XXVI. Sonntag mit Proust: Von der Freundschaft

Ich habe schon gesagt (und gerade Saint-Loup hatte mir, ohne es zu wissen, in Balbec zu dieser Erkenntnis verholfen) was ich von der Freundschaft halte, nämlich so wenig, daß ich nur mit Mühe begreifen kann, daß große Geister, zum Beispiel Nietzsche, die Naivität besessen haben, ihr einen gewissen intellektuellen Rang zuzubilligen und infolgedessen sich Freundschaften zu versagen, die nicht auf geistiger Wertschätzung beruhten. Mir ist es immer erstaunlich gewesen zu sehen, wie ein Mann, der die Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber so weit trieb, daß er sich aus Gewissensbedenken von der Musik Wagners lossagte, meinen konnte, die Wahrheit werde sich in wesensmäßig so verworrenen und unangemessenen Ausdrucksformen verwirklichen, wie es das Handeln im allgemeinen und im besonderen Freundschaften sind, und es könne irgendeinen Sinn haben, daß man seine Arbeit verläßt, um auf die irrige Nachricht vom Brand des Louvre einen Freund aufzusuchen und mit ihm zu weinen.
In Balbec war ich so weit gekommen, das Vergnügen, mit jungen Mädchen zu spielen, als weniger verderblich für das geistige Leben, mit dem es einfach gar nichts zu tun hat, zu erachten als die Freundschaft, deren ganzes Bestreben es ist, den einzigen wirklichen und (…) nicht mitteilbaren Teil unserer selbst einem oberflächlichen Ich zum Opfer zu bringen, das nicht wie das andere Freude in sich selber findet, sondern eine verschwommene Rührung dabei verspürt, wenn es von außen her gestützt und in eine fremde Individualität gleichsam gastlich aufgenommen wird, wo es dann beglückt über den ihm zuteil gewordenen Schutz sein Wohlbehagen in Billigung ausströmen läßt und Vorzüge bewundert, die es an sich selbst als Fehler bezeichnen und zu korrigieren bemüht sein würde.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

Es erstaunte mich, von solch abschätzigen Ansichten des Protagonisten über die Freundschaft zu lesen. Ich teile diese Einschätzung, die Freundschaft sei „verderblich für das geistige Leben“ keineswegs. Ganz im Gegenteil: Die Freundschaft ist in meinen Augen eine Möglichkeit, sich gemeinsam geistig zu bereichern und sich auszutauschen.
Wahre Freunde, die in unserer schnelllebigen, unverbindlichen Welt seltener werden, sind nicht nur dafür da, dass man mit ihnen Freud und Leid teilt, nicht um an ihnen zu bewundern, was man an sich selbst kritisiert. Sie sind die Gefährten, die das Leben an Tiefe, Geist und Kräften reicher machen. Ohne meine Freunde möchte ich nicht sein!

Was meint ihr? Was bedeutet euch Freundschaft?

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3 Gedanken zu “XXVI. Sonntag mit Proust: Von der Freundschaft

  1. An der „Suche nach der verlorenen Zeit“ bin ich schon zweimal gescheitert, immer im ersten Band schon stecken geblieben, aber der Ausschnitt hier macht mir fast Lust, es vielleicht doch noch ein drittes Mal zu probieren. Natürlich finde ich Freundschaft auch sehr wichtig und bereichernd, aber der Textausschnitt lässt einen kurz innehalten und nachdenken, ob man sich manchmal nicht auch selber arg verbiegt, um dem Freund zu gefallen, oder andersherum den Freund sich manchmal schönredet und über seine Fehler großzügig hinwegsieht, um nur die Freundschaft nicht zu gefährden. Dennoch denke ich, dass Proust, bzw. sein Romanheld, der da spricht, im Unrecht ist: Wenn der „nicht mitteilbare Teil unserer selbst“ wirklich so viel Freude an sich selbst fände wie Proust hier postuliert, dann bräuchten wir vielleicht wirklich keine Freunde mehr zur gegenseitigen Ichstützung. Die Wahrheit scheint mir aber eher, dass dieses tief innere Ich meistenteils eher traurig dreinschaut und froh ist um jede Gesellschaft.

    1. Lieber Andreas, es würde mich wirklich freuen, wenn ich durch meine Zitatreihe kritisch-reflektierende Leser wie dich dazu (wieder)ermutigen könnte, die Proustlektüre fortzusetzen. Mich begleitet die „Suche nach der verlorenen Zeit“ nun schon einige Monate, ja eigentlich Jahre, und ich bereue es nicht. Vielmehr stellt meine sonntägliche Lektüre dieses etwa hundertjährigen Werkes eine Bereicherung für mich dar. Unter anderem auf Grund so interessanter und bezaubernd formulierter Textstellen wie dieser, die mich nachdenklich machen, gerade weil ich nicht inhaltlich komplett konform gehe! 🙂
      Du hast schon Recht, man sollte auch mal ein kritisches Auge auf die eigenen Freundschaften werfen und die eigene Rolle darin… insofern stimme ich dem Protagonisten (bzw. Proust durch ihn) zu. Letztlich jedoch, wie du ja auch feststellst, ist es wohl nicht so, dass dieses innere Ich soviel der Freude und Inspiration fürs Leben aus sich heraus zu ziehen vermag, als dass es sich nicht an der Gesellschaft und viel mehr noch: der Freundschaft erfreuen würde.
      In diesem Sinne: Setze deine Proustlesestunden am besten fort! (Für mich hat sich herausgestellt, dass Regelmäßigkeit bspw. an einem bestimmten Tag die Fortsetzung der Lektüre rituell zu unterstützen vermag ;))
      Mit bestem Gruße!

  2. Intellektuelle Gedanken kann man mit sich allein ausmachen und entwickeln und es braucht innere Kontemplation und Ruhe um so manches zu verstehen, was man liest, erfährt und lernt … Kein Freund wird einem die Probleme lösen können, die man mit sich selbst hat, und auch kein Partner. Für eine enge Beziehung zu einem anderen Menschen ist es notwendig, dass man mit sich selbst im Reinen ist und die Beziehung nicht Abhängigkeit oder Dominanz bedeutet … Man kann gemeinsam Leid teilen, aber letztlich muss jeder selbst mit sich klarkommen – das eigene Leben kann auch kein Freund retten und man sollte es ihm auch nicht aufbürden.
    Aber was wär ein Einzelner oder den Anderen, mit dem er seine Ansichten teilt, aus-einandersetzt, der ihn spiegelt, reflektiert – Ich würde meine Geistestätigkeit überhaupt nicht durch die Kommunikation mit anderen Menschen eingeschränkt sehen. Es kommt allerdings schon darauf an, ob man eher Nutzenfreundschaften pflegt oder Geitesfreundschaften, von denen man nicht viele im Leben entwickeln kann, weil sie so viel Nähe, Vertrauen und Arbeit verlangen, die man so nicht mit mehr als höchstens einer Handvoll Menschen teilen kann … Freundschaft basiert ja auch auf Liebe, Liebe zum Anderen, auch wenn das kitschig oder idealisiert klingt. Man darf den Freund natürlich nicht zu selbstverständlich nehmen, ja, jeder hat eine Rolle in einer Freundschaft und es sollte möglich sein, den Freund sich aus entwickeln zu lassen und ihn nicht statisch zu begreifen. Denn wenn man sich über viele Jahre begleitet, ändern sich ja auch die Lebensumstände wie auch die persönlichen Dispositionen. Wenn dann die Freundschaft nur auf abends feiern gehen oder eine bestimmte Musikrichtung teilen oder sich einer gemeinsamen „Szene“ zu bewegen, fusste, dann wird sie die Jahre nicht überstehen … Und manchmal merkt man erst nach ein paar Jahren, dass jemand wirklich ein sehr guter Freund oder eigentlich der beste Freund ist, und umgekehrt ebenso kann es manchmal Enttäuschungen geben, die einem zeigen, dass daraus keine Freundschaft werden kann oder vielleicht auch nie eine da war … Freundschaft ist wichtig, ist Arbeit, ist Bereicherung, ist eben nicht nur ab-und-zu treffen, sondern Kennen, Mögen, Aushalten, Einstecken, Auseinandersetzen, Infragestellen, Suchen und Finden. Einander durch alle Lebensphasen zu begleitet, bedeutet Arbeit und Bereicherung und auch ich möchte meine engsten Freunde nicht missen und bin ihnen so dankbar, dass sie mich verrücktes Huhn so lange begleiten 😉 Laura weiß, wovon ich rede 😉

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