Arte-Dokumentation: „Romane made in New York“

Auf dem Autorenblog Petra van Cronenburg bin ich auf eine interessante Arte-Dokumentation aufmerksam geworden, die ich euch empfehlen möchte: „Romane made in New York“.

In der Dokumentation besuchen die Filmemacher Nelly Kaprièlian und Sylvain Bergère amerikanische Schriftsteller, die in New York leben und schreiben, und befragen sie zu ihren eigenen Werken und schriftstellerischen Themen, ob sie sich als Erben der amerikanischen Literatur verstehen, wie sich das Schreiben seit dem 11. September und der Bush-Ära verändert hat und wohin ihrer Meinung nach die amerikanische Literatur tendiert.

Ein sehr interessanter Beitrag, der persönliche Einblicke in das Leben von Jonathan Safran Foer, Jonathan Franzen, Marisha Pessl u. a. gibt.

Hier könnt ihr euch die Dokumentation ansehen.

Petra van Cronenburg schien ein wenig enttäuscht über Jonathan Safran Foer und darüber, wie sie ihn als Mensch in der Dokumentation kennen gelernt hat bzw. wie er sich präsentiert. Ich zitiere aus ihrem Beitrag, der oben verlinkt ist:

„Das junge Genie
Gestern habe ich mit halbem Auge eine Dokumentation auf ARTE über junge Schriftsteller in New York angesehen, weil darin Jonathan Safran Foer vorkam, dessen Romane ich bei Erscheinen einfach gigantisch fand. Was habe ich sie in den letzten Jahren empfohlen, wie viel Magisches darin gefunden … und dann auch noch die grafische Gestaltung, diese Einheit von Text und Bild in seinem 9/11-Roman – ganz groß!

Dann sehe ich ein Jüngelchen. Der Film war schon ein paar Jahre alt, aber diese magisch-genialen Romane hat ein Jüngelchen geschrieben, dem man nicht einmal zutrauen würde, eine Schulklasse durch ein Museum zu führen. Das ist per se nichts Schlimmes. Kafka habe er in Prag gelesen, das sei der Anfang gewesen. Auch gut, Inspirationsquellen sind immer gut. Nö, er habe eigentlich früher gar nie geschrieben, das habe ihn nicht interessiert. Nur mal diesen Creative Writing Kurs mitgemacht. Und dann der Kafka. Aha. Ein Zufallsgenius also, auch das macht mir die Bücher noch nicht abspenstig.

Und dann spricht er über die Gestaltung des 9/11-Romans, als sei das Jüngelchen etwas hohl. Nein, Menschen habe er da nicht abbilden wollen, es hätte ja jemand seinen Onkel erkennen und sich beschweren können? Hä? Keine Pietät, keine künstlerischen Skrupel oder philosophischen Gedanken, nur die Angst vor Beschwerden? Hat der Interviewer etwas vergessen? Aber da kommt sonst nichts. Nur, dass er Ästhetik mag, dass er Bilder mag, dass er das deshalb gemacht hat, damit’s ästhetisch ist. Rummmmmmmmsss.

Damit hat es Jonathan Safran Foer geschafft, dass ich bereue, ihn gesehen zu haben. Er hat mir all die Magie beim Anschauen des Buchs zunichte gemacht. Dieses Buchs, von dem ich glaubte, dass da ganz tiefe Dinge, ungeheure Emotionen, wahrhaftig Unaussprechliches dahintersteckten in jener Wahl der Bilder und der Zwiesprache zum Text. Dass er ausgerechnet diese Vögel abbildete und nicht fallende Menschen … was habe ich da alles hinter diesem Symbol gesehen! Offensichtlich habe ich all das in jenen Roman hineingelesen und das ist auch absolut normal und legitim. Aber ich mag Autoren nicht, die mir in meiner Lesart herumfuhrwerken, mir vorschreiben oder vorerzählen, was sie sich dabei gedacht haben. Sollen sie doch denken, was sie wollen, ich will das nicht wissen. Ich will es vor allem dann nicht wissen, wenn sie mir erzählen, sie hätten all das genialisch Anmutende nur geschaffen, weil sie mal einen Creative Writing Kurs belegt haben, Kafka in Prag gelesen haben und Bilder einfach so schön fänden. Und eben nicht vom Neffen irgend eines zu Tode gestürzten Onkels Beschwerden bekommen wollten.
Vielleicht tue ich ihm Unrecht, denn ich bin während der Sendung immer wieder eingenickt. Aber er hat mir etwas kaputtgemacht. (…)“

Naja, das ist ihre Meinung, aber ich frage mich, ob man den Mensch immer mit seinem Schreiben gleichsetzen darf. Man hörte schon von so manchem Künstlern, Schriftstellern und Malern, welch schwierige Menschen sie gewesen seien. Schmälert das deswegen ihr Werk? Für mich nicht. Jonathan Safran Foer ist ein junger Mann, ja, und vielleicht hat er auch stark kalkuliert, er gehört eben einer anderen Generation Schriftsteller an. Aber ich halte es ein wenig  übertrieben, jetzt „das junge Genie“ nur als „Jüngelchen“ zu sehen, der etwas plump dahingeschmiert hat. Denn das verändert ja nicht den Text an sich.  Außerdem sollte man vielleicht bedenken, dass auch ein Schriftsteller sich inszeniert. Wer weiß, was wirklich dahintersteckt … Mythos vs. Realität…

Was meint ihr?

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4 Gedanken zu “Arte-Dokumentation: „Romane made in New York“

  1. Ich finde „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer grandios. Bei einer Lesung konnte ich den Autor mal „live“ miterleben und fand ihn sehr sympathisch. Aber sogar wenn ich ihn als furchtbar empfunden hätte: sein Buch wäre immer noch das gleiche grandiose Buch gewesen, dass mich nicht mehr losgelassen hat. Ich gebe Dir absolut recht. Ich muss gestehen, ich kann überhaupt nicht nachvollziehen warum „die Magie“ seiner Bücher nun plötzlich weg sein sollte. Wenn umgekehrt betrachtet, ein Autor ganz wundervoll oder philosophisch und analytisch daherredet, dann wird sein Buch, wenn es einfach nicht gelungen ist, dadurch auch nicht besser.

    1. Hallo Sputniksweetheart – da kann ich auch nur zustimmen. Ich finde, man kann das nicht gleichsetzen und außerdem entwickelt sich jeder Mensch und lernt aus seinem Verhalten. Ein Künstler ist ein sensibler Mensch, der das Innerste nach außen kehrt, irgendwie auch ein bißchen irre … Dass einer, der den ganzen Tag schreibt, auch menschlich mal „daneben“ ist, kann man ja verstehen. Das schmälert nicht sein Werk – wie du schon sagst. Wohl kann aber jemand, der auf einem hohen Ross sitzt, tief fallen. Das eine ist das Bild, das jemand von sich gibt, da andere ist die Wirkung dessen und wir das als Gegenüber empfinden. Das sieht jeder nochmal anders.
      Ich halte „Alles ist erleuchtet“ für einen ganz großartigen außergewöhnlich originellen Debütroman – ich habe ihn hier auch schon vorgestellt, du kannst ja mal stöbern, wenn du magst. Hast du diesen schon gelesen?
      „Extrem laut …“ werde ich auf jeden Fall auch noch lesen. Du hast Jonathan schon live erlebt? Das ist bestimmt spannend.
      Nehmen wir an, wir gehen auf eine Lesung, von einem verehrten Autor, der uns unglaublich unsympatisch ist, dürfen wir deswegen sein Werk als Mist verurteilen oder trübt diese persönliche Einschätzung den Blick? … Ich denke schon, dass es menschlich ist, das wir so denken, aber ob das immer zielführend ist, wenn es um die Beurteilung von Kunst und Literatur geht? …

      Ich wünsche dir einen schönen Abend – schön, dass du zu uns gefunden hast – ich freu mich auf den weiteren Austausch mit dir.

  2. Das Werk sollte weitestgehend getrennt von seinem Schöpfer betrachtet werden; als Werk an sich – so meine Meinung dazu.
    Egal ob bei Musikern, Künstlern, Schriftstellern … mir geht es primär um ihre Werke und nicht um die Persönlichkeiten. Dieses oberflächliche Konzentrieren nur auf die Person kann man gern in der Welt der „Stars und Sternchen“ zelebrieren – das ist aber nicht meine Welt – und sollte meiner Ansicht nach auch nicht auf die Literatur und Kunst ausgeweitet werden… Leider gibt es diese Tendenz. Vermutlich sind in der Hinsicht einige von den Medien stark beeinflusst.
    Natürlich kann man ein Werk nicht komplett von seinem Schöpfer abtrennen und die Eigenarten eines Autors fließen ganz sicher in seine Bücher mit ein. Aber was ist das für ein Denken: Nur wenn ich den Autor als Person sympathisch und angenehm finde, lese ich seine Bücher? naja…

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