für unsere Gesellschaft ganz wichtig finde, dass Themen wie Krankheit und Sterben nicht tabuisiert werden.

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