Thomas Lehr: „September. Fata Morgana“, 2010

„in der Vergangenheit
gibt es keine Luft für uns
ganz gleich wie verzweifelt die Zukunft dort atmen möchte“

Dieses Buch ist etwas Besonderes. Interessanterweise war es ein spontaner Zufallskauf – etwas, wozu ich mich nur sehr selten hinreißen lasse. Irgendwie sprach mich das Buch an, ich nahm es zur Hand und war erstaunt, statt den üblichen dichten Satzketten verseähnliche Wortgebilde vor mir zu sehen. Und: Es gibt keine Satzzeichen! Da wusste ich, dass in diesem Roman Poesie erklingt. Thomas Lehr_SeptemberAbout

Zwei Väter, Martin in den USA und Tarik im Irak, und ihre Töchter Sabrina und Muna erzählen jeweils aus ihren Perspektiven von den Ereignissen 2001 und 2004 in New York und Bagdad. Die Kapitel entstehen durch ihre Sichtweisen und sind jeweils abwechselnd mit einem der vier Namen überschrieben. Eine direkte Verbindung zwischen den beiden Vater-Tochter-Paaren besteht nicht – vorerst nicht. Man wird auch länger im Unklaren gelassen, ob nicht vielleicht das eine Mädchen nur in der Vorstellung der anderen existiert:

„da ist etwas dran erwiderte Tarik aber stell dir ein Mädchen vor (vor dem Hintergrund eines Bildschirms auf dem nun wider Knabenchöre das Lied Saddams Lebenspuls! zu Gehör bringen) ein Mädchen deines Alters im World Trade Center
es will studieren wie du oder es hat gerade mit dem Studium begonnen
ihr hättet euch in London begegnen können oder in Paris“

So wie Tarik seiner Tochter Muna in Bagdad rät, sich eine Gleichaltrige in New York vorzustellen, so hat Sabrina seit ihrer Kindheit eine imaginäre Freundin, eine arabische Prinzessin. Beide Mädchen könnten rein hypothetisch einfach in der Phantasie der anderen existieren.
Sabrina geht am Morgen des 11.September 2001 zufällig in das World Trade Center, um dort ihre Mutter Amanda (und Martins Exfrau) zu besuchen. Sie kehrt nie daraus zurück. Ihr Vater Martin muss irgendwie damit zurechtkommen. Er befreundet sich mit Amandas neuem Mann, spricht viel mit ihm über die Geschehnisse und das unerträgliche Gefühl des Verlusts. Durch seinen Blick nimmt der Leser unmittelbar am 11.September teil, man steht förmlich mit ihm wie gelähmt in New York und versucht, durch die Staubwolken hindurch zu atmen…

„dachte nicht
an Amanda ich sehe den rauchenden Nordturm und die unversehrte Front des Südturms und wie aus meinem linken Augenwinkel plötzlich den Schemen eines Flugzeugs der sich in das Bild schiebt und allen Erwartungen gemäß die Türme einfach passieren müsste aber direkt jede Entfernung vernichtet jede Erwartung der in die Mitte des Südturms einschlägt so leicht scheinbar wie in das Seidenpapier eines grauen Kastendrachens der augenblicklich Feuer fängt in Gestalt zweier Rauchwolken wie von aufbrechenden filzigen Schalen umgebener sich rasch aufblähender Feuerbälle die im nächsten Augenblick schon Tonnen von Stein und Glas in die Tiefe schleudern Hunderte von Menschen-
teilen ich dachte nicht an
Amanda ich
dachte nicht“

Und auf der anderen Seite, in Bagdad, erfahren der irakische Arzt Tarik und seine Tochter Muna von den Geschehnissen und wissen schlagartig

„WIR werden das ausbaden müssen garantiert und schon
tauchte der PRÄSIDENT im Fernsehen auf
um zu erklären dass Amerika nun endlich den Schmerz am eigenen Leib empfinde den es gemeinsam mit den Zionisten den Palästinensern jeden Tag zufüge (…) ich meinte aber doch (…) dass den Amerikanern einmal etwas im eigenen Land zustieß den Zivilisten wie bei uns nicht immer nur den Soldaten die sie in alle Welt schicken“

Es gelingt dem Autor beide Seiten zu beleuchten, er schafft ein Mosaik aus Eindrücken und Bildern, gestaltet aus Worten, die sich in ihrer Poesie tief ins Leserherz eindrücken um dort ihre Spuren zu hinterlassen. Zugleich ist es gewissermaßen eine deutsche Perspektive, denn Thomas Lehr ist Deutscher und seine Figur Martin hat deutsche Wurzeln, lehrt in Amerika Germanistik und befasst sich mit Goethes Frauen. Was den Roman abgesehen von seiner Polyperspektive besonders macht, ist die Sprache, die ich wirklich einmalig finde.

Sprache erleben

„wie ein Gott wanderte Arm in Arm mit den Kommunisten für das sozialistische Arabien bis zur nächsten Ecke
um die er sie gleich darauf brachte
die Schleier färbten sich an den Rändern mit Blut senke den Kopf lies die Zeitungen des Vaterlandes die Wiedergeburt des sumerischen Großreichs unter dem wahren König Saddam“

Obwohl die Sprache sehr lyrisch ist und das Lesen ohne hilfreiche Satzzeichen sich ungewohnt und vermeintlich umständlich gestaltet, gerät man in einen Lesefluss, bei dem man irgendwann gar nicht mehr bemerkt, dass es keine Interpunktion gibt. Die Sprache schwingt in ihrem eigenen Rhythmus; wenn man sich auf diesen einlässt, und das tat ich sehr gerne, trägt sie einen durchs Buch. Das ist für mich eine absolut neuartige, genussvolle Lese- und Spracherfahrung gewesen.
Faszinierenderweise bleibt bei allem Terror, allem Ernst und den blutigen, staubigen Spuren der Ereignisse der Humor nicht auf der Strecke, was mir das Buch wiederum noch sympathischer machte:

„also gut ich bete nicht viel und ich bin ein SuSchi sage ich
ein japanischer Fisch-Happen?
lach nur aber was soll denn herauskommen bei einem sunnitischen atheistischen Vater und einer schiitischen Mutter die dreimal im Jahr in die Moschee geht um die Teppiche zu bewundern wie sie behauptet“

9/11

Ich muss gestehen, dass ich mich lange vor Romanen zum Thema 9/11 gedrückt habe, da ich sie häufig für zu pro-amerikanisch oder polarisierend hielt. Thomas Lehr wirft einen sehr einfühlsamen Blick auf diese umwälzenden Ereignisse zu Beginn unseres Jahrtausends, ohne die arabische Seite außer Acht zu lassen. Er nähert sich den Geschehnissen auf eine dermaßen poetische und gefühlvolle Weise, dass er mich komplett überzeugt hat.

Wenn jemand von euch auch (mehr oder weniger zufällig, denn das Buch stand 2010 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises) auf „September“ gestoßen ist, es gelesen hat, oder auch weitere Bücher von Thomas Lehr kennt, wäre ich gespannt, wie es euch erging!?!

Thomas Lehr: „September. Fata Morgana“, 2010 erschienen bei dtv.

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7 Gedanken zu “Thomas Lehr: „September. Fata Morgana“, 2010

  1. Vor einigen Jahren habe ich den Roman „42“ gelesen, etwas völlig anderes als dieses Buch. Durch einen Unfall am Schweizer Kernforschungszentrum CERN ist alles Lebendige mitten in der Bewegung erstarrt, bis auf einige Menschen, die in dieser Situation versuchen zu überleben. Ich fand es absolut faszinierend und unheimlich.
    „September“ klingt aber auch nach einer interessanten Herausforderung!

    1. Hallo Petra, das klingt auch gut; danke dür den Hinweis auf das Buch. Mich fasziniert dieser Autor sehr; wenn er sehr verschiedene Themen beschreibt, macht ihn das nochmal interessanter für mich. Spannend! Ist „42“ denn auch poetisch und ohne Interpunktion gewesen oder ist das wohl nur in „September“ so? LG Laura

      1. Bei „42“ verwendet der Autor ganz normale Interpunktion. Ich habe die Sprache als teils kalt und nüchtern in Erinnerung, passend zur Situation des Überlebenskampfes. Von Poesie also keine Spur. Genau wie Du bewundere ich es, wenn ein Autor es schafft, ganz verschiedene Themen zu behandeln und die Sprache dementsprechend anzupassen. Bin gespannt, ob hier noch weitere Leseeindrücke folgen werden.
        Liebe Grüße,
        Petra

    1. Das freut mich, wenn ich dich inspirieren konnte, liebe Susanne! Ich bin mir ziemlich sicher, dass es dir gefällt. Sag Bescheid, wenn du es gelesen hast 🙂 Beste Grüße von Laura

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