Wolfgang Herrndorf: „Sand“ (2011)

Der Mensch war eine Maske, die Welt nur Fassade und hinter allem ein Gedanke und ein Geheimnis. Und hinter jedem Geheimnis noch ein Geheimnis, wie der Schatten eines Schattens.“ Sand

Der Inhalt dieses Buches ist nicht fassbar. Er zerrinnt einem wie Sand zwischen den Fingern. Ein Protagonist ist auf der Suche nach seiner Identität. Er bekommt im Verlaufe der Handlung erstmal den provisorischen Namen Carl. Doch wer ist das Ich, das sich plötzlich auf Seite 47 zu Wort meldet? Und welchen Zusammenhang gibt es zu Jean Bekurtz, der ganz am Ende auftaucht? Haben die jedes Kapitel einführenden Zitate (von Kafka, über Dagobert Duck bis hin zu religiösen Textstellen) eine Bedeutung? Wer verwirrende Romane, die sich nicht gleich (oder gar nicht) erschließen, mag, der wird „Sand“ lieben. Ein Buch, das viele Fragen aufwirft. Und am Ende vor allem eines aussagt: Alles, alles ist vergeblich.

Während „Carl“ Anfang der 1970er Jahre durch die Wüsten Nordafrikas taumelt und nach seiner Identität, seiner Geschichte und vor allem nach seinen Erinnerungen sucht, wird in München das Olympische Dorf von Palästinensern überfallen. Hat der „Schwarze September“ 1972 mit den Ereignissen in der Sahara zu tun? Dort werden in einer Hippie-Kommune, die gern mal das Tarot für schwerwiegende Entscheidungen befragt, vier Menschen erschossen und ein Koffer voller Geld verschwindet. Zwei seltsame Kommissare ermitteln, kommen aber nicht wirklich voran. Und dann taucht der Mann ohne Gedächtnis in der Handlung auf und der Schluss liegt nahe, er habe mit den Geschehnissen zu tun … Nur schade, dass er sich an nichts erinnern kann und so erstmal einer platinblonden Amerikanerin, die sich angeblich als Vertreterin einer Kosmetikfirma in Targat aufhält, ins Netz geht. Sie hat ihre ganz eigenen Interessen an dem Mann, mit dem der Leser orientierungslos durch die Handlung taumelt.

Bei „Sand“ handelt es sich um eine schonungslose, blutige, verwirrende Geschichte inmitten des Nirgendwo. Überall ist Sand. Hitze. Die Menschen trauen einander nicht und sind alle irgendwie abgedreht. Alles ist voller Fremde, Misstrauen und der ewigen Suche nach Personen, die nicht ihren eigenen Vorteil aus allem und jedem ziehen wollen.
Das inhaltliche Verwirrspiel wird verstärkt durch eine Sprache, die den Leser einspinnt und in ihre Spannung hineinzieht. Man findet es zugleich beunruhigend und abstoßend, was da passiert und will dennoch wie in einem guten Thriller unbedingt herausfinden, was hier eigentlich los ist. Wem ist zu trauen? Was ist das für eine „Mine“, nach der Carl sucht? Handelt es sich um eine Spionageaffäre oder doch nur um einen riesigen Haufen verwirrter Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben? Herrndorf entwirft mit seinen Worten, Wortspielen, Vexierspielen ein Bild der Wüste mit unglaublicher Sogwirkung. Manchmal stolpert man beim Lesen, über die skurril und doch passenden Zitate vor den Kapiteln, über Wortspiele wie „er zitterte wie Erbsenlaub“. Oder einfach über diesen glühheißen, erbarmungslosen Blick auf die beschriebene Welt:

Unbeeindruckt hob sich die Sonne über den Horizont und schien über Lebende und Tote, Gläubige und Ungläubige, Elende und Reiche. Sie schien über Wellblech, Sperrholz und Pappe, über Tamarisken und Dreck und eine dreißig Meter hohe Barriere aus Müll, die Salzviertel und Leeres Viertel von den übrigen Bezirken der Stadt trennte. Ungeheure Mengen von Plastikflaschen und entkernten Autos erstrahlten in ihrem Licht, Pylonen aus aufgeklopften Batteriegehäusen, zerschroteten Ziegeln, Schamott, Gebirge aus Fäkalschlamm und Tierkadavern. Über die Barriere hinweg hob sich die Sonne und beschien die ersten Häuser der Ville Nouvelle, vereinzelte zweistöckige Gebäude im spanischen Stil und die bröckeligen Minarette der Vorstadt.“

Bei all dem kommt der Humor nicht zu kurz. Es gibt unglaublich komische Szenen in diesem Buch, die es einmal mehr faszinierend für mich machten. Und selbst wenn man mit Tarot, Hippie-Denken, Gewalt und Folter nicht viel anfangen kann, man hat irgendwie einen Mehrwert vom Lesen dieses Romans. Und sei es eben nur die Erkenntnis: Alles vergeht im mahlenden Sand der Zeit. Alles ist vergänglich und hat dabei ironischerweise nicht immer Sinn und Zweck.

Der Autor Wolfgang Herrndorf setzte seinem Leben in vergangenen Sommer ein Ende¹. Nachdem er 2010 an einem Gehirntumor erkrankte, arbeitete er wie verrückt. „Am besten geht’s mir, wenn ich arbeite. Ich arbeite in der Straßenbahn an den Ausdrucken, ich arbeite im Wartezimmer zur Strahlentherapie, ich arbeite die Minute, die ich in der Umkleidekabine stehen muss, mit dem Papier an der Wand. Ich versinke in der Geschichte, die ich da schreibe, wie ich mit zwölf Jahren versunken bin, wenn ich Bücher las.“ (Quelle)

Ich will unbedingt mehr von ihm lesen.

Wolfgang Herrndorf: „Sand“, 2011 erschienen bei Rowohlt als letzter Roman des Autors.

1) Auf seinem Blog „Arbeit und Struktur“, der demnächst in Buchform erscheinen soll, ist dazu zu lesen:
Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.“

Advertisements

5 Gedanken zu “Wolfgang Herrndorf: „Sand“ (2011)

  1. Danke für diese schöne und aufschlussreiche Rezension, „Sand“ habe ich mir bereits vor einigen Tagen gekauft (ein schöner Zufall) und auf die Lektüre freue ich mich bereits sehr. Auch auf die Buchform seines Blogs bin ich gespannt und kann die Veröffentlichung kaum abwarten.

    1. Das ist wirklich ein Zufall, dass du dir „Sand“ gerade erst gekauft hast. Hast du bereits etwas von ihm gelesen, zB. „Tschick“? Das Buch will ich noch lesen, auch wenn es sich inhaltlich glaube ich stark unterscheidet. Und auf den Blog in Buchform bin ich auch gespannt. Allein wenn man sich den Blog ansieht, bekommt man eine Gänsehaut, finde ich. Herrndorf hat sich sehr stark mit dem eigenen Tod beschäftigt und das spiegelt sich in seinem Blog extrem wider. Sehr traurig, aber auch sehr interessant, das zu lesen…

  2. Interessant, dass er am Ende seines Lebens verrückt arbeitete. Ich würde das bestimmt machen wollen, aber glaube ich würde mich dann doch für meine Familie und beste Freunde entscheiden müssen.

    Und das Buch (und mehr von ihm) muss ich jetzt unbedingt Lesen. Dafür muss ich mir endlich ein Kindle kaufen, sonst werde ich wegen den ganzen Versandkosten (ich wohne in Rhode Island, USA) pleite gehen.

    1. Richtig, es ist wohl dieses Gefühl, unbedingt etwas Bleibendes hinterlassen zu wollen, was einen antreibt, in Angesicht des Todes nochmal soviel zu arbeiten und zu schreiben als Autor. Aber du hast Recht, man müsste schauen, dass man darüber die sozialen Kontakte nicht vergisst. Wie Herrndorf das handhabte, weiß ich natürlich nicht. Aber das Zitat klingt ja wirklich so, als hätte er jede freie ihm verbleibende Minute genutzt um zu schreiben!

      Du hast mir einen ganz neuen Aspekt vom Kindle und Ebooks deutlich gemacht, an den man gar nicht so denkt, wenn man in Deutschland lebt. Englischsprachige Literatur gibt es hier nämlich mittlerweile super viel und gut erreichbar, allein Dussmann in Berlin hat ja einen eigenen kleinen English Books-Shop integriert. Aber umgekehrt scheint es in den USA ja schwierig zu sein, an deutsche Literatur zu kommen 🙂 !? Dafür ist ein Kindle natürlich super!
      Und es freut mich sehr, dich auf unserem Blog begrüßen zu können bzw dich inspiriert zu haben, Herrndorf zu entdecken!
      LG Laura

  3. Deine Rezension zu diesem Buch macht mir den Autor, nachdem er durch seinen Freitod und dem jetzigen Erscheinen seines Blogbuches etwas mehr in den Medien war, und insbesondere dieses Buch noch etwas schmackhafter. Muss mich dem wohl im nächsten Jahr mal widmen, da ich erstmal abwarten muss, was unter dem Weihnachtsbaum liegt, bevor ich mich um Neuanschaffungen kümmere 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s