XXXV. Sonntag mit Proust

„Madame de Guermantes besaß für mich in einer durch Liebenswürdigkeit, durch Achtung gegenüber geistigen Werten gezähmten und fügsam gewordenen Form die Energie und den Reiz eines grausamen kleinen Mädchens der Aristokratie aus der Umgegend von Combray, das von Kindheit an ritt, den Katzen das Rückgrat zerschmetterte, den Hasen die Augen ausriß, aber eine Blume an Tugend geblieben war, hätte jedoch auch, da sie die gleiche Art von Eleganz besaß, viele Jahre zuvor die glanzvollste Geliebte des Prinzen von Sagan sein können. Nur war sie unfähig zu begreifen, was ich in ihr gesucht hatte – den Reiz des Namens Guermantes, und was an wenigem davon ich gefunden hatte: einen provinziellen Rest von Guermantes. Unsere Beziehungen beruhen auf einem Mißverständnis, das eines Tages offenbar werden müßte, sobald meine Verehrung, anstatt sich an die vergleichsweise ungewöhnliche Frau zu wenden, welche sie zu sein glaubte, einer anderen ebenso mittelmäßigen, aber den gleichen unwillkürlichen Charme ausströmenden gelten würde. Es ist dies ein so natürliches Mißverständnis, das immer zwischen einem träumerischen jungen Mann und einer Frau von Welt stehen, ihn aber tief im Innersten beunruhigen wird, solange er die Natur seiner Einbildungskraft noch nicht erkannt und sich noch nicht mit den unvermeidlichen Enttäuschungen abgefunden hat, welche die Menschen ebenso wie Theater, Reisen und selbst Liebe ihm bereiten müssen.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 3.2: Die Welt der Guermantes, Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 664.

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