Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“, Roman (2012)

Erpenbeck_Aller Tage Abend„Wie Stege sind die Sitten der Menschen ins Unmenschliche hineingebaut, denkt sie, greifbare Gebilde, an denen ein Schiffbrüchiger sich wieder hinaufziehen könnte, wenn überhaupt. Schön wäre es, denkt sie, wenn der Zufall regieren würde, und nicht ein Gott.“

Sterben können wir in jedem einzelnen Moment. Jederzeit kann sich die Tür öffnen, durch die man vom Leben in den Tod geht. Erpenbecks Protagonistin passiert dies gleich mehrfach. Sie stirbt fünf Tode und wird in einem Intermezzo durch Konjunktive literarisch wieder ins Leben gerufen. So, wie man es aus der fiktiven Welt der Computerspiele kennt, begibt sie sich einfach ins nächste Level und überschreitet die Grenze zwischen einem möglichen Erzählstrang und dem nächsten, anders verlaufenden.

„Wahrscheinlich kam es überhaupt nicht auf den Moment an, der gerade zurücklag, sondern immer auf alles. Eine ganze Welt aus Gründen gab es, warum ihr Leben nun an ein Ende gekommen sein könnte, wie es gleichzeitig eine ganze Welt aus Gründen gab, warum sie jetzt noch am Leben sein könnte und sollte.“

Auf diese Weise gibt „Aller Tage Abend“ die Lebensgeschichte einer Frau in fünf Teilen wieder. Dieser Roman hat mich getroffen. Betroffen. Was mir im Nachhinein besonders auffällt, ist die Differenz zwischen der Erwartungshaltung, die ich irgendwie gegenüber dem Buch hatte und mein tatsächlicher Leseeindruck. Ich hatte mit einem spielerischem Umgang mit dem Tod gerechnet, einem literarischen Wiederauferstehenlassen der Figur. Ich hatte etwas Leichteres erwartet, ohne genauer sagen zu können, warum eigentlich. Ich hatte nicht erwartet, dass es um Geschichte, Judentum, Familiengeschichte, Erbstücke, Wien, Berlin, Russland, Genossen, KPD, Gulag-Haft, Goethes Gesamtausgabe, Überlebenskampf, Armut im Krieg, verlorene Liebe geht.

„In der sonnigen Stille eines Sabbats fällt ein Brief aus einer sich öffnenden Hand in eine Hand, die jemand aufhält.“

Erpenbeck entwirft vor dem geschichtlichen Hintergrund des 20. Jahrhunderts ein Familienpanorama, das an Eugen Ruge erinnert. Nur dass sie ihre Geschichte sprachlich und strukturell eindrucksvoller erzählt. Sätze, wie polierte Steine (Formulierung bei Synaesthetisch), Syntax, die sich in den Gedanken des Lesers verliert, dort als Faden weitergesponnen werden kann. Wiederholungen mogeln sich gekonnt in die Lesergedanken und erzeugen einen textimmanenten Rhythmus, der mich fasziniert hat.

Doch auch „Aller Tage Abend“ hat Schwächen. Trotz der beeindruckenden Sprache. Trotz der Idee, eine Figur einfach in einem anderen möglichen Erzählstrang weiterleben zu lassen.
Da ist zum einen die überbordende Themenvielfalt, die wenig glaubhaft erscheint. Eine Figur erlebt, in dem sie überlebt, zahlreiche historisch relevanten Ereignisse des 20. Jahrhunderts mit. Wenn nicht sie selbst, dann ein Familienmitglied. Zum anderen wirken die fünf Romanteile mit der Zeit arg konstruiert. Dadurch, dass die Protagonistin wiederholt stirbt und weiterlebt, kommt der Leser gar nicht dazu zu vergessen, dass er sich in einem Roman befindet. Einem von der Autorin stets regierten Roman. Und dann ist der hohe Anteil an historischem Gehalt oft einfach anstrengend. Im dritten Buchteil, als sich die Protagonistin, die hier Genossin H. heißt, als Kommunistin in Russland befindet und sich um Anerkennung der russischen Staatsbürgerschaft bemüht, wimmelt es von weiteren Genossen mit Initialbuchstaben und Text im Abhörprotokollstil, bis man den Überblick und beinahe die Lust zu lesen verliert. Die Namenlosigkeit der Figur ist zu Beginn gekonnt gemeistert, im Mittelteil wird sie zur Genossin H., am Ende im Pflegeheim entpuppt sie sich als Frau Hoffmann – und man ist irgendwie enttäuscht.

Was von „Aller Tage Abend“ bleibt, sind die eindrücklichen Gedanken über das Sterben und der Sprachklang und -rhythmus. Es geht um Leben und Tod – und die Geschichten, die dazwischen entstehen, sich entspinnen… zu Geschichte werden. Der Roman ist dabei vielfach sehr poetisch und philosophisch, wenn es um den Tod und auch dessen Bedeutung für die Zurückbleibenden geht:

„Über den unsichtbaren Körper seiner Mutter hinweg, genaugenommen durch ihn hindurch, geht er nun doch die Treppe hinauf, nach oben. (…) Eigentlich hat seine Mutter nur die Seiten gewechselt. Aber er weiß nicht, wo die Seiten sind. Die Zeit und die Ewigkeit.
(…) Zu vielen Zeiten ihres Lebens hat sie irgend etwas für immer zum letzten Mal gemacht, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein würde. Also war der Tod gar kein Augenblick, sondern eine Front, lebenslang? Dann stürzte sie also nicht nur aus dieser Welt hinaus, sondern aus allen möglichen Welten? Stürzte aus Wien hinaus, aus Prag und aus Moskau, aus Berlin, aus den sozialistischen Bruderländern und aus der westlichen Welt? Stürzte aus der ganzen Welt und aus all der Zeit, die da war, da sein würde und da ist? Aber was wird jetzt aus ihrem Sohn?“

Jenny Erpenbeck konstruiert in ihrem Roman eine einerseits sprachlich sehr meisterhafte Geschichte mit einem spannenden strukturellen Aufbau, die andererseits inhaltlich zu überladen, zu konstruiert daherkommt, um mich wirklich in Gänze zu überzeugen. Und dennoch hat mich das Buch beschäftigt und bewegt, weil es sehr viele Fragen über das Leben, das Schicksal oder Zufall und das Sterben aufwirft, weil es anspruchsvoll ist. Ich bin nun neugierig auf die Autorin geworden, die so gekonnt mit ihren Worten hantiert und habe mir vorgenommen, bei Gelegenheit noch mehr von ihr zu lesen.

„Was aber machte man mit all dem, was sich nicht berechnen ließ? Wieviel Zeit lag zwischen der Sekunde, in der ein Kind lebendig war, und der nächsten, in der es nicht mehr lebendig war? War das überhaupt Zeit, was einen solchen Moment von den anderen trennte? Oder müsste das anders heißen, nur war noch kein Name dafür gefunden? Wie berechnete man die Kraft, die ein Kind hinüberzog zu den Toten?“

Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend, erschienen 2012 bei Knaus

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4 Gedanken zu “Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“, Roman (2012)

  1. Ich habe den Roman mit großen Erwartungen gelesen, zum einen, weil er so positiv besprochen wurde, zum anderen, weil mich Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ so sehr beeidruckt hat. Dann bin ich recht enttäuscht gewesen, denn der Funke sprang bei „Aller Tage Abend“ so gar nicht über. Und so finde ich mich in Deinen kritischen Anmerkungen sehr gut wieder und stimme Dir sehr zu, dass die Geschichte überkonstruiert ist und viel zu viel will. Zwar wird noch einmal das 20. Jahhrundert mit seinen geschichtlichen Verwerfungen sehr deutlich, aber diese Geschichtlichkeit steht zu sehr im Vordergrund und lässt den Figuren, insbesondere der Hauptfigur, zu wenig Luft zum Atmen. Das ist in der „Heimsuchung“, möglicherweise ja auch, weil hier das Haus im Vordergrund stand und immer nur schlaglichtartig auf das Leben der gerade dort Wohnenden geschaut wurde, viel besser und viel, viel eindringlicher gelungen.
    Viele grüße, Claudia

    1. Interessant, dass es dir so ähnlich ging wie mir. Ich war nach der Lektüre echt zwiegespalten, weil es einerseits sprachlich so eindrucksvoll daherkommt und mir auch die strukturelle Idee gefiel, aber eben andererseits diese Überfrachtetheit und Konstruiertheit da ist. Das ist dann wohl mal ein Beispiel, bei dem eine beeindruckende Sprache das Buch nicht „rausreißt“ 🙂
      Deiner Anmerkung entnehme ich, dass du „Heimsuchung“ von ihr eher empfehlen würdest? Ich würde ja gern mehr von ihr lesen, dann werde ich es wohl beizeiten mal damit versuchen.

      1. Die „Heimsuchung“ kann ich ganz uneingeschränkt empfehlen. Es ist ein wirklich toller Roman, in dem ein Haus im Mittelpunkt steht, dessen Bewohner im Laufe der Zeit – und ausgelöst durch die politischen Veränderungen – wechseln. Der Roman ist sehr beeindruckend konstruiert (aber eben nicht über-konstruiert) und in Erpenbeckscher Manier formuliert.
        Ganz viel Spaß damit, Claudia

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