3 Bücher und das konstruierte Ich

Es kommt vor, dass ich – scheinbar zufällig, doch vielleicht ist es so, dass mich ein Thema unterschwellig beschäftigt und ich demnach unbewusst meine Lektüre auswähle – mehrere Bücher lese und dann feststelle, dass ihnen ein gemeinsames Motiv zugrundeliegt. So ging es mir auch im Januar: Nachdem ich Milena Michiko Flasars „[Ich bin]“, Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und Aléa Toriks „Aléas Ich“ gelesen hatte, und ohnehin nach „Aléas Ich“ intensiv über Identität und Ich-Konstruktion nachdachte, fiel mir auf, dass es genau darum auch in den anderen beiden Büchern ging.

3Bücher und das Ich

Ich-Konstruktion und Identität bei Flasar, Torik und Carroll

Alle drei Bücher las ich aus völlig unterschiedlichen Beweggründen heraus. Alle drei haben mich auf ihre Weise fasziniert, unterhalten und zum Nachdenken gebracht, jedes auf seine spezifische Art. Ich will euch im Folgenden von meinen unterschiedlichen Leseerfahrungen und Gedanken über Ich-Konstruktion und Identität berichten, ohne allzu literaturtheoretisch-philosophisch-psychologisch ausufernd werden zu wollen… Darüber hinaus habt ihr euch in dem Interview, das Katja mit Aléa Torik führte, bereits ausgiebig mit dem Thema in ihrem Buch beschäftigen können.

„Aber wenn ich nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist das Rätsel!“
(Alice im Wunderland)

Milena Michiko Flašar: „[Ich bin]“

Nachdem ich von „Ich nannte ihn Krawatte“ sehr begeistert war, las ich „[Ich bin]“ mit zugegebenermaßen hohen Ansprüchen an Sprachintensität, Prägnanz und Inhalt. Ganz mithalten konnte dieses 2008 erschiene Sprachwerk nicht, besonders den Inhalt betreffend: Es geht schlicht um verschiedene Varianten von Liebe und den damit einhergehenden Gefühlen. Aber: Es handelt sich um ein durchaus lesenswertes sprachliches Kleinod, das eine eigene Wirkkraft erzeugt, wenn man in seinen drei Teilen eintaucht. Um einen Eindruck zu gewinnen die Überschriften der Teile: I) Im Zeichen des Feuers. Ein Stück lyrische Prosa in zwei asymmetrischen Teilen. II) Ništa, Ništa oder Die Puppenspielerin. III) Go Far West. Eine Reise in Abhängigkeiten.

In der lyrischen Prosa Flašars entwickelt sich das, was man als mehrere, mit anderen Namen und Geschichten bestückte Facetten eines Ichs interpretieren könnte (wie man es bei Katharina Hartwell lesen konnte: eine Liebesgeschichte in ihren zehn Varianten). Oder aber ganz traditionell drei Teile mit verschiedenen Figuren, die gemeinsam haben, dass sie intensiv erleben, eindringlich lieben und sich über den Kontakt mit anderen zu definieren scheinen. Ein wesentlicher Aspekt einer sich entwickelnden Identität: Die Konfrontation und Auseinandersetzung mit anderen Menschen.Ich bin

Flašar geht mit ihren Figuren sehr einfühlsam um und gibt ihnen zugleich starke Stimmen, die aus den Seiten des Buches herausschallen. Inmitten der Suche nach dem Ich im Austausch mit anderen kann es passieren, dass die „Pronomen lustig durcheinander purzeln“ (S.90) und man sich als Leser verdutzt fragt: Moment, war Gićdra nicht eben noch eine Frau?

Wenn Lesen mich irritiert und ich spüre, dass der Autor es so wollte und es nicht gar an einer Fahrlässigkeit des Lektors lag, weiß ich das sehr zu schätzen. Dann kann ein Buch mich wirklich erreichen und liest sich nicht einfach weg. Flašar gelingt es in „[Ich bin]“ auf zwei Wegen mich zu erreichen: Durch ihre einmalig poetische Sprachkraft, die auch hier sehr präsent ist und durch ihr Spiel mit den Figuren, die (in anderen) nach sich selbst suchen.

„Über alle Länder hinweg spannen sich unsichtbare Fäden und werden dicker von Mal zu Mal. Es sind Teppiche, die von einem Menschen zum anderen laufen und sich verweben. Ein jeder zeigt die Stellen, an denen wir auseinandergegangen sind. Und die Knoten, die wir bis heute nur schlecht übersprungen haben. Es sind Millionen und Abermillionen Teppiche. In Farben, die denen eines verwaschenen Bildes gleichen.“

Milena Michiko Flašar: „[Ich bin]“, erschienen 2008 beim Residenz Verlag.

Lewis Carroll: „Alice´s Abenteuer im Wunderland“

Vorab eine Bemerkung: Bei Lewis Carrolls „Alice´s Abenteuer im Wunderland“ handelte es sich um das erste Ebook, das ich las, da ich einen Tolino Shine geschenkt bekam. Ich hatte zugegebenermaßen lange Vorbehalte gegenüber dem digitalen Lesen. Diese Meinung ändert sich nun ein wenig. Digitales Lesen auf einem Ebookreader hat bekanntermaßen viele Vorteile, unter anderem dass man unterwegs keine kiloschweren Bücher mitschleppen muss, im Reader hat man gleich eine ganze Bibliothek in einem Gerät dabei, man hat immer optimale Beleuchtung, inbegriffen ist auch gleich ein Wörterbuch, wenn man Bedeutungen oder Übersetzungen nachschlagen möchte, viele Klassiker (wie „Alice im Wunderland“) gibt es als kostenfreien Download usw… Ablösen und ersetzen wird der Tolino die „richtigen Bücher“ definitiv nicht, er stellt aber eine tolle Ergänzung dar.Alice im Wunderland

Die digitale Version von „Alice´s Abenteuer im Wunderland“ ist mit den Graphiken von John Tenniel versehen. Ich las eine Übersetzung des originalsprachlich auf englisch 1869 erschienenen Werks.

Alice gerät im Wunderland gleich mehrfach in Situationen, in denen sie ihre Identität in Frage stellen muss oder von anderen in Frage gestellt wird. Gleich zu Beginn bemerkt sie: „Ob ich wohl in der Nacht umgewechselt worden bin? Laß mal sehen: war ich dieselbe, als ich heute früh aufstand? Es kommt mir fast vor, als hätte ich wie eine Veränderung in mir gefühlt. Aber wenn ich nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist das Rätsel!“

Alice fragt sich, ob sie nicht vielleicht zu Clara geworden ist, versucht sich dann aber anhand von kleinen Rechenaufgaben und dem Aufsagen eines Reimes ihres Wissens zu versichern, von dem sie meint, es zeichne sie gegenüber Clara aus. Im Wunderland gerät jedoch alles durcheinander; da ist vier mal fünf zwölf und die Reime und Lieder kommen einem nicht so in Erinnerung, wie man sie gelernt zu haben meint. Dabei ist die Sprache das Mittel, um sich am besten der eigenen Identität zu versichern:

„Sprache konstituiert in so fern Wirklichkeit, als dass Wirklichkeit zu einem großen Teil aus dem besteht, was als wirklich angesehen wird, und Sprache dient in diesem Fall dazu, ein gedankliches Konstrukt festzulegen. Was echt oder real ist und was nicht, hängt zumindest teilweise davon ab, welche Vereinbarung darüber besteht und diese beruht auf sprachlicher Verständigung. Wenn nun diese Ordnung gestört wird, z. B. durch sprachliche Unberechenbarkeiten, so entsteht Unverständnis und das Vertrauen auf die Zuverlässigkeit von Sprache wird strapaziert.“ (siehe Link unten)

In der Begegnung mit der Raupe, die auf einem Pilz sitzt und eine Huhka (Wasserpfeife) raucht, kommt die Identitätsfrage noch einmal sehr deutlich zum Ausdruck: „„Wer bist du?“ fragte die Raupe. (…) „Ich – ich weiß es nicht recht, diesen Augenblick – vielmehr ich weiß, wer ich heut früh war, als ich aufstand, aber ich glaube, ich muß seitdem ein paar Mal verwechselt worden sein.“ „Was meinst du damit?“ fragte die Raupe strenge. „Erkläre dich deutlicher!“ „Ich kann mich nicht deutlicher erklären, fürchte ich, Raupe“, sagte Alice, „weil ich nicht ich bin, sehen Sie wohl?““

Und es bleibt im Wunderland nicht dabei, dass nur die Hauptfigur Alice ihr Ich in Frage gestellt sieht, auch die anderen ihr begegnenden Tiere, Menschen, Figuren haben oftmals ein wandelbares, unbestimmtes Ich. Besonders im Vordergrund steht immer wieder die Sprache, mit der Lewis Carroll auf beeindruckende Weise spielt.

„Die Wesen im Wunderland die aus Phrasen erwachsen sind, bleiben diesen immer verbunden, ihre Identitäten sind um die charakteristische Redewendung herumgestrickt und ihr Verhalten ist an sie gebunden. Die Benennung im Wunderland kennt keine Grenzen, es wird sogar nicht vorhandenes benannt, und so können auch Gedanken Namen tragen. Das breite Spektrum der sprachlichen Möglichkeiten, einschließlich der Verwirrungen und absichtlichen Verdrehungen, die im Wunderland deutlicher ausgeprägt als in der sog. Realität sind, zeigt deutlich, wie flexibel und vieldeutig Sprache ist.“ (siehe Link unten)

Nicht nur im Hinblick auf Identität und Ich-Konstruktion bzw deren Verhältnis zur Sprache lohnt es sich, Carrols Werk zu lesen. Jedem, der Alice zwar kennt, das Buch jedoch noch nicht gelesen hat, sei es sehr ans Herz gelegt. Es handelt sich um eine humorvolle Lektüre, die gleichermaßen Kulturgut und Bereicherung ist.

Lewis Carroll: „Alice´s Abenteuer im Wunderland“, erstmals erschienen 1869, übersetzt von Antonie Zimmermann, ebook Version 2012.

Hier könnt ihr noch mehr darüber lesen, in einem ausführlichen Blog-Artikel über Sprache als Mittel von Wirklichkeitsbildung und ihr Verhältnis zur Identität in Carrolls „Alice in Wonderland“.

Aléa Torik: „Aléas Ich“

144 Jahre nach „Alice´s Abenteuer im Wunderland“ erscheint ein Roman, der sich sehr intensiv mit Fragen um Identität, Ich-Konstruktion und Wirklichkeit befasst, besonders unter Berücksichtigung der Einwirkung des Internets auf uns.
Bereits die Tatsache, dass die Autorin Aléa Torik fiktiv ist und gleichzeitig als fiktive Protagonistin im Roman und als Bloggerin im Internet auftritt, verdeutlicht das Vexierspiel der Identitäten in „Aléas Ich“. Gerade weil die Handlung an realen Orten wie dem Grimm-Zentrum in Berlin stattfindet und durchaus realitätsnah den Alltag einer Schriftstellerin / Doktorandin beschreibt, verlieren die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit ihre Konturen und werden im Kopf der Leserin zur Schwelle. In diesem liminalen Zustand bewegt sich der Leser durch das Buch und sieht sich zunehmend auch eigenen Identitätsfragen gegenübergestellt. Sehr deutlich wird das bspw. an diesem Punkt im Buch:

„Seither stehen wir ratlos auf den Straßen, Bahnhöfen und Flughäfen herum. Wir fahren unsere Autos an den Straßenrand, wir halten die Züge an, die Fließbänder und Aufzüge, Busse und Straßenbahnen, weil wir uns alle in diesem einen gegenwärtigen Moment dieselbe Frage stellen, obwohl wir wissen, dass wir niemals eine Antwort darauf finden werden und uns deswegen mit virtuellen Identitäten eindecken, mit Nicknames, Pseudonymen und Künstlernamen, mit erfundenen Identitäten und Lebenswegen, die wir uns mit Sprachen schmücken, die wir nicht sprechen, und Fähigkeiten, die wir nicht haben, die wir falsche Angaben zu unserer Person machen, weil wir die wahren Daten nicht kennen oder ihnen nicht trauen, und die wir uns von nun an, für alle Zeit vereinzelt, die Frage stellen: Wer bin ich?“ (S.343)

Aléas Ich„Aléas Ich“ ist ein Roman, der auf literaturtheoretischer Ebene radikal beleuchtet und hinterfragt, was ein Großteil von uns täglich im Internet tut. Und da wir größtenteils (Ausnahmen gibt es natürlich immer) via Smartphone, Iphone, Laptop, Macbook oder Tablet, auf der Arbeit und zu Hause im Internet sind, könnte man sich fragen, welchen Einfluss das dauerhaft auf unsere Identitäten hat. Aber womöglich ist diese Verwandlungsfähigkeit auch eine Stärke und die Flüchtigkeit schlichtweg ein Zeichen von Lebendigkeit:

„Oder ich war ein anderer. Die Bibliothek und die Suche nach mir hatten mich verändert. Die Suche nach uns selbst verändert uns womöglich so deutlich, dass uns unser Gegenüber nicht mehr wiedererkennt. Oder man erkennt einander nur dann wieder, wenn beide sich verändern, weil Veränderung das untrügliche Kennzeichen des Lebens ist.“ (S.333f.)

Aléa Torik: „Aléas Ich“, erschienen 2013 beim Osburg Verlag.

Link zum Blog und zur Leseprobe

Drei völlig verschiedene Bücher haben mich mit ganz unterschiedlichen Ansätzen über Identität und Ich-Konstruktion nachdenken lassen. Das, was wir für unser Ich halten, ist offenbar ein Konstrukt, das sich aus vielen Faktoren zusammensetzt. Die vorgestellten Bücher beinhalten Ansatzpunkte zum Nachdenken über diese Faktoren wie das soziale Netzwerk, die Beziehungen die wir führen, die Bedeutung der Sprache und nicht zuletzt unsere eigenen erschaffenen Identitäten im Internet…
Wer sich also mit diesem, besonders im digitalen Zeitalter, so relevanten Thema beschäftigen möchte, dem seien diese Bücher (sicher unter vielen anderen) empfohlen!!!

Passiert euch das auch manchmal, dass ihr nach etwa drei gelesenen Büchern feststellt: Irgendwie hängen die Themen, um die es in den Büchern geht, zusammen?

14 Gedanken zu “3 Bücher und das konstruierte Ich

  1. Ein schöner Bericht, mich hat natürlich vor allem Flasars „Ich bin“ interessiert, nachdem wir beide von Krawatte so begeistert waren. Vielleicht müsste man mal einen Themenverlauf dokumentieren, um zu schauen, womit man sich die ganze Zeit so beschäftigt.
    Liebe Grüße
    deine Kef

    1. Achso noch zu deiner Frage: Mir passiert so etwas selten, weil ich meist nach einem Buch mit einem bestimmten Thema keine Lust habe etwas ähnliches zu lesen. Das wird sich nun mit meiner aktuellen Buchauswahlmethode vielleicht ändern. Zufällig ist das bestimmt schon einmal geschehen, es gibt Themen, die man fast überall findet 🙂

      1. Das stimmt, ein Themenverlauf wäre sicher mal spannend. Das ergäbe bei mir glaub ich indirekt einen Spiegel der Themen, die mich auch außerhalb meines Leselebens beschäftigen. Da könnte man jetzt länger drüber nachdenken, inwiefern das zusammenhängt und ob das bei jedem (ein wenig) so ist oder von Leser zu Leser unterschiedlich … 😉
        Und dass sowas manchmal doch auch zufällig passiert, einfach weil manche Themen sich fast überall finden, stimmt natürlich auch. Aber es ist ja offenbar bei dir so, dass du dann kurz reflektierst, welches Thema dem Buch zugrunde lag und du dann eben manchmal keine Lust mehr darauf hast… Bei mir setzt dieser Reflektionsprozess manchmal stark rückwirkend erst nach mehreren Büchern ein.
        Beste Grüße, deine laura

  2. Danke für diesen schönen Bericht, auch ich interessiere mich vor allen Dingen für das Buch von Flasar, denn die Krawatte habe ich geliebt. Aber auch das Buch von Alea Torik ist auf meine Wunschliste gewandert – ihr habe mich mit eurer Begeisterung angesteckt. 🙂

    Zu deiner Frage: ja, das passiert mir ab und an. Meistens glaube ich, dass es Zufall ist, aber wer weiß schon, aus welchen Gründen wir zu welcher Zeit zu Büchern greifen …

    1. Freut mich, dass ich (wir) dich neugierig machen konnten! Flasars „Krawatte“ hat ja generell große Begeisterung bei vielen von uns hervorgerufen… Wie oben erwähnt kommt „Ich bin“ nicht ganz mit, aber ist dennoch absolut lesenswert! Naja, und zu Aléa Torik brauch ich wohl gar nicht mehr viel zu sagen 😉
      Inwiefern der Zufall (die Aleatorik :)) in unser Leseverhalten einspielt ist vermutlich eine Frage, die sich nicht so einfach beantworten lässt… ich persönlich glaube ja nicht daran, aber wer weiß!
      Wonach entscheidest du denn eigentlich, welches Buch du zunächst liest? Einfach so, was sich eben ergibt? Oder hast du auch mal auf bestimmte Themen o.ä. keine Lust?
      LG laura

  3. Eine wunderschöne Zusammenstellung der drei Bücher unter einem Titel/Motiv. Und leider (:-) ) auch schon wieder der Wunsch, zwei weitere Bücher unbedingt lesen zu müssen, nämlich einmal Flasars Buch (auch wegen „Krawatte“), noch mehr aber Alea Toriks Buch, das Du hier so vielversprechnd vorstellst.
    Und zu Deiner Frage: Ich habe es bisher, wenn ich nicht gezielt nach einem Thema gesucht habe, eher andersherum gesehen: Ein Buch spricht mich mit seinem Inhalt, einem Thema, einem Motiv, seiner Machart ganz besonders an und beschäftigt mich. Dann ist mein Blick für diese Besonderheit ganz besonders geschärft und ich sehe bzw. finde dieses Thema auch an ganz vielen anderen Stellen, in anderen Romane beispeilsweise, wieder. Ich denke, dass es an meiner Perspektive, meinem Blick, meinem Interesse liegt, dass ich dann häufiger solche Parallelen sehe.
    Viele Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia, sind dir die beschriebenen Parallelen und Fokussierungen auf ein Thema / Motiv o.ä. denn VOR der Lektüre bewusst? Also liest du bspw. ein Buch über Schlaflosigkeit und stellst fest, dass dich das interessiert und daraufhin wählst du die nächsten Bücher?
      Dass man an und für sich manchmal so eine spezielle Perspektive hat kenne ich auch; dann „verfolgt“ mich ein Thema geradezu, auch in Filmen, Gesprächen usw. Aber das liegt wahrscheinlich weniger an etwas „Magischem“ sondern eher daran, dass man seine Aufmerksamkeit darauf fokussiert, wie du es beschreibst.
      LG laura

      1. Liebe Laura,
        klar habe ich Themen, die mich ganz besonders ansprechen und nach denen ich, wenn ich Verlagskataloge oder andere Verzeichnisse durchforste oder Blogbeiträge lese, ganz bewusst Ausschau halte. Das sind wahrscheinlich MEINE Themen – die ich jetzt gar nicht so genau benennen könnte (auf jeden Fall sicher: Romane, die etwas mit der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation zu tun haben, eher weniger Liebesromane, vielleicht auch: Fragen nach der Identität). Und dann gibt es eben auch den zweiten Fall, dass ich thematische Parallelen erkenne, auch zwischen einem Forschungsbericht und einem Roman, den ich gerade lese.
        Viele Grüße, Claudia

  4. Liebe Laura,
    ein faszinierender Bericht.
    Wäre das nicht ein hervorrangedes Thema für meinen zweiten Salon im April? Magst du mit Katja meinen zweiten Salon mit diesem Thema gestalten?
    Der erste Salon ist ja am 25. Februar, 18 Uhr zum Thema Salon selber.
    Da finde ich für den zweiten Salon „das ich“ sehr gut… gerade in Kombination mit meinen vielen Selbstportraits….
    Viele Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne, das ist eine tolle Idee. Ich hätte auf jeden Fall Lust dazu, und werde mich mal mit Katja absprechen, ob wir das zeitlich schaffen. Dadurch dass sich einige Überschneidungen zu deinen Selbstporträts ergeben, und das ist ja definitiv der Fall, weil es ja auch dort eine Ich.Konstruktion im künstlerischen, bildlich dargestellten Sinne gibt, ist es eine tolle Schnittstelle zwischen Literatur und Zeichnung…das find ich gut. Darüber werde ich mal weiter nachdenken.
      Ganz herzliche Grüße von laura
      P.S. Beim ersten Salon werde ich dabei sein!

      1. Liebe Laura,
        da freue ich mich 🙂
        Im Moment bin ich etwas „zeitlos“ – drei Klausuren in der nächsten Woche …
        Später also mehr, lg von Susanne

  5. Das Spiel mit der Identität, die Frage nach der Identität ist, vom „Don Quijote“ an, in der Literatur nicht neu. Im 20 Jahrhundert lassen sich zwei leider nicht mehr sehr bekannte Schriftsteller nenne, die mit den Identitäten auf eine sogar hochgradig witzige Weise spielten: Flann O’Brien und Raymond Queneau mit „Der Flug des Ikarus“. Man muß diesen Titel aber zugleich in Französisch hören: „Le Vol d’Icare“, denn dann steckt neben Flug zugleich der Diebstahl. Gerade Queneau arbeitet ungemein artistisch. Auch mit der Sprache selbst. (Die eine oder der andere kennt vielleicht noch „Zazie in der Metro“. Auch ein Verwirrspiel. Aber anderer Art.) Es lassen sich manche Schriftsteller in diese Aufzählung einfügen, die die Frage nach dem Subjekt stellen: Ob Paul Auster oder Italo Calvino oder aber der (ebenfalls wenig bekannte) Alban Nikolai Herbst, mit dem ich mich demnächst näher befasse.

    Carrolls zwei „Alice“-Bücher sind in der Tat faszinierend: Zwei Romane, die zwischen Sprachphilosophie, dem Blick aufs Ich und dem Drogenrausch spielen. Alice: das ist Literatur auf LSD angekommen. Die Pille, die dich kleiner werden läßt. Jefferson Airplane thematisierten es: „One pill makes you larger/And one pill makes you small“. Hinzuempfehlen möchte ich auch noch den Band „Briefe an kleine Mädchen“. Hier kommt freilich in einer teils unschönen Weise das Thema der Pädophilie mit hinzu. Die schönste Passage aus „Alice hinter den Spiegeln“ (der Spiegel ist ja schon einen Metapher für sich, die auf die Identität verweist) geht so:

    „Wenn ich ein Wort verwende“, erwiderte Humpty Dumpty ziemlich geringschätzig, „dann bedeutet es genau, was ich es bedeuten lasse, und nichts anderes.“
    „Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst“.
    „Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat – und das ist alles. […]“

    Was aber den Roman „Aléas Ich“ so ausgezeichnet macht und was bisher in der Literatur nicht dagewesen, ist die Verquickung von Literatur und Internet, von virtueller und faktischer Identität: Der Blog „Aleatorik“ ist gleichsam die Schnittstelle zur Welt. Das ist in all den genannten Büchern anders. Sie bleiben am Ende im Buch. Wenn wie bei Queneau die Romanfigur aus dem Roman heraustritt und in die Wirklichkeit des Schriftstellers sich begibt, wie dann später bei Woody Allens „Purple Rose of Cairo“ der Filmheld aus der Leinwand tritt, dann bleiben alle diese Figuren doch in ihrem Medium gefangen: Buch oder Film. Das Spiel der Aléa Torik aber überschreitet diese Grenze. Davon abgesehen, daß es sich zugleich um eine Poetik des Subjekts handelt. Was ist ein Autor? Was sind seine Figuren, was seine Leserinnen und Leser? Gerade im Hinblick auf das Virtuelle, von dem sich das – scheinbar – Echte, Unverstellte, Authentische so gerne abheben möchte, ohne dabei die Schleierspiele und die Mechanismen des Trugs noch durchschauen zu können, weil es allzunaiv ans Unverstellte glaubt, scheint mir dieser Roman Grenzen zu sprengen. Er stellt auf eine – teils drastische Wiese – die einschneidenden Fragen. Und zudem weich das anfänglich Heitere in „Aléas Ich“ zunehmend einer Abgrundstruktur. Einen der Abgründe entdeckt am Ende Olga. Auch dieses Buch ist in vielfältiger Weise ein Sturz.

    Milena Michiko Flašar kannte ich bisher nicht und werde sie sicherlich demnächst lesen. Nach Hartwell. Ja, manchmal erzeugt das Lesen die wunderbaren Konstellationen, in denen das eine zum anderen paßt.

    1. Herzlichen Dank für den umfassenden, wenn auch nur angeschnittenen Überblick zu weiteren literarischen Werken zum Thema Identität. Bis auf Paul Auster (ihn betreffend stecke ich gerade in der „New York Trilogy“ fest, die tatsächlich auch viel mit Identität(ssuche) zu tun hat…) sind mir die anderen noch nicht bekannt. Auch das andere Alice-Buch „Alice hinter den Spiegeln“ las ich noch nicht, bin aber bei meiner Recherche sehr neugierig darauf geworden. Die Metaphorik des Spiegels (im Hinblick auf Identität und Wirklichkeitswahrnehmung) kenne ich auch aus „kinderphilosophischen“ Werken von Michael Ende und Jostein Gaarder. Woher genau, frage ich mich darüber hinaus, kommt eigentlich die Herstellung eines Zusammenhangs von Drogen(rausch) und Carrolls Büchern? Ist sie werkimmanent oder hat nur irgendjemand mal damit angefangen, die Bücher so zu interpretieren und nun setzt es sich bis weit in die Musikgeschichte fort?

      „Aléas Ich“ ist in vielerlei Hinsicht grenzensprengend und -überschreitend, das denke ich auch. Was du mit Abgrundstruktur beschreibst, kann ich auch gut nachvollziehen, auf mich hatte der Roman gerade zum Ende hin auch eine beinah schwindelerregende Sogwirkung nach unten, nicht im Sinne der Olga-Figur, aber im übertragenen Sinn der zunehmenden Auflösung klarer Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, die stark auf mich übergegriffen hat. Dabei las ich heute der „ideale Kunst-Rezipient müsste die fiktionale Wirklichkeit der Kunst immer klar von der realen unterscheiden können“ (Fenner: Was kann und darf Kunst?, 2013). Nicht, dass mir das nicht mehr gelungen wäre, aber wie bei noch keinem anderen Roman haben sich für mich die Grenzen verschoben…. So oder so ein bemerkenswertes Lese-Erlebnis.

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