Uwe Tellkamp: „Der Eisvogel“ (2005)

„Ich lese keine Unterhaltungsromane. Ich will nicht unterhalten, sondern herausgefordert werden; ich will kämpfen gegen ein Buch, und es muß gut kämpfen, hart, präzise, intelligent. Ich will von der Welt nicht abgelenkt werden, ich will ihr ins Auge sehen, sie erkennen und … sie besiegen.“ (S. 105)

Der Roman „Der Eisvogel“ von Uwe Tellkamp ist kein Unterhaltungsroman. Er fordert heraus, allerdings ist sein Kampf zu weich, zu durchmischt mit plakativen und verschlungenen Elementen, um präzise und hart zu sein. So wird er seinem eigenen Anspruch nicht gerecht.

Es bleibt längerfristig nicht viel von Wiggo Ritter, um den es geht; der am Rande des existenziellen Abgrunds auf Mauritz Kaltmeister und dessen bezaubernde Schwester Manuela trifft und daraufhin in deren terroristische Gefilde gerät. Mauritz und Manuela wollen das KaDeWe in die Luft sprengen und vertreten einen Zirkel, der sich „Wiedergeburt“ nennt und dessen Strukturen an Burschenschaften erinnert. Bei den Treffen des Zirkels wird die dritte Strophe der deutschen Nationalhymne gesungen. „Mauritz ist jedoch kein Neonazi, er schlägt in der U-Bahn dummrechte Skinheads krankenhausreif und deren Kampfhund tot. In der »Wiedergeburt« geht es um eine intellektuelle Elite.“ (Helmut Böttiger, ZEIT) Diese intellektuelle Elite zieht Wiggo an, der als (zeitweise arbeitsloser) Philosoph in Berlin herumirrt und wenig mit sich und seinen Gedanken anzufangen weiß. Vor allem trägt er den Hass auf seinen Vater, einen karriereorientierten Banker, und auf seinen ehemaligen Philosophie-Professor, mit dem er im Disput auseinander ging, in sich.

Es gibt also zu viele gescheiterte Existenzen, zu viel Idealismus und Radikalismus, zu viel ungelebte unterschwellige große Gefühle, sodass zwangsläufig alles eskaliert. Der Leser erfährt gleich zu Beginn, dass Wiggo auf Mauritz geschossen hat und sich nun mit seinem Verteidiger den Fakten und Gedanken der letzten Zeit stellt. Der Roman besteht strukturell, das ist eigentlich ganz interessant gemacht, aus dem, was Wiggo seinem Verteidiger erzählt und aus Zeugenaussagen der Angehörigen rund um Wiggo, seines Vaters, seiner Schwester, seines Schwagers. Somit ergibt sich ein vielschichtiges Bild aus verschiedenen Perspektiven auf das Geschehen in Rückblende.Tellkamp_Eisvogel

Das Buch des bekannten deutschen Schriftstellers birgt Potential, bringt es jedoch nicht zur vollen Entfaltung. Tellkamps Sprache ist beeindruckend lyrisch, was nicht verwundert, da er für seine Lyrik bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Hierin liegt also eine Stärke: die Sprache. Thematisch greift der aus Dresden stammende Autor durchaus brisante und aktuelle Felder auf: Die 318 Seiten beinhalten eine Menge an Gesellschafts- und Systemkritik und versuchen aufzuzeigen, wie es zum Terrorismus kommen kann. 2005, als der Roman erschien, waren die krassen rechtsradikalen Anschläge des NSU der Öffentlichkeit noch nicht bekannt. Vielleicht hätte das den Blick auf das Buch und seine Brisanz verändert. Allerdings ist der Zirkel „Wiedergeburt“ bei Tellkamp eher ein nationalsozialistischer Elite-Zirkel als ein Untergrund. Es geht Mauritz Kaltmeister auch um Gewalt und Radikalität, allerdings basierend auf einem stahlharten ideologischen Unterbau, der alle Taten durchzieht. Die Grundgedanken als Kritik an der Demokratie lesen sich dabei durchaus nachvollziehbar:

„Demokratie ist die Gesellschaftsordnung des Mittelmaßes, des Geschwätzes und der Unfähigkeit, aus dem Geschwätz fruchtbares Handeln werden zu lassen … Nichts bewegt sich mehr! Alle Räder sind festgefressen in gegenseitiger Hemmung, fordern die Unternehmer dies, blocken es die Gewerkschaften ab, sollen die Steuern herunter, laufen die Sozialverbände Sturm, die Arbeitslosenraten steigen, die Wirtschaft wandert ab, die Gesellschaft vergreist, die Jugend hat kaum noch Perspektiven … Junge Menschen stehen in den Startblöcken, so gut ausgebildet wie nie, und können nicht starten weil sie keine Arbeit finden … Wie soll das enden? Nirgendwo Aufbruch, Hoffnung und damit: Zukunft … Statt dessen Lethargie, Menschen, die Schatten ihrer Selbst sind, an nichts mehr glauben, die keine Vision haben, keine Ursprünglichkeit, zerfressen von Skepsis und Zynismus … Sie sind krank von Demokratie! Die Menschen wollen nicht mehr tausend Angebote, sondern Einfachheit, was sie wollen, ist Führung, Ordnung, Sicherheit, sie sind krank von Unsicherheit, von dem Vielleicht und Ich weiß es nicht …“ (S. 150f.)

Doch beim genaueren Hinsehen wirken die Gedanken wie „Stammtisch-Philosophie“. Anspruch und Plumpheit treten in „Eisvogel“ ein Duell an und drehen sich immer nur um sich selbst. Das liest sich irgendwann müßig – und langweilt. Man taumelt zwischen eindrucksvollen Textstellen und platten Szenarien hin und her und weiß nicht so recht, was man davon halten soll. Böttiger formuliert das so: „Der zuweilen unbändigen Sprache, dem Visionären der Sätze und ihrem Rhythmus steht auf merkwürdige Weise das Triviale der Handlung gegenüber. Und leider ist das nicht ästhetisch miteinander verbunden, auch wenn die Möglichkeit dazu manchmal aufblitzt.“

Fazit: Kann man lesen, muss man aber nicht.

Ein bißchen trösten Textstellen wie diese, die den Charakter des Buches ganz gut wiedergibt:

„ … ich sollte lieber etwas lesen, anstatt mich durch diesen Brei zu zappen, oder einen Brief zu schreiben versuchen, per Hand mit Tinte auf Papier, ich hasse E-mails, die Leute können sich überhaupt nicht mehr ausdrücken, einen richtigen Brief schreiben, wie wunderbar sind die Kantschen Briefe, die seiner Adressaten ebenso, ein herrliches, reiches, astknorriges Deutsch, ein Deutsch wie ein alter Apfelbaum, ein Deutsch für einen Stamm wilder Bienen, für Spechte und Riesen-Baumpilze, aber das will niemand mehr, sie wollen kein schönes Deutsch mehr, ja kein Humanismus, denn der ist tiefdeutsch, wir aber wollen global denken, was soll das eigentlich heißen, diese Worthülse, diese Sprach-Spreu, Herkunft ist überall, nur die Deutschen wollen sie leugnen, kein auch nur einigermaßen gebildeter Franzose würde es sich verbieten lassen, seine Sprache zu gebrauchen und sie zu pflegen, schon gar kein Amerikaner, Joe Smith aus Texas singt voller Inbrunst God bless America und legt erzpathetisch sich die Hand aufs Herz dabei, wissen die Deutschen überhaupt, was sie anbeten, wenn sie Amerika anbeten, genau das nämlich, was sie hierzulande verabscheuen, wie ich diese heuchlerischen Selbstauspeitscher hasse; einen richtigen Brief; aber an wen“ (S. 114f.)

Uwe Tellkamp: Der Eisvogel, erschienen 2005 bei rowohlt.

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8 Gedanken zu “Uwe Tellkamp: „Der Eisvogel“ (2005)

  1. Liebe Laura,
    das erste Zitat gefällt mir sehr gut, auch wenn du schreibst, dass das Buch ihm nicht gerecht wird.
    So ist es auch in der Kunst! Die Herausforderung ist das was zählt und was den Künstler vorwärts bringt.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Die Bücher, die diesen Anspruch im ersten Zitat erfüllen, sind selten. Ich muss gestehen, manchmal will ich auch einfach nur unterhalten werden und ich habe nicht an jedes Buch einen so hohen Anspruch. Wenn eines diesen erfüllt, bin ich aber umso glücklicher darüber! In der Kunst genauso;)
      Schönen Sonntagabend, Laura

  2. Liebe Laura,
    ich stimme Dir bei der Beurteilung dieses Buches voll zu. Ich habe es nach dem Turm gelesen – was für ein Unterschied! Ich war richtiggehend enttäuscht. Ich glaube, Tellkamp hat das vor dem Turm geschrieben – vielleicht muss man es einfach als „Übung“ werten. LG Birgit

    1. Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Den „Turm“ habe ich noch nicht gelesen, werde dies aber wohl mal tun. Die Sprache gefiel mir bei Tellkamp ja. Und es ist ja absolut okay, wenn nicht jedes Buch eines Autoren herausragend ist 🙂
      Es beruhigt mich ja etwas, wenn es dir auch so ging mit dem „Eisvogel“.
      LG Laura

  3. Hallo Laura,

    da ich gerade dabei bin „Der Turm“ zu lesen, kann ich dir bei deinem Punkt mit der Sprache nur beipflichten. Die ist wunderbar vielfältig und verzaubernd, dass es richtig gehend Spaß macht in die Geschichte einzutauchen, auch wenn es dabei Längen gibt, die man nicht verschweigen sollte. Den von dir vorgestellten Roman werde ich mal im Hinterkopf behalten.

    Gruß, Marc.

    1. Hallo Marc, das spricht ja einmal mehr dafür, den „Turm“ zu lesen. Falls du den „Eisvogel“ liest, bin ich auf deine Meinung gespannt, du bist ja nun vielleicht „vorgewarnt“ 😉 Beste Grüße, Laura

      1. Apropos Vorwarnung: Bin jetzt mit „Der Turm“ fertig und falls du noch vorhast das Buch zu lesen, dann sei gewarnt, dass es sehr anstrengend und interessant zugleich ist und bin gespannt, was für eine Meinung du dann dazu haben wirst.

      2. Danke für die „Vorwarnung“ deinerseits, den Turm betreffend. Ich werde ihn wahrscheinlich nicht unmittelbar demnächst lesen, da ich in Anbetracht von etwa 50 zu lesenden Büchern beschlossen habe, erstmal keine mehr zu besorgen 😉

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