@bout: Ai Wei Weis Baum im Bunker Berlin

Mitten in Berlin Mitte in der Reinhardtstraße steht ein Bunker. In seinem Inneren befinden sich zahlreiche vom Sammlerehepaar Boros zusammengestellte Kunstwerke, die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Allerdings nur nach vorheriger Anmeldung – und mit viel Vorlaufzeit, da die geführten Besuche des Bunkers sehr beliebt sind. Wir haben die Sammlung Boros besucht und wollen euch exemplarisch von einem Kunstwerk berichten, das uns u.a. sehr beeindruckt hat. Da sowohl der Bunker ein extrem geschichtsträchtiger Ort ist, als auch zum vorgestellten Künstler sehr viel zu erzählen ist, seht diesen Dialogue als Anregung zum Weiterlesen, Weiterinformieren oder aber als Aufforderung zum Besuch des Bunkers in der Reinhardtstraße in Berlin!

Bei diesem Bunker handelt es sich um einen ehemaligen Luftschutzbunker aus der Zeit des 2. Weltkrieges. Er wurde 1942 nach Entwürfen von Karl Bonatz und Albert Speer gebaut. Da es in Berlin an dieser Stelle aufgrund des hohen Grundwasserspiegels schwierig war einen typischen Kellerbunker zu bauen, handelt es sich bei diesem Luftschutzbunker um einen Hochbunker. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente er überwiegend als Lager für Textilien und Gemüse oder Obst. In den 1990er Jahren wurde er für (verbotene) Techno- und Fetisch-Parties genutzt und erhielt sein Image als „härtester Club der Welt“. 2003 kaufte Christian Boros den Bunker und eröffnete ihn nach Umbaumaßnahmen ab 2007 für Kunstausstellungen seiner Sammlung.

Laura: Als ich das erste Mal im Bunker war, hat mich dieser Ort an sich total fasziniert. Die mehrere Meter dicken Wände, die Geschichte, die in ihnen steckt… wahnsinn. Man hat ein beklemmendes Gefühl, zugleich ist man interessiert – und ich finde es eine grandiose Idee, einen solchen Ort für Kunstausstellungen zu nutzen. Die vielen kleinen Räume bieten die Möglichkeit, vor allem zeitgenössischen, oft raumgreifenden Installationen oder Skulpturen genügend Entfaltungsfläche zu geben, sodass sie richtig wirken können. Manche Kunstwerke sind ja auch im Dialog mit dem Bunker und ihrem dortigen Ausstellungsraum entstanden, und nehmen darauf Bezug. Wie wirkte der „Ausstellungsort Bunker“ mitten in Berlin auf dich?

Sammlung Boros
Ai Wei Wei, Sammlung Boros, Copyright: NOSHE

Katja: Das Gebäude und seine Architektur wirkt an sich schon sehr auf den Besucher. Wenn man sich vorstellt, dass die Leute hier bei Luftangriffen Schutz gesucht haben und dicht an dicht gedrängt viele Tage unter den widrigsten Bedingungen überleben wollten. Diesen geschichtsträchtigen und mit Krieg und Zerstörung assoziierenden Ort als Kunstgalerie zu  nutzen, hat schon etwas Makabres und Absurdes. Ich hätte mir gewünscht, dass im Bunker noch mehr auf seine Geschichte eingegangen wird. Es ist zwar ein Ort für die Kunst in privater Hand, jedoch sollte die spezielle Geschichte nicht so nebensächlich sein. Aber das ist nur meine Meinung. Herr Boros als Privatbesitzer kann dort eben schalten und walten wie er möchte.  Man hätte da Infotafeln o.ä. anbringen können…

Laura: Ein Kunstwerk, das nicht für den Bunker entstand, sondern vom Ehepaar Boros angekauft wurde, ist der „Tree 2011“ von Ai Wei Wei. Wer den chinesischen Konzeptkünstler kennt, wird wissen: Es handelt sich nicht etwa um ein Gemälde eines Baums oder eine Nachbildung; es ist ein richtiger Baum, der dort plötzlich mitten im Bunker vor einem steht und den ganzen für ihn vorgesehenen Raum ausfüllt. Allerdings ergibt sich beim genaueren Hinsehen, dass es nicht ein kompletter Baum aus einem Stück ist, sondern er sich aus mehreren Aststücken aus Sumpfhölzern zusammensetzt, die mit riesigen Schrauben halten. Die Hölzer ergeben in ihrer Gesamtheit eine riesengroße Skulptur eines Baums aus „Versatzstücken“ sozusagen, ein Baumpuzzle. Mich hat der „Tree“ sehr beeindruckt und er gehört zu den Kunstwerken, die mir noch sehr präsent sind, auch noch Wochen nach unserem Bunkerbesuch. Ging dir das auch so?

Katja:  Naja, vielleicht nicht ganz so ausschließlich, ich fand auch viele andere Objekte, Fotografien und Collagen spannend. Ich fand sogar schade, dass man nicht selbst nochmal durch die gesamte Ausstellung gehen darf, so entgeht einem natürlich viel. Der jeweilige Guide wählt ja die Objekte aus, zu denen er die Gruppe führt und zu denen er etwas sagt. Leider kann ich mich nicht mehr an die Namen der anderen Künstler erinnern, die ich noch beeindruckend fand. Ich habe deren Bilder jedoch noch im Gedächtnis. Da lohnt es sich wohl sich den Ausstellungskatalog zu kaufen.

Ich kann nicht behaupten ein großer Ai Wei Wei-Kenner zu sein, da kennst du dich viel besser aus. Somit fehlen mir die Hintergründe zu seinem Schaffen, die man bei einem solch abstrakten Objekt sicherlich braucht. Kannst du etwas zum Künstler sagen?

Laura: Ai Wei Wei ist ein sehr spannender Künstler aus China. Sehr viel Aufmerksamkeit erregte vor zwei Jahren seine Festnahme durch die Polizei in China und seine 81 Tage andauernde Haft, angeblich aufgrund von Steuerhinterziehung und Pornografie. Die Festnahme verursachte weltweit Empörung und Diskussionen über die Freiheit der Kunst und des Ausdrucks, bzw. der Meinungsfreiheit. Ai Wei Wei stellt in seinen Werken die chinesische Gesellschaft kritisch in Frage und reflektiert u.a. die Verletzung von Menschenrechten. Ich halte ihn für einen bedeutenden zeitgenössischen Künstler und war froh, ihn in der Sammlung Boros vertreten zu sehen.

Es macht Kunst spannend, wenn sie auch ein Statement zu aktuell relevanten Themen abgibt, denke  ich. Oder was meinst du?

Katja: Jedoch ist dafür einiges an Hintergrundwissen notwendig, um dieses Statement immer so zu erkennen und zu verstehen. Das gelingt nicht jedem zeitgenössischen Künstler so gut. Es kommt auch immer auf die eigene Sichtweise an – wofür macht ein Künstler seine Kunst? Drückt er einfach eigene Gefühlszustände aus, malt oder fotografiert er, was er sieht? Steckt dahinter eine politische Botschaft und Aufforderung? Möchte er auf aktuelle Geschehnisse Bezug nehmen? Spannend ist das in jedem Fall. Allerdings finde ich auch die Therien der L’Art pour L‘Art interessant, wo es eher um das ästhetische Erlebnis geht. Manch Künstler würde wohl sagen, Kunst muss politisch sein, eine Aussage haben, die sich auf die Gesellschaft bezieht oder noch enger gefasst, sie kann gar nichts anderes als politisch sein …

Laura: Was mich an dem Baum besonders beeindruckte, ist diese uralte mystische Wirkung, die er auf mich hat. Er steht auf einmal vor einem, riesig hoch mit seinen sechs Metern, man schaut automatisch in die Höhe und fühlt sich klein. Dadurch, dass weiße kahle Bunkerwände ihn umgeben und er „tot“ aussieht, also keine Blätter trägt, wirkt er auf mich gleichzeitig unheimlich und faszinierend, genau wie der Ort an dem er ausgestellt ist, der Bunker. Der Baum setzt sich aus so vielen Einzelstücken zusammen und ergibt in sich doch ein Ganzes. Ein Baumstück kann man sogar entnehmen und es steht eine chinesische Inschrift darauf. Der Baum scheint Geheimnisse erzählen zu wollen. Er atmet Geschichten, finde ich. Was hat er dir erzählt?

Katja: Mhm, hat er mir etwas erzählt? Das klingt jetzt sehr pathetisch. Ich finde die Idee spannend, die dahinter steckt: aus einzelnen alten Hölzern einen neuen Baum, ein neues Lebewesen zusammenzufügen, das aber gar nicht mehr lebt. Die Idee von einem Baum sozusagen. Der hohe Raum des Bunkers schien ja wie geschaffen für dieses enorm große Exponat. Hier wird die Idee der Natur im Gegensatz zur Kultur sozusagen in Bezug zum Ausstellungsraum gesetzt. Natur als Anschauungsobjekt. Der Betrachter verbindet je nachdem nun etwas anderes mit einem Baum. Bei dir war das Empfinden mystisch … Ich kann es nicht so genau sagen, der Assoziationsspielraum ist weit und darum geht es diesem Objekt wohl. Ich weiß zu wenig über den Künstler als dass ich da Genaueres sagen könnte. Welche Art von Holz hat er verwendet? Hat dieses Holz eine Bedeutung in China? Wie hat er entschieden welche Einzelstücke wo eingefügt werden? Oder ist das alles vielleicht gar nicht wichtig. In mir wirft der Baum eher viele Fragen auf, die noch nicht beantwortet sind… Diese kann jeder beim Besuch der Ausstellung ja für sich beantworten.

Es ist in jedem Fall sehr interessant und spannend und es lohnt sich mehrmals hinzugehen – wegen der Kunst und wegen des besonderen Gebäudes.

>>> Bilder zur aktuellen Sammlungspräsentation im Bunker inkl. Baum findet ihr z.B. hier.

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Ein Gedanke zu “@bout: Ai Wei Weis Baum im Bunker Berlin

  1. Liebe Laura, liebe Katja,
    ich mag euren Interviewstiel. Ich war auch noch nie im Bunker, werde aber euren Bericht gleich zum Anlaß nehmen, um auch einen Termin zu buchen….
    Einen schönen Sonntag Abend von Susanne

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