Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“, Bildungsroman (2011)

Der Hals der GiraffeWenn alles nur auf biologischen, evolutionären Grundlagen basierte, wenn alles rational erklärt werden könnte, wäre die Welt wohl ein sehr trostloser Ort. Vielleicht so trostlos wie das Leben der Biologielehrerin Inge Lohmark.

Inge Lohmark ist eine verbitterte Frau mittleren Alters, die in der vorpommerschen Provinz dreizehn Schüler der neunten Klasse in Biologie und Sport unterrichtet. Ihre Sichtweise auf die Welt ist geprägt von den Naturwissenschaften und von ihrer Vergangenheit in der DDR.

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel die den Lehrstoff widerspiegeln, „Naturhaushalte“, „Vererbungsvorgänge“ und „Entwicklungslehre“. Zeitlich finden die Kapitel in einem Schuljahr statt: Anfang September, November und vor den Osterferien.
Inge Lohmark ist sehr einsam. Ihr Mann Wolfgang kümmert sich mehr um seine Straußenzucht als um die Ehe, in der Schule eckt sie mit ihrer verstaubten Lehrform auch nur an. Sie gibt sich keinerlei Mühe, sich anzupassen. Sie möchte nichts zu tun haben mit Kollegen wie Frau Schwanneke, der Kunstlehrerin, die sich von ihren Schülern dutzen lässt.

An der Fensterfront Schwanneke auf Zehenspitzen. Sie dirigierte mit rudernden Armen. Ein kurzes Kleid über der Jeans. Hasch mich, ich bin der Frühling.

Knallhart zieht sie ihren Frontalunterricht durch und ist sehr darum bemüht, stets die Autorität zu bewahren.

Inge Lohmark siezte ihre Schüler ab der neunten Klasse. Es war eine Angewohnheit aus der Zeit, in der sie in diesem Lebensjahr der Jugend geweiht worden waren. Mit Weltall, Erde, Mensch und sozialistischem Nelkenstrauß. Es gab kein wirkungsvolleres Mittel, sie an die eigene Unfertigkeit zu erinnern und sie sich vom Leib zu halten.

Dann interessiert Inge Lohmark sich plötzlich für eine Schülerin, Erika, reflektiert dies aber kaum, wohl weil es gar nicht in ihr homophobes Weltbild passt. Auch passiert nichts großartig, außer dass sie die Schülerin in ihrem Auto zur Schule mitnimmt, als eines Tages der Bus liegenbleibt. Dabei wird im Klappentext angekündigt: „Als sie schließlich Gefühle für eine Schülerin entwickelt und ihr Weltbild ins Wanken gerät, versucht sie in immer absonderlichen Einfällen zu retten, was nicht mehr zu retten ist“. Was stattdessen passiert ist ein ernstes Gespräch mit Schulleiter Kattner, der ihr Konsequenzen androht, als ihre „Verletzung der Aufsichtspflicht“ am Ende ans Licht kommt.
Ignoranz und Kälte machen ihren Charakter aus; sie half ihrer eigenen Tochter Claudia nicht, als diese in der Schule „gemobbt“ wurde und hilft nun auch dem Opfer in ihrer Klasse nicht. Stattdessen wundert sie sich verbittert darüber, warum Claudia nicht aus den Staaten zurückkehrt, mit Mitte Dreißig noch keinen Enkel zur Welt gebracht hat und ihre Mutter per Mail über ihre Hochzeit in Kenntnis setzt…

Was bleibt einer verbitterten Lehrerin, wenn ihr nach dreißig Jahren Unterricht der Rauswurf droht?

Natürlich hat es sich also ausgewirkt, wenn sich die Vorfahren der Giraffen unermüdlich nach den Blättern der Akazien gestreckt haben. Über viele Generationen hinweg haben sie diese unglaublich langen Hälse ausgebildet. (…) Jede Generation erntet die Früchte der vorherigen. Alles baut aufeinander auf. Und nur, wenn wir uns bemühen, erreichen wir etwas. Wenn wir aber faul bleiben, verlieren wir die einmal erworbenen Fähigkeiten. Dann verlieren wir alles, was wir uns einmal angeeignet haben. Dann war alles umsonst. (…) Jeder Einzelne von uns muss sich strecken. Alles ist möglich, wenn wir uns nur wirklich anstrengen.

In Schalanskys Roman werden viele Themen angeschnitten. Abgesehen davon, dass er wie ein Crashkurs in Biologie daherkommt, angereichert mit Zeichnungen wie aus dem Biologielehrbuch, geht es um Unterrichtsformen, Landflucht, Mobbing, Weltbilder, DDR-Prägung, Homosexualität, Erwachsen werden, Lebenssinnfragen. Richtig in die Tiefe geht der Roman dabei jedoch bei keinem Thema, sodass man das Buch irgendwie unbefriedigt fortlegt. Zwar werden dadurch Fragen aufgeworfen, Gedanken angerissen und man könnte diese in eigener Sache fortsetzen. Dazu fehlt mir am Ende der Lektüre jedoch die Motivation.

Fraglich bleibt auch, warum es sich um einen Bildungsroman handeln soll? Gemäß der Definition bei Wikipedia handelt es sich bei einem solchen um einen Roman, in dem die Entwicklung einer meist jungen Hauptfigur geschildert wird. Aus Sicht eines auktorialen Erzählers wird diese Entwicklung, meist über Jahre oder Dekaden hinweg, erläutert. Dadurch soll dem Leser Bildung vermittelt werden.

Eine richtige Entwicklung kann ich bei Inge Lohmark als der nicht mehr wirklich jungen Hauptfigur nicht ausmachen. Sie bleibt in ihren veralteten Vorstellungen stecken, entwickelt sich auch charakterlich nicht. Da wo Entwicklungspotential gelegen hätte, bei ihren plötzlichen Gefühlen ausgerechnet für eine Schülerin, schwächelt Schalanskys „Bildungsroman“ immens. Somit handelt es sich eher um einen „Anti-Bildungsroman“.
(Zusatz: Man könnte freilich mutmaßen, dass sowohl Klappentext als auch Buchdesign und Einordnung vom Verlag Suhrkamp stammen. Jedoch zeichnet sich die Autorin offenbar gerade durch viel Eigeneinfluss auf Dinge wie diese aus, siehe hier.)

Was also bleibt von diesem Roman? Mich überzeugt nicht mal die angepriesene Sprache so recht: Die Sprache hält sich an Fakten und baut sich in einem Stream of Consciousness der Inge Lohmark auf. Die Handlung spinnt sich dröge fort, dazwischen driften die Gedanken immer wieder in naturwissenschaftliche Erläuterungen ab.

Fazit: Ansprechendes Design allein macht noch keinen beeindruckenden Roman aus. Ich würde „Der Hals der Giraffe“ nicht als schlechten Roman bezeichnen, eher als einen mit Schwächen. Dennoch bereue ich die Lektüre nicht: Ich habe etwas gelernt 🙂

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23 Gedanken zu “Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“, Bildungsroman (2011)

  1. Liebe Laura,
    „Der Hals der Giraffe“ ist ein Buch, um das ich schon lange herumschleiche, das mich aber beim Hereinblättern und In-der-Hand-halten nie so sehr überzeugen konnte, dass ich es mir schlußendlich auch gekauft hätte. Nun bin ich fast schon ein Stück weit erleichtert über deine Besprechung – dies scheint ein Roman zu sein, den ich wohl verpassen kann. Nichtsdestotrotz finde ich, dass Judith Schalansky eine interessante Frau ist – besonders ihre Gestaltung von „Indigo“ hat mich im letzten Jahr begeistern können.
    Liebe Grüße
    Mara

    1. Liebe Mara, gefiel dir bei „Indigo“ denn nur die Gestaltung oder konnte dich auch der Inhalt überzeugen? Ich habe bisher nur das besprochene Buch von Schalansky gelesen… und das Design allein reicht mir eben nicht 🙂

      1. Natürlich sollte das Design nicht ausschlaggebend sein, dennoch finde ich, dass Judith Schalansky ein Händchen für Gestaltung hat, wie sie es ja auch beim Matthes & Setz Verlag unter Beweis stellt. Gelesen habe ich „Indigo“ leider noch nicht, werde das aber hoffentlich bald nachholen. 🙂
        Liebe Grüße
        Mara

    2. Mir geht es wie Mara, auch ich schleiche schon seit geraumer Zeit um den Roman herum, finde seine Aufmachung sehr, sehr schön und habe mir wegen der vielen positiven Besprechung viel davon erhofft. Deine Rezension und die Kommentare dämpfen meine Lesewunsch etwas ab, vielleicht greife ich ja irgendwann zu, wenn es mir zufällig als Mängelexemplar in die Hände fällt.

      Indigo liegt auch noch hier, ebenfalls ein wunderschön gestaltetes Buch, wie Mara ja schon sagt. Die Frequenzen von Setz haben sehr begeistert, es war für mich DIE Entdeckung des vergangenen Jahres. Dementsprechend sind die Erwartungen an seinen neuesten Roman hoch, und ich bin schon sehr gespannt auf die Lektüre (wann auch immer sie stattfinden wird…).

      1. Vielleicht kann dich ja die ausführliche Kritik FÜR das Buch von Bersarin für die Lektüre erwärmen, siehe unten 🙂 Ich würde auch nicht direkt davon abraten es zu lesen, aber meiner Meinung nach gibt es eben bessere. Wäre auf jeden Fall an deiner Meinung interessiert, wenn du es dir zu Gemüte geführt hast!
        Die Frequenzen von Setz kenne ich noch gar nicht, es spricht mich aber durchaus an… Einer Kurzrecherche zufolge geht es wohl um die Einsamkeit eines Hochbegabten, da muss ich ja prompt wieder an Hal Incandenza von DFW denken 😉 …

      2. Die interessante Diskussion zwischen dir und Bersarin habe ich gelesen, und vielleicht komme ich ja wirklich eines Tages dazu, mir eine eigene Meinung zu bilden. Höchste Priorität hat es aber sicher nicht, dafür warten viel zu viele andere schöne Romane auf mich.

        Vor Setz muss ich auch gleich warnen: noch so ein Ziegelstein (immerhin gut 700 Seiten), bei dem ich irgendwann den Faden verloren habe. Ich habe ihn zwar in einem Zug durchgelesen, aber der Geschichte konnte ich nicht immer folgen ;). Und trotzdem war es für mich eine ganz besondere Leseerfahrung, was Setz‘ unglaublicher Fantasie und Fabulierlust zu verdanken ist. Hier habe ich das mal in Worte gefasst.

  2. Ich habe das Buch angefangen, weil Frau Schalansky bei uns zur Lesung war, aber habe es nicht beendet, weil ich von Kollegenseite etwas gedrängt wurde, das Leseexemplar wieder mitzubringen. Ich fand das, was ich gelesen habe, zutiefst deprimierend und fatalistisch, trostlos, wie du schon richtig sagst. Ich kann den Roman nicht in Gänze beurteilen, schließlich habe ich ihn nicht vollständig gelesen. Was den Bildungsroman betrifft, so könnte ich mir auch vorstellen, dass es ein Wortspiel ist, oder nicht? Schließlich beschäftigt sich der Roman durchaus mit Bildung, im biologischen wie im historischen und soziologischen Bereich. Ich will ihn auf jeden Fall nochmal in Gänze lesen .. auch wenn er sicherlich mit einer Person wie Inge Lohmark nicht sehr gefällig daherkommt.

    1. Dann bin ich gespannt, was du berichtest, wenn du ihn in Gänze gelesen hast.
      Über den „Bildungsroman“ als Wortspiel habe ich auch nachgedacht. Jedoch kommt die Klassifizierung auf dem Buchcover doch sehr als Einordnung im klassischen Sinne daher, wie ich finde. Natürlich geht es viel um die Bildung an sich, bzw das System Schule. Besonders reflektiert wird dies aber nicht, sodass ich dann den Inhalt im Zusammenhang mit der Einordnung als Bildungsroman zu dünn fände. Und nur weil viel biologisches Fachwissen vorkommt ist es gleich ein Bildungsroman? Hmmm, ich bin da skeptisch. Aber immerhin hat es mich zum „Nachdenken über den Bildungsroman“ gebracht 😉

  3. Mir ist es ähnlich gegangen wie Mara, irgendwie hat der Roman, obwohl so viel besprochen, mich nie so ganz überzeugt. Aus ganz privaten Gründen mag ich auch Schulromane nicht so wirklich. Und nun noch Deine Besprechung! Da kann ich dann also getrost weiter einen Bogen drum machen und mich lieber um schönere Romane kümmern. Vielen Dank für Dein Abraten :-)!
    Viele Grüße, Claudia

  4. Das ist ja schön, dass ihr auch nicht viel mit dem Roman anfangen konntet. Er wurde ja so sehr in den Feuilletons gelobt, dass ich mich schon fragte, was ich da eigentlich übersehen habe. LG Anna

    1. Mich wundert es auch immer wieder, wenn die Feuilletons und Kritiker ein Buch so loben und ich es dann nicht so prickelnd finde… Gut, dass es uns BloggerInnen als Alternative gibt *selbstlobundgrins*

  5. Liebe Laura,
    das Buch hört sich sehr interessant und auch sehr depremierend an. Zeigt es auch unsere eigenen Unzulänglichkeiten? Haben wir Angst, dieses Leben auch zu leben?
    Oder sind wir einfach nur traurig, dass ein ganzes Leben „verschwendet“ wird?
    Ich habe es auf jeden Fall auf meine Liste gesetzt.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne,
      anhand von Inge Lohmark werden auch Unzulänglichkeiten aufgezeigt, ja. Speziell wenn es um Engstirnigkeit, Ignoranz, Egoismus, Einsamkeit geht. Dafür ist diese Lehrerin ein passendes Sinnbild.
      Man denkt natürlich schon darüber nach; dass man selbst nicht so leben möchte. Dass man es selbst anders machen will und würde. Ob man das dann wirklich tut, liegt dann wohl bei jedem selbst. Vermutlich hat jeder einen Anspruch, kein „verschwendetes Leben“ zu führen…
      Das Interessante ist: Inge Lohmark scheint ihr Leben nicht wirklich als „verschwendet“ wahrzunehmen, sie hat ja alles richtig gemacht. Bzw, sind die anderen Schuld daran, dass sie so einsam ist. Letztlich ist aber vielleicht auch das allzu menschlich.
      LG Laura

      1. Liebe Laura,
        die Ausrede, dass die Anderen an der eigenen Misere Schuld sind, gibt es leider allzu oft. Es ist einfach!
        Du hast auch recht, es ist eine Lebensphilosophie. Was für den einen ein großes Glück ist, ist für den anderen immer noch nicht genug.
        Das Glück im Kleinen finden ist da meine Lebensphilosophie. Das Glück in einem Latte Macchiato in der Sonne im Kaffee oder in einer schönen Blume zu sehen.
        Jeder Mensch ist ein Individuum und anders, aber das macht es ja spannend…..
        Einen schönen Tag und liebe Grüße von Susanne

  6. Ein spannendes Buch das ich ebenfalls kurz nach Erscheinen gelesen bzw. mir zum Geburtstag schenken ließ und auch ein spannendes Stück DDR-Geschichte, das man hier von einer andereren Seite serviert bekommt. Viel Naturgeschichte und natürlich auch noch die Zeichnungen und der altmodische Einband. Mir hats gefallen und ich kann das Lesen sehr empfehlen

  7. Meine Gute, ich hatte mich schon über deine änfänglich positive Meinung gewundert, aber wenn ich zurückdenke, fand ich die ersten paar Seiten auch ganz gut. Ich mochte den Blick auf diese zutiefst zynische Frau. Bereits nach ein paar Seiten hatte sich das aber schon wieder erledigt. Dieses ewige Kreisen um die Biologie, der eingeschobene DDR-Hintergrund, der irgendwie als Erklärung fungieren soll/kann (was definitiv nicht aufgeht) konnten mich nicht überzeugen. Wie hast du denn das Ende empfunden? Als echte Entwicklung oder als kitschigen Abgang?

    1. Ja, stimmt, die ersten Seiten waren gut. Man war neugierig auf diese zynische Frau und ihre eigenartige Weltsicht. Dann schlägt es aber um und man liest mit Seufzen… Das Ende fand ich eher kitschig. Du meinst die Szene bei den Straußen, oder? Eine Entwicklung kann ich daran nicht feststellen. Ein müdes Ende für einen trostlosen Roman.

  8. „Der Hals der Giraffe“ ist einer der besten Romane der letzten Jahre in der deutschsprachigen Literatur. War bereits Schalanskys Roman „Blau steht Dir nicht“ ein aufregendes Debüt, so vollzieht sie in der Wahl ihrer literarischen Mittel, aber auch in der Reduktion in diesem zweiten Roman von ihr noch einmal eine Drehung und steigert sich. Konsequent wird diese Lehrerin als Figur geführt. Das Material organisiert Schalansky eben nicht in der Weise, daß sie hier mal eben ein wenig Biologie, dann die alte und die moderne Pädagogik und da noch die DDR einflicht und aneinanderreiht, sondern diese Kombination der Elemente samt ihrer Rigidität und der unendlichen Tristesse eines Lehreralltags in tiefer Provinz ist doch gerade das System, das Schalansky entfaltet, um eine Figur darzustellen, die an und in sich selber zugrunde geht, und diesen Gang nicht einmal bemerkt.

    „Richtig in die Tiefe geht der Roman dabei jedoch bei keinem Thema, …“ Nein, darum geht es auch nicht. Denn es handelt sich nicht um ein Biologielehrbuch oder um eines, das die umstrukturierenden BRD-Pädagogik-Maßnahmen im Übernahmegebiet DDR veranschaulicht, sondern vielmehr wird anhand dieser Lehrinhalte der Biologie die Ideologie und das verquere Denken jener Lehrerin, deren Leben vielfach aus der Bahn gerät und das im Grunde von Anbeginn an aus der Bahn geraten ist, in ein Bild gebracht. Biologistisches Denken erweist sich gerade im Feld der gesellschaftlichen Zusammenhänge als absurd, weil der biologistische Determinismus Soziales und Psychisches nicht hinreichend erfassen kann – auch diesen Aspekt führt der Roman, als einen von vielen, vor. Die Liebesmotive nicht zu vergessen. Die Gefühlswelt der Inge Lohmark ist eine restringierte, und das macht sie als literarische Figur so interessant, weil diese Einschränkung des Denkens in einer bildhaften und detaillierten Sprache entfaltet wird. Es ist eine Weise von Selbstrechtfertigung und Selbstvorführung in konsequenter Ich-Erzählhaltung.

    Was nun die Welt des Bildungsromans betrifft, so ist Wikipedia zur Definition eines Begriffes, der sich nicht definieren läßt, denn es handelt sich schließlich um keinen mathematischen oder naturwissenschaftlichen Begriff, nicht die geeignete Quelle. Ist Kafkas „Schloß“ ein Bildungsroman? Ja und nein. Schalansky erzählt die Geschichte einer Frau, die alles, wirklich alles verloren hat. Ihr Leben und vor allem: die Menschen, die sie hätten lieben können: ihre Familie, ihre Tochter. Zudem: nach Deiner „Definition“ von Bildungsroman dürfte es sich dann beim „Zauberberg“ kaum um einen solchen handeln. Auch ein Anti-Bildungsroman ist aber ein Bildungsroman, weil er ex negative auf den Begriff der Bildung bezogen bleibt.

    „Ich fand das, was ich gelesen habe, zutiefst deprimierend und fatalistisch, trostlos, wie du schon richtig sagst.“ So schreibt „literaturen“. Wenn dieser Aspekt ein Kriterium zur Beurteilung von Literatur abgeben soll, dann benötigen wir kaum noch Literaturkritik, sondern es reichen bloße Empfindungsurteile. Was bitte ist dann die Prosa Kafkas? Literatur ist kein Kuschel- und Wohlfühlhof, Kunst dient nicht der Erbauung, dafür hat uns die Dienstleistungsgesellschaft andere Medien bereitgestellt. Es ist für jede/n gesorgt.

    Das Depremierende ist genau der Zug des Romans, die Existenzwelt einer zutiefst verzweifelten Lehrerin, die den Switch der Systeme nie ertragen und mitmachen konnte und die all dies nicht einmal bemerkt, in ein Bild zu bringen.

    Beim „Hals der Giraffe“ stimmen Form und Inhalt auf eine kluge Weise überein. Mit Inge Lohmark schuf Schalansky eine konsequent gearbeitete Figur, die an ihrem Weltbild, das im Grunde in jedes System hineingepaßt hätte, erstickt. Am Ende bleibt ihr lediglich das Schauen an einem Zaun übrig, der sie von den Straußen trennt. Die Natur als eine Art von Spiel. In der Sicht von Inge Lohmark jedoch war es nur eine Welt des Kampfes. Allein dieses Schlußbild von Schalansky, in dem sie im Detail und pointiert die Gegensätze aufzieht und in dem sich die Sicht der Inge Lohmark destruiert und als biologistischer Schein entpuppt, ist gelungen. Natur erschöpft sich nicht im Biologielehrbuch einer westlichen Naturwissenschaft, die Natur lediglich unter dem Diktat des Forschers betrachtet.

    1. Ich freue mich über deinen dezidierten Kommentar zu diesem Roman. Konstruktive und vor allem reflektierte Kritik weiß ich zu schätzen.
      Nichts desto trotz kann ich deine Einschätzung über „Der Hals der Giraffe“ nicht teilen. Das von Schalansky entworfene Bild einer Lehrerin, deren Leben aus der Bahn geraten ist, entwickelt sich meiner Ansicht nach nicht über die Seiten hinweg, sondern stagniert. Daher bin ich der Auffassung, es hätte nicht unbedingt eines Romans bedurft, da hätte womöglich schon eine Kurzgeschichte gereicht. Auf den ersten Seiten fand ich die zynische Figur in ihrer Schulwelt durchaus interessant, habe mir dann aber schlichtweg mehr versprochen, was eine Handlung betrifft. Insofern hat mich der Roman ein wenig enttäuscht und konnte mich nicht überzeugen.
      Es ist auch durchaus nicht so, dass ich immer eine heile, kuschlige Leseatmosphäre in den Büchern die ich lese suche. Im Gegenteil schätze ich Romane, die unbequem sind, zynisch, die neue Fragen aufwerfen oder gar beim Lesen eine Herausforderung darstellen. Diese Aspekte konnte ich bei „Der Hals der Giraffe“ jedoch nur in Ansätzen entdecken. Konsequent ist die Darstellung der Inge Lohmark, durchaus. Ich sehe auch ein, dass Biologie, Pädagogik und DDR im Roman dem von Schalansky entworfenen System dienen, um den Hintergrund der Protagonistin zu beleuchten. Der Roman hätte jedoch durch eine reflektierte Krise der Protagonistin an Eindruckskraft auf mich gewonnen, ausgelöst bspw. durch ihre Gefühle der Schülerin gegenüber. So stagniert man beim Lesen zusammen mit der Hauptfigur und kann sich zwar Fragen über ihre unreflektierte, verbitterte Persönlichkeit und die Umstände, die dazu führten, stellen, aber mir persönlich reichte das nicht aus.

      Zuletzt noch zum Begriff „Bildungsroman“ und „meine Definition“ nach Wikipedia. Zum einen finde ich schon, dass auch literaturtheoretische Gattungsbegriffe einer Definition bedürfen und eine solche auch nach sich ziehen können und sollten. Die Argumentation, es handele sich nicht um einen mathem. oder naturwiss. Begriff und daher sei er nicht definierbar, kann ich nicht nachvollziehen. Zum anderen bin ich mir darüber im Klaren, dass Wikipedia kein (literaturwissenschaftliches) Nachschlagewerk ist. Im Blogkontext, in dem ich zumindest von mir nicht den Anspruch erhebe, hochrangig intellektuelle, universitäre Literaturkritik zu betreiben, finde ich eine Definition / Verlinkung mit Wikipedia legitim, da umfassendere Diskussionen des Begriffs wie zB hier: http://epub.ub.uni-muenchen.de/5349/1/5349.pdf (insbesondere S. 32-33) überfordern würden. Dass auch ein Anti-Bildungsroman letztlich ein Bildungsroman bleibt, da gehe ich mit. Warum genau es sich bei „Hals der Giraffe“ um einen Bildungsroman handelt, erschließt sich mir allerdings noch nicht ganz. Vielleicht hast du dazu ja eine eigene Theorie?
      Beste Grüße, Laura

  9. Liebe Laura, danke für Deine Antwort. Es ist bei mir schon ein wenig her, daß ich den Roman las, insofern kann ich meine (positive) Kritik nicht bis ins Detail ausführen. Nur soviel sei geschrieben: Es ist, was sich in dieser Geschichte zuträgt, eine Nichtentwicklung als Entwicklung: Das klingt zunächst paradox, aber gerade der Umstand, daß diese Figur stagniert, daß sie sich im großen und ganzen nicht einen Zentimeter im Denken bewegt, selbst als ihre Gefühlswelt durch die Zuneigung oder eher: das Interesse an einer Schülerin aus den Fugen gerät. Das Besondere an Frau Lohmark, die so sehr in ihrem Weltbild biologistisch sich verhält, ist dabei, daß sie sich gerade nicht evolutionär und biologisch sinnvoll verhält: denn sie bleibt wie sie ist, paßt sich entwicklungstechnisch nicht an, wie es Zellen, Bienen oder Vögel machen, wenn sich Umstände der Lebenswelt ändern. Lohmark konterkariert ihre eigenen Thesen, die sie so gerne auf das Gesellschaftssystem Schule und aufs Leben als solches angewendet wissen möchte. Sie kann diese Entwicklung in ihrem starren Weltbild auch gar nicht vollziehen, weil der Bereich des Sozialen und des Psychischen nicht rein evolutionär oder bloß systemtheoretisch-kybernetisch-funktional arbeiten. Und damit konterkariert sie ebenso die Biologie, die ja gerade nicht starr und nach einem Schema sich verhält, sondern die immer neue Varianten und Ausdifferenzierungen produziert. Lohmark ist altes Eisen. Und dieses Bild führt dann der Schluß vor, der – ich schrieb es – ein anderes Bild von Natur und Leben aufmacht.

    Schalansky führt genau diese Nicht-Entwicklung (in Denken und Handeln) vor, indem sie dazu die Biologie parallel zieht. Und deshalb ist dieser Roman bereits im Hinblick auf die (Nicht-)Entwicklung ein Bildungsroman (ähnlich wie Flauberts „L‘Éducation sentimentale“: das höchste im Leben dieses Frédéric, dieses nun nicht mehr jungen Mannes aus der Provinz, der nach Paris kam, so sinniert er auf der letzten Seite des Romans zusammen mit seinem Freund, war im Grunde der Besuch in einem Bordell zu ihrer Jugendzeit. Flaubert at its best: herrlich lakonisch, und ein Schlag ins Gesicht, was die Bildung betrifft. Es verweist bereits auf die Unmöglichkeit einer emphatisch verstandenen Bildung, die mehr sein möchte als Goethe und Klavierspielen, im Zeitalter bürgerlich-kapitalistischer Warenwirtschaft. )

    Ein Bildungsroman ist das Buch von Schalansky aber noch in anderer Hinsicht, und zwar ganz direkt genommen, weil das Buch von den Dressurübungen namens Schule handelt. Schalansky konnotiert diese Begriff insofern mehrfach. Und die Art und Weise, wie sie das macht und im Fluß des Erzählens durchzieht, halte ich für ziemlich gekonnt und versiert. Man mag diese Prosa, die in der Tat trocken daherkommt, mögen oder nicht. Angemessen ist diese Trockenheit allemal, weil sie im Sachverhalt gegründet liegt.

    Was die Begriffe wie Bildungsroman betrifft, so sind –zumindest in den Geisteswissenschaften – Definitionen meist schlechte Behelfe, weil sie den Umfang eines Begriffes, eines Fachbegriffes gar, nicht ausschöpfen. Dieser entfaltet sich viel eher in seinem Gebrauch bzw. wie er in einem Textzusammenhang vorkommt. Der Begriff der Dialektik z.B. bedeutet bei Platon etwas ganz anderes als bei Hegel oder Adorno. Insofern scheint es mir in bezug auf diesen Untertitel, den Judith Schalansky sicherlich nicht aus Nachlässigkeit wählte, angebracht, zu sehen, was genau hier einer Form und einer Weise von Bildung entspricht oder was dieser entgegenläuft. Gerade bei einem so derart schillernden, vielfältigem Begriff geht eine Definition, die sensu stricto sagen will, was darunter befaßt ist, fehl.

    Noch etwas zur Zeitebene in diesem Buch: diese beschriebenen drei Tage – und da greift wieder der Aspekt des Bildungsromans – kommen dem Leser vermittels der inneren Monologe der Frau Lohmark sowie der Rück- und Ausgriffe wie ein halbes kleines Leben vor. Auch diesen Aspekt halte ich bei Schalansky für bemerkenswert: In welcher Weise sie es formal und inhaltlich vermochte, die Zeit zu dehnen. Kaum bemerkt es der Leser, daß es sich bloß um drei Tage handelt. Was für eine dramaturgische Zuspitzung: Drei Tage sind für einen Roman eine im Grunde doch kurze Zeit.

    Niemand muß diesen Roman auf der bloß subjektiven Geschmacksebene mögen, wenn es um ein Urteil des bloßen Gefallens oder Nichtgefallens geht. Objektiv jedoch, auf der Ebene seiner Struktur und seines Gemachtseins, handelt es sich um einen sehr fein gearbeiteten, kunstvollen Roman.

    Viele Grüße

    Bersarin

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