Michael Köhlmeier: „Madalyn“, 2012

„Sie sagte sich: Nur selten bleiben Menschen ein Leben lang bei ihrer ersten Liebe. Die meisten, wenn sie endlich jemanden finden, mit dem sie bis in den Tod zusammenbleiben, haben bereits mehrere Lieben hinter sich.“

Die erste Liebe vergisst man nicht. So sagt man. Michael Köhlmeier beschreibt in „Madalyn“ die Geschichte von einer solchen ersten Liebe, mit all ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Enttäuschungen, den kleinen und großen Lügen und der ganzen, in ihr wohnenden Intensität. Dabei gelingt es ihm, nie kitschig oder verklärt zu schreiben.Madalyn

Die Geschichte von Madalyn, dem Mädchen, dessen Namen es in ganz Wien wohl nur einmal gibt (glaubt Moritz Kaltenegger), wird von ihrem Nachbarn erzählt. Ihr Nachbar Sebastian Lukasser ist Schriftsteller und kennt Madalyn, seitdem sie fünf Jahre alt ist. Nachdem er sie nach einem Fahrradunfall „rettete“, sieht sie ihn als ihren Vertrauten an. Das ist der Grund, warum er ihre erste Liebe aus nächster Nähe miterlebt und sie für uns erzählt, obwohl er eigentlich nur an seinem Roman arbeiten will, ohne sich in jemandes Leben einzumischen.

Der Autor Michael Köhlmeier verwendet mit der Figur Lukasser einen offensichtlichen, aber raffinierten Kunstgriff: Er führt einen Schriftsteller ein, der stellvertretend für ihn die Geschichte Madalyns erzählt und kann so gleichzeitig über das Leben als Schriftsteller und dessen Teilhabe am Leben der Anderen reflektieren. Deutlich wird dies in der Situation, in der Madalyn ihren Nachbarn für die Schule interviewt und ihm die Frage stellt, was beim Schreiben die größte Schwierigkeit sei. „Wer die Geschichte erzählt“, lautet seine Antwort, woraufhin die junge Madalyn unkompliziert meint: „Ist es nicht am allerbesten, Sie erzählen die Geschichte? Das tun Sie sowieso. Warum sollten Sie so tun, als ob jemand anderer die Geschichte erzählt?“ (S.13)

Es geht in diesem 173-Seiten-Roman also auf einer Metaebene auch ums Geschichtenerzählen selbst, ums Erfinden und Abändern von Begebenheiten, ums Lügen. Das macht das Besondere an diesem Buch aus. Denn die Geschichte von Madalyn und ihrer ersten Liebe ist eher schlicht und kommt auf unprätentiöse Weise daher. Doch sie ist nicht langweilig, eher realistisch. Moritz Kaltenegger, in den Madalyn sich verliebt, ist ein schwieriger Fall, er hat Zigarettenautomaten aufgebrochen und er lügt. Man weiß nie, was stimmt, von dem, was er erzählt. Das macht es für Madalyn nicht einfacher, im Gegenteil. Und sie hat ja auch gegen ihre ignoranten Eltern zu kämpfen, gegen ihre Telefoniersucht, die in Vor-Flatrate-Zeiten erhebliche Kosten verursachen konnte. Schauplatz der Geschichte ist Wien. Die Stadt durchwirkt den Roman nicht nur mit ihren Gassen und Orten, sondern auch im Sprachduktus Köhlmeiers.

Köhlmeier erzählt in seiner ruhigen, bescheidenen Art nicht nur von der ersten Liebe und dem in ihr wohnenden Zauber, sondern auch vom Erwachsenwerden, vom Lügen, vom Blick auf die Welt aus den Augen eines Schriftstellers.

„Ich war mir schlecht vorgekommen, weil ich nur denken konnte wie im Film und nur tun konnte wie im Film; meine Wohnung in der Danneckerstraße war mir vorgekommen wie im Film; und dass ich mich nicht fühlen wollte wie im Film, war mir erst recht vorgekommen wie im Film.“

„Madalyn“ ist kein umwerfender, großspuriger Roman, der einen durchschüttelt, sondern eher ein Buch, das ganz heimlich, still und leise seine Worte in uns legt, um sich dort irgendwo seinen Platz zu suchen. Auf diese ruhige Art faszinierte mich bereits seine „Idylle mit ertrinkendem Hund“ und ich möchte den Autor jedem ans Herz legen, der leise, realistische und nachdenklichmachende Bücher mag.

Michael Köhlmeier: Madalyn, Roman, als TB erschienen 2012 in 2. Auflage bei dtv ,ursprünglich 2010 bei Hanser.

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