Mira Magén: „Wodka und Brot“, Roman (2012)

Welche Entscheidung die richtige ist, weiß man in den seltensten Fällen im Leben. Manchmal erscheint eine Entscheidung richtig, doch die Sicht auf die Dinge ändert sich mit der Zeit…Wodka und Brot

Die Protagonistin Amia in Mira Magéns Roman „Wodka und Brot“ bereut ihre Entscheidung, den Erfolg versprechenden Job als Steuerberaterin zugunsten des familiär betriebenen Ladens für Brot und Milch an den Nagel zu hängen, nicht. Auch als ihr Mann Gideon, ein ebenfalls erfolgreicher Anwalt, sie und den Sohn temporär verlässt, um Fischer zu werden und sich selbst zu finden, hadert sie nicht mit ihrem Schicksal. Sie macht einfach weiter. Irgendwie wird es sich schon geben mit dem Laden, der Hypothek, der Erziehung von Nadav. Doch es kommt natürlich anders; da taucht auf einmal Madonna auf, ein Mädchen, das allem und jedem trotzt, extravagante Frisuren trägt und schwarzen Lippenstift, und das mit Vorliebe geklautes Geld mit Tieren vergütet, wie zum Beispiel dem kleinen Welpen Wodka. Dieses Mädchen wird vom Hausbesitzer, einem schrulligen alten Mann der eine Tragödie durchlebte, und mit Argusaugen nebenan wohnt und alles überwacht, gar nicht gern gesehen, doch er hat mit seinen Problemen zu tun, die auch bald zu Amias Sorgen werden…

Mira Magén führt den Leser mitten hinein in eine Handlung in Israel, ins Leben der teils sehr gläubigen, teils sehr mit Leben und Glauben hadernden Figuren. Es ist eine Geschichte, die das Leben schreibt, die überall so vorkommen kann, und doch ist es eine so zauberhafte und zugleich realistische Geschichte, dass man staunt, was Literatur vermag: Sie macht das Gewöhnliche besonders und lässt uns fasziniert weiterlesen. Für mich war das Lesen von „Wodka und Brot“ auch ein Eintauchen in eine mir noch vollkommen fremde Kulturregion und Religion. Der jüdische Glaube, die israelische Kultur und auch die Bedrohung, die beständig in der Luft zu liegen scheint, durchwirken das Buch und lassen es atmen. Dabei verwendet die Autorin eine Sprache, die ich nicht anders als intensiv bezeichnen kann.

„„Habe ich schon Sünden, Mama?“, fragte Nadav. „Noch nicht mal eine Viertelsünde, du bist so unschuldig wie ein Vogel.“ Er hob den Kopf und schaute den Vögeln am Himmel hinterher, dann senkte er ihn und betrachtete einen schnabeltragenden Unschuldigen, der in der Erde pickte, und als wir durch das Tor des Kindergartens traten sagte er: „Ich rieche Brot.“
Der Kindergarten befand sich nicht weit vom Laden, und der Brotschrank stand nur einen Schritt von der Tür entfernt, der Duft brauchte keine Schritte, er drang mit Leichtigkeit nach allen Seiten.“

Erzählt aus der Ich-Perspektive von Amia erhält man Einblick in diesen Lebenskampf zwischen Kindergarten, Brotladen und der Suche nach dem verloren gegangenen Mann. Es ist ein schlichtes aber schweres Leben, das Amia sich jedoch nicht selbst schwer macht, sondern sie ist die stille Heldin, die alles tut, um es allen ein bißchen besser zu machen, und die doch bis zum Ende nichts versteht. Nicht verstehen kann, was mit Gideon passiert. Dem Mann, der ihr einmal so nah war, der verloren ging und ein Anderer wurde:

Und ich, hätte ich genug Kraft gehabt, hätte den Himmel mit der Faust geschlagen, hätte das Himmelblau zerkratzt.
Mit dem Himmel oder ohne ihn, die Flut der Worte war gestoppt, die Batterie war leer, der Strom war unterbrochen. Er schaute mich mit leeren Augen an, als wäre ich in seiner Netzhaut stecken geblieben und als wüsste der Sehnerv nicht, wie er mich ins Innere bringen sollte. Also drang ich in ihn über das Fleisch, ich fiel ihm um den Hals, ich umarmte ihn aus aller Kraft, um mir etwas von dem Geliebten zu nehmen, seinem Geschmack, seinem Geruch, seiner Wärme, ich spürte seine Knochen, die ganz dicht unter der Haut lagen, wie viel weniger er in den letzten Monaten geworden war, ich drückte ihn an mich, wie man ein Kind an sich drückt, er blieb steif, seine Schultern waren steif, und seine Arme hingen herunter wie die Ärmel eines Hemds an einer Wäscheleine, lang, schön, dünner die Hände, die einmal jedes Härchen und jede Pore an mir kannten.“

Mira Magén hat mit „Wodka und Brot“ einen Roman geschrieben, der nicht nur auf eindrucksvollste Weise das alltägliche Leben in Israel beschreibt, sondern vor allem Fragen darüber aufwirft, was wichtig ist, wofür es zu kämpfen lohnt, wenn alles zu zerbrechen beginnt. Sie schildert Schicksale von Menschen, die daran kaputtgehen, und andere, die wachsen. Dabei gelingt der Balanceakt zwischen sehr traurigen, melancholischen Momenten und den kleinen, stillen Augenblicken, in denen ganz schlichte Dinge wie Brot oder Sonnenstrahlen dem Leben den Zauber wiedergeben. Es ist ein großartiges Buch über die stille Dankbarkeit gegenüber dem Leben, das nie einfach ist – und über die Freiheit zwischen Mann und Frau, welche immer auch Verantwortung im Schlepptau hinter sich herzieht.

Weitere Stimmen:

Mira Magéns Melancholie

„Mira Magéns Roman ist lebendig, schillernd, fordernd und klug.“

Mira Magén: „Wodka und Brot“, erschien 2012 in deutscher Übersetzung von Mirjam Pressler bei dtv, ursprünglich 2010 in hebräischer Sprache: „Wodka ve Lechem“.

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3 Gedanken zu “Mira Magén: „Wodka und Brot“, Roman (2012)

  1. Das hört sich super an, vielen Dank für deinen Beitrag…macht richtig Lust das Buch zu lesen, werde doch gleich mal schauen ob’s das irgendwo als Ebook gibt. 🙂

    1. Freut mich, wenn mir gelungen ist, meine Faszination widerzugeben 😉 Es handelt sich eben auch um kein Standardunterhaltungsbuch, sondern um eine wirklich lesenswerte Geschichte, die trotz Melancholie nicht anstrengt und aus der man eine Menge mitnehmen kann. Bin gespannt was du davon hälst, wenn du es gelesen hast! LG laura

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