Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin (1983)

„Ein müder Delphin ist SIE, lustlos zum Endkunststück ansetzend. Schon erschöpft den lächerlichen bunten Ball ins Auge fassend, den das Tier in alter Routinebewegung sich auf die Schnauze schupft. Es holt tief Atem und versetzt sein Gerät in kreiselige Bewegung. In Buñuels Andalusischem Hund stehen da zwei Konzertflügel. Dann diese beiden Esel, halbverweste, blutschwere Häupter, auf die Tasten niederhängend. Tot. Verrottet. Außerhalb von allem. In einem streng luftentzogenen Raum.

Eine Kette aus Kunstwimper wird auf Naturwimpern geklebt. Tränen fließen. Ein Brauenbogen wird heftig ausgemalt. Derselbe Brauenstrift macht einen schwarzen Punkt auf ein Muttermal dicht beim Kinn. Der Stiel eines Kamms fährt etliche Male in einen hoch auftoupierten Knoten hinein, um den Heuschober aufzulockern. Dann steckt eine Haarklammer etwas wieder fest. Strümpfe werden hochgezogen, eine Naht wird geradegerichtet. Ein Lacktäschchen schwebt hoch und wird fortgetragen. Petticoats knistern unter Taftröcken. Sie haben schon gezahlt, jetzt gehen sie hinaus.“ (S. 63)

 Ich war schon lange nicht mehr so von der Sprache eines Buches beeindruckt wie von Elfriede Jelinek. „Die Klavierspielerin“ ist das erste Buch, das ich von der Nobelpreisträgerin gelesen habe. Aber ich habe es nicht gewählt, weil sie diesen Preis erhalten hat. Viele andere hätten ihn verdient und haben ihn nicht erhalten, daher … Aber das tut nichts zur Sache – Elfriede Jelinek ist eine großartige sprachbegabte, humorvoll-deftige und fesselnde Erzählerin, scharfe Beobachterin und Sezziererin der menschlichen Psyche und ihrer Abgründe.elfriede jelinek_die klavierspielerin

Es war ein Abenteuer dieses Buch zu lesen, von dem ich nicht viel wusste. Ich wollte endlich etwas von dieser österreichischen Autorin lesen, von der ich bisher schon so oft hörte und wählte mir jenes Buch als das Erstzulesende. Ich bin beeindruckt, aber auch erschüttert durch Jelineks derbe und zugleich bildintensive eindrückliche Sprache, genaue detaillierte Beobachtung und unbarmherzig Wiedergabe menschlicher Sehnsüchte und Abgründe, geheimer Fantasien, absurder Perversionen und klinisch-morbidem Verhaltens.

Man könnte fast sagen, es ist eine große perverse Lust dieses Buch zu lesen, das Perverse daran ist der voyeuristische Blick, den die Erzählerin dem Leser aufzwingt und man fühlt sich am Ende ein wenig schmutzig. Man wurde während der Lektüre in Bereiche geführt, von denen man sonst nichts erfahren hätte. Daher fühlt man sich ein wenig zwiegespalten, als hätte man etwas Verbotenes getan. Was man da liest, ist im Eigentlichen so traurig, erzählt in so wunderbar-traurig-kalten, aber auch eigenartig berührend-verstörenden Szenerien. Elfriede Jelinek erzählt vom „Menschlichen Allzumenschlichen“, von der Kraft der sexuellen Lust, von sexueller Macht und der Macht von Beziehungen, die Menschen keinen Ausweg lassen und sie in perverse Abhängigkeiten treiben. Es sind kaputte soziale Beziehungen, unfähig einer normalen Kommunikation, unfähig der Liebe, des Glückes, traurige Existenzen – die gesellschaftliche Klaviatur des ganz alltäglichen Elends, das uns umgibt, auf den Straßen und überall, hinter jedem Fenster. Wer vermag schon zu verurteilen, was normal ist und was pervers. Wenn sexuelle Vorlieben aus einer im Grunde nicht verarbeiteten frühkindlichen Sozialisierung resultieren und kein Ausweg daraus erscheint, weil der Mensch nicht mehr fähig ist, sich diesen Vorprägungen zu entziehen..

Der Inhalt

Erika Kohut (Mitte Dreißig) lebt mit ihrer Mutter allein in einer zerstörerisch-symbiotischen Beziehung in einer kleinen Mietwohnung mitten in Wien. Den Vater gibt es nicht, er hat sich bei Zeiten als geisteskrank entpuppt und fristete sein Dasein in einer Klinik. Erikas Mutter drillte das Kind von klein auf zur wohlerzogenen keuchen vorbildlich bildungsbürgerlichen Klavierspielerin. Erikas Lebensinhalt ist das Klavier, worin sie anderen Unterricht erteilt. Nach dem Unterricht begibt sie sich brav heim zur Mutter, die bereits am Essenstisch auf die brave Tochter wartet, die es nicht wagt sich dieser Herrschaft durch Zuspätkommen zu wiedersetzen. Erika wird beherrscht vom Übermutterwahn einer Frau, die in ihrem Leben selbst keine Liebe geben kann. Hier wird die scheinbare herzliche Nähe einer Mutter-Tochter-Beziehung als krankhaftes Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnis vorgeführt und dramatisch zugespitzt.

Beide schlafen im selben Bett, fahren nur gemeinsam in den Urlaub, nichts kann oder darf die Symbiose zwischen Mutter und Tochter stören. Äußerlich der Schein einer besonders zärtlich-fürsorgenden Tochter, der Mutter ergeben, ist Erika innerlich tot, psychisch krank und keiner Emotion fähig. Sie schafft es nicht, sich aus der Abhängigkeit ihrer Mutter zu lösen, obwohl sie innerliche und äußerliche Kämpfe mit ihr ausficht, die immer drängender werden.

Zuflucht findet Erika nur im Klavierspiel, das  ihr aufgedrängt von der Mutter ebenso zur Last wird, da sie die Starpianistenkarriere nicht erreichen konnte … So bahnt sich Erikas Sozialisation, die krankhaft beherrschende aufzehrende Liebe der Mutter, ihren Weg in abnorme Tendenzen, Autoaggression und selbstverletzendes Verhalten. Die Mutter duldet keine Freundschaft in Erikas Leben und keine Liebe – jeder noch so interessierte Verehrer wird im Keim erstickt, kein Vergüngen der Tochter erlaubt und Sexualität findet nicht statt. Erika ist sexuell inaktiv. Ihre Libido konnte sich unter den Argusaugen der Mutter nie frei entfalten. Daher entwickelte sich Erika zur geschlechtslosen Klavierspielmaschine. Das Klavierspiel wird zum Symbol des Drills und der herrschaftlichen Erziehung der Mutter, die das Kind nicht loslassen kann und wird.

Doch Erika entzieht sich langsam dem Einfluss und versucht auszubrechen, als sich ein Klavierschüler in sie verliebt. Doch auch diese Beziehung ist bereits dann zum Scheitern verurteilt, als sie begonnen hat. Keine keuche Annäherung, ein erstes Treffen oder Kennenlernen und Beschnuppern. Erika erlaubt sich keine Gefühle oder sexuelles Interesse, sie ist keiner „normal gesunden“ Regung fähig. Sie lässt sich von ihrem Schüler Klemmer gewaltsam bedrängen und ist nicht fähig sich zu widersetzen. Darin liegt eine Art krankhaft entwickeltes ja anerzogenes Verhalten der Unterwürfigkeit. Erika ist nicht fähig, Machtverhältnisse zu erkennen und als falsch zu deuten, so dass sie sich wehren kann. Sexualität symbolisiert hier allein Macht und Erika lässt sich zunächst beherrschen. Bis zu dem Punkt als sie den Spieß herumdreht und sich traut in einem Brief ihrem Schüler ihr geheimsten Wünsche zu offenbahren: dass er sie knebeln, fesseln und züchtigen möge. Von diesen Wünschen ist Klemmer völlig verunsichert und reagiert ungläubig und verstört Erika wünscht sich von ihm Erlösung und Einlösung ihrer Phantasien …

„An Klemmers steinhartem Schwanz zu ersticken wünscht sich die Frau, während sie so eingezwängt ist, daß sie sich nicht im geringsten bewegen kann. Was hier steht, ist die Frucht von Erikas jahrelangen stillem Überlegungen. Sie erhofft jetzt, daß aus Liebe alle ungeschehen bleibt. Darauf bestehen wird sie dann, doch sie wird mit einer grundsätzlichen Liebesantwort dafür entschädigt, daß er sich weigert. Liebe entschuldigt und verzeiht, ist Erika der Meinung. Das ist auch der Grund, weswegen er ihr in den Mund spritzen soll bitteschön, und zwar bis ihr die Zunge fast abbricht und sie eventuell erbrechen muß. Sie stellt sich schriftlich und nur schriftlich vor, daß es bei ihm so weit gehen soll, daß er sie anpißt. Obwohl ich mich wahrscheinlich anfangs dagegen sträuben werden, soweit mir deine Fesseln dies erlauben. Mache es oft und recht ausgiebig mit mir, bis ich mich nicht mehr dagegen sträube.“ (S. 230)

Das bleibt…

Dieses Buch hat mich sehr fasziniert, ob seiner einzigartigen Sprache, die ich so noch nicht gelesen habe. Erika Jelinek schreibt in unverwechselbarem österreichischem Stil und diesem gewissen morbiden wienerischen Ton, der sehr viel Charme entwickelt. Ich tauche mit ihr ein in die erotischen Seiten der Stadt Wien. Sie entführt mich in die Abgründe der menschlichen Seele, in krankhaftes Verhalten, dass sie in seiner Brutalität aber so zärtlich und deutlich beschreibt, dass man einen neuen Blick und ein gewisses Verständnis dafür entwickelt wie abweichendes Verhalten entstehen kann. Faszinierend ist das enge Verhältnis von Sexualität und Macht sowie Sexualität und Erziehung bzw. Sozialisation. Diese Themen interessieren mich schon immer sehr und wem es ähnlich geht, der wird „Die Klavierspielerin“ atemlos, mit Schauern und Genuss lesen. Ich möchte euch nicht verraten, ob Erika Kohuts Phantasien eingelöst werden, sondern euch auffordern dieses Buch selbst zu entdecken und euch in dir Rolle des Voyeurs zu begeben. Die Literatur konfrontiert und fordert, entführt und verführt den Leser in mal mehr oder weniger fremde Welten. Erika Jelinek vermag dies mit großer Hingabe an die Bildlichkeit und Deutlichkeit der Sprache, die Liebe zu ihrer Stadt Wien und Menschen, die in schwierigen Verhältnissen leben, aber überall zu finden sind … Sie lenkt den Blick auf das scheinbar Nebensächliche und Verborgene, auf das Abwegige und Schmutzige, das Elende und Verbotene. Ihre Figuren sind künstlich stilisierte Opfer ihrer eigenen Phantasien. Elfriede Jelinek ist sicherlich nichts für zarte Gemüter, die keine Lust auf Provokation und deftige Sprache haben oder denen der Mut der Konfrontation mit dem Andersartigen fehlt …

Erika Jelinek: Die Klavierspielerin Rowohlt Verlag Hamburg

Elfriede Jelinkes Homepage

Advertisements

7 Gedanken zu “Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin (1983)

  1. Danke für die Besprechung – könnte sein, dass ich gerade ein Weihnachtsgeschenk gefunden habe 😉

    Ich kenne nur die beeindruckende Verfilmung, welche wirklich gelungen und gleichzeitig schockierend ist. Besonders Isabelle Huppert, die Erika spielt, agiert äußerst intensiv, verstört und schauspielerisch großartig.

    1. Hallo Illja – bitte, bitte. Die Verfilmung kenne ich nicht, aber sie klingt interessant. Es muss schwierig sein, diese Figur der Erika zu spielen. Das kann nur eine sehr spezielle Schauspielerin mit besonderem psychischem Einfühlungsvermögen. Du hast mir den Film schmackhaft gemacht. Hast du eigentlich schon einmal „Venus im Pelz“ gelesen? Das steht demnächst auf meiner Liste. Als Weihnachtsgeschenk ist das ein interessantes Buch, aber nur, wenn man den zu beschenkenden genau kennt und weiß, dass er diese Art der Literatur „verträgt“. =) Viel Spaß beim Schenken!

      1. Den Film musst du unbedingt gesehen haben – da gibt es nichts… 😉 Wäre dann ebenso auf deine Meinung gespannt, was den Kontrast zwischen Buch und Adaption betrifft.

        „Venus im Pelz“ habe ich nicht gelesen. Ist aber sicherlich durch Roman Polanski wieder in den Fokus gerückt, ähnlich wie es bei Gatsby der Fall war.

    1. Jetzt habt ihr mich so neugierig gemacht. Dann muss ich das wohl machen =) Danke für die Empfehlung – ich bin sehr gespannt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s