Stephan Kaluza: „Geh auf Magenta“ (2013)

Kaluza_Geh auf MagentaWas passiert eigentlich, wenn ein Performancekünstler kundtut (und dies ausgerechnet auf Facebook, in betrunkenem Zustand, muss man wohl dazu sagen), dass er seinen Tod als Kunst inszenieren will? Stephan Kaluza, selbst Performance und Fotokünstler aus Düsseldorf, hat sich als Autor in seinem Debüt „Geh auf Magenta“ mit dieser Frage beschäftigt. Unter anderem.

Denn eigentlich ist das Geschehen rund um diese Frage: „Wer hat Bock auf Tod als Kunst?“, die der Protagonist Bastien eines Nachts postet, nur eine Nebenhandlung. Der Leser taucht auf 347 Seiten ganz tief in die Abgründe des Künstler- und Seelenlebens von Bastien ein. Bis in seine Tagträume hinein, die sich mit dem realen Geschehen verknoten und überlagern. Das ist etwas wirklich Tolles an dem Roman. Außerdem philosophiert Bastien wahlweise mit seinem Ateliernachbarn und besten Kumpel Rob oder seinem Mäzen Thomas über die zeitgenössische Kunstwelt:

Die Kunst versteht sich doch als bedeutungsgenerierend; sie findet also nicht über eine besondere physische Wertschätzung, zum Beispiel von besonderer Materialität, statt, sondern eher über Definition; welcher Gegenstand Kunst sein kann, was wir generell als Kunst begreifen und akzeptieren, hängt mit einer vorherigen Definition zusammen. Ein Glas Wasser auf dem Schreibtisch ist erst einmal nur ein Glas Wasser, steht dieses aber im Museum, so ist es etwas ganz anderes; die Kunst nimmt sich diese demiurgische Freiheit, und das ist auch gut so, die Kunst versklavt sich also nicht der Materialität, sondern begreift sich selbst als sinngebend.“

(Darüber wäre zu diskutieren, kann man aber auch sein lassen :))

Der Roman ist dadurch, dass beinahe jede Figur jede andere kennt oder schonmal irgendwann mit ihr/ihm zu tun hatte, ein dicht verknüpftes soziales Netzwerk. Und da es viel, sehr viel, um zwischenmenschliche Beziehungen, Ehen und Affären geht, kommt auch die Liebe und Freundschaft nicht zu kurz. Allerdings hält sich mein Mitleid mit Protagonist Bastien in Grenzen, wenn er nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin Mel mal wieder an einem einsamen Atelierabend seine zigfachen weiblichen Kontakte (=Affären auf Abruf) im Handy durchscrollt und sich dennoch so allein fühlt:

Aber wie konnte man wirklich allein sein? Zwischen Menschen und Freunden, in einer Welt, die mehr als sieben Milliarden potentielle Liebeskranke beherbergte, ein Alleinsein schien da lächerlich zu sein, es war keine Frage der physischen Anwesenheit von Menschen, es ging um die Anwesenheit von – Liebe.“

Man könnte nun sagen: Da hat sich ein Debütant mal wieder zuviel vorgenommen. Vielleicht stimmt das sogar. Denn Bastien reist auch noch nach Thailand, sein Nebenbuhler Thomas in den Jemen, es gibt zahlreiche Nebenfiguren und vor allem macht Mila, die geheimnisvolle Kettenraucherin aus dem Netz (und übrigens die Einzige, die auf Bastiens Facebookanfrage reagiert!) das Ganze spannend, die quasi nebenbei mit ihrem perversen Vater abrechnet¹.

Selbst die sprachliche Struktur des Romans ist nicht einfach belanglos: Die Absatzanfänge beginnen oft mit den Namen derer, um dies es grade geht (hilfreich, so verliert man nicht den Überblick) und die Handlungen verlaufen oft wie im Film synchron oder gehen ineinander über.
Der beeindruckendste Übergang zwischen Bastiens Künstlerrealität und Traumwelt findet sich auf Seite 292:

Mit dem Pinsel fuhr er leicht über die linke Hüfte und glich sie der rechten Seite an, ebenfalls korrigierte er den Winkel der Arme und trat zurück, jetzt war auch diese Seite gut. Voller Dank sah Mila ihn an – ich dachte, du würdest nie darauf kommen. Es tat schon fast weh.
Sie rieb sich die korrigierte Stelle am Unterarm, rutschte auf dem Ast etwas nach vorne und umarmte ihn dankbar.“

Wer denkt da nicht an den Pygmalion-Effekt, beschrieben in Ovids Metamorphosen, in dem die vom Künstler Pygmalion geschaffene Skulptur Galatea zum Leben erwacht?

In Anbetracht der Vielzahl an Themen und Nebensträngen ist der Roman ein bißchen wie die Mischung aus Kunstgeschichtsseminar, Soap-Opera, Thriller, Liebesschnulze, psychologischer Traumdeutung und Arte-Reisedokumentation.

Zugegeben: Das Ganze ist schon aufgeblasen und effekt-voll. Aber ich mags irgendwie. Sehr unterhaltsam. Nur zu ernst nehmen sollte man das alles nicht. Und sich nicht (wie ich, mit einem wissenschaftlichen Augenmerk) zuviel von der Idee versprechen, dass ein Künstler seinen Tod zu inszenieren vor hat. Darum geht es nämlich wirklich nur am Rande.

Stephan Kaluza: „Geh auf Magenta“, erschienen 2013 bei der Frankfurter Verlagsanstalt.

1) Ob Kaluza wohl die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson gelesen hat? Oder die Verfilmungen inspirierend fand? Jedenfalls erinnert Mila und ihr Vorgehen mich sehr sehr stark an Lisbeth Salander!

Linktipps

Mehr Infos zum Autor und seinen Projekten als Künstler: hier

Weitere kurze Rezensionen / Eindrücke: hier und hier

 

Advertisements

2 Gedanken zu “Stephan Kaluza: „Geh auf Magenta“ (2013)

  1. Ich habe es bestellt, Laura, ich konnte nicht widerstehen… ich muß es einfach lesen….
    Liebe Grüße von Susanne
    P.S. Katja und Laura, wir haben jetzt den 25. Februar 2014 als ersten Salon – Termin festgelegt…..den könnnt irh euch jetzt in den Kalender eintragen… ich hoffe, da steht bei euch nicht schon etwas…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s