@bout Paul Delvaux: „Die Phasen des Mondes“ (1939)

In regelmäßigen Abständen möchten wir hier in der Form eines Dialoges unsere Auseinandersetzung mit bestimmten Gemälden und Bildern zeigen. Hierbei geht es nicht um eine kunstwissenschaftliche genaue Analyse, die kunsttheoretischen Begriffen genügen muss. Wir möchten mit unserem Kunstgespräch Denkanstöße geben und dazu inspirieren, sich mit Bildern ganz unvoreingenommen und offen auseinanderzusetzen. Dabei kann der Blick jedes Einzelnen auf faszinierende Deutungsmöglichkeiten gelenkt werden, ausgehend von einem ersten Eindruck, den ein Betrachter auf ein bestimmtes Bild erhalten kann. Wir laden euch ein zum Innehalten und Selbstreflektieren und möchten euch zeigen, dass Kunst ebenso wie Literatur einen faszinierenden Bedeutungsspielraum entfalten kann und eine große Kraft besitzt, die vor allem dann zum Tragen kommt, wenn wir uns zu ihr in Beziehung setzen und versuchen, in ihr zu lesen und zu erkennen.

Diesmal betrachten wir uns das Gemälde „Les Phases de la lune“ (Die Phasen des Mondes) des belgischen Malers Paul Delvaux (1897 Antheit – 1994 Fumes). Das Öl-Gemälde auf Leinwand, entstanden 1939,  ist im Besitz des Museum of Modern Art in New York und gehört zu den frühen surrealistischen Werken des Künstlers. Paul Delveaux schloss sich 1937 der surrealistischen Bewegung an, nachdem er sich mit den Malern René Magritte und Giorgio de Chirico beschäftigt hatte.

Paul Delvaux_ Die Phasen des Mondes
Quelle: SCALA Group S.p.A. Florence, S. 162

Katja:  Nachdem du das letzte Bild von Manet ausgesucht hattest,  habe ich diesmal ein spannendes surrealistisches Bild für unseren Bild-Dialog herausgesucht, das auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu erfassen ist. Es gibt hier keinen unmittelbaren Mittelpunkt, der bestimmbar wäre. Im Hintergrund sieht man eine vulkanartige Hügellandschaft, die ein See oder Fluss von einer großen Terrasse trennt auf der sich verschiedene Menschen befinden.

Laura: Der Blick geht hin und her, von links zu den beiden Männern im Anzug, nach rechts zu der nackten Dame, die auf einer Balkonbalustrade sitzt, die Brüste von einer roten Schleife umschlungen… Und über allem die Mondsichel, die wichtig sein könnte, da der Bildtitel auch auf den Mond und seine Phasen anspielt.

Katja: Irritierend finde ich vor allem  die kleine Gruppe in der Bildmitte, angeführt von einem Mann in einer blauen Hose mit nacktem Oberkörper vor einigen nackten Frauen. Diese Frauen wirken ein wenig, als könnten sie schwanger sein. Im Bezug zur nackten sitzenden Frau auf der Terrasse könnte das wieder die Mondphasen d.h. den fruchtbaren Zyklus der Frau symbolisieren, darauf hindeuten oder sich dazu in Bezug setzen. Dann wären da noch die beiden Herren im Anzug, der eine hebt die Brille und hat sein linkes Auge in der Hand. Kann das vielleicht eine Verbindung zur nackten Frau sein, dass er von ihr geblendet ist oder peinlich berührt ob ihrer Nacktheit? Sie wirkt ja wie zum Geschenk verpackt. Ist das eine Verheißung? Ist sie eine Kurtisane?

Laura: Oder aber eine Idealvorstellung, eine Traumgestalt? Überhaupt hat die dargestellte Szenerie etwas sehr traumhaft-irreales, was ja typisch ist für den Surrealismus… Man könnte sich auch Gedanken machen über die Details, wie den Globus rechts hinter der Frau oder den Stein auf dem Podest in der Mitte… Ich denke schon, dass die Einzelheiten jeweils eine Bedeutung haben. Auch dass die Frau mit der Schleife so abgegrenzt ist hinter diesem Gitter…

Katja: Ich mag an der surrealistischen Kunst, dass sie sich nicht auf den ersten Blick erschließt und dass ihr Sujet auf etwas Unbewusstes hinaus will, dabei aber immer etwas Abstraktes darstellt. Sei es eine Begrifflichkeit oder einen Zustand. Sie wirft Fragen auf, sie benötigt Kontext und sie fordert den Betrachter. Sie erschöpft sich nicht in der reinen Beschreibung der Elemente im Raum oder einer gewissen Ästhetik. Obwohl auch bei diesem Bild so etwas wie eine starke Perspektivität vorhanden ist und eine starke Räumlichkeit. Irgendwie irritieren mich diese scharfen Linien im Gegensatz zu den weichen Hügeln im Hintergrund.  Ich frage mich, welche Geschichte dem Bild voraus geht. Es wirkt so szenisch, als ob jede Figurengruppe eine bestimmte Szene darstellt, die der Maler auch so erlebt oder zumindest imaginiert hat. Was glaubst du?

Laura: Wobei es mir so vorkommt, als würden die einzelnen Personengruppen auch Bezug aufeinander nehmen, als seien es zwar in sich geschlossene Szenen, die aber vielleicht über Schlüsselelemente zusammengehören, wie z.B. durch die Nacktheit. Mir erscheint das wie Segmente aus einem Traum oder einer Vision. Für mich ist das Bild eine kleine Überraschung gewesen, insofern, dass ich erst beim dritten Blick gesehen habe, wie der eine der Männer das Auge in der Hand hält. Es hat etwas sehr Skurriles, Grenzüberschreitendes zwischen Bürgerlichkeit und Gehorsam einerseits und Zügellosigkeit und Freizügigkeit andererseits.

Katja: Die Nacktheit gegenüber der bürgerlichen Gefasstheit stellt hier einen starken Kontrast dar. Wenn man sich weitere Bilder von Paul Devaux betrachtet, erkennt man Parallelen und wiederkehrende Motive, die etwa symbolisieren oder auf etwas hindeuten  … Auffällig ist immer wieder die Nacktheit der Frauen und ihre großen offenen Augen mit den übergroßen dunklen Pupillen. Ohne weiteres Hintergrundwissen könnte man nicht erschließen, worin z. Bsp. die Bedeutung dieser Art Kiste in der Mitte des Bildes liegt und welche Art von Objekt sich auf ihr befindet. Insgesamt ist die Stimmung des Bildes eine in lilagetauchte mitternächtliche Szenerie mit sexueller Konnotation. Die Frau erscheint als fruchtbares, sexuelles Objekt, die sich zur Schau stellt, entblößt, frei gibt, gegenüber dem eher verklemmt drein blickenden in strenge Kleider gehüllten Gelehrten. Stellen die Frauen vermutlich die Sehnsüchte gelehrter Männer dar oder zeigt sich hier die traditionell mythologisierte Darstellung der Frau als Verführerin und Femme Fatale?

Laura: Ich denke, darin liegt kein Widerspruch :). Es handelt sich ganz sicher um traumhafte, vielleicht unerfüllte Sehnsüchte, die auf eine (oder mehrere) Frau(en) projiziert werden. Allerdings tritt hier auch der Mann im Hintergrund als Verführer in Erscheinung, mit nacktem Oberkörper führt er die Prozession unbekleideter Frauen mit geschwollenen Bäuchen an… und bläst auf einer Flöte. Diese Szene enthält auch sexuelle, verführerische Konnotationen.
Jedenfalls regt das Gemälde zu vielfältigen Assoziationen und Gedanken über Geschlecht, Konventionen, Verführung und mystische Zeiten (wie zu bestimmten Mondphasen), sowie Rausch und Traumzustände an.

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4 Gedanken zu “@bout Paul Delvaux: „Die Phasen des Mondes“ (1939)

  1. Kompliment. Sehr gelungener Beitrag. Bezogen auf eure Bemerkung über die Herren im linken Bildteil und der Dualität von offener Sexualität und zivilisatorischer Verklemmtheit, stimme ich mit euch über ein. Dies wird nicht nur durch die Kleidung und Farben hervorgehoben, sondern auch durch die Blickrichtungen: Während die „Verführerin“ sie direkt anblickt. Blickt der Eine den/die Betrachter/in (sicher auch eine bedeutungsträchtige Begebenheit) und der Andere äußerst genau sich selbst, bzw. sein Auge an…

    1. Danke schön! =) Man kann so viel aus Bildern herausholen, aus Beziehungen zwischen Form und Farbe, Haltungen, Mimik und Gestik. Bei den Surrealisten reicht natürlich eine rein gegenständliche Beschreibung nicht aus, damit verfehlt man das Ziel oder das Geheimnis hinter dem Bild. Hier finde ich vor allem auch die Gegensätze spannend. Hier scheinen zahlreiche Gegensätze miteinander zu spielen – die starke Perspektivität der Gebäudelinien und die weichen Formen der Hügel im HIntergrund sowie die Weichheit der weiblichen Formen – Weiblichkeit = Weichheit, Zart, Gefühl, helle Farben, verführerisch u. Männlichkeit=Geradlinig, dunkle Farben, bürgerlich gekleidet, aber auch verschlossen … Ich frage mich immer noch, wie der Mond da in Beziehung zu setzen ist … Hast du eine Idee?

      Viele Grüße von Katja =)

  2. Guten Morgen Katja und Laura,
    ich mag den Dialog zwischen euch beiden beim Bild besprechen.
    Das Traumhafte wird vom zarten Lilaton unterstrichen.
    Lila ist eine intensive Farbe der Weiblichkeit.
    Die Mondphase und der Zyklus der Frau fallen mir noch ein.
    Grüße von Susanne

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