Zwischen Genie und Wahnsinn – David Foster Wallace: Der Besen im System (1987)

Meine Huldigung:

David Foster Wallace ist ein unglaublich genialer Autor, zu einem anderen Urteil kann man gar nicht gelangen. Es ist ein irre wahnsinniges Vergnügen, DFW zu lesen und ich bin vollständig überzeugt, dass sich so schnell kein zweiter Autor finden lässt, der eine derartige Einbildungskraft und scharfe Beobachtungsgabe besitzt, mit der er die moderne Gesellschaft analysiert und mit einem irren Lachen mit eben jener abrechnet. Eine solche Hingabe zum Fabulieren, zu waghalsigen Storylines und unheimlich experimentellen, einzigartig-verrückten und abwegigen Figuren habe ich kaum erlebt. DFW schafft es auf über 600 Seiten zu faszinieren, ohne dass es langweilig wird, wohl aber verwirrt er den Leser bis zur Grenze seines Verstandes und treibt sein perfides Spiel mit Erwartungen, ineinander verflochtenen Erzählsträngen und Textebenen. Er überrascht mit unerwarteten Wendungen, seltsam skurrilen Verhaltensweisen, haarscharfen Beobachtungen und Gesellschaftsanalysen und lässt keinen menschlichen Abgrund aus, den man sich irgendwie vorstellen könnte.

DFW_Der Besen im System

DFW zu lesen gleicht einem Besuch im Irrenhaus, wie im Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ … Ich könnte mir wunderbar Jack Nickolson in einer Rolle in dieser bitterbösen Gesellschaftssatire vorstellen. Vermutlich war es für seine Literatur ein skurril-trauriger Glücksfall, an einer „Krankheit“ zu leiden, die ihn wohl auch dazu getrieben hat, die abwegigsten Gedanken  aus den Abgründen unserer Gesellschaft mit irrem Witz und Verstand in seiner Literatur zu verdichten. Zu schreiben war vielleicht wie eine Art Therapie für ihn, vielleicht hat ihn das von seinen Dämonen ein wenig befreit und ihn geheilt, da er vermutlich nicht an die Psychoanalyse geglaubt hat und auch nicht daran, dass Psychopharmaka eine Depression dauerhaft heilen können, sondern eher betäuben. Was auch immer für Erfahrungen er hatte und mit welcher Zahl an Psychopharmaka und synthetischen Drogen er versuchte dem dunklen Schatten Depression zu entfliegen, zahlreiche Erlebnisse und Bilder finden sich in seinen Texten, Figuren und der erzählerischen Grundstimmung wieder und waren wohl trotz ihrer Tragik tiefste Inspiration. Man fragt sich fast, ob diese Geschichten ihn quälten und er unter Drogeneinfluss die eine oder andere Szene halluzinierte und direkt aufs Papier brachte … Ich würde fast behaupten, es handelte sich bei DFW um ein modernes Genie, wenn es so etwas überhaupt gibt …

„Der Besen im System“ – die Story:

DFWs Debüt in wenigen Worten zusammenzufassen und nichts zu verschweigen, ist fast so unmöglich wie bei seinem später entstandenen Hauptwerk und Opus „Unendlicher Spaß“ – hier zeigt sich schon, welches Talent dieser Autor besitzt und es macht großen Spaß, in diese Welt einzutauchen. Seinen brillanten ersten Roman schrieb er noch als Student der Logik, Mathematik, Philosophie und Literatur. „Der Besten im System“ ist eine Art Kriminalroman, bitterböse Gesellschaftssatire, Familiengeschichte, Love-Story und Roadmovie – er verwebt diese Genres und gestaltet sie zu einer rasanten und spannungsgeladenen Geschichte mit absurden Parallelen und Wendungen.

Die meisten wirklich hübschen Mädchen, stellt Lenore auf einmal fest, haben ziemlich hässliche Füße. So auch Mindy Metalman. Ihre Füße sind lang und dünn, die Zehen abgespreizt und schwielig, und an der Ferse wuchert die Hornhaut in tektonischen Schichten. Einzelne lange schwarze Haare wachsen aus dem Spann, und der rote Nagellack gammelt streifig vor sich hin bis er aussieht wie eine Zuckerstange. Lenore fällt das alles nur auf, weil sich Mindy auf dem Stuhl neben dem Kühlschrank nach vorn beugt, um an dem Nagellack zu kratzen. Dabei öffnet sich ihr Bademantel, und Lenore kann in ihrem Ausschnitt sehen und so, und dort ist deutlich mehr, als sie selbst zu bieten hat, und der weiße Handtuch-Turban, den sich Mindy um ihre frisch gewaschenen Haare gewickelt hat, löst sich allmählich, wodurch ihr eine einzelne dunkle Strähne über die Wange fällt und weiter bis unters Kinn, was sehr nach stiller Anmut aussieht. (…) S. 9 – Romananfang

Im Mittelpunkt steht die Anfang 20-Jährige äußerst clevere und hübsche Lenore Beadsman aus Ohio, die mit 15 Jahren bereits ein Mädchen-College besuchte und während der Roman-Handlung  in der Telefonzentrale des Verlags „Frequent und Vigorous“ ihr Dasein fristet. Lenore ist mit einem Teil der Geschäftsführung liiert – Rick Vigorous, einem extrem eifersüchtigen, komplexbeladenen, geschiedenen viel älteren Mann, der Lenore vergöttert, aber leider ein großes  Problem sexueller Natur hegt, das es ihm unmöglich macht, Lenore seiner Hingabe entsprechend sexuell zu befriedigen. Beide besuchen denselben nicht gerade verschwiegenen Psychiater – Dr. Jay. Rick analysiert mit ihm seine sexuellen und emotionalen Komplexe sowie die Beziehung zu Lenore und versucht, von Dr. Jay mehr über Lenores Gefühle zu erfahren. Lenore berichtet Dr. Jay hingegen von ihrer Familie und ihrer Beziehung zu Rick. Sie stammt aus einer irrwitzigen anstrengenden Familie mit zahlreichen Geschwistern. Lenores Vater, ein landesweit bekannter Unternehmer und Gründer einer riesigen Babynahrungsdynastie namens Stonecipheco, sorgte dafür, dass Lenores Mutter ihr gesamtes Leben in psychiatrischer Verwahrung verbrachte …

Die Geschichte beginnt damit, dass Lenores ebenso clevere Großmutter desselben Namens aus dem Shaker Heights Seniorenwohnheim urplötzlich verschwunden ist, nebst einigen anderen Insassen, und Lenore sich auf die Suche nach ihr macht. Mit dem Verschwinden von Großmutter Lenore, einer ehemaligen Schülerin des Philosophen Wittgensteins, verschwand auch ein wertvolles Notizbuch mit Aufzeichnungen hoch interessanter sprachkritischer Natur, das Lenore wiederbeschaffen soll. So erfährt man während der Spurensuche Lenores nach ihrer Großmutter einiges über ihre Geschwister, ihr seltsames Verhältnis zu ihrem kalten, strengen Vater, der Lenore zeitlebens von ihrer depressiven Mutter entfernt gehalten und eingesperrt hat. Daneben geht es auch um  die vergangene Ehe von Rick Vigorous, seine Jugend und Studentenzeit und seine Jugendliebe Mindy Metalman, die am Ende der Geschichte wieder eine größere Rolle spielt, als Lenore in Begleitung von Rick auf der Reise zu ihrem Bruder LaVache, a.k.a. der Antichrist, Mindys Mann Andy kennenlernt und sich alles verwebt und zu einem größeren Ganzen zusammenfügt … auch wenn man jetzt nicht daran glauben will. =)

Das Leseerlebnis:

DFW ermöglicht dem Leser wie kein zweiter mit seinen Figuren in eine andere Welt einzutauchen und diese nahezu gespenstisch real und schonungslos nachzuerleben. Man befindet sich direkt mit der Figur in einer anderen Welt, anderen Zeit und kann vom eigenen Erfahrungshorizont in andere Menschen und deren Gedanken und Gefühle schlüpfen und damit auch in diejenigen des Autors. Er spielt mit verschiedenen Zeitebenen und Erzählebenen, die den Lesefluss verkomplizieren, als auch mit verschiedenen Erzähl-Genres und Textsorten wie Protokolltexten der Therapie-Sitzungen mit Dr. Jay, nacherzählten fiktiven Geschichten, die Rick Lenore tage- und nächtelang als Sex-Ersatz erzählt und wörtlich wiedergegebenen Dialogen zwischen den verschiedenen Hauptpersonen.

Es begegnen uns komplexbeladene Menschen zwischen Genie und Wahnsinn: DFW entwickelt mit großer Liebe und Tiefe jede noch so menschlich bemitleidenswerte Figur  mit einer großen Achtung vor den menschlichen Abgründen. Die Stärke von DFW liegt nicht nur in einer sprachlichen Brillanz, einem unerbittlich ehrlichen und direkten Ton, sondern auch in einer glaubhaft-sensiblen Beschreibung seiner Charaktere, die mit allen skurrilen Schwächen ernstgenommen werden und eine spürbar eigene Aura entwickeln, die den Leser mitten in ihr Herz schauen lässt. DWF kennt die Schwächen der modernen amerikanischen Gesellschaft und ihre Leidenschaften, die er mit Respekt, aber zynischem Sarkasmus und einem enormen Spieltrieb inszeniert und vorführt. Er beherrscht seinen Text, den er akribisch strukturiert und den Leser dennoch immer wieder mit Parallelen, Rückblenden und symbolischen Deutungen wie Traumsequenzen verführt und spielerisch verwirrt, so dass man am Ende staunend begreift, wie alles zusammenhängt und diese wahnwitzige Geschichte mit ihren skurrilen Randerscheinungen plötzlich doch einen Sinn ergibt. Wenn ich diesen auch nicht benennen könnte …

DFW ist da am besten, wo er mit hintersinnigem Sprachwitz und großer Erzählerfreude grotesk übersteigert die traurigen Wahrheiten des menschlichen Seins analysiert und mit tiefem Respekt vor dem Abseitigen entlarvt. Seine Figuren gestaltet er absurd schön, voller Witz und Phantasie – tieftraurig bemitleidenswert. Er führt uns in ihre Welt, ihre Geschichte und spinnt eine ganz eigene Fabel um diese Welt herum, die man erst beim mehrmaligen Lesen entdeckt oder vermutet.

Ein genialer Debütroman von einem brillanten Autor, der unterhält, fesselt, überrascht, nachdenklich stimmt und nicht mehr loslässt. „Unendlicher Spaß“ wirft hier seine Schatten voraus. Ich würde jedem empfehlen, Texte von DFW in einem Stück durchzulesen, ohne größere Pausen, um die eigenwillige Struktur nachzuvollziehen und die Rückverweise, Parallelhandlungen und innere wie äußere Komplexität erfassen zu können, ohne vollends verrückt zu werden … Großartiger, einzigartiger Lesegenuss!

David Foster Wallace: Der Besen im System (Original 1987, deutsche Übersetzung 2004) Ausgabe Rowohlt Verlag Hamburg 3. Auflage 2010 

BBC-Documentary über David Foster Wallace

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6 Gedanken zu “Zwischen Genie und Wahnsinn – David Foster Wallace: Der Besen im System (1987)

  1. Lustig, dass wir beide uns intensiv mit DFW beschäftigt haben… und ich weiß nun, dass ich das auch weiterhin tun werde. Er ist ein ganz besonderer Autor für mich. Und eigentlich muss man seine Bücher auch wirklich mehrmals lesen, damit man die ganzen fein eingestreuten Querverweise und Bezüge auch mitbekommt. Den Eindruck hast du auch, oder?
    Ein Autor, der seinesgleichen sucht…

    1. Ja, schöner Zufall. Und ich freu mich jetzt wahnsinnig auf den Herbst und den unendlichen Spaß. Wenn ich auch Respekt davor habe, denn es ist einfach irre, das durchzukämpfen. Wie du schon so schön dargelegt hast. Da ist einfach nochmal einen Ticken krasser. Es ist Wahnsinn, welch grandiose Autoren es gibt und mit welcher Kraft sie Worte zu solch phantastischer Literatur schmieden können. Ja, auf jeden Fall sollte man sich Zeit für DFW nehmen, ihn ernsthaft Schritt für Schritt lesen und wirklich auch zu Ende lesen, um sein Werk in der Gänze zu begreifen und diese Größte erkennen zu können. Das ist schon ein echt Aufgabe. Und vieles versteht man dann wohl erst mit der mehrmaligen Beschäftigung und manches wohl nie 😉

  2. Ein sehr schöne Rezension. Du beschreibst das Leseerlebnis von Besen im System wirklich schön!

    Es ist wirklich atemberaubend, was David Foster Wallace für Werke geschaffen hat. Seine Art & Weise über unser menschliches Verhalten zu schreiben, habe ich bei noch keinem anderen Autoren mit solch (intensiver & schockierender) Treffgenauigkeit erlebt. Auch dass sich nach wiederholtem Lesen immer wieder neue Facetten eröffnen, überrascht mich jedes Mal.

    Bin gespannt wie du Unendlicher Spaß finden wirst! Ich nehme es immer mal wieder gern in die Hand, um in dem einen oder anderen Kapitel zu lesen.

    1. Liebe/er Michel – danke für deinen Kommentar und willkommen auf unserem Blog! Bei dir gibts ja auch gute Dinge zu lesen, vor allem viel Foster Wallace. Ich habe ja den Unendlichen Spaß schon mal angefangen, aber bei Seite 400 dann leider mal gestoppt, und kam nicht weiter. Es war damals zuviel anderes zu tun und nicht die Zeit für dieses Buch, das ist ja manchmal so. Dann hatte ich es lange Zeit verliehen und nun ist es wieder hier und wartet darauf, dass ich es komplett durchlese. Hast du es eigentlich im englischen Original gelesen oder in der Übersetzung? Das Original ist eine enorme Herausforderung, ich würde das nicht packen … Das wär mir zu anstrengend.
      Ich freu mich auf weiteren Austausch mit dir – viele Grüße

      Katja

      1. Oh ja, die ersten 400 Seiten. Die vielen Charaktere, die vielen Nebenhandlungen; man weiß gar nicht, worauf man seine Prioritäten legen soll. Mir ging es beim ersten Lesen ähnlich: für die ersten 600 Seiten habe ich fast 3 Monate benötigt, dann: zweimonatige Pause. Aber ab Seite 700 „flutschte“ es und in einem Monat hatte ich IJ fertig gelesen.
        Ein bisschen Schuld trägt der Klappentext, wie ich finde. Denn man erwartet, dass die Suche nach dem Masterband endlich mal beginnt. Ab Seite 700 habe ich mich damit abgefunden, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt und konnte mich voll und ganz auf die Charaktere/die Sprache/die Anekdoten einlassen.

        Mit der Übersetzung geht es mir genauso. Ich habe auch „nur“ die deutsche Übersetzung gelesen. DFWs Englisch ist für mich ein Hürdenlauf bei dem ich kurz nach der Startlinie schon luftschnappend zusammenbreche – zumindest in seiner Prosa. Auf http://www.thehowlingfantods.com/dfw/web-publications.html sind einige seiner Essays/Artikel verlinkt, die verständlich im Original zu lesen sind.

        Michel

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