Der philosophische Mittwoch: Jean-Paul Sartre über die Vergangenheit

In diesem Sinn bin ich meine Vergangenheit. Ich habe sie nicht, ich bin sie: was man mir über eine Handlung sagt, die ich gestern getan habe, eine Stimmung, die ich gehabt habe, läßt mich nicht gleichgültig: ich bin verletzt oder geschmeichelt, ich rege mich darüber auf oder kümmere mich nicht darum, ich bin bis ins Mark getroffen. Ich distanziere mich nicht von meiner Vergangenheit. Zwar kann ich auf lange Sicht eine solche Distanzierung versuchen, ich kann erklären, daß ‚ich nicht mehr das bin, was ich war‘, eine Veränderung, einen Fortschritt vorgeben. Aber es handelt sich um eine sekundäre Reaktion, die sich als solche darbietet. Meine Seinssolidarität mit meiner Vergangenheit in diesem und jenem besonderen Punkt verneinen heißt sie für die Gesamtheit meines Lebens bejahen. An der Grenze, in dem … Augenblick meines Todes, werde ich nur noch meine Vergangenheit sein. Sie allein wird mich dann definieren.

Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, Rowohlt Verlag (Hier aus: Gesammelte Werke Bd. 3, Reinbek 1962, S. 229)

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3 Gedanken zu “Der philosophische Mittwoch: Jean-Paul Sartre über die Vergangenheit

  1. Genial!
    Tod heisst per Definition das Sein auf die Vergangenheit reduzieren……………………………..
    Ich bin begeistert…. und werde es mir für meine Arbeit zur Vergänglichkeit aneignen….

  2. Oh ja, ich bin auch begeistert, tolles Zitat! Unsere Vergangenheit, sprich unsere Erlebnisse, unsere Erinnerungen daran, unsere hinter uns liegenden Erfahrungen machen uns am Ende zu dem, was wir sind (und waren). Was bleibt ist Vergangenheit. Danke.

    1. Ja, nich!? Beeindruckend in Worte gekleidet.
      Man sagt ja immer so schnell „Ich bin über meine Vergangenheit hinweg. So bin ich nicht mehr“ – aber ist man denn je „über die Vergangenheit hinweg“? Das klingt so negativ, so schwer und belastend, als würde man immer alles bereuen, dabei hatte in dem Moment ja alles seinen Sinn für einen. Im Rückblick verklärt man vieles oder streitet es ab … Ich kenn das von mir zumindest. Dabei muss man sich bewusst sein, dass LEBEN in Wirklichkeit immer nur VERGANGENES LEBEN sein kann. Denn JETZT ist schon wieder VERGANGENHEIT. Daher ist die VERGANGENHEIT nichts schlimmes, keine Bürde oder etwas, über das man hinweg kommen muss. Man sollte stolz darauf sein und dazu stehen wie es war, aber auch nicht immer alles aus der VERGANGENHEIT oder KINDHEIT heraus rechtfertigen. Daraus ergibt sich die interessante Frage, ob man sich überhaupt wirklich weiterentwicklen kann, da man ja die Summer der Vergangenheit ist …? Oder ist das nur eine Illusion und wir trösten uns mit dem Wunsch, wir könnten unseren inneren Kern ändern? … Gedanken zum Abend …

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