@bout: „Ausweitung der Kampfzone“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin

In der Neuen Nationalgalerie in Berlin ist nun (nach „Moderne Zeiten“ und „Der geteilte Himmel“) der dritte Teil der Sammlungsausstellung „Ausweitung der Kampfzone“ zu sehen. Der Titel der Ausstellung orientiert sich am gleichnamigen Roman Michel Houellebecqs, in dem die heutige liberalisierte Gesellschaft als Kampfzone in allen Bereichen aufgefasst wird.Ausweitung der Kampfzone

„In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen.“

(aus Michel Houellebecq: „Ausweitung der Kampfzone“, S. 108f.)

Um halbwegs durchs Leben zu kommen, gilt es in allen Bereichen, besonders aber in der Wirtschaft und in der Sexualität, zu kämpfen. So ergeht es dem namenlosen Ich-Erzähler Houellebecqs und seinem Kollegen Tisserand, so ergeht es den Künstlern in der Ausstellung „Ausweitung der Kampfzone“. Die ausgestellten Kunstwerke spiegeln eine breitgefächerte Themenvielfalt wider und zeigen Kämpfe in Deutschland 1968 – 2000 an ganz unterschiedlichen Fronten: In der Sexualität und zwischen den Geschlechtern, in der Politik (RAF), in den Medien der Kunst (Malerei, Video, Performance…).

Katja: Man muss diesem Ausstellungskonzept, die Kunst des 20. Jhds. in 3 Teile zu teilen und zu präsentieren, Lob aussprechen. Ich finde das als Ausstellungsidee sehr gelungen. Die „Ausweitung der Kampfzone“ zeigt nochmal die Vielfalt der modernen Kunst in der letzten Hälfte des 20. Jhd. und es fällt auf, dass die transgressiven Elemente und das Multimediale überwiegen. Das Thema des Kampfes auf all diesen Ebenen ist ja ein gesellschaftliches, da sich auch durch Wertewandel viel in der Gesellschaft am Ende des 20. Jhd. getan hat. Die Künstler nutzen moderne Medien zur Repräsentation ihrer Botschaft, sie projizieren ihre Idee, stellen sie aktiv dar und regen extrem zum Nachdenken an – besonders über die Themen, Sex, Körper, Krieg und Gewalt, Natur und Technik.

Laura: Das stimmt, auch mir gefällt diese Dreiteilung der Sammlung sehr gut, auch wenn sie klassisch chronologisch ist. Ich hatte beim Besuch der „Ausweitung der Kampfzone“ auch den Eindruck, dass sich durch die Kunst die Gesellschaft mit ihren Konflikten spiegelt und so eine Reflektion der Zeit zwischen 1968 und 2000 wiedergibt. Der Aspekt des Wandels und des Aufbruchs wird auch sehr deutlich in den von den Künstlern verwendeten Medien: die Performance erhält Einzug und ergänzt die klassische Malerei oder verbindet sich mit dieser. Künstler provozieren live ihre Zuschauer, Malen vor Publikum, testen ihre körperlichen Grenzen aus. Ich finde besonders diese Zeit seit den 70ern in der Kunst extrem spannend.

Katja: Als Wissenschaftlerin kennst du dich natürlich besser aus, ich habe mich mit moderner Kunst nie so intensiv auseinandergesetzt. Daher finde ich die Ausstellung durch diese klassische Chronologisierung auch gelungen für den allgemeinen kunstinteressierten Besucher, der einen Überblick über Formen und Tendenzen der Kunst dieser Zeit erhält. Ein wenig störend oder ablenkend wirkte auf mich die Überlappung der verschiedenen einzelnen Audio- und Videoinstallationen, man hat vor dem einen Werk stehend den Ton von anderen Werken aus Nebenräumen gehört und so hat sich das alles überlappt und führte zu einem Konglomerat an chaotischen Eindrücken. Sicherlich hat das auch etwas für sich und kann wieder etwas über diese Kunst aussagen. Wie empfandest du das?

Laura: Ich denke, ganz vermeiden lässt sich das leider nicht, wenn man eine solche Vielzahl an Exponaten ausstellt, die eben auch Tonelemente, Video etc. enthalten. Zum einen braucht man als Besucher vielleicht die kontemplative Fähigkeit, störende Eindrücke wegzufiltern, zum anderen fand ich teilweise sogar, dass die Überlappungen zueinander passten. Ein Beispiel: Wenn man vor den Werken zum Thema: „Vagina und Penis“ steht, hört man das ekstatische Schreien von Led Zeppelin aus dem Filmloop des Künstlers Keiichi Tanaami und es klingt wie Stöhnen aus einem Pornofilm. Aber sowas wird natürlich unterschiedlich wahrgenommen.

Katja: Da wäre jetzt aber meine Frage, ging es McCarthy, der ja der Künstler des Werkes „Penis und Vagina“ ist, um Pornographie? Nicht eher um die ganz körperlich-plastische Dar- und Zurschaustellung unserer natürlichen Geschlechtsmerkmale als solche? Und um einen umverkrampfteren Umgang mit diesen, denn in den 60ern udn 70ern löste sich ja nur langsam der offene Umgang mit der Sexualität. Pornographie ist ja nochmal eine andere Art der sexuellen Inszenierung, die nicht unbedingt einen Kunstaspekt hat.

Laura: Das ist richtig. Im Wandtext der Ausstellung heißt es dazu „In berüchtigten Performances attackierte McCarthy seit den 1970er Jahren die Ästhetisierung von Körper und Sexualität in der bürgerlichen Gesellschaft.“ Natürlich geht es dabei auch um eine Entkrampfung und Veröffentlichung der Sexualität in der Gesellschaft der 70er Jahre als Protest gegen das Bürgerliche. Aber ich denke, dass unabhängig von der Kunst auch die Pornographie zu einer Auflockerung der Sexualität beitrug.

Der Körper als solcher rückt ja in den Performances auch stark in den Interessenmittelpunkt. Marina Abramovic schüttelt in „Freeing the Body“ solang ihren nackten Körper zu Trommelklang bis sie völlig erschöpft ist. Die Grenzen des Körpers auszuloten, darum ging es auch.

Katja: Pornographie als solche gibt es ja nicht erst seit den 70er Jahren. In der Ausstellung „Akt um 1900“, die ich im Helmut Newton-Museum für Fotografie besucht habe, konnte man schön sehen, wie pornographische Bildchen schon um die Jahrhundertwende rege Sammelbeteiligung auslösten. Es geht ja immer auch um den Blick des Betrachters und die Beteiligung. Es wird etwas öffentlich gemacht in der Pornographie, was sonst versteckt ist und im Geheimen stattfindet – Sex, Erotik, körperliche Liebe. So gesehen hat die filmische Pornographie vielleicht so manchen von der Einsicht befreit, er sei „anders“ oder „pervers“, weil er diverse Vorlieben hat. Der Porno zeigt, dass nicht nur der Einzelne diese Sehnsüchte hat, sondern sie ein allgemeines Bedürfnis darstellen.

Inwiefern Porno auch Kunst sein kann, darüber kann man streiten. Aber mir fiel auch auf, dass der Körper der Mittelpunkt der Betrachtung war, da der Körper ja traditionell eher zu verhüllen ist, er stellte in den bürgerlich-traditionellen Kulturkreisen einen Aspekt der leiblichen Sünde dar. Diese Künstler versuchten damit zu brechen und die Grenzen zu überschreiten. Das sieht man auch schön bei Carolee Schneemann, die mir im Gedächtnis blieb. Nackt hängend in einer Seilkonstruktion malt sie auf die sie umgebende Wand und den Boden ekstatische Kringel, steht auf und schreibt kleine Botschaften an die Wand und lässt sich dabei filmen. Ich fand interessant, dass die moderne Kunst hier vor allem den Blick des Betrachters zum eigentlichen Akt des Kunstwerkes macht. Es geht nicht mehr rein um Ästhetik, sondern um eine Botschaft. Wie wirkte das auf dich?

Laura: Das meine ich damit, dass etwa seit den 1970ern eine Auflockerung stattfand, ob nun durch Kunst oder durch Porno (da muss man natürlich Grenzen ziehen, die sich aber meiner Meinung nach in der Zeit etwas auflösen). Früher war das Sexuelle etwas Verbotenes, Heimliches, und da findet seit den 60er/70ern eine Befreiung statt. Eben auch durch die Kunst. Carolee Schneemann ist da ein gutes Beispiel. Der Blick des Betrachters, den du ansprichst, erhält eine neue Bedeutung: Es geht eben nicht nur um seinen Blick, sondern um seine Teilnahme am Akt der Kunst, die in Performances live passiert. Was wir heute in Museen sehen, sind ja nur die Relikte des Geschehenen, wir sehen die beschriebenen Papierbahnen, die Seilgurte, in denen Schneemann hing und ein Video ihrer Performance. Aber das ist noch ein anderes Thema.

Die Botschaft steht ganz klar im Vordergrund, das ist eine große Entwicklung, die die Kunst da macht. Deshalb finde ich diese Zeit auch so spannend und die Ausstellung gibt einen tollen Eindruck davon. Die Kampfzonen weiten sich in vielerlei Hinsicht aus.

Katja: Kampf hat ja immer so etwas Martialisch-Gewaltsames. Hier kann man aber auch sehen, dass der Kampf auch einen sehr positiven Aspekt hat, da er voran treibt. Er stellt Dinge in Frage, er will anecken, ausloten. Die Kunst transportiert den Kampf ins Symbolische, stellt ihn dar und fordert den Betrachter zur Auseinandersetzung. Spannend ist auch, dass nicht jeder die Botschaft des Künstlers so wahrnimmt, versteht und erkennt. Jeder mag etwas anderes sehen – manch einer wird bei Carolee Schneemann denken, ja, da hängt eine Frau nackt in Seilen und malt. Und was soll mir das sagen? Man muss bei diesem Kunstwerken weiter gehen, darf sich nicht auf seine gewohnten Blickwinkel, Assoziationen und Erwartungen verlassen, sondern sich auf den Künstler und den Moment einlassen. Das hatten fast alle Werke dieser Ausstellung gemeinsam.

Laura: Die Kunst seit 1968 fordert den Betrachter / Museumsbesucher eben ganz neu heraus und man muss bereit sein, sich darauf einzulassen und nicht nur „schöne Bilder“ zu erwarten. In der Hinsicht hat sich die Kunst glücklicherweise weiterentwickelt! Nun kämpft sie mit dem Betrachter unter Umständen – oder er mit ihr, je nach dem. In Houellebecqs „Ausweitung der Kampfzone“ (worauf sich die Ausstellung ja bezieht, was ich eine schöne Verbindung finde) kämpfen die Protagonisten auch, gegen sich, gegen Jungfräulichkeit und gegen die Wirtschaft und den Tod… Aber das Leben als Kampf aufgefasst ist eben nicht nur negativ gemeint, wie du sagst, sondern es ist in erster Linie: eine Herausforderung.

Katja: Amen.

Linktipps:

Bericht über die Ausstellung auf tagesschau.de

Website zu einem Film über Carolee Schneemann: http://breakingtheframe.com/

Die Ausstellung „Ausweitung der Kampfzone“ findet ihr noch bis zum Ende 2014 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

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Ein Gedanke zu “@bout: „Ausweitung der Kampfzone“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin

  1. Ein gelungen aufgezeichnetes Gespräch ihr beiden. Spannend zu lesen. Ich bin gestern an der Ausstellung vorbei gelaufen und dachte, sie wäre noch im Aufbau. Ich schaue sie mir nächste oder übernächste Woche an und komme dann auf euer Gespräch zurück.
    Eine schöne Zeit bis dahin von Susanne

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