Neu: Lies das mal!

Wir haben eine neue Kategorie im Bereich Literatur eingeführt. Ihr Name ist Programm: „Lies das mal!“ ist die Aufforderung der einen an die andere Bloggerin (und dadurch indirekt an euch ;)), ein Buch zu lesen, das sie noch nicht kennt und unbedingt lesen sollte. Im Anschluss an die Lektüre stellt diejenige, die das Buch vorgeschlagen hat, der anderen Fragen dazu. Es handelt sich also zugleich um eine Leseempfehlung und um einen Austausch über Gelesenes, das uns bewegt hat. Und es verdeutlicht unser Bestreben, uns intensiv mit richtig guter Literatur zu befassen, inhaltlich darüber nachzudenken und ein bißchen zu analysieren, ohne sie einfach nur „wegzulesen“.

Gestartet wird diesmal mit einer Empfehlung, die Laura Katja gegeben hat:

Lies mal: Marlen Haushofers „Die Wand“!

Die Wand (2)

  • Wie erging es dir bei der Lektüre dieses ausgefallenen Romans?

Die Wand“ ist ein Buch, das einen hineinzieht und fesselt. Aber nicht wegen besonders rasanter Handlungsentwicklung, zahlreicher Dialoge und aufregender Charaktere. Es ist ein scheinbar stilles Buch, in dem äußerlich nicht viel passiert, das aber viele Fragen aufwirft. Es geht ja auch insgesamt um grundsätzliche existentielle Gedanken – was macht eine Frau mittleren Alters in den Bergen, wenn sie sich auf einmal abgeschlossen von der Welt wiederfindet und mit dieser Situation der Einsamkeit, des Auf-sich-gestellt-Seins und Überleben-Willens zurechtkommen muss … Ich habe lange kein Buch gelesen, das so wenig Dialoge beinhaltete und dennoch so viel „gesprochen“ hat. Man setzt sich selbst automatisch in Beziehung und wird durch die Gedanken der Protagonistin, die über ihre Empfindungen berichtet, sehr oft mit den eigenen Ängsten und Verhaltensweisen konfrontiert. Es fordert dich – das liebe ich an Büchern.

  • Es gibt bei diesem Buch meiner Meinung nach vielseitige Deutungsansätze (psychologisch, soziologisch, dystopisch, gesellschaftskritisch, feministisch, ökologisch, philosophisch). Welchem würdest du zustimmen, bei welchen bist du eher kritisch? Oder bist du vielleicht der Ansicht, es gibt die EINE Deutung?

Eine schöne Frage und leicht zu beantworten – es gibt NIE die EINE Deutung. Es geht ja darum, was man selbst aus einer Geschichte herausliest. Natürlich muss es begründet werden. Aber man kann sich immer darüber austauschen, inwiefern eine bestimmte Deutung möglich ist. Letztlich weiß nur der Autor allein – und das auch nicht immer – welche Botschaft er vermitteln wollte. Wie oben schon erwähnt, hab ich „Die Wand“ eher existentialistisch gelesen. Das Buch geht u.a. der Frage nach, inwiefern der heutige Mensch im Einklang oder im Gegensatz zur Natur lebt und spielt das Geschehen durch gezwungen zu Zeit nur mit der Natur ohne menschliche Hilfe zu leben. Man könnte daher sagen, hier werden ganz viele Aspekt berührt, sowohl soziologische als auch philosophische und ökologische Aspekte. Gesellschaftskritik ist dabei immanent, wobei nie die Moralkeule geschwungen wird, nach dem Motto, du musst so oder so leben. Dystopische Tendenzen kann ich jetzt nicht erkennen, etwas Feministisches könnte man durchaus finden, da hier eine sehr starkes unabhängiges Frauenbild präsentiert wird und kein schwaches Weibchen. Dazu müsste ich mich allerdings intensiver mit der Autorin und der Zeit befassen.

  • Fandst du die Handlung der plötzlich auf sich allein gestellten, namenlosen Protagonistin nachvollziehbar? Oder hattest du an manchen Stellen das Gefühl, das sei unrealistisch beschrieben?

Ich weiß nicht, ob der Aspekt des Unrealistischen oder Realistischen hier greift und ob diese Unterscheidung einer Romandeutung weiterhilft … Alles was während der Handlung beschrieben wird, könnte so passiert sein. Es handelt sich nicht um eine phantastische oder surrealistische Welt, sondern um ein recht materialistisches, naturalistisches Weltkonzept. Einzig die Wand stellt ein außer-weltliches Element dar. Ich lese die Wand aber als eine Art Metapher und damit ein künstlerisches Strukturelement, um die existentielle Abgeschiedenheit künstlich herbeizuführen und zu erzwingen. Ich habe mich eher gefragt, warum Marlen Haushofer diese Figur so konstruiert hat, dass sie sich bestens mit Landwirtschaft, Tieren und grundlegenden Kenntnissen und Überlebensstrategien auskennt. Es wäre ja auch interessant gewesen, eine Frau zu nehmen, die von Anfang an derart in einer modernen technisierten Zivilgesellschaft so stark verwurzelt ist, dass sie mit diesem Zustand nicht klar kommt und verrückt wird. Die Protagonistin im Roman weiß allerdings zu jedem Zeitpunkt, was ungefähr zu tun ist und verzweifelt nie gänzlich. Dabei wüsste ich weder wie man ein Kalb gebärt, noch wie und wann man Kartoffeln pflanzt und erntet. Der existentialistische Abgrund wäre größer gewesen einen solchen Menschen in diese Situation geraten zu lassen. Haushofer wird wohl ihre Gründe gehabt haben …

  • Der Roman erschien erstmals 1963. Inwiefern ist der Inhalt auf heute, 50 Jahre später, übertragbar?

Der Inhalt an sich weniger als die angesprochenen Grundfragen unserer voranschreitenden Entfremdung von der Natur sowie der Gegensatz von Natur und Technik. Wir leben in einer technisierten Welt, wir lernen in der Schule nicht, wie man auf sich allein gestellt überlebt. Andere kulturelle Werte und technisch spezifizierter Umgang mit den fortschrittlichen Geräten, die uns umgeben, sind für uns grundlegend. Da könnt man sich schon einmal fragen, ob das so richtig ist und wo das hinführt. Die meisten von uns könnten ohne Technik kaum überleben. Wie beschafft man sich Nahrung, wenn der nächste Supermarkt nicht um die Ecke ist? Da geht es ja schon los. Daher sind diese Fragen aktuell wie nie oder sollten es zumindest sein. Wir sind völlig abhängig von anderen Menschen und den Institutionen, die unser Leben regeln. Von einem Leben im Einklang mit der Natur kann man da kaum noch reden … Das ist beängstigend, wenn man mal darüber nachdenkt. Ich wäre in derselben Situation wie die Protagonistin irgendwann jämmerlich verhungert oder erfroren…

  • Marlen Haushofer ist eine interessante Persönlichkeit gewesen, wie du im Nachwort gelesen hast. Inwiefern meinst du, hängt ihre Geschichte mit dem Inhalt des Romans „Die Wand“ zusammen?

Sicherlich steckt immer irgendwo in den beschriebenen Gedanken und Gefühlen auch vom Autor selbst erlebt und gefilterte Wahrnehmung. Ich kann nur vermuten und nicht beweisen, wie das bei jener Autorin ist. Wenn man aber liest, dass sie selbst im Leben auf vieles verzichten musste, als Kind auf einer Alm aufwuchs und viel Umgang mit Tieren und dem Landleben hatte und später in ihrer Ehe nie wirklich Erfüllung fand, dann passt das zur Beschreibung der Figur. Dann hat man fast den Eindruck Marlen Haushofer würde durch sie sprechen und ein wenig in diesem Experiment wagen, was sie selbst gern versucht hätte.

  • Wem würdest du den Roman empfehlen?

Jedem. Unbedingt mal lesen.

Marlen Haushofer: Die Wand, Roman, erstmalig erschienen 1963 bei dtv. Besprochen wurde das Buch von Laura bereits im Juni 2013.

Übrigens: In wenigen Tagen folgt dann Teil II mit der Empfehlung, die Katja an Laura gegeben hat. Ihr dürft also gespannt sein!

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7 Gedanken zu “Neu: Lies das mal!

  1. Eure Aktion gefällt mir sehr gut, da sie dazu zwingt, ein Buch auch mal bewusster zu lesen. „Die Wand“ ist da der perfekte Einstieg, weil es in diesem Buch selbst nach mehrfachem Lesen noch neues zu entdecken gibt. Es ist immer wieder eine intensive Lektüre.

  2. Ich habe mir schon so lange vorgenommen, das Buch zu lesen und es bisher noch nicht geschafft. Selbst der Film zum Buch, den ich vor einigen Wochen bei Aldi kaufte, liegt noch ungeschaut auf meiner Kommode….
    LG Susanne

  3. Hallo Ihr beiden,

    die Idee gefällt mir gut, da so ein intensiver Austausch zu einem Buch entsteht. Deshalb bin ich auch in einem Lesekreis aktiv, da man sonst mit seinen Gedanken meist allein ist. Bin gespannt welche Empfehlung Katja hat.

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

    1. Freut mich sehr, dass ihr alle so Gefallen an der Rubrik findet 🙂 @ Glasperlenspiel / Bücherliebhaberin: Wir haben mittlerweile auch einen kleinen Literaturkreis, zusätzlich zum Blog, innerhalb dessen wir uns über Bücher austauschen können. Uns beiden ist das sehr wichtig, daher versuchen wir das mit unserem Blog auch öfter mal hervorzuheben. Es ist ein ganz anderer Zugang zu den Büchern, wenn man sich auch mal mehrfach mit ihnen befasst, darüber spricht, sich über Leseerfahrungen und Eindrücke / Assoziationen austauscht, und auch mal inhaltlich über mehr nachdenkt, als nur die Figuren und die Handlung. Ein Buch kann einem soviel mehr sagen, das findet man aber nur in eingehender Beschäftigung damit heraus.
      Und wir lesen eben auch mal gern „Klassiker“ oder Bücher, die es sicher werden, und nicht immer nur Neuerscheinungen… Umso schöner, wenn es euch auch interessiert, was wir machen 🙂
      Einen schönen Sonntag, Laura

      1. Schön, dass euch unsere neue Rubrik gefällt. Freut euch auf meine Empfehlung an Laura – ich bin gespannt auf ihre Antworten auf meine Fragen dazu, die ich auch noch nicht kenne (also die Antworten ;))

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