XXIX. Sonntag mit Proust

Wir sind so erstaunt, bei Barden der Vorzeit moderne Ideen zu finden, daß wir in Bewunderung ausbrechen, wenn wir in dem, was wir für eine alte gälische Dichtung halten, einer Idee begegnen, die wir bei einem Zeitgenossen höchstens ganz geistreich gefunden hätten. Ein begabter Übersetzer braucht einem alten Autor, den er mehr oder weniger treu rekonstruiert, nur Stücke hinzuzufügen, die, mit dem Namen eines Zeitgenossen gekennzeichnet und für sich allein gedruckt, bestenfalls leidlich angenehm schienen: sofort verleiht er seinem Autor damit tiefbewegende Größe, da dieser nunmehr eine Tonskala aus mehreren Jahrhunderten zum Erklingen bringt.(…)
Die Vergangenheit entflieht nicht, sie bleibt und verharrt bewegungslos.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

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