Robert Harris: „Imperium“, historischer Roman (2006)

Eigentlich lese ich historische Romane nur noch selten. Da ich in den letzten Monaten mein Latinum nachholen musste, und sozusagen neben dem Lernen „im antiken Sinne unterhalten“ werden wollte, las ich „Imperium“ von Robert Harris.

Es geht um den uns heute noch gut bekannten Marcus Tullius Cicero, der als Rechtsanwalt in der Republik Rom im 1.Jh. vor Christus Karriere machte und es bis zum Konsul brachte. Der 474 Seiten starke Roman umfasst die Zeit von 79-70 v. Chr., in der Cicero Senator war und in einem zweiten Teil seine Amtszeit als Prätor 68-64 v. Chr.. Beschrieben wird auch, wie er die Catilina-Verschwörung aufdeckt und 63 v. Chr. zum Konsul gewählt wird. Am Rande erfährt man von seinem Privatleben mit Terentia, ein wahrer Hausdrachen, deren Verhältnis zu Cicero sich aber zunehmend bessert, als sie einen Sohn gebährt.
Erzählt wird dieser politische Spannungsroman aus Sicht von Ciceros Haussklaven Tiro, der als gebildeter Privatsekretär tätig ist und anhand der von ihm erfundenen Kurzschrift zahlreiche Reden, Gespräche, Absprachen usw. festhält und der Nachwelt überliefert. Für sein blitzschnelles Aufnahmevermögen und seinen kritischen Blick von außen wird er nicht nur von Cicero sehr geschätzt. Durch ihn bekommt der Leser einen beinahe intimen Eindruck vom Leben eines äußerst erfolgreichen Staatsmannes.
Zweifellos ist es interessant, sich mit antiker Geschichte und den Ursprüngen Europas zu befassen. Auch stützt der Autor sich auf reale Quellen und formt daraus (natürlich unter Zuhilfenahme fiktiver Elemente) einen Roman, der sich zumindest ab der zweiten Hälfte spannend liest.

Dennoch diente mir das Buch nur zur reinen „informativen Unterhaltung“. Sprachlich anspruchsvoll würde ich diesen historischen Roman nicht nennen. Die Fortsetzung von Ciceros Leben in „Titan“ von R. Harris werde ich nicht mehr lesen, weil es mir nun erst einmal wieder an literarischer Einfalt reicht (außerdem ist das Latinum bestanden 🙂 ).

Natürlich ist mir bewusst, dass ein historischer Roman nur bedingt geschichtliche Fakten vermittelt. Trotzdem lese ich ab und an mal derartige Romane, die mich informativ unterhalten, intellektuell aber nicht (über)fordern. Als Ergänzung zu oftmals trockenem Lernmaterial empfiehlt sich meiner Meinung nach durchaus, einen fiktiven Roman zu lesen, der in einer längst vergangenen Zeit spielt. Auch wenn man sich bewusst macht, dass es sich um Fiktion handelt und sich der Autor nur gedanklich in jene Zeit zurückversetzt (und dadurch ein Geschichtsbild konstruiert), finde ich es durchaus bereichernd, auf diese Weise in der Zeit zu reisen. Ich weiß, dass das manche von euch anders sehen. Was meint ihr:

Aus welchen Gründen lest ihr (keine) historischen Romane?

Was mich noch interessiert: Kennt ihr historische Romane, die auch sprachlich anspruchsvoll sind und literarisch ausgefeilt?

Ich habe oft den Eindruck, dass historische Romane nicht sehr komplex aufgebaut sind, sprachlich höchstens durch einige Zitate aus echten Quellen bestückt werden, aber es selten über Unterhaltungslektüre hinausgeht.

Robert Harris: „Imperium“, aus dem Englischen von Wolfgang Müller, 2006

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6 Gedanken zu “Robert Harris: „Imperium“, historischer Roman (2006)

  1. Glückwunsch zum Latinum!
    Ich habe von Robert Harris nur „Pompeji“ gelesen und fand es ziemlich miserabel:
    http://awesomatik.com/2011/07/03/pompeji/

    Grundsätzlich bin ich auch kein Fan von historischen Romanen aber es gibt großartige Ausnahmen wie z.B. „Das Parfum“ von Süßkind, „Der Name der Rose“ von Eco oder die graphic novel „From Hell“ von Moore.
    Es muss einfach mehr dahinter stecken als das „historische Gimmick“. Sprache und Geschichte müssen stimmen.

    1. Danke für den Glückwunsch! Stimmt, es gibt einige wenige Ausnahmen, an die hatte ich gestern gar nicht gedacht, weil sie nicht so „typische“ historische Romane sind. „From Hell“ kenn ich noch nicht, was die anderen beiden betrifft, sind sie um Längen anspruchsvoller als Harris. Wobei Umberto Eco mich mit „Der Friedhof in Prag“ erstmal vergrault hat…

  2. Ich fand ja ‚Isenhart‘ ziemlich gut und ‚Der sixtinische Himmel‘ sehr unterhaltend. Lese ab und an gerne mal was historisches, wenn’s gut geschrieben ist. Stimmt aber, dass es meistens um Unterhaltung statt Anspruch geht.

    1. Allein für die Unterhaltung (oder eben als Lernergänzung) finde ich historische Romane auch mal „nett“ 🙂 Allerdings kann ich nie viele hintereinander lesen, weil sich dann auch meist noch die Plots gleichen; ganz schlimm zB bei Iny Lorentz… (wobei diese Romane vielleicht schon „historische Romane für Frauen“ sind!? *provozierend guck*)…

  3. Liebe Laura,
    Glückwunsch zum Latinum! 🙂 Ich freue mich für dich.
    Historische Romane lese ich eigentlich kaum, einen besonderen Grund dafür gibt es jedoch nicht. Sie sprechen mich schlicht und ergreifend nicht ganz so an, wie andere Romane. Gerne gelesen habe das Buch von Hilary Mantel, vielleicht könnte das etwas für dich sein. 🙂
    Liebe Grüße
    Mara

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