XXXIX. Sonntag mit Proust: Über Homosexualität

Im vierten Band „Sodom und Gomorra“ von Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ steht ein Thema im Mittelpunkt, das auch heute die Öffentlichkeit bewegt: Homosexualität und der Umgang mit ihr. Wenn sich diese Woche ein Fußballer zu seiner Homosexualität bekennt, nennt man das Coming Out und findet es gut und mutig, dass besonders jemand aus dem Bereich Fußball, in dem Homosexualität noch immer ein Tabuthema war, sich dazu bekennt.
Vor hundert Jahren, als Prousts Werk erschien, war es vielen Männern überhaupt nicht möglich, sich offen dazu zu äußern. Auch bei Proust wird angenommen, er habe in Form der Figur Monsieur de Charlus das Thema in sein Werk eingebracht, stellvertretend für die eigene homosexuelle Gesinnung. Komplett belegt ist dies zwar – glaube ich – nicht, aber Proust spricht in jedem Fall eine deutliche Sprache. Lest selbst:

„Einige weisen, wenn man sie morgens im Bett überrascht, einen wundervollen Frauenkopf auf, so allgemein ist der Gesichtsausdruck, und so sehr symbolisiert er das ganze Geschlecht; das Haar sogar bezeugt es; sein Fall hat etwas Weibliches; frei fließend legt es sich derart natürlich in Locken an die Wange, daß man staunend bewundert, wie die junge Frau, das junge Mädchen, Galatea, noch kaum erwacht, im Unbewußten dieses männlichen Körpers, in den sie eingeschlossen ist, auf eine so erfindungsreiche Art, aus sich selbst, ohne es irgendjemandem abgesehen zu haben, sich der geringsten Möglichkeit bedient, um aus ihrem Gefängnis zu schlüpfen und zu finden, was sie zum Leben braucht. Zweifellos sagt sich der junge Mann mit diesem bezaubernden Frauenkopf nicht selbst: „Ich bin eine Frau.“ Aber wenn er (…) mit einer Frau lebt, kann er ihr gegenüber zwar leugnen, daß er selbst eine ist, daß er niemals Beziehungen mit Männern gehabt hat, aber sie soll ihn sich nur ansehen, so wie wir ihn eben gezeigt haben (…).
(So) war Monsieur de Charlus (…) einer jener Menschen, die man als Ausnahmewesen bezeichnen muß, weil, wie zahlreich sie auch sind, die Befriedigung, die andere so leicht für ihre sexuellen Bedürfnisse finden, für sie von der gleichzeitigen Erfüllung zu vieler und zu schwer anzutreffender Bedingungen abhängt. (…) Bei Menschen wie Monsieur de Charlus aber, die (…) nur ein halbes Genügen erlangen, kommt für die gegenseitige Liebe zu den großen, manchmal unüberwindlichen Schwierigkeiten , auf die sie schon bei allen übrigen Wesen stößt, noch die spezielle hinzu, daß das, was immer und für alle Menschen äußerst selten ist, bei ihnen fast unmöglich wird, wodurch, wenn sich für sie eine wahrhaft glückliche Begegnung (…) ergibt, ihr Glück noch weit mehr als das eines normalen Liebenden, etwas Außerordentliches, Exquisites und zutiefst schicksalhaft scheint.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S. 34 + 43.

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