Astrid Rosenfeld: „Adams Erbe“, Roman (2011)

adams erbeEine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte...

Zwei Erzählstränge verlaufen parallel: Da ist zum einen Edwards Geschichte vom Erwachsenwerden ohne Vater, von der Faszination für den „King“ Jack Moss, von Zoo-Besuchen und einem Leben ohne Schule fernab der Großmutter. Und dann ist da zum anderen Adams Geschichte, die er als „Erbe“ auf dem Dachboden im Haus von Edwards Großmutter hinterlassen hat. Adam ist Edwards Großonkel gewesen.

Beide Geschichten richten sich erzählerisch an eine ferne junge Frau. Edward richtet sich an Amy, die nach Großbritannien zurückgegangen ist und von der er hofft, sie wiederzusehen. Adam schreibt in einem Buch auf vielen Seiten an Anna, seine große Liebe, um die es in seiner Geschichte in Briefform geht.

Edwards Geschichte…

bildet die Rahmenhandlung. Sie spielt in unserer Zeit und begibt sich im schneller werdenden Zeitraffer durch Edwards Leben. Da gibt es lustige und spannende Erlebnisse, vor allem an der Seite von Jack Moss, der aussieht wie Elvis und der jedes Frauenherz schneller schlagen lässt:

Er zog mich neben sich auf den Tisch, und ich klatschte den Takt. Jacks Stimme ertönte laut und klar, die Damen wiegten ihre geschwollenen Waden auf den Stöckelschuhen hin und her. Niemand außer Jack wäre auf die Idee gekommen, sie als Feen und Elfen zu bezeichnen. Sie rochen nach Provinz, nach Reihenhäusern, nach Mietswohnungen mit Balkon. Sie rochen nach Alltagssorgen und Stampfkartoffeln.“

Edward landet schließlich in Berlin und wird dort mehr oder weniger unfreiwillig zu einem Künstler und Verkäufer skurriler Sorgenpüppchen, die er auf einer Party aus Langeweile und Verlegenheit bastelte. Er lebt inmitten des Zeitgeist-Strudels, der Berlin erfasst:

Zur Jahrtausendwende wurde anscheinend in sämtlichen Dörfern Deutschlands ein Befehl an eine ganze Generation erteilt: Berlin, Berlin. Wir alle folgten diesem Ruf. (…) Wir wohnten zu fünft in einer 220 Quadratmeter großen Wohnung (…). In unserer Wohnung herrschte ständiger Hochbetrieb. Fast jeden Abend versammelte sich hier eine Schar angehender Künstler, Glücksritter, Aufschneider und Alkoholiker. Eine Bande im freien Fall, alles war möglich. Wir nahmen uns selbst nicht ganz so ernst und umschifften jede Endgültigkeit. Man durfte scheinen.“

Dann trifft Edward auf Amy und es ist klar, dass er ihr seine (und Adams) Geschichte erzählt. Er richtet sich erzählerisch direkt an sie. Schon auf der ersten Seite des Buches steht: „Amy, dir möchte ich alles erzählen. (…) Amy, du und ich, wir sind nur ein kleiner Teil des Ganzen. Denn eigentlich ist das hier Adams Geschichte, aber auf einem Dachboden haben sich meine und Adams Geschichte ineinander verschlungen.“ Adam, den er nicht kennt, hat ihn nie ganz losgelassen. Immer schon hieß es in der Familie, er sehe Adam, seinem Großonkel, so ähnlich. Dann gelingt es Edward eines Tages, auf dem Dachboden im Haus der Großmutter Adams Geschichte zu finden.

Adams Geschichte…

ist ein Stapel Papier, ein Buch, ein langer Brief, an eine Anna Guzlowski adressiert. Edward liest sie und erzählt sie dann Amy. Eine Geschichte in der Geschichte.

Adam ist Jude und verliebt sich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in die ebenfalls jüdische Anna. Als sie spurlos aus Berlin verschwindet, entscheidet er sich, nicht mit seiner Familie ins Ausland zu fliehen, sondern mit Hilfe eines deutschen Leutnants namens Bussler unter einer neuen Identität (als Anton Richter, Rosenzüchter) nach Polen zu gehen und sich dort auf die Suche nach Anna zu machen. Ein riskanter Plan, der ganz anders endet, als Adam es sich gewünscht und erträumt hatte und der dennoch erfolgreich ist, weil er zumindest ein Leben rettet…

Hört man auf zu existieren, Anna, wenn niemand mehr weiß, wer man eigentlich ist? Verschwinden die Geschichten, wenn keiner sie mehr erzählt?
Deshalb gibt es diese Seiten, Anna, der einzige Ort, an dem mein Name neben deinem steht.“

Tieftraurig ist die Geschichte von Adam und dennoch liest man mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es gelingt der Autorin in ihrem Debütroman trotz der ernsten Thematik nicht den Humor zu verlieren und das macht das Buch besonders.

Was macht die Politik, Bussler? Wie geht es Ihrem schnurrbärtigen August in München?“ „Adolf“, sagte er streng. „Adolf, August. Was bedeutet schon ein Name? Aufs Gesicht kommt es an.“

Astrid Rosenfeld hat ein eindrucksvolles Buch über Liebe und das Geschichten-Erzählen geschrieben. Es geht um die Verfolgung der Juden und um Liebe, die nicht stirbt, egal was passiert, es geht um Schicksal und um die Menschen, die damit super und andere, die damit gar nicht umgehen können. Immer wieder stellen sich zwischendurch existentielle Fragen, die sowohl an die Mädchen Anna bzw. Amy gerichtet sein können, als auch an den Leser: „Sind das Zufälle? Bestimmen uns die Menschen, denen wir begegnen, oder begegnen uns die Menschen, weil wir unserer Bestimmung folgen? Damit wir das werden können, was wir von Anfang an sein sollten?“

Ich selbst stelle mir im Nachhinein vor allem die Frage, wie viele Menschen wirklich bereit wären, aus Liebe zu einer ihnen kaum bekannten Person soviel auf sich zu nehmen, wie die Figur Adam in diesem Roman. Stellenweise erscheint mir rückblickend einiges in Rosenfelds Roman einen Ticken zu überzogen und konstruiert, ähnlich wie in Erpenbecks „Aller Tage Abend“. Dieses unwohle Gefühl des Unauthentischen lässt mich auch Tage nach der Lektüre nicht ganz los.

Doch vielleicht kommt es gar nicht so sehr auf Authentizität und Glaubwürdigkeit einer Geschichte an. Vielleicht kommt es nur darauf an, dass sie erzählt werden, die guten Geschichten!?

Denn weitere, positivere Meinungen finden sich bspw. bei Mara, Svenja und Caterina.

Astrid Rosenfeld: „Adams Erbe“, erschien 2011 bei Diogenes.

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3 Gedanken zu “Astrid Rosenfeld: „Adams Erbe“, Roman (2011)

  1. Guten Morgen, Laura,
    Authentizität ist auch in der bildenden Kunst ein großes Thema.
    Ich setze die Authentizität nicht mit der Realität gleich.
    Authentizität bedeutet für mich, dass ich (der Künstler) aus meinem eigenen Inneren schöpfe und mich nicht hinter einer Mauer verstecke und etwas widergebe, von dem ich glaube es wäre etwas ……
    Ich habe das Buch auf meine Wunschliste gesetzt…..
    Einen schönen Tag wünscht dir
    Susanne

    1. Liebe Susanne, deine Auffassung von Authentizität kann ich gut verstehen. In der Kunst ist das mir eben so wichtig, wie in der Literatur. Man könnte auch sagen: Es sollte glaubhaft sein, was dargestellt wird. Ob in einer Figur im Roman oder ein Motiv in einer Zeichnung.
      Auch dir noch einen schönen Abend wünschend,
      Laura

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