Ada Blitzkrieg: „Dackelkrieg – Rouladen und Rap“ (2012)

Ich glaube, ich wäre gerne in einer Diktatur groß geworden, wenn es dort Familienpizza gegeben hätte.

Wer sich in der deutschen Bloglandschaft auskennt und auf Twitter unterwegs ist, wird ihr vermutlich schon einmal begegnet sein – der Bloggerin Ada Blitzkrieg, @bangpowww, die fürs INTRO-Magazin eine regelmäßige Kolumne verfasst und sich auf ihrem Blog textkrieg.de austobt.

Ihr Stil ist eigenwillig und der Name ihres Blogs ist in Adas Texten Programm: Krieg mit Worten als Kampfansage an die konsumschwangere Welt. Derb, direkt, selbstironisch fast selbstzerfleischend und ungeschönt analysiert Ada sich und das Drumherum: die digitale Welt, Pop- und Lifestyle-Kultur und die ganz weltliche Welt, deren Mittelpunkt für sie Berlin Kreuzberg ist. Die junge Journalistin, die eine besondere Liebe zu Katzen und Hunden hegt, lässt den aufmerksamen Blogleser und Zwitscherer an ihrer ganz besonderen skurrilen Sicht auf die Dinge teilhaben. An Adas Texten scheiden sich die Geister – entweder, man mag ihren Stil oder man mag ihn nicht. In den Reaktionen zu ihrer INTRO-Kolumne wird sie teilweise derb unsachlich und verletzend angegriffen, so dass sie jüngst die Kommentarfunktion in ihrem Blog entfernte.

Ich habe zufällig entdeckt, dass Ada im Dezember 2012 ein autobiographisches E-Book per Selfpublishing bei Amazon KDP veröffentlicht hat. Da es sich um ein preisgünstiges E-Book handelt, dachte ich mir, ich könnte die Kindle-App doch mal ausprobieren und habe mir Adas Erstlingswerk über Amazon erworben. Auf meinem kleinen Netbook kam ich so in den „besonderen“ Lesegenuss von „Dackelkrieg – Rouladen und Rap“ und wollte sehen, wie eine Meisterin der 140 Zeichen sich in der Ebene des länger ausformulierten Textes bewegt und schlägt …

Ada Blitzkrieg_Dackelkrieg
Copyright: Ada Blitzkrieg – textkrieg.de

Auf ihrem Blog schreibt Ada über ihr E-Book: „DACKELKRIEG – Rouladen und Rap, der autobiographische Roman von Ada Blitzkrieg, ist die skurrile Geschichte einer typisch untypischen Jugend in den 90er Jahren. Voller Komik und Selbstironie erzählt die junge Autorin schonungslos von ihrer Kindheit auf dem Land aus einer Zeit, als Winterjacken noch “Anoraks” hießen und Helmut Kohl der König des “geweihten Landes” war. Irgendwo zwischen Frankfurt und Köln spielen sich bizarre Szenen ab: Ein kleines Mädchen das durch einen Inline-Skate Unfall ihr Selbstbewusstsein verliert, wird von einer Herde Pferde böswillig attackiert und zerbricht in einer Welt voller Selbstzweifel und Egomanie. Immer im Kampf gegen die Absurdität der eigenen Mutter, die in den Augen der Autorin eher einer “Wachsfigur aus Fleischgelee” gleicht, als einer ernstzunehmden Erziehungsberechtigten, findet Ada dann doch ihren ganz eigenen Weg der Rebellion und blickt inzwischen auf die erschreckende Gesamtsumme von 4800 gestohlenen Sauren Schnüren zurück (…)“

Sehr sympathisch fand ich die wohlwollenden Worte, die die von mir sehr geschätzte Sibylle Berg über „Dackelkrieg“ verliert: „Das erste Buch der begabten Autorin Ada Blitzkrieg handelt von Pferden, Geschlechtsorganen und dem guten Gefühl ganz bei sich zu sein.“

Mein Urteil fällt allerdings etwas weniger überschwänglich aus: Ich habe nicht zu viel erwartet, keine literarischen Höhenflüge oder Sprachpoesie … Wer Adas E-Book liest, taucht ein in ihre ganz eigenwillige Sicht auf die Welt und sollte auch Lust darauf haben. Man weiß nicht immer, ob man lachen oder weinen soll oder irgendwas dazwischen. Der ungefähr 100-seitige Text (bei einem E-Book gibt es ja keine Seitenzählung mehr), liest sich wie eine mehrteilige Kolumne, in der die Autorin die Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend in der Provinz Revue passieren lässt, bis hinein in ihr jetziges Leben als Freischaffende im Herzen von Berlin – ganz offen, schonungslos ehrlich, böse, selbstreferentiell, aber auch teilweise anstrengend skurril.

Da ich nur ein paar Jahre älter als Ada bin und mich auch gut an die 90er Jahre erinnern kann, finde ich mich in so manchem Erlebnis wieder, anderes wiederum ist mir eher fremd. Einerseits beschreibt Ada am Beispiel ihres eigenen Lebens etwas Typisches, das jeder so in den 90er ähnlich erlebt haben kann, andererseits erzählt sie von sehr originellen und fast schon bitterböse traurigen Begebenheiten, bei denen man hofft, sie mögen nie passiert sein und führt fast ein wenig ihre Familie vor. So zumindest mein Eindruck. Ada hat mich kurzweilig unterhalten, aber auch teilweise genervt und ins Grübeln und Wundern versetzt:

Irgendwann besitzt man keinen Schneeanzug und keine Gummistiefel mehr. Dann sollte man sich lieber direkt wegschmeißen und zerstören, denn dies ist unverkennbar der Zeitpunkt von dem  an es nur noch bergab geht. Das mit dem Wegschmeißen beherrschen die meisten Menschen in der Regel ganz gut. Alkohol  und sich irgendwie aufgeben. Aus Versehen eine Familie gründen, und nicht weil man sich bewusst dafür entschieden hat. Die eigenen Ziele einem größeren Ziel unterordnen, das man nicht einmal mehr miterleben wird.  Nachhaltigkeit, Tartex, Goldsaft my ass! Ich wollte unsterblich sein und das nicht durch Bio-Geflügelwurst, sondern durch die Produkte meines Geistes.

Ihr spezieller Humor wird nicht bei jedem Anklang finden und ich denke, dessen ist sich die Autorin sehr bewusst. Sie strapaziert die Grenzen des Geschmacks, sie kokettiert teilweise mit sprachlichen Bildern, mit derben Ausdrücken und mehr als plastischen Beschreibungen. Wer einen so intimen Einblick in seine Seele gibt und sich so schonungslos böse mit sich selbst und der Familie auseinandersetzt, hat keine Angst vor Beurteilung, oder!? So „hart“ wohl die Jugend in den 90er gewesen sein muss mit König der Löwen, Tamagotchi und sauren Schnüren … Am Ende hat man als Leserin das Gefühl, dass die Autorin in der Welt angekommen ist und mit sich im Reinen ist. Ob das wirklich so ist oder einer Art Happy-End-Sehnsucht Genüge trägt, wird nur Ada selbst beantworten können. Doch ich denke, es gibt viele Menschen, die irgendwie „anders“ sind und durch eine komplizierte Jugend mussten ehe sie erkannten, wie wunderbar und einzigartig sie sind. Allerdings schreibt kaum jemand öffentlich darüber!

Ada hat meinen größten Respekt für diese Nabelschau und ich halte sie für eine sehr interessante Persönlichkeit und Bloggerin, aber ich kann ihrem Text auf der künstlerischen Ebene nichts Herausragendes abgewinnen. Ich habe geschmunzelt, ich habe gegrübelt. Ich habe die Lektüre mehrfach unterbrochen, weil es mich einfach nicht so fasziniert hat und es keinen durchgehenden roten Erzählfaden gab oder eine lineare Handlungsentwicklung. Man merkt leider, dass Adas Kunst in der Kürze liegt und jene Pointen, die bei Twitter noch originell wirken, sich zum Fließtext aneinandergereiht im Einerlei verlieren.

Als Nicht-Smartphone-Besitzer war ich genervt, dass man sein „Unsmartphone“ mit in die Badewanne nimmt und den Morgen mit der Sichtung von Facebook-Status-Meldungen verbringt, geschweige denn Adas seltsame Ernährungsvorlieben nachvollziehen konnte, die mir eher ekelhaft erscheinen aber sicherlich von vielen Menschen praktiziert werden:

Im Alter von vierzehn Jahren entdeckte ich dann ein energieeffizienteres Mittel um mich auszuschalten.: Mozzarellasticks mit Red-Pepper-Dip vom Discounter. Tiefgekühlter kulinarischer Irrsinn für drei gut investierte Euro, der sich innerhalb von zehn kurzen Minuten zum besten Snack der Welt zubereiten lässt. Es hat etwas Paralysierendes, die Sticks auf das jungfräuliche Backblech zu legen und zu warten bis an den ersten Stellen saftiger Flüssigkäse aus den panierten Sticks platzt und sich in einer Käselache den Weg auf das heiße Blech sucht, wo er innerhalb kürzester Zeit golden braun und knusprig wird. Nun sind die Sticks fertig und nach der vierten Packung „Glück“ konnte ich dann auch immer ganz gut weiterschlafen.

Man muss es mögen, man sollte vielleicht ähnliche Vorlieben haben um Adas Einstellung zur Welt zu teilen und man sollte sich ein wenig im Digitalen und der Fernsehwelt auskennen, um so manche Anekdote  zu verstehen. Muss man es lesen? Nicht zwingend, aber Fans von Adas Blog und ihrer Kolumne werden auf ihre Kosten kommen und können in Adas diffuser Wort-Welt schwelgen …

Zum Schluss noch ein Zitat aus „Dackelkrieg“, dass man vermutlich so gar nicht von der Autorin erwartet hätte, die allen bürgerlich-traditionellen sentimentalen Kitsch ablehnt und sich eher in einer digitalen Kurznachrichtenwelt zu Hause fühlt als unter dem Weihnachtsbaum (*Man hat teilweise fast das Gefühl menschlicher Kontakt ekle sie an und alles Analoge ist der Feind …):

Der Kloß und der Krieg. In der Welt und in Menschen wie mir. Statt einer Lichterkette hängen heute echte Kerzen am Weihnachtsbaum, die ich in diesem Moment anzünde. Ich schaue in die kleinen Lichter und erkenne die Spiegelung meines Körpers in der Fensterscheibe hinter dem Baum. Das bin also ich. Rouladen und Rap. Die Tränen rollen über meine Wangen und es fühlt sich richtig an dort zu sein, wo man immer schon war.  An diesem Abend und in dieser Nacht, wenn die innere Ambivalenz und die Aufgewühltheit der Seele plötzlich eine Konstante ergeben, dann wird Instabilität zur Sicherheit.

Hier erfahrt ihr mehr über Adas E-Book „Dackelkrieg“ und könnt es in verschiedenen Datei-Formaten direkt bei ihr bestellen: http://textkrieg.de/pages/dackelkrieg

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3 Gedanken zu “Ada Blitzkrieg: „Dackelkrieg – Rouladen und Rap“ (2012)

  1. Ich habe es nicht gelesen, werde aber den Verdacht nicht los, daß es sich hierbei schlicht um die Helene-Hegemannisierung der Literatur handelt. (Obwohl: das Buch schrieb ja gar nicht Helene, sondern der Herr Carl. Alles eine Sache des Marketing.)

    Vielleicht sollte ich auch einen Roman schreiben? „Dackelpoppen. Zwischen Prenzelberg und Pankow, zwischen Proust und Punk“?

    Im Zeitalter pluraler Belanglosigkeiten ist sowieso alles möglich und alles gleich-gültig.

    Immer mehr Aspekte sprechen dafür, Twitter und Facebook – diese Zeitfresser, die keine Texte, sondern Banales produzieren – einfach wieder abzuschalten.

    1. Ja, da ist viel Wahres dran … Da müssen wir nicht drüber debattieren.

      Übrigens gefällt mir dein geplanter Buchtitel sehr gut 😉 Ich würd es sofort kaufen. Du hast Talent!

  2. Und am schlimmsten an diesen Dingen: es ist die immergleiche Trash-Ästhetik, die zum gefühlten dreimillionsten Male Dada und Kippenberger wiederholt: Uninspiriert, ohne jeden Esprit und vor allem ohne jede Subtilität: All of old, nothing else ever …

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