XXIII. Sonntag mit Proust

Man muss nicht unbedingt ans Schicksal glauben, um festzustellen, dass manche Menschen eine besondere Bedeutung in unserem Leben haben. Selbst wenn sie aus unserem Leben verschwinden, gibt es selbst Jahre später Momente, in denen sie wieder „bei uns“ sind: In einer plötzlich aufschimmernden Erinnerung, in einer zufälligen Begegnung, in einem nächtlichen Traum, in einer überraschenden Nachricht…

Während solcher Augenblicke verschieben sich die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf eine Weise, die uns mysteriös erscheinen mag.

Proust war ebenso fasziniert von derartigen zeitlichen Überschneidungen:

Die Geschöpfe, die in unserem Leben eine große Rolle gespielt haben, verlassen es nur selten mit einem Schlag und für alle Zeiten. Sie tauchen immer wieder darin auf (so daß man manchmal an einen Neubeginn der Liebe glaubt) bis sie endgültig verschwinden.

(…)

Zweifellos findet jedesmal, wenn wir eine Person wiedersehen, zu der unsere – auch noch so belanglosen – Beziehungen sich geändert haben, eine Gegenüberstellung zweier Epochen statt.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

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