XL. Sonntag mit Proust: Der humorvolle und poetische Proust

„Da ich keine Eile hatte, bei den Guermantes zu erscheinen, zu deren Abendgesellschaft ich mich nicht mit Sicherheit eingeladen wußte, trieb ich mich müßig draußen umher; doch auch das Licht des sommerlichen Tages schien genausowenig auf ein Fortschreiten bedacht wie ich. Obwohl es schon nach neun Uhr war, verwandelte sein Schein auf der Place de la Concorde den Obelisken von Luxor in ein Ding, das wie rosa Nougatmasse anzusehen war. Er veränderte dann dessen Tönung noch weiter und schuf ihn in etwas Metallisches um, wodurch der Obelisk nicht nur kostbarer, sondern auch schlanker und nahezu elastisch geworden schien. Man hatte die Vorstellung, dieses Juwel lasse sich leicht verbiegen und sei wohl auch schon etwas verfälscht. Der Mond stand jetzt am Himmel wie ein Orangenviertel, das behutsam abgeschält, aber dabei doch etwas verletzt worden war. Ein paar Minuten später jedoch sollte er aus haltbarstem Gold gefertigt sein. Ein armer kleiner Stern stand dicht an ihn geschmiegt als einziger Gefährte des einsamen Mondes da, der, seinem Freund zum Schutze, während er selber kühner vorwärtsschritt, als unüberwindliche Waffe und orientalisches Symbol seine wundervolle breite Goldsichel schwang.“

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Teil 4.1: Sodom und Gomorra. Dtsch. von Eva Rechel-Mertens, Frankfurt: Suhrkamp, 1982, S.53.

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