Katharina Hartwell: „Das fremde Meer“ (2013)

„Die Veränderung hat das Haus umzingelt, die Zeit ist wie eine große, unaufhaltsame Welle über den Ort hinweggegangen, und vor der Haustür hat sie nicht Halt gemacht. Auch Paul hat sie gefunden, zwischen den vergilbten Postern und leiernden Kassetten hat sie ihn gefunden. So wie sie mich findet, wie sie uns alle finden wird, denn die Veränderung ist ja schon in uns, ist in unseren Körpern angelegt, die zerfallen, sich neu aufbauen, sich reparieren und wieder zersetzen und endgültig zersetzen.“

Alles ist miteinander verbunden. Die Liebenden, die Suchenden, die Verlorenen, die Bäume und die Häuser und das Meer. Immer wieder das Meer. Das Meer, das so undurchdringlich und übermächtig ist, das ewig seine Wellen ans Land trägt, und nie das gleiche Meer ist, stets in Veränderung begriffen. Marie und Jan sind miteinander verbunden. In all den zehn Geschichten dieses Romans begegnen sie sich auf verschiedenste Art, sie finden sich, verlieren sich, halten sich aneinander fest.

Es ist ein Roman über die Liebe und über die Vergänglichkeit. Über das Festhalten wollen und das nicht akzeptieren wollen, dass alles, alles vergeht. Dass alles sich im Wandel, unter steter Veränderung befindet, wie in der Geschichte von der Wechselstadt, in der alles in Bewegung ist und vieles wieder auftaucht, was verschwindet, aber eben nicht alles. Insbesondere die Menschen tauchen nicht wieder auf, oder nur partiell.
Das Fremde, Bedrohliche, Unheimliche nimmt in diesem Buch Gestalt an; Gestalten, die aus dem Meer kommen, das plötzlich anders, fremd ist, Gestalten mit schwarzen Augen und bleicher, grünlicher Haut. Es ist ein, nein, zehn Grusel-Märchen vom Tod und der Vergänglichkeit, aber vor allem von der Liebe, die stärker ist. Zugleich: Alles kehrt wieder. Wenn auch in anderer, verwandelter Form.
Man versteht erst am Ende, warum. Warum diese Geschichten, diese Hoffnung immer wieder, – die Hoffnung darauf, dass das starke Mädchen den schwachen Jungen rettet. Es ist traurig, es ist schön dies Buch zu lesen. Es lädt zum Träumen ein und verursacht Gänsehaut und zugleich das wunderbare Gefühl, dass da jemand ist, der auf einen aufpasst.

„Auf dem Nachhauseweg denke ich über die Möglichkeit des Unmöglichen nach. Ich wünschte, vor mir hätte es niemanden gegeben, nicht einmal die Möglichkeit von jemandem, so wie ich hoffe, dass es neben und nach mir nicht die Möglichkeit von jemandem gibt. Ich wünschte, du hättest die Jahre vor mir in einem Vakuum, einem menschenleeren Raum gelebt, aus dem du dann eines Nachmittags auf mich hinabfielst. Ich möchte dir eine neue Vergangenheit bauen, dich auf eine einsame Insel setzen, wo du geborgen und sicher verwahrt auf mich wartest, auf den Klippen stehend Ausschau hälst, nach dem Schiff, das mich zu dir bringt.“

Es ist ein Buch für alle, die lieben, auf der Suche sind, gerne Geschichten mögen und auch das Unheimliche nicht fürchten. Die Worte und Geschichten sind verknüpft in einem großartigen Geflecht aus Anspielungen, Metaphern, Erinnerungen, Wiederholungen, sprachlichen Knotenpunkten und Verweisen. Auf dem „Luftschiff“ liest Milena immer aus einem grün schimmernden Buch vor, das „Das fremde Meer und andere Geschichten“ heißt, und auch in „Zwei Inseln“ werden Geschichten vorgelesen, die der Leser von „Das fremde Meer“ schon zu kennen meint…

Ich war skeptisch, ein gehypter und viel gelesener, meist positiv besprochener Debütroman über die Liebe und den Tod? Ich las von dem Buch erstmals hier und war neugierig, ich hörte auf dem Open Mike in Berlin Katharina Hartwell daraus vorlesen und war abgeschreckt (ihre Art des Vortrags aus dem Kapitel „Astasia-Abasia“ war stark an den sprachlichen Duktus bei Poetry Slams angelegt und gefiel mir nicht, es schien mir überhaupt nicht zu dem Roman zu passen), ich sah das Buch an und wieder weg – und dann nahm ich es doch noch zur Hand und legte es kaum mehr beiseite.

Mein Fazit: Ein bewegendes, phantasiereiches, durchkomponiertes Werk, das in seiner Vielgestalt der Geschichten ein großes Ganzes ergibt und mich allein schon dadurch überzeugt.

Katharina Hartwell: „Das fremde Meer“, erschien 2013 beim Berlin Verlag.

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8 Gedanken zu “Katharina Hartwell: „Das fremde Meer“ (2013)

    1. Oh danke! Mir ging es ja auch so, dass der Hype mich hat zögern lassen. Um zu sehr gehypte, gelobte Bücher mache ich manchmal einen Bogen, eigentlich komisch, eine Trotzreaktion, aber es scheint ja nicht nur mir so zu gehen. Umso schöner, wenn meine Besprechung dich ermutigt, es doch zu lesen 😉 Schönen Sonntag dir!

  1. Ich muß zugeben, daß ich mir diesen Roman aus optischen Gründen kaufte. Also, nicht weil das Buch nun hinreißend schön gestaltet war, sondern weil ich das Bild der Verfasserin mochte und sie sehr meinem Frauentyp entspricht. Das ist natürlich kein wirklich politisch-korrekter Grund ein Buch zu kaufen, und ich hätte es nur wegen des Bildes auch nicht getan, sondern ebenfalls fand ich in den Ankündigungen den Inhalt der Geschichte spannend. Ob das Buch hält, was es verspricht, werde ich wohl im nächsten Jahr erst erfahren. Aber immerhin: Gefällt mir das Buch nicht, so bleibt doch das Bild. Und über Liebe und Vergeblichkeit etwas zu lernen oder zu lesen, kann nie ganz verkehrt sein.

    1. Das ist lustig. Ich glaube, ich habe mir noch nie ein Buch gekauft, weil das Autorenbild meinem Männergeschmack entsprach 😀
      Ob das Buch inhaltlich deiner Erwartungshaltung entspricht, darauf bin ich gespannt. Und du hast natürlich ganz recht damit, dass man über Liebe und Vergeblichkeit nie genug lesen und lernen kann. Vor allem in Büchern, in denen derartige Themen nicht verkitscht-schleimig-blumig-irrational daherkommen. Viel zu selten im Vergleich.

      Auf meiner Liste für dieses Lesejahr ganzganz oben steht übrigens „Aleas Ich“, inspiriert durch deinen Blog las meine Mitbloggerin Katja dieses Buch und ich habe es mir sogleich bestellt… Faszinosum Fiktionalität…

    2. Ich will keine Werbung für Aléa Torik machen, sondern ich empfehle diese Bücher, weil sie in der Tat gelungen sind: Bevor Du „Aléas Ich“ liest, würde ich tatsächlich ihr erstes Buch „Das Geräusch des Werdens“ empfehlen. Es ist ganz anders als ihr zweites Buch, sehr viel poetischer und verzaubernder, eine im Grunde sehr schöne Liebesgeschichte zudem, ohne daß es an nur einer einzigen Stelle kitschig oder banal wirkt. „Aléas Ich“ ist da deutlich härter, philosophisch und literaturtheoretisch allerdings auch umtriebiger. Die Autorin hört es nicht gerne: aber ich rechne dieses Buch jener postmodernen Literatur zu. (Andererseits gibt es dann Stimmen, die sagen, bereits der „Don Quichote“ gehörte dazu.)

      [Aber natürlich läßt sich „Aléas Ich“ auch ohne DGdW lesen.]

      Dir viel Spaß beim Lesen und ein gutes neues Bücher- und Kunst-Jahr.

      1. Huch, entschuldige, mit zwei Wochen Verspätung habe ich jetzt erst deinen Kommentar aus der Spam-Schleife gefischt (er war irgendwie gleich 3x aufgelaufen). In der Zwischenzeit hast du vielleicht schon entdeckt: Katja und ich haben „Aléas Ich“ begeistert gelesen und Katja hat sie gleich dazu interviewt, gerade weil dieser Roman faszinierend umtriebig im Bezug auf Literaturtheorie und Philosophie ist! Wirklich grandios.
        Ihr erstes Buch wollen wir beide auch noch lesen. Nun war die Reihenfolge andersherum als empfohlen, aber ich glaube es schadet nicht unbedingt. Im Gegenteil: Man liest ja in „Aléas Ich“ vom Entstehen des ersten Buches, was auch toll ist, es dann im Anschluss zu lesen.
        Und auch dir noch, sehr verspätet, ein bereicherndes Kunst-Philosophie-und-Literatur-Jahr!

  2. Das klingt großartig! Das zu einer solchen Geschichte die Vortragsweise des Poetry Slam absolut nicht passt, kann ich mir gerade lebhaft vorstellen. Slam kann zwar viel, langsam sein gehört aber definitiv nicht dazu.

    1. Danke und willkommen bei uns 🙂 Ich hatte auch Mühe, die Stimme der Autorin aus meiner Lektüre rauszuhalten, weil ich diese besonders im von ihr vorgetragenen Kapitel im Kopf hatte… aber sie trug zum Glück nicht das ganze Buch vor. Das ist auch seltsam, weil man sich ja eigentlich freut, beim Lesen etwas mit dem Autor zu verbinden, zB wenn er eine sehr angenehme Stimme hat. Hier hat es mich eher ein wenig abgeschreckt… naja. Der Wirkung des Romans hat es nicht geschadet.

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