Riikka Pulkkinen: Wahr (2012)

Aber sie ist der Überzeugung, dass niemand es sich leisten kann, die Liebe vorbeiziehen zu lassen. So reich kann niemand sein. Und deshalb macht sie ihm die Tür auf.“

Ich mag es, ich mag es nicht. Ich mag es, ich mag es nicht. Ich mag es…

So richtig entscheiden kann ich mich bei diesem Buch nicht. Nachdem ich hier darauf aufmerksam wurde, las ich es, und bin nun hin und hergerissen. Ist es ein liebevolles Buch über das Sterben und die Liebe in einer poetischen Sprache oder handelt es sich doch eher um eine nahe am Kitsch entlangschlitternde Geschichte, die teilweise zu bemüht daherkommt, um zu überzeugen?

Inhaltlich …

befasst sich die finnische Autorin mit den großen Themen: Elsa ist aus dem Krankenhaus nach Hause zurückgekommen, um dort zu sterben. Im Kreis ihrer Familie erlebt sie ihre letzten Tage, während derer sie das Bedürfnis hat, über das zu sprechen, was zuvor totgeschwiegen wurde: Die Liebschaft ihres Manns Martti mit dem Kindermädchen Eeva. Durch das Auftauchen eines Kleides bewegt, erzählt Elsa ihrer Enkelin Anna von dieser Geschichte. Dabei wäre es eigentlich ihre Tochter Ella (Eleonora), die davon erfahren sollte, denn sie war das Mädchen mit den „zwei Müttern“, Elsa (die selten da war) und Eeva (die da war, wenn Elsa fort war) …Riikka Pulkkinen

Der Mann, um den sich das Leben dieser Frauen dreht, ist Martti. Er ist Künstler und Verführer. Mit seinem besonderen Künstlerblick auf die Welt nimmt er Elsa und Eeva für sich ein. Dabei bleibt er seltsam gewissenlos, völlig versunken in seine Welt aus Bildern.

Alle versuchten, sich einen Teil von ihm zu sichern. Seine Aufmerksamkeit war ein Geschenk. Wenn er einen ansah, kam es einem vor, als habe man erst in diesem Moment zu seiner wahren Gestalt gefunden. So sind die Künstler: Sie besitzen die Macht des Blickes, sie entwickeln die gewichtigsten und prägnantesten Ansichten, setzen um, was andere auf halber Strecke liegenlassen, an Haltestellen und Straßenkreuzungen oder in verhaltenen Nebensätzen.“

Letztlich ist es gerade Anna, die die Geschichte von Martti, ihrem Großvater und Eeva, der fremden Frau, erzählt bekommt und womöglich auch braucht. Denn ihr eigenes Leben ist aus den Fugen geraten und weist beinahe mysteriöse Parallelen zu Eevas Leben in den 60ern auf.

Sprachlich …

ist „Wahr“ ein aus verschiedenen Personen, Zeiten und Themen verwobenes Netz.

Die Sprache entwirft stellenweise ein beeindruckendes Landschaftsgemälde von Finnland und dem Leben zwischen Stadt- und Landhaus, mit Saunengängen und ruhigen Seen, Nadelbäumen, Feldarbeit und Angeln. Da es vorwiegend ums Sterben und um die Liebe geht, ist die Sprache teils poetisch, teils emotional aufgeladen, wie an dieser unglaublich traurigen Stelle:

Eine Minute stehen wir einander gegenüber, fünf Minuten, eine Stunde. Die Sonne geht unter, die Nacht dringt durch die Fenster. Um uns zerbröseln die Häuser. Ich beiße ihm ins Schlüsselbein, es wird eine Narbe zurückbleiben. Die Welt stürzt ein wie eine Kulisse, doch nein, das ist nicht wahr: Die Bäume im Hof stehen an ihrem Platz, der Himmel ist da, wo er sein soll. Er zieht mich zu sich, ich will ihn nie wieder gehen lassen. Er muss sich von mir losreißen, ich sinke zu Boden, umklammere seine Beine. Er schleift mich durch den Flur. Dieser Weg bis zur Tür dauert drei Jahre und vier Monate, so lange, wie es gehalten hat. Er dauert vierzig Jahre, denn so lange wird es weitergehen, auch nach dem Ende. Noch Jahrzehnte später wird er sich darüber wundern, dass er noch immer diesen Flur durchschreitet.“

Auf mehreren Zeitebenen jongliert die Autorin ihre Figuren aus, man braucht schon ein wenig Konzentration, um bei den vielen Frauenvornamen mit E- und den Zeitsprüngen den Überblick zu behalten.

Besonders …

an diesem Roman ist die Variation der Frauenfiguren zwischen Tradition und Fortschritt. Während Elsa sich selbst als Rabenmutter fühlt, weil sie mehr für ihre Tagungen als Psychologin, für ihre Forschung und ihre Bücher da war, als für ihre Familie und Tochter Ella, entscheidet sich Eeva für einen Job als Kindermädchen, für den ihre moderne Freundin sie erstmal mit bösen Blicken und Kommentaren straft. Wie lebt man in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Finnland als Frau, wenn einem alle Türen offen stehen, wofür entscheidet man sich?

Der finnische Blick auf die Studentenrevolten in Europa Ende der 1960er Jahre ist interessant. Das Thema wird aber aus einer Randperspektive heraus angerissen und nicht vertieft. Die Figuren sind zu sehr mit ihrem Gefühlsleben beschäftigt, was wiederum lebensnah ist.

Die inhaltlich umfassende Themenauswahl in „Wahr“ hat Potential, scheitert aber letztlich daran, dass sie zu ambitioniert daherkommt. Um die Rolle des Kindermädchens Eeva nicht zu traditionell wirken zu lassen, bedarf es der Figur Elsa, die in der Wissenschaft Karriere macht, als Gegenpol. Um den Roman nicht zu gefühlsduselig nur um Liebe, Affäre und Tod kreisen zu lassen, wird die Handlung in einer politisch bewegten Zeit angesetzt. Man könnte das Konzept als ausgewogen bezeichnen, mich reißt es aber zwischen den Polen hin und her.

Am Ende …

bleibt der Leseeindruck einer melancholischen Geschichte um Liebe und Tod, um Abschied und Sehnsucht, die man am besten einfach liest, ohne zuviel darüber nachzudenken. Dann gelingt es, das Buch zu genießen 🙂

Riikka Pulkkinen: „Wahr“, 2012 auf deutsch erschienen bei List. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat.

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2 Gedanken zu “Riikka Pulkkinen: Wahr (2012)

    1. Vielleicht hast du recht, ja. So im Rückblick erinnere ich mich bei dem Buch auch eher an die schön beschriebenen, traurigen Momente oder die Natur- und Personenschilderungen, weniger an das Kitschige.

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