XXX. Sonntag mit Proust: Über das Sehen

Marcel Proust (1871-1922) schreibt in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ anhand des fiktiven Malers Elstir, der oder dessen Bilder immer wieder im Roman auftauchen, über das Sehen an sich. In unsere Sehgewohnheiten spielt ihm zufolge immer die Erinnerung an Bekanntes, immer auch die Vernunft mit ein, sodass wir uns nicht frei auf das Sehen (von Bildern) einlassen können. Und zugleich trügt uns unser Eindruck zuweilen und wir erliegen einer Illusion, bis sich die Vernunft einschaltet.
Das was man weiß beim Sehen außen vor zu lassen, sich gleichsam zu einer tabula rasa zu machen, das kann ein Ziel sein; ob es gelingt, sei dahingestellt…

Doch als ich mich nun wirklich im Angesicht der Bilder von Elstir befand, vergaß ich völlig die Stunde des Mahls; wie in Balbec hatte ich wieder die Fragmente dieser Welt mit ihren unbekannten Farben vor mir, die nur die Projektion gemäß der ganz besonderen Sichtweise des großen Malers waren, welche seine Worte keineswegs vermittelten. Die mit den von ihm geschaffenen Gemälden bedeckten Teile der Wand, die alle miteinander harmonierten, waren wie die durchleuchteten Bilder einer Laterna magica, die in diesem Fall der Kopf des Künstlers selbst gewesen wäre, dessen Eigenart ein Fremder nicht hätte erraten können, solange er nur den Menschen kannte, das heißt, solange er nur die auf die Lampe aufgesetzte Laterne ohne die bunten Gläser sah. Unter diesen Bildern interessierten diejenigen, die den Besuchern aus den Kreisen der Weltleute am lächerlichsten vorkamen, mich mehr als die anderen, insofern sie wieder jene illusionäre Optik schufen, die uns beweist, daß wir die Objekte nicht identifizieren würden, wenn wir nicht unsere Vernunft dabei zur Hilfe nähmen. Wie oft entdecken wir nicht im Wagen fahrend vor uns eine lange helle Straße, die ein paar Meter vor uns ihren Anfang nimmt, während wir uns in Wirklichkeit nur vor einer Hauswand befinden, die so stark beleuchtet ist, daß die Illusion der Tiefe in uns entsteht. Ist es von da aus betrachtet nicht logisch – nicht auf dem künstlichen Umweg des Symbols, sondern auf Grund einer bewußten Umkehr zur Wurzel des Eindrucks selbst – eine Sache durch jene andere darzustellen, die wir im Aufzucken der Illusion für sie gehalten haben? Oberfläche und Umfang sind in Wirklichkeit unabhängig von den Gegenstandsbezeichnungen, die unser Gedächtnis auf sie heftet, sobald wir sie erkennen. Elstir versuchte aus dem, was er fühlte, das herauszunehmen, was er bereits wußte; sein Bemühen hatte oft darin bestanden, das Aggregat aus Vernunftseinsichten aufzulösen, aus dem sich bei uns ein optischer Eindruck zusammensetzt.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982

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Ein Gedanke zu “XXX. Sonntag mit Proust: Über das Sehen

  1. Ich finde es auch immer wieder spannend, Laura, wie unterschiedlich die Menschen sehen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass unser Auge nur unwesentlich an diesem Prozeß beteiligt ist und vielmehr unser Gehirn viel zum Sehen beiträgt.
    Ein spannendes Thema…
    LG Susanne

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