Nino Haratischwili: „Mein sanfter Zwilling“, Roman (2011)

Dieses Buch ist nichts für rationale Menschen. Hier geht es um Gefühle.
Mein sanfter Zwilling

„Die Nähe glich einem dünnen Faden, und wir waren zwei Seiltänzer darauf.“

Stella und Ivo kennen sich seitdem sie klein waren und gemeinsam aufwuchsen; gemeinsam ein Unglück erlebten, das sie für immer verbindet. Nun sind beide erwachsen und sind scheinbar in ihren Leben angekommen: Ivo ist erfolgreicher Journalist, der durch die Welt reist, Stella hat geheiratet und lebt mit Mann und Sohn zusammen. Doch dann taucht Ivo wieder unmittelbar in ihrem Leben auf, und alles um sie herum beginnt zu bröckeln, sich aufzulösen. Stella kommt sich selbst abhanden – oder findet sie erst zu sich zurück?

„Irgendetwas in mir schrie danach, gelebt zu werden. Irgendetwas in mir sehnte sich nach Chaos, nach dem Gefühl des Fallens, nach der Klarheit, die eintreten würde, wenn ich den Sturm überlebte. Die Angst zerrte an mir, rupfte an meiner Haut und nahm mir den Atem.“

Der sprachlich und emotional sehr intensive Roman reißt den Leser mitten hinein in die verwirrende, paradoxe Gefühlswelt, in der es eigentlich nur um diese beiden geht: Stella und Ivo. Alle anderen (Familienmitglieder) sind nur Staffage. Die beiden sind Zwillinge im Geiste – sich Liebende, die nicht beieinander sein können, ohne sich zu zerstören. Und dennoch folgt Stella Ivo nach Georgien, als er sie darum bittet, um herauszufinden, was die Geschichte einer georgischen Familie mit ihrer eigenen gemeinsam hat. Sie lässt ihren Sohn Theo zurück, der zuhause Möhren als Sinnbild für Häuslichkeit (und sein Verständnis von heiler Welt) bewacht, während sie vergammeln.

In „Mein sanfter Zwilling“ geht es um die Grenzmomente im Leben, der Augenblick, in dem man fällt. In dem sich alles entscheidet. Kairos. Die wahrgenommene Gelegenheit oder der Sprung ins Verderben? Es ist nicht so klar, ob es positiv ist, dass Stella ihrem sanften Zwilling, der alles andere als sanft ist, folgt. Insofern ist der Roman sehr nah am Leben: Man weiß oft nicht, ob eine Entscheidung richtig ist. Man muss sie fällen – und dann damit leben.

Und es geht auch um die gesellschaftlichen Erwartungen, die von außen an einen gestellt werden, und ums Ausbrechen aus diesem goldenen Käfig. Darf eine Mutter ihr Kind verlassen? Darf man für die Liebe alles aufgeben, was man hat? Was, wenn die Liebe nur eine Illusion ist?

„Heute weiß ich, dass, egal wie sehr man auch versucht, eine gute Mutter zu sein, es nie reichen wird, dass es nie reichen wird, all die Lücken zu füllen, die das Leben mit sich bringt, dass man es nie schaffen wird, das eigene Kind vor dem Leben zu schützen. Ich möchte ihr gern sagen, dass ich Bescheid weiß, begriffen habe, dass ich all ihre ehrliche Trauer in der Entscheidung wiedererkenne, in einem neuen Land mit einem neuen Mann neu anzufangen und auf weitere Kinder zu verzichten.“

Ich mag die Geschichte von Nino Haratischwili aufgrund ihrer Intensität. Aufgrund der Kraft, mit der sie zeigt, wie chaotisch das Leben und die Gefühle in uns sein können, besonders in Grenzsituationen. Und doch fehlt mir am Ende die Schlüssigkeit, der Eindruck, dass das alles Sinn hat. Der Schluss mit den in Georgien verzweifelt gesuchten Zusammenhängen ist zu künstlich, zu pathetisch, wie moemoemoe hier schreibt. Die Zeitsprünge, die das Buch durchziehen, lassen sich gut verfolgen und zeigen das Können der jungen Autorin (*1983). Doch am Schluss, so mein Eindruck, zerfasert die Geschichte, verliert sich in metaphorischen Zusammenhängen, die ich ebenso sinnlos und irrational wie überzogen finde. Daher kann ich die uneingeschränkte Begeisterung für den Roman, wie sie durch die mir bekannte Blogwelt schwappte, nicht ganz nachvollziehen. Oder ich bin einfach schon zu erwachsen:

„Das Erwachsensein ist wohl der Punkt, wo man aufhört, einfach so zu leben, einfach so zu fühlen und wo alles, einfach alles eines Grunds bedarf, damit man es fühlt oder damit man es lebt, dachte ich und sah ihn an.“

Nino Haratischwili: Mein sanfter Zwilling, Roman, erschienen 2011 in der Frankfurter Verlagsanstalt.

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Ein Gedanke zu “Nino Haratischwili: „Mein sanfter Zwilling“, Roman (2011)

  1. Puh, ich fand diesen Schmachtfetzen so kitschig und pathetisch…ich hab ihn ziemlich schnell weggelegt. Und wie mir scheint, habe ich auch nix verpasst 😉

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