David Foster Wallace: Unendlicher Spaß / Infinite Jest, Roman (2009)

In letzter Zeit kam es mir jetzt manchmal wie ein schwarzes Wunder vor, dass sich Menschen tatsächlich intensiv für ein Thema oder ein Ziel interessieren konnten und dass dieses Interesse jahrelang anhalten konnte. Dass sie ihr ganzes Leben dafür einsetzen konnten. Es war bewundernswert und zugleich rührend. Vielleicht wollten wir alle ums Verrecken unser Leben für etwas hingeben. Gott oder Satan, Politik oder Grammatik, Topologie oder Philatelie – der Gegenstand war ephemer angesichts dieses Willens zur bedingungslosen Hingabe. An Spiele oder Spritzen, an einen anderen Menschen. Es hatte etwas Rührendes. War eine Flucht in den Aktivismus. Flucht wovor eigentlich? S. 1292.

Unendlicher Spaß 3Heute (01.Jun.13) ist ein besonderer Tag. Ab heute zähle ich zu der überschaubaren Zahl derjeniger, die es geschafft haben, David Foster Wallace´ Roman „Unendlicher Spaß“ bis zum Ende durchzulesen.

Es heißt, wer dieses Buch gelesen habe, sei danach ein anderer. Es heißt, das Buch mache irgendetwas mit einem. Es heißt außerdem, sobald man es durchgelesen habe, wolle und solle man es sofort wieder von vorn lesen. Und an anderer Stelle heißt es sogar, man könne bewusst das Buch nicht zuende lesen, um immer noch mal irgendwann eines „der besten Romane aller Zeiten“ zuende lesen zu können.

Ein Stückchen Wahres steckt vielleicht in jeder dieser Einschätzungen. Zumindest weiß ich inzwischen ganz genau, was der / die jeweilige damit meint. Ich sage: „Unendlicher Spaß“ ist ein Roman, der den Leser festhält und wohl nie mehr so richtig loslässt. Im Folgenden will ich euch (es geht nicht anders als ausführlich) erläutern, warum.

Unter einem Medusa-Effekt versteht man, angelehnt an die mythologische Gestalt der Medusa mit dem Schlangenhaupt, die hypnotisierende, lähmende (original versteinernde) Wirkung die jemand oder etwas auf einen hat, wenn man es direkt ansieht. Diesen Effekt hat der von James Incandenza entwickelte Film namens „Unendlicher Spaß“ auf seine Zuschauer. Die Film-Patrone hat eine so lusterzeugende, süchtig machende Wirkung, dass jeder, der den Film auch nur angefangen hat zu sehen, sich nur noch mit dieser Unterhaltung beschäftigen will. Jegliche anderen, auch die lebenserhaltenden Reflexe sind gleichsam für den Rest des Lebens abgeschaltet. Oder in den Worten David Foster Wallace` (nachfolgend DFW):

All diese Leute sind jetzt in geschlossenen Anstalten. Gefügig und kontinent, aber leer wie die Tiefenebene eines vom Rückenmark gekappten Reptiliengehirns. Tine hatte eine Anstalt aufgesucht. Der Sinn des Lebens dieser Menschen war auf einen so winzigen Brennpunkt geschrumpft, dass keine andere Aktivität oder Beziehung ihre Aufmerksamkeit beanspruchen konnte. Verfügten jetzt ungefähr über den mentalen / geistigen Horizont einer knienden Waldameise, hatte ein Diagnostiker vom C.D.C. gesagt. S. 791.

Dieser Medusa-Effekt ist von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des Romans. Die Erfahrung der Lektüre von „Unendlicher Spaß“, also das, was das Buch mit einem mache, wurde in der FAZ auch mit diesem Effekt beschrieben.

Inhalt

Der Roman „Unendlicher Spaß“ von DFW beschreibt eine aus der Perspektive der 1990er Jahre, in denen er innerhalb von nur 3 Jahren (!) entstand und erstmalig auf englisch veröffentlicht wurde, nicht allzu ferne Zukunft um das Jahr 2009. Genau kann man das nicht sagen, denn die Jahre werden in dieser Sponsorenzeit nach dem jeweiligen Sponsor des Jahres benannt. Der größte Teil der Handlung spielt sich im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche ab.

Die riesige Lady auf Liberty Island im Hafen von NNYC trägt eine Sonnenkrone und hat eine Art riesiges Fotoalbum unter dem einen Eisenarm,und der andere Arm hält ein Produkt in die Höhe. Das Produkt wird an jedem 1. Januar von wackeren Männern mit Karabinerhaken und Kränen ausgetauscht. S. 530.

Die USA, Kanada und Mexiko haben sich zu den O.N.A.N. Staaten (Organisation Nordamerikanischer Nationen) vereint. Gegen sie erheben sich diverse Québecer Separatisten, die sich Assassins des Fauteuils Roulants (A.F.R.) nennen. Die Rollstuhlfahrer geben sich nicht damit zufrieden, dass das ehemalige Kanada von den O.N.A.N.isten zur riesigen Müllkippe erklärt wurde. Die A.F.R. machen sich auf die Suche nach der Master Film-Patrone von James Incandenzas „Unendlicher Spaß“, um sie zu kopieren und als tödliche Waffe einzusetzen.

Der Schauplatz des Romans ist die Tennisakademie E.T.A., die ehemals vom mittlerweile durch Suizid verstorbenen James Incandenza gegründet wurde und nun von Avril (seiner Witwe) und C.T. (seinem Bruder) geleitet wird. Mit der Aufnahme vom hyperintelligenten Tennis-Ass Hal Incandenza (Sohn von James und Avril) beginnt der Roman.

Die Handlung dreht sich dann (unter anderem!) um die Familie Incandenza, zu der noch Orin und Mario gehören, aber genauso um zahlreiche E.T.A. Mitglieder, Lehrende wie Schüler, und um die Insassen des Ennet Houses. Ennet House ist eine Entzugsklinik, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur E.T.A. befindet und in der sich ebenfalls ein großer Teil des Plots abspielt. So geht es dort (insbesondere am Ende des Romans) um den trockenen, ehem. Betäubungsmittelabhängigen Don Gately. Eine Verbindungsfigur zwischen den Incandenzas, der begehrten Film-Patrone und dem Ennet House stellt die mysteriöse, verschleierte Joelle van Dyne, alias Madame Psychosis, dar.Unendlicher Spaß4Man kann den Inhalt des Romans kaum angemessen wiedergeben, ohne ihm Gewalt anzutun. Die Erzählweise von DFW ist so ungeheuer vernetzt, angereichert durch über 300 Fußnoten (und ja, man muss sie lesen, s. ganz unten Bsp. in Zitat 1) und vielschichtig, dass jede Rezension nur einen Bruchteil veranschaulichen kann (weshalb ich hier auch soviel verlinke. Diesen Roman zu besprechen gleicht der Verfassung einer wissenschaftlichen Arbeit.)

Worum es wirklich geht

Vor allem, das ist meiner Meinung nach das zentrale Thema, geht es um Einsamkeit und Depression. Um das grundlegende Gefühl, das bisher niemand besser (bedrückender, atemraubender, fassungslosmachender) beschreiben konnte (s. Zitat 2), als DFW, der sich nach jahrelangen Depressionen 2008 erhängte. Auch und besonders aus dem Empfinden von abgrundtiefer Einsamkeit und Depression heraus werden Menschen süchtig nach Unterhaltung, abhängig von ganz unterschiedlichen Drogen oder von anderen Menschen, gierig nach Erfolg und Anerkennung.

Alle Figuren in „Unendlicher Spaß“ sind bodenlos einsam. Sie kennen sich untereinander auf einer oberflächlichen (Alltags-)ebene, so wie man sich eben kennt, wenn man in einer Familie aufwuchs, oder gemeinsam eine Tennisakademie besucht oder zusammen von der Sucht entzieht. Doch alles ist durchwirkt von Einsamkeit und den Wirkungen, die sie auf die Figuren hat. Besonders deutlich wird das bei Hal Incandenza (s. Z.3), speziell in seinen Telefonaten oder Gesprächen mit seinen Brüdern.

DFW zeigt in „Unendlicher Spaß“ so, wie ich es noch nirgendswoanders las, was Depression und Sucht aus einem Menschen machen. Und was mitunter passiert, wenn ehrgeizige Kämpfernaturen nach Jahren erreichen, wonach sie strebten.

(…)Clipperton aus den verschiedenen Taschen seines nassen Mantels ein umfassend modifiziertes Exemplar der vierzehntäglichen Rangliste aus NAJT zieht, das vergilbte Hochzeitsfoto eines käseweißen Brautpaars aus dem Mittleren Westen sowie die scheußliche, stumpfläufige Glock 17 9mm Halbautomatik, die Clipperton, während die beiden Incandenzas die Arme gen Himmel strecken, an die rechte – nicht die linke – Schläfe ansetzt, also mit der guten rechten Stockhand, die Augen schließt, das Gesicht verzieht und sich das legitimierte Hirn à fonds perdu wegpustet, sich die Karte auslöscht; das gibt natürlich eine unchristliche Schweinerei, und die Incandenzas schwanken beziehungsweise wackeln grüngesichtig und rotnebelgesprenkelt aus dem Zimmer (…). S. 626.

Abgesehen von diesen Aspekten, die teilweise so nah und intim beschrieben sind, dass mir im wahrsten Sinne beim Lesen die Luft wegblieb, geht es um nicht minder bedrückende Themen wie Kindesmisshandlung, Gewalt, Entzugserscheinungen, Treffen der AA, Traum/Wachzustände, missglückte Kommunikation, Entscheidungsfreiheit, politischen Separatismus und darüber hinaus natürlich den Sport Tennis und gesellschaftliche Entwicklung, besonders in der technischen Unterhaltungsbranche (die zuweilen bei DFW drollig veraltet daherkommt, eben mit dem Stand der 1990er).

Sprache

Als reichte diese Themenpalette nicht, um einen vielfältigen Roman auszumachen, reichert das Sprachgenie David Foster Wallace sein Buch mit einem Bombast an Sprachspielen und Neologismen, literarischen Gattungen, Slang, persönlichen Sprachmustern z.B. im Dialog, Filmdaten und -listen, Medikamentennamen, Wörterbuchwissen und Synonyme-suchen als Zeitvertreib, mathematischen Exkursen, literaturwissenschaftlichen Querverweisen oder psychologischen Theorien an (s. Z. 4 und 5).

Man kann sich von diesem Buch ohne schlechtes Gewissen überfordert fühlen. Es verlangt einem wirklich viel ab. Viel Zeit, viel Geduld, viel Energie, viel Konzentration und Denkvermögen, viel Abstraktionsleistung und Hintergrundwissen (oder zumindest die Bereitschaft, etwas entweder nachzuschlagen, oder sich mit Wissenslücken zufrieden zu geben).

Leseerfahrung

Ich habe, soweit ich das nachvollziehen konnte, im Mai 2010 (!) angefangen, „Infinite Jest“ auf englisch zu lesen. Diese Übermotiviertheit kann ich keinem empfehlen, der nicht englisch als seine Muttersprache ansehen darf. Ich habe aufgegeben. Ich habe wieder angefangen. Ich habe wieder aufgegeben. Auf Seite 430 der englischen Ausgabe. Letzten Herbst packte es mich wieder, ich lieh mir von Katja ihre tolle deutsch übersetzte Ausgabe in Gelb von der Büchergilde und fing nochmal ganz von vorn an: auf deutsch. Auch hier hatte ich zwischendrin eine Phase (auch ungefähr bei der Hälfte) in der ich dachte: Ich will lieber was anderes lesen, es ist genial, aber ich schaff es einfach nicht. Oder halt irgendwann anders. Aber bei diesem Buch gibt es kein irgendwann anders.

Gründe dafür, „Unendlicher Spaß“ durchzulesen

Es gibt schwerwiegende Gründe, „Unendlicher Spaß“ zu lesen und es auch zu Ende zu lesen. Und man hat nicht unendlichen Spaß dabei. Eher das Gegenteil. Dennoch, dieser Roman ist so vollgepackt mit Humor, Tiefsinn, Sachverstand, Gesellschaftskritik, Psychologie und den besten Beschreibungen verzweifelter Gemütszustände und Suchtauswirkungen, die ich jemals irgendwo las (s. Z. 6).

Dave Eggers drückte es 2006, also als DFW noch lebte, im Vorwort zu „Infinite Jest“ so aus: „When you exit these pages after that month of reading, you are a better person. It´s insane, but also hard to deny. Your brain is stronger because it´s been given a monthlong workout, and more importantly, your heart is sturdier (…).“
Es war nicht direkt ein Medusa-Effekt, den DFW mit diesem Roman auf mich ausübte. Denn ich versteinerte nicht beim Lesen und ich konnte es auch durchaus mehrere Monate im Regal liegen lassen, ohne dass es mir des Nachts heimlich auf den Kopf gefallen wäre. Und doch hat es mich wie ein Magnet immer wieder zu sich gerufen. Mich nicht mehr losgelassen. Und ich bin ziemlich sicher, dass es mich auch ab heute nicht mehr loslassen wird. Das hat so bisher kein Buch geschafft.

Zuletzt möchte ich die Worte des von mir sehr geschätzten Jonathan Franzen wiedergeben, der sich in seinen Essays in „Farther Away“ ausgiebig mit dem Freitod DFWs auseinander setzte:
For most of the time I knew Dave, the most intense interaction I had with him was sitting alone in my armchair, night after night, for ten days, and reading the manuscript of „Infinite Jest“. That was the book in which, for the first time, he´d arranged himself and the world the way he wanted them arranged. At the most microscopic level: Dave Wallace was as passionate and precise punctuator of prose as has ever walked this earth. At the most global level: he produced a thousand pages of world-class jest which, although the mode and quality of the humor never wavered, became less and less funny, section by section, until, by the end of the book, you felt the book´s title might just as well have been Infinite Sadness. Dave nailed it like nobody else ever had.“

Für alle, denen es ähnlich geht wie mir und die noch in oder vor der Lektüre stecken, möchte ich eine (freilich nicht ganz ernst gemeinte) Gebrauchsanweisung mitliefern.Unendlicher Spaß2

Gebrauchsanweisung

Charakterliche Eignung. Du solltest ein ausgesprochen ausdauernder, ehrgeiziger Leser sein und keine Empfindlichkeiten gegenüber sehr ekelerregenden, krass brutalen oder enorm detaillierten Beschreibungen hegen.

Sprachliche Voraussetzung. Wenn du kein native speaker / reader der englischen Sprache bist, versuche nicht, „Infinite Jest“ in Originalsprache zu lesen. Nicht nur ich bin daran gescheitert.

Vorbereitung. Du wirst vielleicht nicht drei Jahre brauchen wie ich. Aber es wird dauern. Entscheide dich also für das Buch, wenn du weißt, dass du Zeit hast und dass du erstmal nichts anderes anspruchsvolles lesen möchtest / musst.

Art der Lektüre.

a) Lies einfach weiter. Es bringt nichts, zwischendurch lange aufzuhören, dann verliert man schlimmstenfalls den Faden und muss nochmal von vorn anfangen.

b) Überblättere keine Seiten. Du verpasst irgendetwas wichtiges oder total komisches.

c) Lies die Fußnoten. Ja, ich weiß, … lies sie trotzdem.

Ort der Lektüre. Die gebundene Ausgabe wiegt 1466 Gramm. Demzufolge rate ich von Lektüre in liegenden Positionen (Badewanne, Bett) und von der Mitnahme „für unterwegs“ ab.

Zeitpunkt der Lektüre. Kleine Empfehlung für sensible Gemüter trotz charakterlicher Eignung (zu denen auch ich mich zähle): Lies nicht während des Essens, vor allem nicht beim Frühstück. Aus diversen Gründen kann es ganz schnell passieren, dass dir gehörig der Appetit vergeht.

Parallellesen. Was geht: Leichtere Lesekost. Diverse Nachschlagewerke :). Was nicht geht: Anspruchsvollere Literatur, besonders wenig zeitgenössische amerikanische wie Franzen, Auster, Roth.

Nachbereitung. Der Roman hat Nachwirkungen, die ich selbst noch nicht ganz einschätzen kann. In den letzten Tagen, nachdem ich meine Lektüre abschloss, bin ich unfähig gewesen, mich auf ein anderes Buch wirklich einzulassen. In der S-Bahn erinnern mich die Leute ständig an irgendwelche Figuren in „Unendlicher Spaß“. Ich stelle an mir ein krasses Bedürfnis danach fest, mich mit DFW zu befassen, sowohl mit seiner Biografie als auch mit seiner Fiktion. Das kenne ich in diesem Maße noch nicht von mir. Ich identifiziere mich …

Fußnoten / Zitate

1) „Ein Teil von Marathe hatte immer fast schon das Bedürfnis, Menschen zu erschießen, die seine Antworten vorhersahen, Wörter einfügten und sagten, sie wären von Marathe, und ihn nicht zu Wort kommen ließen. (…) Die beiden großen Brüder von Marathe hatten sich von Kindesbeinen an daran beteiligt, hatten von allen Standpunkten aus argumentiert und Rémy mundtot gemacht, indem sie seine Wörter einfügten. Beiden hatten frontal Züge geküsst, bevor sie das heiratsfähige Alter erreicht hatten; beim Tod des besseren war Marathe im Publikum gewesen.“ S.619.

Fußnote 173, verweist auf Anm. 304 der dtsch. Ausgabge, unter der sich 10 minimalst gedruckte Seiten verbergen, deren Inhalt aber wichtig ist, und wiederum mit weiteren Fußnoten versehen wurde…

 2) „Es ist ein Ausmaß an psychischem Schmerz, das mit dem uns bekannten menschlichem Leben schlechthin unvereinbar ist. Es ist ein Gefühl des radikalen und kompromisslosen Bösen, nicht nur ein Charakteristikum, sondern die Essenz der bewussten Existenz. Es ist ein Gefühl der Vergiftung, die das Selbst auf seinen fundamentalsten Ebenen durchzieht. Es ist ein Ekel der Zellen und der Seele. Es ist eine unabgestumpfte Intuition, in der die Welt voll und reich ist, belebt, keine bloße Karte und gleichzeitig qualvoll, bösartig und feindselig gegenüber dem Selbst, das Es zuwogt, in Seine schwarzen Falten hüllt, absorbiert und um das Es gerinnt (…).“ S. 999.

3) „Hal Incandenza hat zwar auch noch keine Ahnung, warum sein Vater im Jahr der Dove-Probepackung in Wahrheit den Kopf in eine speziell manipulierte Mikrowelle gesteckt haben könnte, aber er ist ziemlich sicher, dass der Grund keine US-amerikanische Stanard-Anhedonie war. Hal selbst hat seit Winzlingstagen kein intensives Innenlebengefühl mehr gehabt; Begriffe wie Lebensfreude oder Wertschätzung sind für ihn wie Variablen in erlesenen Gleichungen, und er kann sie gut genug handhaben, um jedermann zufriedenzustellen bis auf ihn selbst, der da drin ist (…). Seine Moms Avril hört ihre eigenen Echos aus ihm heraus, glaubt aber, ihn zu hören, und das gibt Hal das einzige Gefühl, das er seit einiger Zeit bis Oberkante Unterlippe fühlt: Er ist einsam.“S. 996.

4) „Und sie sah dort als Mädchen keinen einzigen Film, für den sie nicht ohne Weiteres vor Liebe gestorben wäre. Egal worum es ging. Sie saß in der ersten Reihe neben ihrem leibhaftigen Daddy, sie saßen immer in den ersten Reihen der engen kleinen hyperisolierten -plexe, in Nackenverrenkistan, wo die Leinwand das gesamte Blickfeld ausfüllte, ihre Hand in seinem Schoß, ihr großer Becher Cracker Jacks in ihrer Hand (…) und wusste heute, daß sie sich nie wieder wie in jener Schlange behütet fühlen würde, den ungetrübten großen Spaß der Leinwandunterhaltung vor Augen, nie wieder bis zu ihrem Verhältnis mit diesem Liebhaber, den sie aufkochte und rauchte (…).“ S. 342.

5) „Sie haben in den sexten Gang geschaltet. Ihre Lider flattern; seine schließen sich. Konzentrierte taktile Zartheit. Sie ist linkshändig. Es geht nicht um Trost. Sie fangen mit dem Punkt gegenseitiges Aufknöpfen an. Es geht nicht um Eroberung oder Einnahme mit Gewalt. Es geht nicht um Drüsen, Instinkte oder die Sekundenbruchteile lang erschauernde Oknophilie des Selbstverlusts; auch nicht um Liebe oder darum, wessen Liebe man im tiefsten Inneren ersehnt, von wem man sich verraten fühlt. (…) Der Punter hat eher das Gefühl, es geht um Hoffnung, die unermessliche Hoffnung, weit wie der Himmel, (…) dass er sie einen Augenblick lang hat (…) und der und nur der ist, den sie sieht, dass es keine Eroberung ist, sondern eine Kapitulation, (…) dass sie ihn haben muss, ihn in sich aufnehmen muss und sonst in Schlimmeres als nichts zergeht; dass alles andere fort ist: Ihr Sinn für Humor ist fort, ihre Wehwehchen, Triumphe, Erinnerungen, Hände, Karriere, Treuebrüche, Tode von Haustieren – dass sie von einer Lebendigkeit erfüllt wird, der alles abgesaugt wurde bis auf seinen Namen: O., O. Dass er ihr Einziger ist, ihr A und O.“ S. 816f.

6) „Ein paar haben´s überstanden, weil sie zu den NA oder einer Sekte gegangen oder in eine glupschäugige Kirche eingetreten und mit Krawatten rumgelaufen sind und von Jesus oder dem Aufgeben erzählt haben, aber der Scheiß funktioniert bei dir nicht, weil du zuviel auf der Pfanne hast, um je das Blech der Gotteshorden zu fressen. Meist ist nicht groß was passiert mit denen, die es brauchten und aufgegeben haben. Sie sind aufgestanden und zur Arbeit gegangen und nach Hause gekommen und haben gegessen und sind ins Bett gegangen und aufgestanden. Tag für Tag. Aber tot. Wie Maschinen; du konntest praktisch die Aufziehschlüssel sehen, die sie im Rücken stecken hatten. Du hast ihnen in die Karten gesehen und etwas war weg. Die lebenden Toten. Sie liebten es so sehr, dass sie es brauchten, und sie gaben es auf, und von da an warteten sie auf den Tod.“ S. 1526.

David Foster Wallace: Unendlicher Spaß / Infinite Jest, englische Originalausgabe erschien bereits 1996, in der deutschen Übersetzung von Ulrich Blumenbach, 2009

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21 Gedanken zu “David Foster Wallace: Unendlicher Spaß / Infinite Jest, Roman (2009)

  1. Großartig, großartig meine allerliebste Blogschwester 😉 Ich bin stolz auf dich, dass du es durchgezogen hast – und diese schöne kompakte Rezi. Ich bin ja auch einer der „Unendlicher Spaß“-Abbrecher, wodurch du in den Genuss kamst, meine schöne Büchergilde-Ausgabe leihen zu können (die ja auch schon etwas gelitten hatte ;). Ich hab jetzt wieder richtig Bock drauf, „Unendlicher Spaß“ weiterzulesen und werde das wohl zu meinem Herbstprojekt machen und es hintereinander weg lesen. Zumal, wie du ja weißt, ich gerade seinen Erstlingsroman lese, der schon ebenso irre ist, sich aber weitaus locker flockiger lesen lässt. DFW ist auch einfach irre, hatte eine irre Phantasie, wohl beflügelt durch die Phasen der Depression und Manie, und beherrscht sein Figurenpersonal, lässt uns eintauchen in die Psyche dieser gestörten Menschen und besitzt vor allem einen derart geilen Humor. Das zeichnet den Erstling vor allem aus – viel Humor und aberwitzige Aktionen, Handlungsverflechtungen. Ein ganz großartiger Erzähler und Autor mit dem sich jeder mal beschäftigen sollte, der sich Literaturkenner nennen mag; auch wenn es mitunter ein Kampf ist – denn man wird nicht nur einfach unterhalten, man lernt etwas über sich selbst und wird vielleicht auch ein ganz klein wenig selber irre … Wenn man es nicht eh schon ist, weil man DFW liest 😉

    Da sieht man mal, was Worte erreichen können und wie Literatur auch sein kann im Gegensatz zu vielen dahinplänkelnden langweiligen aktuellen Titeln, die sich immer wieder um ähnliche Sujets drehen – da kommt keiner an DFW ran in der Einzigartikeit, Experimentierfreude, Fabulierlust, erzählerischen Wucht, umfassenden Romanstruktur und Figurenpsychologie. Wahnsinn – die Axt für das gefrorene Meer, sag ich nur …

    1. Oh gut, du findest meine Besprechung „kompakt“? Ich hatte schon Sorge, sie sei viel zu lang. Aber bei diesem Roman kann man sich nun wirklich nicht kurz fassen! Ich bin sehr froh, dass ich deine Büchergilde-Ausgabe nochmal angefangen habe, zum einen ist es eine wirklich hübsche Ausgabe im Gegensatz zu der dtsch in Weiß (ausgerechnet!) und zum anderen ist es auf deutsch soviel leichter zu verstehn. Wenn man das überhaupt so sagen kann bei diesem Buch 🙂
      Ich bin nun ein absoluter DFW-Anhänger und will unbedingt noch mehr von ihm lesen! Auch seine zahlreichen Erzählungen! Im November erscheint wohl die dtsch. Übersetzung von „Pale King“, dem Roman, an dem er schrieb (und verzweifelte?), bevor er sich das Leben nahm…
      Du hast recht, der Humor ist echt supergeil! Das hab ich in meiner Besprechung gar nicht so deutlich machen können. Zumal eben auch viele bedrückende Stellen diesen Eindruck von Infinite Sadness vermitteln. Aber der Humor blinkt immer wieder auf und ist auch wichtig… DFW hat echt so eine Art postmoderne Bibel, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft geschrieben…. Wirklich großartige Literatur, von der ich mir sicher bin, dass sie auch in 10 Jahren und mehr noch Bestand haben wird. Ganz im Gegenmsatz zu vielem anderem…
      Freu mich auf viele DFW-Huldigungsgespräche mit dir 😉

  2. Wahnsinn! Sowohl dass Du am (Lese-)Ball geblieben bist, alsauch dass Du diese tolle und ausführliche Besprechung geschrieben hast. Jetzt gehörst Du bestimmt zu den ganz wenigen Menschen, die sich wirklich durch das riesige Werk hindurchgegraben haben. Denn bei Roberto Bolanos „2066“ (das ich schon nach dem ersten Buch aufgegeben habe) konnte ich definitiv nachweisen, dass ganz viele Rezensenten der hochangesehenen Zeitungungen von dem Roman nicht mal das erste Buch gelesen hatten.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Danke fürs Lob, Claudia! Ja, das hat es wohl so auf sich mit extrem langen, umfangreichen, anspruchsvollen Büchern; das gern alle darüber reden / schreiben wollen und es doch nur wenige wirklich ganz lesen. Bolanos „2066“ kenne ich noch gar nicht, worum geht es denn da? Vielleicht wird das ja mal irgendwann noch ein „Leseprojekt“. Aber erstmal reicht es mir nun an solchen Extrem-Mammutwerken, naja, bzw. hab ich ja noch „meinen“ Proust 😉

      1. Wenn ich ganz ehrlich bin und genau das antworte, was mir im Moment einfällt, ohne das Buch noch einmal in die Hand zu nehmen oder sonstwo nachzulesen: Ich weiß es gar nicht mehr so genau! Ich glaube, es geht, zum einen, um verschwundene/ermordete Frauen in einem Grenzort in Mexiko und zum anderen um die Lebengeschichten einiger Menschen, die dort leben. Aber das ist alles ganz schwammig. (Ist ja auch mal eine Aussage, dass ich mich nicht mehr erinnern kann!) Der Roman ist vor zwei oder drei Jahren in den Kulturteilen der Zeitungen sehr, sehr, sehr gelobt worden, aber ich habe ihn dann doch irgendwann zur Seite gelegt, weil er mir zu überdreht war. Deshalb denke ich auch, dass der „Unendliche Spaß“ nicht unbedingt meins ist.
        Viele Grüße, Claudia

  3. Schöne Zusammenfassung!

    Allerdings: ich finde es durchaus möglich, das Buch für eine gewisse Weise liegen zu lassen. Das mag jeder machen, wie er mag, aber die Komplexität des Buches macht eine zusammenhängende Leseerfahrung, die so etwas wie Überblick über das Werk vortäuscht, sowieso so gut wie unmöglich. Ich lese immer wieder gerne darin für ein paar Tage und muss das Buch dann aus verschiedenen Gründen wieder weglegen. Doch jeder Leseabschnitt ist für sich genommen überragend und vielleicht sogar besser in kleinen Häppchen zu verdauen. Ich lese seit 2 Jahren in dem Buch, aktuelle Seitenzahl: 906!

    PS: Bolanos 2066 liegt aktuell ebenfalls nur heurm, etwa bis zur Hälfte gelesen. Drei von fünf Büchern, die überzeugen, ohne ein bzw. das Ende zu kennen. Das macht für mich gute Literatur aus.

    1. Hallo Till, lieben Dank für dein Feedback! Ich hab es ja auch gemacht / machen müssen wie du und das Buch über drei Jahre lang in kleinen Teilen gelesen (und hab nach der Hälfte ca auf englisch nochmal komplett auf deutsch angefangen). Meiner Erfahrung nach ist es dann hinderlich, wenn man es wirklich lange (also mehr als 3Monate oder so) liegen lässt, weil man dann gedanklich ziemlich „raus“ ist. Aber klar, da muss jeder schauen, wie es passt 🙂 Einen wirklichen Überblick oder Zusammenhang habe ich auch erst ab circa S. 1000 erkennen können…

      So oder so: ein herausragendes Buch! Ich wünsch dir noch viel Spaß bei der Fortsetzung deiner Lektüre!

  4. Danke, deine Besprechung ist einfach klasse, d. h. informativ, erhellend und wunderbar lesbar. Und deine Gebrauchsanweisung wirklich hilfreich 🙂 Da ich zur Zeit mehrere Grundvoraussetzungen nicht erfülle (Zeit, Bereitschaft, auch Ekliges zu lesen etc.), weiß ich, dass das ein Leseprojekt ist, das ich erst einmal in die Zukunft verlagere. Meinen SUB freut’s. Da bin ich dann gespannt, was du dir als nächstes vornimmst …

    1. Merci beaucoup 🙂 Ich denke es ist gut, wenn du dir bewusst machst, wann du anfängst mit diesem Buch. Wenn nicht jetzt, dann eben später!

  5. Liebe Laura,
    willkommen im Club 🙂 Eine wirklich wunderbare Rezension, die mir so einiges wieder in Erinnerung rief… ich dachte, es sei weg, aber es ist alles wieder fast genauso da. Faszinierend 😉
    Es ist unmöglich, diesen Wälzer „kurz“ zusammenzufassen, aber ich finde, Du hast die richtigen Punkte getroffen und bestimmt so einigen Leutchen Lust auf dieses Projekt gemacht!
    Liebe Grüße,
    June

    1. Danke für deine Worte, June. Bin froh, nun mit dir zum Club der DFWler zu gehören 😀 Und dass bald noch mehr dazu zählen hoffe ich doch sehr! Interessant auch, dass es wirklich nicht „weg“ ist, wie du schreibst. Dann liege ich ja mit meiner Vermutung, das Buch lasse einen nicht mehr los, richtig…

  6. Liebe Laura,
    GLÜCKWUNSCH zu dieser fantastischen Besprechung, die ich so super lesbar und toll gegliedert fand. Man merkt deinen Worten an, wie lange und intensiv du dich mit DFW und diesem Werk beschäftigt hast. Bei mir steht es ja noch ungelesen im Regal – aber muss ich es nach diesen tollen Einblicken überhaupt noch lesen? 😉

    Liebe Grüße
    Mara

    1. Ich hab übrigens auch tatsächlich drei Tage lang an der Besprechung geschrieben und gefeilt und mir vorher teils schon überlegt, wie ich es aufbaue und alles einbringe, was ich sagen will… Soviel Aufwand verlangt mir ein Roman selten ab; aber es hat mir Spaß gemacht.

  7. Haha, eine großartige Rezension, vor allem die Gebrauchsanweisung hat es mir angetan. Auch ich bin eine derjenigen, die irgendwann mal angefangen haben und seit Ewigkeiten feststecken. Seit Dezember 2011 liegt es da, bis Seite 450 bin ich vorgedrungen, immer wieder mal lese ich fünf Seiten, aber die zeitlichen Abstände werden immer größer, und eigentlich kann ich kaum noch behaupten, dieses Buch wirklich „gerade“ zu „lesen“. Aber der Wille ist da: Auch ich will den Berg eines Tages erklimmen, denn stellenweise fand ich dieses Buch schlichtweg genial, und ich bin zuversichtlich, dass ich es dank deiner praktischen Gebrauchsanweisung auch schaffen werde! 🙂

    1. Liebe Caterina, ich freu mich sehr, dass meine Gebrauchsanweisung es dir angetan hat, das musste irgendwie sein. Ist mir mal irgendwann auf dem Fahrrad eingefallen 😉 So um S. 400-500 herum ist es irgendwie besonders schwierig am „Buch“ zu bleiben, so mein Eindruck, ich bin etwa dort auch jedes Mal hängen geblieben… Danach liest es sich in jedem Fall flotter weg, weil man auch Zusammenhänge zwischen allem zu erkennen beginnt. Ich hoffe, dass du es (mit Hilfe der Gebrauchsanweisung) schaffst, in diesem Fall lohnt es sich sehr sehr sehr!

  8. Ich habe vor einem halben Jahr bei ca. Seite 800 abgebrochen und fand dann nicht mehr den Anlauf…jetzt werde ich wieder anfangen. Trotzdem: Die ersten 799 Seiten haben mir gefallen, aber ich fand auch, dass DFW nicht an Thomas Pynchon heranreicht, dem er im Schreibstil sehr ähnelt. Die Enden der Parabel haben mich mehr gepackt… Birgit

    1. Dann muss ich wohl mal Pynchon lesen!? Schreibt er auch solche Brocken :)?
      Unbedingt Feedback geben, wenn du DFW weiterliest, bin immer sehr gespannt, wie es anderen bei der Lektüre ergeht.

  9. Ich bin auf deinen Beitrag gestoßen, weil ich mich (noch einmal, beim ersten Mal habe ich nach ein paar Seiten abgebrochen) an „Unendlicher Spaß“ wagen will und nach ermutigenden Worten gesucht habe. Gesucht – gefunden. In diesem Jahr noch geht’s los. Bestimmt.

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