„So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“

Das Leben ist eine verdammt schöne und verdammt traurige Sache zugleich. Vor allem wenn wir mit Krankheit und Tod konfrontiert werden und das meist völlig unvermittelt. Es reißt uns aus dem belanglosen Alltag heraus und zeigt uns seine hässliche Fratze – seine Endlichkeit. Uns als nicht-existent zu denken, ist fast unmöglich. Wenn ich das versuche, überkommt mich eine große Angst, weil ich all das Schöne hier, die Menschen und Augenblicke, die mir so viel bedeuten, dann nicht mehr habe. Und dennoch ist es wichtig, diese Endlichkeit nicht zu verdrängen, sondern sich auch mit diesen Abgründen zu beschäftigen. Sie sind furchtbar traurig, doch sie sind unausweichlich und sie sind da. Konfrontation ist nicht schön, sondern tut weh. Leben ist nicht immer schön, sondern tut auch weh.

„Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. Mene Gedanken aufzuzeichnen hat mir jedenfalls sehr geholfen, das Schlimmste, was ich je erlebt habe, zu verarbeiten und mich gegen den Verlust meiner Autonomie zu wehren. Vielleicht hilft es nun auch einigen, diese Aufzeichnungen zu lesen. Denn es geht hier nicht um ein besonderes Schicksal, sondern um eines unter Millionen.“

Ich möchte euch daher Christoph Schlingensiefs „Tagebuch einer Krebserkrankung“ empfehlen. Laura hat mir dieses Buch ans Herz gelegt und ausgeliehen, da sie sich intensiver mit Schlingensief als Künstler auseinandersetzt. Wer Christoph Schlingensief nicht kennt, möge sich über den einzigartigen Dramaturgen, Regisseur und Künstler unter www.schlingensief.com umfänglich informieren. Ich möchte ihn nicht in Platitüden pressen, die seiner nicht gerecht werden oder Schubladen bedienen.Schlingensief_Tagebuch einer Krebserkrankung

Das war das traurigste und berührendste Buch, was ich seit langem atemlos gelesen habe. Christoph Schlingensief spricht während seiner Krebserkrankung und -behandlung all seine Gedanken, Gefühle, Ängste und Sehnsüchte in ein Aufnahmegerät. Diese Aufzeichnungen lässt er als Tagebucheinträge ausformuliert ein Jahr vor seinem Tod veröffentlichen. Schlingensief verstarb im August 2010 an seiner Krankheit.

Seine Aufzeichnungen sind schonungslos ehrlich, bewegend offen, verletzlich und philosophisch. Schlingensief ging sehr offen mit seinem Sterben um und thematisierte es in öffentlichen Auftritten und Theaterstücken, die man auf der oben genannten Website nachvollziehen kann. Es beeindruckt mich, wie er in seinen Aufzeichnungen täglich zu sich und sozusagen auch zu mir, zum Leser, redet und das Unaussprechliche formuliert. Ein äußerlich eher wild, stark und streitbar wirkender Mensch lässt uns in seine Abgründe blicken, an seinen schwächsten Momenten (die gleichzeitig seine stärksten sind) teilhaben und wir begleiten ihn bei jedem Schritt seiner Behandlung, den furchtbaren Auswirkungen der Chemotherapie und die Auseinandersetzung mit dem paradoxen Gedanken, dass es ihn bald nicht mehr geben wird. Diese Todesnähe und starke philosophische, aber auch ganz persönliche Auseinandersetzung mit seinem eigenen Sterben berührten mich beim Lesen zutiefst. Er wird nie selbstgerecht oder verklärt seine Arbeit. Man merkt in seinen Aufzeichnungen, dass er durch dieses Gespräch mit sich selbst den Versuch wagt, sein Leben und Wirken in der Rückschau zu begreifen und auf der Suche nach sich selbst, dem Sinn seines persönlichen Lebens und der Aufgabe seiner Krankheit ist. Dabei glaubt er daran, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner schmerzenden Körperteile und er versucht dieser Krankheit und dem körperlichen Verfall eine ganzheitliche sinnvolle Dimension zu geben. Er thematisiert immer wieder den westlichen negativen Umgang mit Krankheit und Sterben, die Verdrängung solch dunkler Kapitel und den Autonomieverlust eines todkranken Menschens, der sich völlig ausgeliefert der Behandlungswillkür einiger Ärzte sieht.

Besonders interessant ist auch seine ständige Konfrontation  mit Gott sowie das Suchen nach Gott gleichermaßen sowie eine schonungslose Kritik an der Kirche und ihren jenseitigen weihrauchgeschwängerten Heilsversprechen. Als Gläubiger beschäftigt er sich durch seine Krankheit verstärkt mit der Bibel und Jesus. Er ringt die ganze Zeit mit seiner Beziehung zu Gott oder überhaupt einer Rechtfertigung Gottes angesichts seiner Krankheit. Ich habe dabei das Gefühl, er fand eher Trost in der Beschäftigung mit diesem Problem als in einer klaren Lösung, die er wohl ganz für sich persönlich beantwortete und hadert immer wieder nach den Höhepunkten und Tiefpunkten seiner Krankheit mit seinem Gottesbild.

„Würde mich sehr interessieren, warum Gott solche Radikalmaßnahmen von den Menschen fordert. Es passiert so viel Leid, dass ich mit Gott wirklich meine allergrößten Probleme habe und ihn oder Jesus bitten muss, mir das mal zu erklären. Vor allem warum man dieses Leiden überhaupt zur Währung erklären soll? Das ist doch eine Beschmerzung, die da stattfindet. Gott ist ein Schmerzsystem. Gott hat nichts mit Freude zu tun. Wenn sich jemand freut – ja gut, das soll dann auch Gott sein. Aber wenn jemand leidet, heißt es gleich: Da hat sich also Gott für ihn eine Prüfung ausgedacht. Oder: Aha, der hat wohl Schuld auf sich geladen und muss sich mehr mit Gott auseinandersetzen. Das ist doch bescheuert. (…)“

So gesehen ist dieses Buch ein verdammt schönes Vermächtnis eines suchenden Künstlers und streitbaren gesellschaftskritischen Visionärs. Gleichzeitig ist es ein Geschenk, da er uns fremde Leser an einem ureigenen persönlichen Erleben teilhaben lässt, was sonst verdrängt und weggesperrt wird. Er lässt alle negativen Gefühle wie auch alle positiven zu und wird dabei vielleicht manchmal leicht kitschig-esoterisch, aber immer sachlich-reflektiert.

Ein berührendes und trauriges aber wichtiges Leseerlebnis, das ich uneingeschränkt empfehlen möchte. Krankheit gehört zum Leben und sollte nie ausgegrenzt, sondern mit Würde und Respekt behandelt werden.

“ Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln. Einen Draht zu Gott habe ich trotzdem, das ist klar. Aber ich habe nicht dieses Vertrauen zu sagen: Gut, ich komme, nehmt mich auf zu euch. Vielleicht kommt das ja noch. Im Moment bin ich einfach nur traurig und habe Angst. (…)“

Christoph Schlingensief:  So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein, btb München 2009

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2 Gedanken zu “„So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“

  1. Mir ging es auch so, Katja, ich war sehr ergriffen vom Buch. Ergriffen ist ein altes Wort aber ich finde es passt.
    Die Ausstellung in den KW habe ich dann gleich mit anderen Augen gesehen.
    LG von Susanne

  2. Ein wichtiges, sehr nahegehendes Dokument dessen, was uns alle angeht: das Sterben. Im O-Ton Schlingensiefs und in dieser Form ein bemerkenswertes Vermächtnis als Einblick in seine Gedanken – noch näher und intimer als es seine Filme und Stücke vermitteln.

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