Lies das mal! – Teil II

Nun folgt Teil II der neuen Rubrik „Lies das mal!“. Katja hat ihre erste Empfehlung an Laura gegeben und dafür einen Klassiker gewählt:

Lies mal: Franz Kafkas „Der Prozeß“!

Der Prozeß

  • Was hat dich am meisten an diesem Klassiker der deutschen Literatur beeindruckt, fasziniert, verstört oder verwirrt?

Das Verstörende an dem „Prozeß“ Kafkas war eigentlich das Faszinierendste für mich. Der Protagonist Josef K. wird an seinem dreißigsten Geburtstag verhaftet, darf sich aber noch frei bewegen und seiner Arbeit als Prokurist in einer Bank nachgehen. Dennoch wird ihm „der Prozeß gemacht“ und es wird immer verworrener, weil man als Leser genau so wenig wie er weiß, was eigentlich los ist. Was hat er verbrochen? Welche Schuld hat er auf sich geladen? Warum kann er sich nicht wehren? Diese Undurchschaubarkeit und das sich immer mehr verstrickende System, das absurd anmutet, hat mich beeindruckt.
Zugleich ist diese Situation des Josef K. auch verstörend, die Vergeblichkeit am Ende – enorm. Man fragt sich unweigerlich, was das Buch einem sagen soll. Ganz sicher nichts Positives!

  • Was glaubst du, bedeuten die Frauenfiguren, deren Darstellung und die Symbolik des allgegenwärtig Sexuellen in diesem apokalyptischen Verwaltungswirrwarr?

Ich bin nicht sicher, ob ich das Verwaltungswirrwarr als apokalyptisch bezeichnen würde. Es ist auf jeden Fall sehr präsent und verunsichernd, zum Teil auch skurril /absurd, wie in der Szene in der Rumpelkammer der Bank, in der er arbeitet. Auch da klingt ein sexuell / sadomasochistischer Ton durch. Aber apokalyptisch anmutend finde ich eher die Schlussszenen der Verurteilung und Vollstreckung bzw. in der Kirche…
Das Sexuelle ist natürlich durch die Frauengestalten extrem gegenwärtig. Dauernd biedert sich eine Frau an, es tauchen plötzlich pornografische Bilder im Gericht auf usw. Keine Frauenfigur scheint „normal“ zu sein, am wenigsten jene im Gerichtskontext. 

Ich denke, die Frauenfiguren verweisen womöglich auf die sonst unbestimmte Schuld, die Josef K. hat (oder auch nicht). Er hat vielleicht ein schlechtes Gewissen gegenüber einer Frau oder hadert mit Frauen im Allgemeinen und dies projiziert sich im alptraumhaften „Prozeß“ auf alle Frauenfiguren. Oder sie sind insgeheim Vertreterinnen des ganzen Gerichtsapperats, sind Verführerinnen, die die ohnehin Angeklagten endgültig ins Verderben bringen sollen. Klar und eindeutig ist in der kafkaschen Welt nichts.

  • Stichwort Schuld – Welcher Les- oder Deutungsart des Schuldbegriffs im „Proceß“ würdest du am ehesten zustimmen (juristisch, religiös, philosopisch-existentiell, sexuell)? Wie hast du den Text dahin gehend empfunden? Kannst du da eine eindeutige Position beziehen und begründen oder bleibt der Text für dich sozusagen verschlüsselt?

Die Schuld kommt meiner Lesart nach vor allem in sexueller und am Ende in religiöser Hinsicht zum Tragen. Josef K. ist ein offenbar gewissenhaft in der Bank arbeitender Mann, der sogar dem Maler Bilder abkauft, obwohl er sie nicht mag. Die Schuld, wenn er denn überhaupt schuldig ist, was ja offen bleibt, scheint mehr mit etwas Tiefergründigem, z.B. Sexuellen zu tun zu haben.

Nachdem ich die Szene in der Kirche und die sogenannte Türhüterlegende darin gelesen hatte, dachte ich aber auch: Okay, es ist offensichtlich vor allem religiös gemeint. Im Christentum geht man ja davon aus, dass alle Menschen schuldig und voller Sünde sind. Demzufolge müsste jedem der Prozeß gemacht werden (was im Christentum im Jüngsten Gericht passieren soll). Josef K. wird bereits im Leben, mitten im Alltag verhaftet und für seine wie auch immer geartete Schuld in Verantwortung gezogen. Spannend auch: Ihm wird keine Chance gegeben, sich zu verteidigen, sich zu äußern. Er weiß nicht einmal, in welcher Hinsicht er sich verteidigen müsste!

  • Denkst du, Kafkas Kritik an der Verwaltungsgesellschaft seiner Zeit ist nach wie vor aktuell, überholt oder eine überspitzte Darstellung eines „depressiven“ Literaten?

Ich glaube, was die Verwaltungsgesellschaft betrifft, ist Kafkas Kritik aktueller denn je. Wir leben in einem reinen Verwaltungsstaat, alles wird durchorganisiert, schriftlich festgehalten, man muss hunderte Anträge ausfüllen, um Geld zu bekommen, heiraten zu können oder sich wieder scheiden zu lassen… Ganz abgesehen davon, dass unsere Verwaltungsgesellschaft heute um ein vielfaches krasser ist durch das Internet, dass es zu Kafkas Zeit nicht gab! Heute können wir, wie wir alle nur zu gut wissen, komplett kontrolliert werden, ohne Gerichtsvollzieher oder Angestellte in unserer Wohnung! Es wird nicht nur alles verwaltet, sondern auch alles kontrolliert. Und das ganze System ist mindestens genauso undurchsichtig wie bei Kafka.

  • Inwieweit denkst du, spielen die eigenen Erfahrungen und biographischen Hintergründe des Autors eine direkte, nicht zu vernachlässigende Rolle in diesem Text? Dient es dem Verständnis des Werkes eine biographisch motivierte Deutung anzunehmen, so dass hier ein Autor schreibt, der mit diesem Text persönlich erfahrene Problematiken künstlerisch verarbeitet?

Das ist immer, in der Literatur wie in der Kunst, eine schwierige und umstrittene Frage. Ich bin der Ansicht, dass ein Werk stets auch für sich stehen können sollte. D.h. deutbar sein muss, ohne dass der Leser die biographischen Hintergründe des Autors im Detail kennt.
Aber: Bezieht man die Hintergründe mit ein, ergeben sich oft nochmals ganz neue Deutungsaspekte. Viel wichtiger als Autorenbiographie finde ich die Zeit, in der das Buch entstand, die letztlich ja auch den Hintergrund des Schreibenden darstellt.

In diesem Fall: Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war die Gesellschaft eine komplett andere. Ehen konnten nicht so einfach annulliert werden, man hatte sicher auch nicht so viele Rechte wie heute. Und vor allem konnte man die Sexualität nicht ausleben: Alles passierte im Verborgenen, Heimlichen. Klar, dass man dann auch ein größeres Schuldgefühl mit sich herum trägt. Und was Kafka angeht: Er arbeitete selbst als Versicherungsjurist, kannte daher das Gerichtswesen und den Verwaltungsapperat sehr gut. Daher versteht man besser, warum es ihm so wichtig schien, das hervorzuheben.

  • Kafkas „Proceß“ sowie seine anderen Romanfragmente sollten nie veröffentlicht werden … Glaubst du, dass dieser Aspekt des Kafkaschen Werks ausschlaggebend für seine Rezeption ist?

Ich denke, das spielt schon eine Rolle. Zum einen, den Text selbst betreffend: Man merkt, dass er noch nicht fertig ist. Der Schlussteil steht dem Anfang gegenüber, es fehlt ein wenig die Verbindung, finde ich. Das sollte man bei Interpretationen berücksichtigen, dass der Autor sie nicht als vollständig angesehen hat.

Zugleich ist es phänomenal, dass uns Kafkas Texte dennoch erhalten sind. Wenn er sie alle vernichtet hätte, würde definitiv etwas fehlen, es gäbe eine Leerstelle in der Literaturgeschichte!

Ich habe mich sehr gern mit diesem Klassiker befasst, auch wenn er sich stellenweise etwas trocken liest. Und: Ich hab mir vorgenommen, mehr von ihm zu lesen. Die Texte können durchaus auch heute noch sehr viel hergeben und uns etwas über unsere Welt und Gesellschaft verraten!

Franz Kafka: „Der Prozeß“, von uns gelesen in der Ausgabe von Reclam, 1983.

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4 Gedanken zu “Lies das mal! – Teil II

  1. Am meisten fasziniert mich an Kafka sowohl das Dunkle, Verworrene und Absurde, als auch der Umstand, dass man seine Texte immer wieder lesen kann. Das ist sicherlich nicht immer leicht zu lesen, schon gar kein Autor zur reinen Unterhaltung oder zum Weglesen. Hier geht es darum genau zu lesen, wieder zu lesen, den Text zu hinterfragen, stilistisch und sprachlich. Die Türhüterlegende versteht man nicht ohne den jüdischen Hintergrund, sie ist wie eine Art Parabel und wurde auch als eigener Text herausgegeben („Vor dem Gesetz“)
    Und immer wieder entdeckt man neue Aspekte, stellt neue Fragen an den Text. Kafkas Texte MUSS man sozusagen immer wieder lesen um hinter sein Geheimnis zu gelangen.
    Wichtig bei Kafka ist auch das Jüdische, das darf man im Werk des Prager Autors nicht vergessen. Ob die Schuld im christlichen Sinne interpretiert werden kann, ist fraglich. Kafka war selbst Jude, aber kommt nicht unbedingt aus einer sehr orthodoxen Familie oder praktizierte selbst ein jüdisches Leben. Ich würde nicht sagen, dass er sich als „jüdischen Autor“ sah. Aber dazu gibt es viele Forschungen, die dem jüdischen Aspekt in seinem Werk nachgehen. Er hat sich viel mit Philosophie beschäftigt, nicht nur mit jüdischer Philosophie, aber auch. Er hatte einige bekannte jüdische Künstler, Autoren und Philosphen im Freundeskreis. Dies hat ihn auch beeinflusst.
    Wenn man das jüdische Prag kennt, vor allem zu dieser Zeit, versteht man auch das Düstere an seinen Texten …
    Empfehlen kann ich nur das Kafka-Museum im Prag – richtig toll. Und generell – lest mehr Kafka! Einer der Autoren, die maßgeblich, ohne es je zu wollen, die Strukturen und Möglichkeiten modernen Erzählens beeinflußt haben. Wer weiß, was er dazu gesagt hätte.

  2. schöner beitrag! ich denke aber auch, dass eine christliche deutung eher schwierig ist. was gleichnisse etc. angeht ist kafka eindeutig jüdisch geprägt.
    die sexuelle deutung ist interessant und in der forschung (wie alle anderen aspekte auch) viel diskutiert. bemerkenswert finde ich vor allem die figur der leni, die schwimmhäute zwischen den fingern hat. die vermischung von menschlichem, tierischem und maschinellem (z.b. das wesen odradek in „die sorge des hausvaters“) taucht bei kafka oft zur besonderen charakterisierung auf.
    die schuldfrage, die ja quasi eine kernfrage des textes ist lässt sich natürlich nicht beantworten. oder zumindest nicht so einfach. walter benjamin meinte ja kafka schreibe „märchen für dialektiker“ und dass er „alle erdenklichen vorkehrungenen gegen die auslegung seiner texte“ getroffen habe. das stimmt insofern, dass man oft, je näher man dem kern zu kommen glaubt, sich in wirklichkeit von ihm entfernt. genuso wie josef k., was ich genial finde! ich denke aber auch, dass man k.s schuld in ansätzen an seiner impliziten angst(!) und seiner fügung in sein schicksal erkennen kann. er nimmt die anklage an, geht von allein zum gericht, bohrt tiefer zum kern und fügt sich der vollstreckung des urteils ohne je echte gegenwehr zu leisten. er wird im prozess ( 😉 ) der handlung immer schuldiger an seinem eigenen leben. (würde ich sagen.)
    noch ein gedanke zum hintergrund. biographisch würde ich wenig deuten, damit tut man kafka und seine ntexten unrecht, bzw. macht es sich zu einfach (immer der vater!). „der proceß“ entstand fast zeitgleich mit beginn des ersten weltkrieges und kann daher, zumindest teilweise, als reaktion auf eine aus den fugen geratene und unübersichtlicher werdende welt gelesen.

  3. Ja, immer wieder Kafka lesen… das denke ich mir auch.
    Auch interessante Aspekte zum “Prozeß”. Natürlich mit biographischen Deutungen sollte man stets vorsichtig sein, aber, entschuldige Clarknova, dazu gehört auch, eine christlich-religiöse Deutung nicht mit dem Argument ‘jüdische Prägung’ abzufertigen. Es ist ein ‘Dom-Geistlicher’ kein Rabbi in einer Synagoge. Die Dialektik hat dann (andererseits) viele Interpreten an jüdisches Argumentieren und Auslegen erinnert. Aber klar: Das Christliche spielt in diesen Roman hinein. Und auch klar: Die Schuld des Josef K. erinnert an die Erbsünde in einer christlichen Tradition. Seine Schuld ist nicht damit identisch, aber das wurde im Blog-Beitrag ja deutlich.
    Es geht auch um das Geheimnisvolle des ganzen Prozesses. Er ist für alle (K. und Leser) undurchsichtig, geheimnisvoll. Läge die Schuld klar auf dem Tisch wäre die Welt wieder in Ordnung (für K. und die Leser), das Geheimnis ist das, was die Romanwelt in Spannung hält.

  4. In bezug auf das Judentum kannte Kafka sich gut aus, er war mit dem im Geist des Chassidismus erzogenen Schauspieler Jizchak Löwy befreundet. Ebenso interessierte Kafka sich für Theodor Herzl und Palästina. Auf diese Weise überhaupt kam er 1912 mit Felice Bauer bei einem Abendessen im Hause der Brods ins Gespräch. Beide beschlossen, gemeinsam nach Palästina zu reisen. Dennoch: eine rein theologische Deutung Kafkas führt von zentralen Stellen seines Werkes weg. Überhaupt läßt sich Kafka nicht in einem Lektüre-Ismus einfangen. Das christliche und auch jüdische Element (insbesondere über das Motiv der Ausdeutbarkeit der Schrift) spielen teils eine Rolle, ebenso aber die Jurisprudenz: man denke nur an die Parabel „Vor dem Gesetz“ oder an „Das Urteil“.

    Was die Lektüre Kafkas anregend macht – und das schließt nicht nur den „Prozess“ ein –, ist der Umstand, daß sich Kafka in keiner Interpretation oder Lesart festschreiben läßt. Das Konstante an Kafka ist die Inkonstante: seine Un(aus)deutbarkeit. So wie es im Domkapitel heißt: „‚Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehn der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.‘“ Gewissermaßen mimetisch in seiner Textstruktur beschriebt dieses Irrgartenhafte der Lektüre der „Prozess“. Bereits von seiner Form her: denn der Roman blieb Fragment.

    Ich schätze solche apodiktischen Urteile eigentlich nicht, die jemanden in den Himmel heben: Aber nach Kafka ist die Literatur eine andere. Dies läßt sich von nur sehr wenigen Schriftstellern schreiben. Franz Kafka ist der bedeutendste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein „Werk“ ist lange nicht abgearbeitet. Im Gesamt-Text Kafkas (und dazu gehört auch seine Biographie) durchdringen sich Leben und Literatur, was sich bereits in der Lektüre seiner zahlreichen Briefe zeigt. Der Text Kafkas bildet einen eigenwilligen Kosmos, der immer wieder in den Bann zieht.

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