Sibylle Berg: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (1997)

„Ich lebe so ein bißchen wie ein Tier. Ich weiß nicht, ob das so verkehrt ist. Obwohl es auch unglückliche Tiere gibt, die zu Tierpsychologen gehen, denke ich mal, die meisten Tiere fragen sich nicht andauernd, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen. Vielleicht sind sie glücklich. Ich würde sehr gerne mal mit einigen befreundeten Tieren über dieses Thema reden.“

Sibylle Berg legt den Finger auf Wunden, auf die unangenehmen Stellen, die vernarbt und verschroben sind. Sie wühlt im emotionalen Schorf und rührt an die empfindlichsten Orte, die man gern verdrängt. Immer dabei – ihr untrüglicher Humor, das unterschwellig bissig Ironische und Zynische, die feine Beobachtungsgabe, die nüchtern-kühle aber empfindsame Erzählhaltung, die Liebe zum Skurrilen und Absurden im Alltäglichen sowie der ungeschönte Blick auf die radikale Realität.Sibylle Berg_Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot

„Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ ist ein episodenhafter Roman ohne traditionell zusammenhängende lineare Handlung. In seiner Konzeption ist er ein moderner Text, da die Autorin ganz moderne Erzähltechniken anwendet, ausprobiert und kombiniert. Sie bricht die Perspektivierung ebenso auf wie die lineare Erzählweise. Der Leser wirft den Blick auf eine Vielzahl an Personen, die alle miteinander verbunden sind, während er sich gleichzeitig mitten im Bewusstseinsstrom ihrer Gedanken befindet. Kapitelweise erzählen sie uns aus ihrem Leben und berichten über ihre Gefühle und Gedanken. Dabei spielt Sibylle Berg mit den Perspektiven – mal wird aus der Ich-Perspektive erzählt und mal gibt es einen auktorialen Erzähler. Das macht den Text zu einer Herausforderung für den Leser. Es bleibt keine Zeit um Atem zu holen, zwischen den einzelnen Kapiteln – der Leser springt von einem Leben zum nächsten: von Nora zu Vera, von Karl zu Helge, von Bettina zu Ruth.

Das Figurenensemble ist vielfältig, d.h. unterschiedlichen Alters, gesellschaftlicher Schicht und Berufsgruppe. Man könnte fast sagen, jede Figur repräsentiert etwas Typisches, einen Stereotyp und damit die gesellschaftliche Vielfalt: Da ist z. Bps. die 18-Jährige magersüchtige Nora mit einem Hang zum Depressiven und autoaggressivem Verhalten, die auf den älteren Tom trifft, der – von seinem eintönigen Krawattenjob genervt – eine Frau sucht, die er lieben kann. Da ist die gutaussehende erfolgreiche Journalistin Bettina, die trotz ihrer Attraktivität und ihres Erfolges keinen Mann findet, der sie kennen und lieben möchte, wie sie ist und wie sie es sich vorstellt. Da sind Ruth und Karl, ein in die Jahre gekommenes Ehepaar, das sich nicht mehr liebt und nicht den Mut besitzt, ehrlich zueinander zu sein – Karl landet bei einer jungen Nutte und Ruth dreht durch. Dann ist da noch die dickliche und einsame Vera, die in ihrem Leben und ihrer Ehe mit Helge keinen Sinn mehr sieht, ausbricht und Musiker Pit kennenlernt … Sie alle geraten in überraschend seltsame und beunruhigende tragisch-komische Situationen, die überraschen und verstören.

„Karl, was ist eigentlich los mit dir?“ fragt Ruth. Und Karl sieht zum Fenster raus. Natürlich sagt er nichts. Und Karl, Karl, der gestern mit einer Nutte geschlafen hatte, ohne es zu merken, Karl, der sich alt vorkam wie noch nie vorher und unverstanden, Karl dachte: Leck mich doch am Arsch. Und Ruth redet weiter: „Ich dachte, wir lieben uns. Und dann frag ich mich und dich, warum bist du so wenig zärtlich, warum zuckst zu zurück, wenn ich dich berühre.“ Und Karl, der Ruth schon irgendwie sehr gern hat, aber sie einfach nicht begehrt, blickt zum Fenster raus. Wenn ein Mann von Liebe spricht, dann meint er begehren, dann meint er Geschlechtsverkehr und Orgasmus. Wenn eine Frau von Liebe spricht, dann meint sie Seele und Verschmelzen, dann meint sie alt werden und reden und anfassen ohne Ende und Symbiose. Die meisten Männer und Frauen sterben enttäuscht, weil sie bis zum Ende daran festhalten, daß ihre Art der Liebe die einzig wahre ist, und das kann nur zur Katastrophe führen.“ ( S. 67)

Alle diese unterschiedlichen Menschen eint die im Romantitel schon benannte Suche nach dem Glück, die bei jedem auch die Suche nach Liebe, nach Erfüllung (sexuell, emotional und beruflich), nach Anerkennung, nach Erfolg, nach innerem Frieden, seelischer Ausgeglichenheit und einem Ankommen im Leben ist. An eben dieser Suche scheitern die Figuren jedoch und gehen damit ganz unterschiedlich um. Der eine lässt sich treiben, die andere ist getrieben von ihr. Das Problem von fast allen ist dabei das nicht miteinander Kommunizieren oder das aneinander vorbei Kommunizieren, was zur Enttäuschung und Ernüchterung führt.
Sie begehren Zerstreuung in ihrem Leben und befinden sich auf der Suche nach etwas, das sie nicht immer genau benennen können. Manche denken, eine Beziehung fülle die Leere in ihnen, machen sich jedoch etwas vor, suchen nach dem falschen Partner oder glauben die Lücke mit sexueller Hingabe füllen zu können. Die Autorin macht sich nicht lustig über diese Suche, sie zeigt vielmehr mit einem Augenzwinkern, dass sie menschlich ist, das sie aber auch irgendwie idiotisch ist und man so manches Mal schon längst gefunden hat, was man glaubt noch suchen zu müssen.

Fazit: Das Glück ist nichts für Feiglinge, zum Glück gehört auch Mut und Entscheidungskraft. Glück ist oft weniger abstrakt als man denken könnte – es kann in konkreten Dingen wie einer Beziehung, Sex, einen Auto, einem persönlichen Erfolgserlebnis oder einer Urlaubsreise bestehen. Glück ist für manche die Suche danach, aber nicht immer endet diese irgendwo und wenn, dann ist es manchmal zu spät, denn das Leben schlägt erbarmungslos zu. Egal welcher Schicht du angehörst, welchen Beruf du ausübst, wo du herkommst und wie du lebst – uns alle eint dieses Getrieben sein von der Suche nach dem, was wir Glück nennen.

Sibylle Berg betrachtet mit ihrer unnachahmlich zynischen Sichtweise unser modernes Glücksstreben und führt es ad absurdum auf sehr skurril-witzige Art und Weise, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt wie bei einem grausamen Witz. Man könnte es als Galgenhumor bezeichnen. Man steht am Abgrund und lacht einfach mal darüber, um die Dramatik zu relativieren, die vielleicht gar keine ist. Vielleicht nehmen wir uns auch viel zu wichtig, denn die Welt schert sich nicht drum, ob wir glücklich sind oder nicht. Genau diesen Humor braucht man um „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ zu verstehen und mit Genuss zu lesen. Ich würde mal sagen, mir liegt dieser Humor und ich lese sehr, sehr gern Sibylle Berg.  Das hat schon etwas Pathologisches … =)

>>Sibylle Berg: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, Reclam Leipzig , vierte Auflage 1997

Für alle Sibylle Berg-Fans hier ein schönes Interview mit ihr über das Selbstwertgefühl, die DDR und Google & Co.: http://kevinasks.com/sibylle-berg-ich-bin-eine-randgruppen-autorin

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6 Gedanken zu “Sibylle Berg: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (1997)

  1. Trotz meiner Liebe für Der Mann schläft habe ich noch immer nichts anderes von Frau Berg gelesen, dabei gibt es noch so einiges von ihr zu entdecken, angefangen bei ihrem letzten Roman, der schon seit geraumer Zeit in meinem Regal weilt und wartet, bis hin zu ihren älteren Werken. Und ihre Werke wollte ich mir auch mal anschauen, zurzeit läuft Hauptsache Arbeit an einem Frankfurter Off-Theater. Merci für die gelungene Besprechung und dafür, dass du mich an Sibylle Berg erinnert hast!

    1. Ja bitte, immer wieder gern. Ich möchte auch gern mal ein Theaterstück von Sibylle sehen. Wir, Laura und ich, sahen ja Sibylles Lesung im Berliner Ensemble zu „Vielen Dank …“. Das war etwas ganz Besonderes und weit entfernt von einer langweiligen Lesung aber auch nicht über-inszeniert. Wir haben hier ja auch „Der Mann schläft“ und „Vielen Dank“ im Dialog schon besprochen und waren beide Male sehr begeistert. Ich lese jetzt die älteren Sachen von ihr, um zu schauen, wie sich ihr Stil entwickelt hat, das ist sehr spannend. Auch spannend, was sie vor der Schriftstellerei, von der sie jetzt lebt, so gemacht hat – Tierpräparatorin und Puppenspielerin …? Echt strange, das macht wohl dann auch einen ganz eigenen Blick auf die Welt und viel Humor. =)
      Lies doch im Herbst mal „Vielen Dank..“, wenn er eh schon im Regal liegt, er wird dich berühren, verstören, umhauen. Viel Spaß mit Sibylle Berg 😉

  2. Ach Sibylle Berg, deine Meinung trifft den Nagel auf den Kopf. Ich sollte das Buch auch wieder einmal lesen, oder zumindest dem Hörbuch lauschen, danke, dass du mich daran erinnert hast 🙂

    1. Ja, bitte schön. Ein Hörbuch gibt es davon auch? Liest die Autorin selbst? Das fänd ich spannend. Oder mit Rollenrede für die verschiedenen Personen, das wäre die interessanteste Variante.
      Viele Grüße!

      1. Kaufen kann man das Hörbuch nicht mehr, man kann es sich nur gebraucht holen. Gelesen wird es leider nicht von der Autorin, aber es ist die interessantere Variante – die Rollen werden von verschiedenen Personen gesprochen.

        Auf youtube kann man sich eine andere Version des Hörbuches anhören, es gibt da zwar nur eine Sprecherin, hat mir aber dann doch gut gefallen. http://www.youtube.com/watch?v=_w2a8eogOJ0

        Lieben Gruß!

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