Maarten `t Hart: „Unterm Scheffel“, Roman (1991/2011)

Es gab vor Jahren eine Zeit, in der ich die frühen Romane des Niederländers Maarten `t Hart verschlungen habe: „Gott fährt Fahrrad“, „Die schwarzen Vögel“, „Die Jakobsleiter“, „Das Wüten der ganzen Welt“… ich mochte die Geschichten vom Sohn eines Totengräbers, von unerfüllter Liebe, voller klassischer Musik(andeutungen) und Religion. Ich hielt den Autor für einen beeindruckenden Geschichtenerzähler.

Nachdem ich jedoch den Roman „Der Flieger“ las und nun noch „Unterm Scheffel“, der erstmalig 1991 erschien, schwächt sich dieser Eindruck leider ab.
Es geht um den Komponisten Alexander Goudeveyl, der sich in die wesentlich jüngere Sylvia verliebt und mit ihr eine Affäre beginnt, obwohl er mit der Sängerin Joanna verheiratet ist. Letztere ist aber ohnehin kaum zuhause und wenn sie sich sehen, streiten sie meist.
Die Tierärztin Sylvia ist zwar launisch doch wunderschön, er ist verrückt nach ihr und malt sich ein gemeinsames Leben mit ihr aus. Doch obwohl sie ihm anfangs so zugetan zu sein scheint, hat sie neben ihm auch immer noch andere Männer. Man ahnt, dass das kein gutes Ende nehmen kann.

Es gibt sie noch; die musikalischen Querverweise in die Welt der Komponisten, es hagelt Musikstückhinweise, da der Protagonist sich unablässig Gedanken darüber macht und Musik über alles liebt. Daher gestaltet sich die Beziehung zu Sylvia auch als recht schwierig, weil sie mit klassischer Musik überhaupt nichts anfangen kann, stattdessen Red Hot Chili Peppers hört. Da der Protagonist so stark auditiv geprägt ist, hat der Roman einige kleine Höhepunkte.

Die ganze Zeit hörte ich das leise Klimpern ihrer von einem verspielten Wind in Bewegung gesetzten Ohrhänger. Schon in dem Moment als sie aus dem Zug stieg, waren mir ihre Ohrhänger aufgefallen. Sie bestanden aus kleinen, rund geschliffenen Glasstücken, die traubenartig an ihren Ohren baumelten. (…) Sie zog mich in eine Gasse, sie küsste mich, ruhig und geduldig. Während wir uns küssten, hörte ich das Klimpern ihrer Ohrhänger. 

Als ich abends nach Hause kam und die ohrhängerlose Joanna im Wohnzimmer auf der Couch schlafend fand, war mir, als hörte ich dieses Klimpern immer noch.“

Gleichzeitig wird hier die sprachliche Eingeschränktheit des Romans sehr deutlich. Es fehlen Synonyme, die Sprache ist zu sehr an der Oberfläche, um große Szenen bewegend zu vermitteln. Ich weiß an der Stelle nicht, ob es an der Übersetzung liegt oder im Original. Mehrfach seufzte ich enttäuscht auf beim Lesen.

Ganz platte Phrasen („also war Polen doch nicht verloren“) stehen diametral dem hohen musikalischen und theologischen Bildungsgrad des Romans gegenüber und man ist hin und her gerissen. Der Protagonist moniert mehrmals die Plattitüden im Zusammenhang mit der Liebe (Schluss machen, Verliebtheit… ), lässt sich aber auch nichts Neues einfallen und versinkt stattdessen in Selbstmitleid.

Letztlich handelt es sich um nicht viel mehr als einen kitschigen Liebesroman mit einigen wenigen anspruchsvolleren Ideen, in dem sich ein Mittvierziger verhält wie ein Teenager und zum Opfer einer niederländischen Femme fatale wird.

Positiver ausgefallene Einschätzungen des Romans finden sich hier und hier.

Maarten `t Hart: „Unterm Scheffel“, Roman, erstmalig erschienen 1991 in Niederländisch, 2011 in der Übersetzumg von Gregor Seferens.

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6 Gedanken zu “Maarten `t Hart: „Unterm Scheffel“, Roman (1991/2011)

  1. Hallo Laura,
    ich hatte auch mal so eine Phase, und einige seiner Bücher habe ich wirklich geliebt, allen voran „Das Wüten der ganzen Welt“. Aber nach einigen seiner Bücher war ich irgendwann „gesättigt“, da ging es mir ähnlich wie Dir. Aber ich denke auch, dass jeder Autor mal einen schwachen Roman dazwischen hat, und dies scheint seiner zu sein.
    Vielen Dank für die Erinnerung an einen Autor, den ich sehr gerne gelesen habe!
    June

    1. Ja, da hast du wohl recht, June, dass ein Autor natürlich nicht nur super Bücher schreiben kann. Und t Hart sind ja auch eine Menge guter Romane gelungen.
      Freut mich sehr, dass du dich erinnert fühlst an deine Lesephase mit ihm. Vielleicht ist das auch ein Autor, den man für eine Phase lang liebt und dann wird er von anderen abgelöst.

  2. Von Maarten ‚t Hart habe ich vor langer Zeit mal zwei Bücher gelesen; „Das Wüten der ganzen Welt“ und „Die Netzflickerin“. Die mir beide sehr gut gefallen haben. Lange schon plane ich weitere Romane von ihm zu lesen.
    Ob „Unterm Scheffel“ dazugehören wird, mache ich wohl davon abhängig, ob die von Dir verlinkten Rezis das ausgleichen, was Du hier am Roman bemängelst.
    LG, Katarina 🙂

    1. Ich glaube, da gibt es noch andere Bücher von ihm, mit denen du mehr Lesevergnügen hättest („Die Sonnenuhr“, „Die schwarzen Vögel“ oder vielleicht auch „Der Psalmenstreit“ (eher ein historischer Roman, in dem es viel um Theologie geht, also noch mehr als in den anderen Romanen …). Aber wenn du dich für die Lektüre vom hier kritisierten Buch entscheiden solltest, lass es mich wissen 😉

      1. „Der Psalmenstreit“ wurde mir auch schon an anderer Stelle empfohlen. Vielleicht wäre das ja was für mich. Danke für den Tipp! Ich werde mich da mal informieren und hoffentlich bald los lesen.
        LG, Katarina 🙂

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