Unser Bücherjahr 2013

Auch in diesem Jahr möchten wir hier mit unserem ganz persönlichen Jahresrückblick auf die Bücher zurückschauen, die uns am meisten beeindruckt oder enttäuscht haben. Jede von uns hat ihre eigene Lesegeschichte und Motivation, unterschiedliche Bücher fanden den Weg in unsere Gedanken. Manche blieben, andere verflogen sofort.

Laura: Dieses Jahr habe ich 43 Bücher (durch)gelesen (Fachliteratur mal ausgenommen :). Da ich immer ziemlich genau das lese, was gerade thematisch in eine aktuelle Lebensphase passt, waren einige trivialere Romane dabei, die mich aber auch unter Berücksichtigung ihres Genres weniger überzeugen konnten. Auf der anderen Seite sind mir dieses Jahr einige sehr nachhaltig beeindruckende Bücher begegnet, die ich irgendwann einmal auch wiederholt lesen will, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit „Lebens-Lesebegleiter“ sind. Daher musste ich bei unserer Auswahl der fünf beeindruckendsten Bücher auf zwei verzichten, die mich darüber hinaus faszinierten: Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“ und „Die Wand“ von Marlen Haushofer.

Katja: Ich habe in diesem Jahr insgesamt 29 Bücher gelesen, daraus die 5 beeindruckendsten und wichtigsten auszuwählen, fällt mir nicht leicht. Es waren viele gute dabei, die nicht vorgekommen sind. Ich wähle sehr akribisch aus, womit ich meine Lesezeit verbringe, manchmal wage ich ein Buch und dann werde ich enttäuscht. So ist das mit Büchern, ähnlich wie mit Menschen. Manche werden zu Freunden, andere kommen und gehen. Außer Konkurrenz und daher nicht in meiner Übersicht aber unbedingt zu erwähnen sind Dostojewskis „Idiot“ und Huxleys „Schöne neue Welt“ – großartige literarische Klassiker und hohe unterhaltsame wenn auch nicht immer leicht zu entschlüsselnde Erzählkunst, die auch manchmal ihre Längen hat. Es lohnt sich, durchzuhalten.

Die 5 wichtigsten BücherP1010457

Katja: „Aléas Ich“ von Aléa Torik

Wow. Vom erzählerischen Konzept, der Idee, der Sprache und dem Aufbau das interessanteste Buch des Jahres und überhaupt der letzten Zeit. Ich wünsche der „Autorin“ ganz viele Leser, die das Konzept des Buches und der „Autorin“ verstehen und die eine Leidenschaft für literarische Texte haben, die Kunst sind und die uns auf die Literarizität aufmerksam machen wollen. Ein fantastisch geglückte Erzählkonzeption, die zum Nachdenken anregt, verwirrt und beeindruckt.

Laura: „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace

Eigentlich ist dieses Buch unvergleichlich. Nicht einordnebar in Jahresrückblickslisten. Dennoch taucht es hier auf, da es zweifellos der Roman ist, der mich am Nachhaltigsten beeindruckt hat. Nach drei Jahren habe ich diese Wucht an Wissen, Figuren, Themenvielfalt, Seitenanzahl, Emotionen, Fußnoten … endlich bewältigt und denke 6 Monate nach der Lektüre noch immer manchmal in der Ubahn: Das könnte eine DFW-Figur sein. Soviel Einsamkeit, Sucht, Schmerz, Ehrgeiz, Enttäuschung in einem Roman… wirklich phänomenal. Definitiv ein Lebens-Lesebegleiter.

Katja: „Was ich liebte“ von Siri Hustvedt

Ein Geschenk von Laura und für mich die Entdeckung des Jahres: Eine großartige und intelligente Autorin, die genau recherchiert, ihre Figuren einfühlsam beschreibt und Charaktere entwickelt, die einen nicht mehr loslassen. Spannend erzählt, voller wunderbarer Momente und nachdenklich machend durch so viele interessante Themen, die authentisch und nachvollziehbar eingebunden werden wie die Malerei, Großstadt, die Kunstszene, Essstörung, Fremdgehen und Ehe.

Laura: „Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flasar

Sprachlich und inhaltlich ganz toll. Unbedingte Leseempfehlung für alle, die ernste, melancholische Bücher mit einer metaphorischen Sprache lieben. Es geht um einen japanischen Hikikomori, der sich wieder in die Welt hinaus begibt und dort einem Mann begegnet, der eine Lüge lebt. Eine auf nichtmal 140 Seiten komprimierte Einsicht ins Innenleben zweier Menschen, die aus der „Gesellschaft gefallen“ sind.

Katja: „Die Klavierspielerin“ von Elfriede Jelinek

Lange schon stand Elfriede Jelinek auf meiner Leseliste. Endlich nun dieser Roman, der auch gleich eine faszinierende Leseerfahrung war. Diese absurde Mutter-Tochter-Beziehung mit dieser derb-humorvoll-direkten Sprache und diesem immanenten gesellschaftskritischen und die menschlichen Pathologien sezessierenden Gestus haben mich stark beeindruckt. Ich bin neugierig auf diese Autorin geworden, von der ich schon so viel gehört habe. Nichts für zarte Gemüter, aber absolut empfehlenswert für die Themen Erotik, Gewalt, Sexualität und Macht.

Laura: „Witwe für ein Jahr“ von John Irving

Skurrile Liebe, Fiktionalität, Voyeurismus, Prostitution, Schriftstellerdasein, Fotos von Toten, Trauer, Macht, Identität… Irving ist meine Neuentdeckung (auf Katjas Empfehlung hin) des Jahres. Er schafft es, eine beeindruckende Themenvielfalt spannend abzudecken und zieht einen als Erzähler in sein Buch hinein, sodass man gar nicht mehr hinaus möchte.

Katja: „Witwe für ein Jahr“ von John Irving

John Irvings Figuren bleiben einfach im Gedächtnis – ein so großartiger Erzähler, der Intelligenz mit Humor vermischt, dabei spannend und unterhaltsam erzählt. Wenn ich mich auch nicht mit jeder Figur und Handlungsweise identifizieren kann, bleibt dieses Buch im Gedächtnis. Besonders auch die interessanten Beschreibungen über das holländische Rotlichtviertel, die scheinbar genau recherchiert waren und daher so authentisch wirkten.
Irvings Lieblingsthemen Ehe, Beziehung und die Liebe einer älteren Frau zu einem jüngeren Mann sind auch wieder dabei.

P1010462Laura: „September. Fata Morgana“ von Thomas Lehr

Ein Zufallskauf, der ein absoluter Glücksgriff war: „September“ ist eine lyrische Rarität, die ihresgleichen sucht, ein ergreifendes Werk über eine Jahrtausendkatastrophe und zugleich ein einfühlsamer Blick auf die Auswirkungen, die Katastrophen haben – bis in das Innenleben der vier Figuren hinein. Ein sehr intensives poetisches Buch, das seine Spuren hinterlässt.

Katja: „Warum es die Welt nicht gibt“ von Markus Gabriel

Ein philosophisches Sachbuch, das zeigt, wie viel Spaß Philosophieren machen kann. Welcher Philosophieprofessor hat schon den Mut eine eigene neue Philosophie zu verkünden und diese argumentativ zu untermauern und dabei so diebische Freude am kritischen Denken zu zeigen wie Markus Gabriel? Allen Kritikern möchte ich sagen, dass sie erst einmal seine Thesen widerlegen sollen und mit ihm oder dem Leser in den Dialog treten sollten. Dieses Buch macht auch Nicht-Philosophen Lust auf das Denken (behaupte ich mal) und das Infrage-Stellen. Es ist eine große Lust es zu lesen und seiner Beweisführung zu folgen und mit ihm den Konstruktivismus und Materialismus auseinander zu nehmen. Philosophie gehört in den Alltag und nicht in den wissenschaftlichen Elfenbeinturm.

Laura: „Spieltrieb“ von Juli Zeh

Was ist Moral? Wann lösen sich ihre Grenzen auf und beginnen zu changieren? Wenn eine Schülerin ihren Lehrer verführt und ein Spiel daraus macht, wenn sie sich vor Gericht in einem flammenden Plädoyer selbst verteidigt? Juli Zeh hat mich durch ihren Roman über Jugendliche, die Grenzüberschreitungen zum Lebensprinzip erheben, überzeugt. Sehr unterhaltsam und nachdenklich machend.

Die 5 unwichtigsten Bücher

Katja: „A long way down“ von Nick Hornby

Die FAZ wird im Klappentext zitiert mit der Aussage, Hornby gelte als die perfekte Synthese zwischen E und U, wie sie sich jeder Literaturbetrieb ersehne. Meiner Meinung nach völlig zu unrecht. T.C Boyle, Irving und Franzen bieten weitaus mehr intelligente Unterhaltung – Hornbys Figuren wirken nicht nach, die Handlung läuft schnell auf das Vorhersehbare hinaus und bedient langweilige Klischees. Langweilig und nicht nachdrücklich.

Laura: „Unterm Scheffel“ von Maarten t` Hart

Mit diesem Roman konnte mich der sonst sehr geschätzte Autor nicht überzeugen. Eine  Liebesgeschichte, in der sich reife Erwachsene verhalten wie Teenager. Die Sprache ist ebenso wenig überzeugend wie der Inhalt, man langweilt sich durch die Seiten. Lieber nicht lesen.

P1010456Katja: „Dackelkrieg“ von Ada Blitzkrieg

Ada scheint ihre Twitterpointen gezielt und gepfeffert zu setzen, aber das reicht noch lange nicht aus um über die Strecken eines längeren Textes hinaus einen gewissen Sog zu entwickeln. Kein erzählerischer Anspruch, kein Mehrwert oder berührende Innensicht – einzig mehr oder weniger gewollte absurde Alltäglichkeiten mehr oder weniger ekelhaft anmutend.

Laura: „Das Lavendelzimmer“ von Nina George

Ja, es ist ein Frauenroman. Ja, es geht um Liebe und Sehnsucht und kitschigen Sex und Trauerarbeit. Ja, manchmal hat man Phasen, da will man sowas lesen. Aber es bleibt nichts von diesem Buch, außer dem Gefühl, seine Lesezeit besser nutzen zu können. Wer auf Romane dieser Art steht, wird es wohl mögen, ich lese dann lieber noch fünfmal „Unendlicher Spaß“. Einzig positiv: Die Leseapotheke am Ende mit Literaturempfehlungen.

Katja: „Ich kann nicht, wenn die Katze zuschaut“ von Stefan Schwarz

Mein Geschenkbuch zum Magazin-Abo . Kolumnist Stefan Schwarz gibt die Absurditäten eines mehr oder minder spannenden Leipziger Alltags als Familienvater und kolumnenschreibender Journalist wieder. Mein Humor ist es nicht, zu klischeetypisch, zu stereotypisierenden auf den langweiligen Der-Mann-ist-so-Die-Frau-ist-so-Witz hinauslaufend, ins Leere laufend … Überflüssig.

Laura: „Imperium“ von Robert Harris

Ein historischer Roman. Das wars. Nützlich, um passives Hintergrundwissen über Cicero aufzunehmen (wenn man beispielsweise Latinum nachholt) und in eine andere Zeit einzutauchen. Sprachlich aber nicht herausragend. Spannende Unterhaltung im Rahmen des Genres – mehr nicht.

Katja: „Mein ärgster Feind“ von Willa Cather

Leider meine Enttäuschung des Jahres aufgrund der geweckten Erwartungen und Vergleiche. Als eine der bedeutendsten amerikanischen Literatinnen des 20. Jhd. angekündigt, hatte dieses kleine Buch leider keinen erzählerischen Eindruck, sprachliche Finesse oder Besonderheit für mich. Als Blogempfehlung gelesen und daher interessiert, kommt sie leider für mich nicht an eine Virginia Woolf oder Carson Mc Cullers heran.

P1010461Laura: „Mein Leben als Mann“ von Philip Roth

Dieses Buch ist keine komplette Enttäuschung, aber im Kontext der von mir gelesenen Bücher war es dieses Jahr eines der weniger überzeugenden. An und für sich mag ich Philip Roth´ Bücher, in diesem Fall jedoch war es zuviel des männlichen Blickes aufs Altwerden und zuviel der Selbstbespiegelung und des Selbstmitleids des Protagonisten. Vielleicht passte es nur nicht. Was das Spiel mit Fiktionalität betrifft, ist „Mein Leben als Mann“ durchaus lebenswert. Aber dafür sollte man Roth` maskuline Protagonisten mögen.

Katja: „Bist du noch wach?“ von Elisabeth Rank

Eine Großstadtlektüre für „Berlin-Mitte-Hipster“ (was auch immer das sei), die ich aber weder „feinnervig“ fand, sondern höchstens in ihrem Befindlichkeiten nur nervig und auch nicht sprachlich gekonnt. Zu bemüht die Bilder, zu einseitig die Erlebnisse eine Ende 20-Jährigen in Berlin. Das Postulat, so sei das Leben in Berlin, für mich keine gute Grundlage für einen Roman. Ich bin nicht berührt, von den Figuren bleibt nichts. Der Mythos Berlin-Lebensgefühl ist für mich nur ein Mythos, den Literatur aufrechterhalten soll, mehr nicht … Berlin kann sein, wie immer jeder will und wozu er es macht …

Laura: „Bist du noch wach?“ von Elisabeth Rank

Ein Buch über Freundschaft, die irgendwie auch Liebe ist, Einsamkeit, die irgendwie immer nach Zweisamkeit sucht, Abschied, der irgendwie weh tut und wohl tut… Alles ist unbestimmt und vage, die Figuren unentschieden und einfach nur „irgendwie“. Angebliqch spiegelt Rank eine Generation (zu der ich dem Geburtsjahr nach auch gehören würde) wider und eine Lebensweise in Berlin … hmm. Für mich nicht nachvollziehbar. Die Sprache ist stellenweise zu gewollt poetisch und der Inhalt löst sich nach wenigen Wochen in der Leseerinnerung in Nichts auf.

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5 Gedanken zu “Unser Bücherjahr 2013

  1. Guten Morgen, Laura und Katja,
    ich wünsche euch ein schönes Neues Jahr 2014!
    Der Irving und die Hustvedt gehören auch zu meinen Lieblingsbüchern, auch wenn ich sie schon vor 2013 las.
    Auf ein Wiedersehen,
    lg Susanne

    1. Liebe Susanne – wir wünschen Dir und Deiner Kunst auch alles Gute für 2014 und freuen uns, dass du eine treue Leserin unseres Blogs bist =) Danke schön dafür! Bis bald im Salon bei dir –

      Katja und Laura

  2. Eine schöne Form des literarischen Jahresrückblicks, liebe Katja & Laura! Ich werde diesmal wohl nichts Vergleichbares machen, das reale Leben fordert mich gerade zu sehr, um mich ausgiebig dem virtuellen zu widmen. 😉 Und ohnehin fällt es mir schwer, meine Highlights von 2013 zu küren, insgesamt war es kein sehr berauschendes Lesejahr. Es gab nur ein Buch, das mich richtig begeistert hat (ihr ahnt es schon: Das fremde Meer), und einige gute Bücher v.a. im Krimibereich, wie diejenigen von Daniel Woodrell, Donald Ray Pollock, James Sallis, Don Winslow. Und sonst leider noch viel Mittelmäßiges. 2014 wird in der Hinsicht hoffentlich aufregender.

    Alles Gute euch und auf bald,
    caterina

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