Philip Roth: „Mein Leben als Mann“, Roman (1974)

Philip Roth ist mein Picasso. Ich bin der Ansicht, man kann jemandes Werk wertschätzen, ohne es zu lieben. Ein Roman oder ein Gemälde kann (kunst-/literatur-) historisch bedeutend sein, ein Spiegel seiner Zeit und des jeweiligen Zeitgeistes, sowie ein Monument im Schaffen des Autors oder Künstlers sein. Es gibt Werke, die ich aufgrund dieser Merkmale achte und schätze – nicht aber zu meinen ganz persönlichen „Lieblingen“ zähle, die mich bewegten, Fragen in mir aufwarfen, meine Weltsicht veränderten oder mich einfach nur richtig gut unterhielten. Diese Unterscheidung mache ich in der Kunst z.B. bei Picasso. In der Literatur bei Philip Roth.

Mein Leben als Mann„Mein Leben als Mann“ erschien erstmalig bereits 1974 in englischer Ausgabe und zählt zu den Schlüsselwerken von Philip Roth: „Es versammelt all die Themen und Motive, denen Roth bis heute treu geblieben ist, bis zu seinem gefeierten Meisterwerk „Der menschliche Makel“: Sexus, erotische Obsessivität, Don Juanismus, Geschlechterkampf, misslingendes Leben, Schriftstellerei, intellektuelles Judentum, Psychoanalyse, akademisches Milieu.“ (Ursula März auf dradio.de)

Es geht um den Protagonisten Peter Tarnopol, der als Alter Ego des Autoren angesehen werden kann. Und es geht um Nathan Zuckerman, der in späteren Werken Roths immer wieder auftaucht. Nathan Zuckerman ist in „Mein Leben als Mann“ eine fiktive Figur aus dem Werk des Schriftstellers Peter Tarnopol. Anhand von Zuckerman reflektiert Tarnopol seine katastrophale Ehe mit Maureen. Gewissermaßen haben wir es mit einem literarischen Matroschka-Effekt zu tun: Eine Figur (Zuckerman) entpuppt sich als fiktive Figur in der Geschichte einer weiteren fiktiven Figur (Tarnopol). Wie Philip Roth dies dem Leser gegenüber aufbaut, ist beachtlich:

Der Roman besteht aus dem einleitenden Teil „Nützliche Erfindungen“, der aus zwei Geschichten aus dem Werke Peter Tarnopols besteht („Grün hinter den Ohren“ und „Mitleidenschaft“). Erst im zweiten Teil „Meine wahre Geschichte“ wird dem Leser bewusst, dass er es mit einer Fiktion in der Fiktion zu tun hat. Interessanterweise reflektieren die Schriftsteller-Figuren zwischendrin die Ernsthaftigkeit der von ihnen geschilderten Person. Das klingt bei Roth dann so:

Dem Leser, der nicht nur „vorausschauend“ ist, sondern auch verärgert über die durchweg trostlose Situation, die ich hier schildere, dem Leser also, den ein Protagonist, der freiwillig ein Verhältnis mit einer in seinen Augen reizlosen und von Katastrophen gebeutelten Frau aufrechterhält, unglaubwürdig erscheint, möchte ich sagen, dass es mir im Nachhinein selbst kaum möglich ist, an einen solchen Protagonisten zu glauben. Warum sollte ein junger Mann, der ansonsten vernünftig, weitblickend, umsichtig sich selbst gegenüber und verantwortungsvoll handelt, ein Mann von penibler Genauigkeit in den wesentlichen Dingen des täglichen Lebens und wahrhaft vorbildlich im Haushalten mit den eigenen Mitteln – warum sollte er in dieser offenkundig gewichtigen Angelegenheit einen Kurs verfolgen, der seinen eigenen Interessen so herausfordernd zuwiderläuft? Eben wegen der Herausforderung? Finden Sie das überzeugend? (Hervorhebungen durch P.R.)

Tarnopol (und durch ihn Roth) versucht sich in seinen Texten selbst zu therapieren. Die Analyse-Sitzungen bei Dr. Spielvogel reichen nicht aus, um ihn sich selbst in seinem Handeln Maureen gegenüber verstehen zu lassen. Und so lässt er den Leser teilhaben an langen literarischen und therapeutischen Selbstbespiegelungen. Das zieht sich über 478 Seiten hinweg.
Ja, man kann es interessant finden, wenn eine neurotische, hysterische Frau im Amerika der Nachkriegszeit einen Mann dazu bringt, sie zu heiraten, indem sie im erzählt, sie sei schwanger (und der Urin für den Test aber eigentlich nicht von ihr, sondern von einer fremden Frau stammt, was der Protagonist aber erst Jahre später erfährt). Roth schildert eindrucksvoll die Schwierigkeiten, die man dabei haben kann, sich im prüden Staat New York wieder scheiden lassen zu wollen.

Die eigentliche Stärke des Romans liegt jedoch in seinem Aufbau und seiner Struktur. Daher schätze ich das Buch und das Werk Philip Roth`. Aber ganz ehrlich: Der sehr maskuline, selbstmitleidsvolle Blick eines alternden Mannes auf seine wilde sexuell-neurotische Vergangenheit (und das in mehreren Romanen dieses Autors) kann auch ermüdend wirken.

Wie steht ihr zu dem Werk von Philip Roth?

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13 Gedanken zu “Philip Roth: „Mein Leben als Mann“, Roman (1974)

  1. Großartiger erster Satz: Philip Roth ist mein Picasso. Und Fleisch ist mein Gemüse =) Ich habe noch nie etwas von Philip Roth gelesen … Müsste ich das nach deiner Bewertung allzu schnell tun …?

    1. Ja, hihi, nachdem ich den Satz erstmal im Kopf hatte, wurde ich ihn nicht mehr los 😉

      Ich denke, irgendwann solltest du mal mindestens einen Roman von Philip Roth lesen. Vor allem, weil du ja Bücher oft magst, die wohl auch in zehn Jahren noch lesenswert und empfohlen sein werden. Wäre interessant, was du von seiner maskulinen, ernüchterten Sicht auf das Leben mit viel Sex hälst. Allerdings eilt es nicht. „Mein Leben als Mann“ hab ich mir nur geliehen, hätte aber „Gegenleben“, „Jedermann“ und „Die Tatsachen“ im Leihangebot für dich.

      1. Ich denke schon, dass ich mal noch einen Philip Roth lesen werde, irgendwann. Ich fand die Verfilmung von „Der menschliche Makel“ sehr gut. Außerdem lese ich ja auch Henry Miller, da kann mir Philip Roth sicherlich nicht mehr so viel Neue erzählen von der maskulinen Sicht eines älteren Mannes und seinen sexuellen Ausschweifungen. Zunächst interessiert mich aber Miller mehr und ich habe ja den „Sexus“ auch hier … Villeicht fange ich mit jenem Werk an, das Mara unten empfiehlt … Mal sehen.

      2. In jenem Werk geht es – versprochen! – auch nicht um sexuelle Ausschweifungen von gealterten Männern, es handelt sich also vielleicht um eine ganz gute Ergänzung zu Henry Miller, von dem ich übrigens auch unbedingt noch mal etwas lesen möchte! 🙂

  2. Ich habe auch noch nichts von Philip Roth gelesen, Laura. Mir hat das Interview sehr gut gefallen und ich denke, ich werde demnächst sicher ein Buch von ihm lesen.
    Ein schönes Wochenende wünscht dir Susanne

    1. Liebe Susanne, auch dir kann ich nur empfehlen, irgendwann mal etwas von ihm zu lesen… Wie man im Interview merkt, beschäftigt er sich viel mit dem Gedanken an den Tod. Dieses Thema kommt in „Mein Leben als Mann“ nicht wirklich vor, da geht es mehr um den Ehekrieg… aber in seinen letzten Romanen wie „Exit Ghost“ zB befasst er sich mehr damit. Werde ich vielleicht auch lesen, wenn ich wieder Lust auf seine Bücher habe. Das ist bei mir immer phasenweise.

      1. Liebe Laura,
        ich habe beide Bücher auf meine Amazonwunschliste gesetzt. Mal schauen, wann ich dazu komme, sie auch zu bestellen und zu lesen.
        Im Moment lese ich viele Fachbücher für mein Kunstgeschichte Studium. Ich muss einen neuen Rhythmus finden.
        Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

      2. Liebe Laura,
        die Lektüre von Exit Ghost war für mich eine Bereicherung und neben mir liegt sein Buch „Das sterbende Tier“, dass ich mit Pause lesen möchte.
        Ich fand interessant, wie sich Zuckerman, dieses mal Hauptperson im Roman, sich zum langsamen Sterben zurückzieht, dann sich nochmals aufbäumt und einen Sprung ins Leben versucht, an dem er aber scheitert.
        Liebe Grüße von Susanne
        P.S. Suchfeld gefunden und benutzt! Danke!

  3. Wenn ich es hier noch nicht erwähnt haben sollte, hole ich es hiermit nach: ich schätze Philip Roth sehr und habe viele seiner Bücher bereits mit großer Begeisterung gelesen. 🙂 „Mein Leben als Mann“ ist ja bereits 1974 erschienen und gehört damit eindeutig zum Frühwerk von Roth, ich habe den Roman, der viele unterhaltsame Passagen hat, sehr gerne gelesen.
    Als Einstieg in die Welt von Philip Roth, liebe Katja, würde ich dir aber einen seiner neueren Romane empfehlen, in denen er noch einmal zur Höchstform aufgelaufen ist. Sehr gut hat mir unter anderem „Nemesis“ gefallen.

    1. Doch, ich hatte es aus deinen Worten herausgelesen, dass du Roth sehr schätzt, daher war ich auch an deiner Meinung interessiert, „Mein Leben als Mann“ betreffend. Wie gehst du denn mit der recht männlichen Sicht aufs Leben um?

      Eine Freundin schrieb mir einmal (in Bezug auf einen anderen Autoren, Politycki), man merke so sehr, dass ein männlicher Autor schriebe. Seitdem denke ich öfter darüber nach; ist das denn schlimm? Ist es nicht legitim, einem Autor, vor allem wenn er so autobiografische Bücher schreibt wie Roth, zuzugestehen, dass man seinem Text sein Geschlecht anmerkt? Andererseits zeugt es vielleicht von literarischer Kunst, dies den Leser nicht merken zu lassen…
      Bei Roth finde ich eben diesen männlichen Blick (auf Frauen) auffallend.

  4. Sollte es noch Frauen (oder Männer) geben, die nichts über das Mannsein wissen, bei ihm werden sie fündig. Seine Bücher sind immer auch Variationen eines Themas: Der sexuelle Akt als Sublimation der Todesangst, als Repräsentation der Liebessehnsucht. Je älter der Begehrende, je jünger das Begehren und die begehrte Frau. Das Begehren als Besitzstandswahrung, so, als wäre die körperliche Liebe nichts weiter als der verlängerte ökonomische Arm, der ins Intimste des Privatlebens hineinreicht, in dem jederzeit ein Preis zu entrichten ist: im Fall der Protagonisten im Werk Philip Roths ist es der Preis der Lächerlichkeit, der zu zollen ist. Das männliche Älterwerden ist in den Augen der Jugendlichkeit so lächerlich, weil es so unwürdig und unreif am Begehren festhält und nicht in den Abgrund blicken möchte, der sich auftut, wenn die Begierde erlicht. Insofern sind seine Bücher immer auch Bücher der lächerlichen Liebe, Selbstbespiegelungen mit den Untertönen einer Ironie, die darauf hinweist, das es im Leben eines Mannes auch andere Bezüge zur gesellschaftlichen Wirklichkeit gibt, aber kein Bezug so intrinsisch wie der Sexus.

    Liebe Grüße

    Achim

    1. Danke für deine (fast schon) wissenschaftliche Einschätzung der Werke Roth` aus Sicht eines Mannes… Was die Lächerlichkeit bei Roth anbetrifft kann ich gut nachvollziehen, was du meinst. Besonders in „Mein Leben als Mann“ tritt dieser Aspekt hervor, glaube ich, denn der Protagonist ist nicht nur lächerlich in seinem Festhalten am Begehren an sich, sondern auch in seiner Obsession für eine Frau, die ihn (mit seiner Hilfe) vernichten kann.
      In gewisser Weise ist das wohl auch das Spannende; als weibliche Leserin an diesem männlichen Blick auf eine Frau und das Begehren teilzuhaben.

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