Silke Scheuermann: „Shanghai Performance“, Roman (2011)

Shanghai PerformanceNachdem ich von Silke Scheuermanns „Die Häuser der anderen“ letzten Herbst ziemlich begeistert war, las ich nun den Vorgänger-Roman „Shanghai Performance“. Nein, eigentlich verschlang ich ihn 🙂

Die Hauptfigur Luisa kenne ich bereits aus „Die Häuser der anderen“: da war sie die gereifte Kunsthistorikerin, die um ihre Ehe mit Christopher kämpfte. Um diese beiden geht es eigentlich schon in „Shanghai Performance“, nur dass beide jünger sind, unerfahrener. Zu Beginn des Buches verlässt Christopher sie, da sie notorisch fremd geht und „nicht mehr weiß, was sie ihm versprechen soll.“ Sie ist Assistentin der Performance-Künstlerin Margot Wincraft und geht mit ihr kurzerhand nach Shanghai, um dort eine große Performance zu organisieren.
Diese Stadt wirkte auf mich wie ein Lebewesen, gemacht aus vielen kleinen Einzelwesen, aus einer Ansammlung unendlich vieler ineinander verschlungener Existenzen, und jetzt, da ich hier war, gehörte ich dazu, ob ich wollte oder nicht.“ In Shanghai, einem sehr schwülen, eindrucksreichen Ort, lernt Luisa eine Menge junger lebensfroher (Halb-) Chinesen, unter anderem den äußerst attraktiven Andrew, kennen und denkt nur noch zwischendurch wehmütig an Christopher und ihre Trennung. Doch Margot verhält sich immer seltsamer und bald stellt sich heraus, dass sie offenbar eine Tochter in Shanghai sucht…

Man erfährt viel über Kunst, Performance, Installationen, Galerien, Sammler und spektakuläre Kunstpartys. „Lesen ist einsam, es ist langwierig. Da ist bildende Kunst anders. Sie fördert Gemeinschaftsbildung.“ Eigentlich stehen aber die Menschen im Vordergrund, was sie antreibt, wovon sie träumen, ihre großen Schwächen (füreinander). Die Beziehungsgeflechte, inmitten die Luisa in dieser Stadt gerät, sind dicht und vielschichtig, verwirren jedoch den Leser nicht. Man wird mitten hinein geworfen in eine fremde Kultur, die schwüle Luft – und fühlt sich dennoch nicht überfordert.

Was in diesem Roman zentral für mich ist, ist die Faszination. Jene, die die Kunst auf Menschen ausüben kann und jene, die manche Menschen auf andere haben. Manchmal ist man jedoch nur vom äußeren Schein, von der Schönheit geblendet, und sieht nicht, wie leer manches in Wirklichkeit ist. Was für hässliche Charakterzüge sich hinter manch einer Fassade verbergen. Somit bleibt man auch vor Enttäuschung und Melancholie nicht bewahrt.

Man kann durch die Kunst das Leben lieben, aber man kann nicht den Tod verarbeiten. Obwohl ich immer felsenfest davon überzeugt gewesen war.

In Scheuermanns Roman geht es um persönliche Freiheit und um Abhängigkeitsverhältnisse. Und letztlich auch darum, den eigenen Weg zu finden, die Art, wie man (nicht) leben möchte.
Die Autorin findet für diese elementaren Themen eine Sprache, die nicht überladen ist mit neologistisch-metaphorischem Pomp, sondern die leise poetische Bilder in meinen Kopf malt, welche zugleich einen beeindruckenden Sog in die Geschichte hinein erzeugen. Ich las Seite um Seite und legte das Buch am Ende weg, als wäre ich aus einer Traumwelt erwacht. Oder eher: von einer langen Reise wieder heimgekehrt.

Heute denke ich manchmal, wenn ich Annas fröhliche Fotografien von der Zeit in Shanghai sehe, dass sie ebenfalls eine dicke Schicht Zucker darüber streuen. Je mehr ich vergessen werde – und irgendwann werde ich das -, desto stärker werde ich auf die Bilder angewiesen sein und mich von ihnen täuschen lassen. Und das sollte mir recht sein.

Anmerkung: Die Performances der Margot Wincraft, in denen (oft nur leicht bekleidete) weibliche Modelle choreografisch angeordnet stehen (teils bis sie vor Erschöpfung umfallen) erinnern stark an jene der realen Künstlerin Vanessa Beecroft. Silke Scheuermann spricht in folgendem Interview selbst von den Parallelen zwischen der Künstlerin Beecroft und ihrer Figur:
Monopol-Magazin, Interview mit Silke Scheuermann

Weitere Informationen plus Leseprobe auf der Verlagsseite, hier.

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3 Gedanken zu “Silke Scheuermann: „Shanghai Performance“, Roman (2011)

  1. Liebe Laura,
    danke für diese schöne Vorstellung. „Häuser der anderen“ habe ich sehr gerne gelesen, „Shanghai Performance“ kenne ich dagegen noch nicht – da ich mich nicht mit Kunst auskenne, hatte mich der Kunstaspekt des Romans immer etwas abgeschreckt … 😉 Luisa war in „Häuser der anderen“ eine der Figuren, mit denen ich etwas Schwierigkeiten hatte, ich fände es spannend, sie einen ganzen Roman lang zu begleiten und deine Eindrücke des Romans klingen auch sehr interessant. Da es das Buch mittlerweile ja bereits als Taschenbuch gibt, werde ich es wohl auch lesen müssen, danke für die Empfehlung!
    Liebe Grüße
    Mara

    1. Liebe Mara, lass dich von dem Kunstaspekt nicht abschrecken (das finde ich sowieso immer schade, weil es nicht nur dir so geht, dass Kunst irgendwie einen „Abschreck-Charakter“ hat)! Man bekommt interessante, aber keineswegs überfordernde Einblicke in die (chinesische) Kunstwelt. Vordergründig geht es aber wirklich um die sozialen Beziehungen, die sich rund um Luisa entspannen… und wie sie sich entwickeln. Es würde mich sehr freuen, wenn du diesen Roman liest und lass mich wissen, wie du ihn fandst, wenn es soweit ist 😉
      Ich mochte Scheuermanns Schreibweise ja wie du seit „Häuser der anderen“ sehr und dieses Buch hat mich nun darin bestärkt, noch mehr von ihr zu lesen!
      Beste Grüße, Laura

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